Samstag, November 07, 2026

samstagsprogramm.

Aufgehübscht. Kurzes grünes Strickkleid, Haare gemacht, ein bisschen Farbe ins Gesicht. Ich gehe mit dem Teenager in die Stadt. Wir brauchen eine neue Brille. Außerdem wollen wir in die Buchhandlung und ein paar Dinge einkaufen. Ein vollkommen unspektakulärer Samstag also. Ich mag das. Besonders die Brillensuche dürfte sehr unterhaltsam werden. Schließlich muss ein Gestell gefunden werden, das gefällt, zur Gesichtsform passt und vor allem nicht den Eindruck erweckt, die eigene Mutter hätte es ausgesucht. Eine anspruchsvolle Aufgabe. In Buchhandlungen sind wir uns glücklicherweise einig. Man kann nie zu viele Bücher haben. Höchstens zu wenig Platz. Und beim Einkaufen werden wir vermutlich wieder Dinge entdecken, von deren dringender Notwendigkeit wir bis vor fünf Minuten noch nichts wussten. Ich freue mich auf solche Tage. Keine großen Ereignisse. Kein durchgetaktetes Programm. Einfach gemeinsam durch die Stadt ziehen, Unsinn reden, Dinge anprobieren und vielleicht zwischendurch irgendwo etwas trinken. Ich finde ohnehin, dass wir viel zu häufig glauben, ein Wochenende müsse besonders aufregend sein, um als gelungen durchzugehen. Dabei reicht es manchmal völlig, sich hübsch zu machen, mit dem kleinen Lieblingsmenschen loszuziehen und den Tag einfach passieren zu lassen.

Freitag, November 06, 2026

durchblick.

Die Untermieterin braucht eine Brille. War nur eine Frage der Zeit. 15 Jahre lang habe ich versucht, ihr den richtigen Durchblick fürs Leben mitzugeben. Jetzt stellt sich heraus, dass es schon an der Schultafel scheitert. Immerhin ist die Fehlsichtigkeit überschaubar. Die Begeisterung über die Aussicht auf eine erste Brille dagegen erstaunlich groß. Sie wollte schließlich schon immer eine haben.

Wir waren bereits beim Optiker. Es wurden Gestelle aufgesetzt, begutachtet und wieder verworfen. Ich durfte beratend tätig werden. Meine Meinung wurde zur Kenntnis genommen. Nicht zwingend berücksichtigt. Drei Gestelle haben es immerhin in die engere Auswahl geschafft. Eine davon ist rot gemustert. Mir gefällt ihr Geschmack. Am liebsten hätte sie eine so große Brille wie meine. Eine markante Statement-Herrenbrille. Leider sieht sie damit noch aus wie Puck, die Stubenfliege. Sie bedauert das ein bisschen. Morgen möchte sie noch bei zwei weiteren Optikern vorbeischauen, die moderner sind. Die Termine sind bereits gemacht. Ich sehe schon, wohin das führt. Demnächst sitzen hier zwei Brillenträgerinnen, die sich gegenseitig erklären, wo die jeweils andere ihre Brille hingelegt hat.

Immerhin sehen wir dann beide, wenn die Wohnung unaufgeräumt ist. Ob das ein Fortschritt ist, wird sich zeigen.

Donnerstag, November 05, 2026

krank.

Ich bin krank. Wobei ich das zunächst großzügig ignoriert habe. Ein bisschen Husten, ein bisschen Schnupfen, ein Kopf, der sich anfühlt, als hätte jemand Bauschaum hineingesprüht. Nichts, womit man nicht arbeiten könnte. Dachte ich. Ich gehöre zu den Menschen, die bei den ersten Krankheitssymptomen zunächst ihre To-do-Liste überprüfen. Vielleicht lässt sich das Ganze ja organisatorisch lösen. Ein paar Termine verschieben. Mehr Tee trinken. Früher ins Bett gehen. Und ansonsten weitermachen. Schließlich wird die Arbeit nicht weniger, nur weil mein Immunsystem beschlossen hat, spontan in den Arbeitskampf zu treten.

Heute saß ich also wieder in einem Call. Mit Menschen, Themen, Entscheidungen und der festen Absicht, einigermaßen kompetent zu wirken. Das funktioniert erstaunlich lange, selbst wenn man sich innerlich bereits wie ein überfahrener Waschlappen fühlt. Man nickt. Stellt Fragen. Sagt Dinge wie „Das müssen wir noch einmal sauber durchdenken“. Und hofft, dass niemand bemerkt, dass das eigene Gehirn längst im Energiesparmodus läuft. Irgendwann habe ich mich allerdings selbst reden hören und festgestellt, dass mein Körper und ich offenbar unterschiedliche Vorstellungen von der weiteren Tagesgestaltung hatten. Ich wollte noch drei Dinge klären.

Mein Körper wollte auf die Couch. Mein Körper gewann. Ich habe also mitten im Call die Reißleine gezogen, mich verabschiedet und mich auf die Couch zurückgezogen. Ein bemerkenswerter Vorgang. Ich habe freiwillig aufgehört zu arbeiten. Ohne dass mich jemand dazu zwingen musste. Es gab keine dramatische Szene. Niemand musste mich aus dem Büro tragen. Die Welt hat auch nicht aufgehört, sich zu drehen. Zumindest habe ich davon bislang nichts mitbekommen. Und trotzdem fällt mir so etwas erstaunlich schwer.

Anderen Menschen erkläre ich regelmäßig, dass sie sich auskurieren sollen. Dass Gesundheit vorgeht. Dass niemand etwas davon hat, wenn man sich krank durch den Arbeitstag schleppt. Bei mir selbst gelten Sonderregelungen. Ich habe schließlich Verantwortung. Termine. Menschen, die etwas von mir brauchen. Und ein ausgesprochen schlechtes Gewissen, sobald ich tagsüber unter einer Decke liege. Dabei ist Kranksein weder eine charakterliche Schwäche noch ein organisatorisches Versagen. Es ist schlicht ziemlich lästig. Vor allem, weil man es nicht mit einer vernünftigen Excel-Tabelle beheben kann.

Ich liege jetzt also auf der Couch. Mit Tee, Taschentüchern und dem festen Vorsatz, heute nichts mehr zu erledigen. Das Handy liegt selbstverständlich neben mir. Ich bin schließlich krank. Nicht tot.

Mittwoch, November 04, 2026

personalentwicklung.

Was passiert, wenn man einen Teenager großzieht, der plötzlich selbst argumentieren kann? Ich habe fünfzehn Jahre damit verbracht, diesem Kind eigenständiges Denken beizubringen. Jetzt diskutiert es mit mir. Mit meinen Argumenten. Gegen mich. Ich hätte das Konzept vorher gründlicher prüfen sollen.

Montag, November 02, 2026

zuständigkeit.

Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe zu oft etwas zu schnell, ordentlich und ohne Beschwerden erledigt. Seitdem bin ich offenbar für alles zuständig, was andere nicht können, nicht wollen oder beeindruckend lange ignorieren.

Sonntag, November 01, 2026

regeneration.

Ich habe heute nichts vor. Ein Satz, den ich ausgesprochen gern sage. Und anschließend meistens doch ungefähr drei Stunden lang Dinge erledige, die ich seit Dienstag erfolgreich ignoriert habe. Ich muss u.a. gleich erstmal einmal fix in die Firma. Fragt nicht! Danach zaubere ich Königsberger Klopse. 

papierwände.

Die Untermieterin gestern beim Frühstück mit einer ausführlichen Belehrung über Rücksichtnahme, Zimmerlautstärke und die baulichen Besonderheiten unserer Wohnung.

Ich musste erst mal mein Wasser abstellen. Dann haben wir sehr gelacht. Und selbstverständlich ausführlich darüber diskutiert, was man auf gar keinen Fall tun sollte. Und wo. Und wie laut. Ich finde es ja grundsätzlich schön, dass mein Kind so offen mit mir spricht. Hätte allerdings nicht gedacht, dass ich mit 45 noch mal eine Einweisung in rücksichtsvolles Verhalten bekomme, wenn wir Gäste haben. Von meiner 15-jährigen Tochter. Beim Frühstück.

Ich habe mir die Hinweise jedenfalls zu Herzen genommen. Man ist schließlich lernfähig. Die beiden quatschen und kichern übrigens immer noch nebenan. Ich liebs. Aber gut. Die Nachtruhe gilt auch nur für Erwachsene.

Samstag, Oktober 31, 2026

oktober.

Reicht jetzt. Heute ist der letzte Tag im Oktober. Ich finde, das ist eine ausgesprochen gute Nachricht. Nicht, dass der Monat schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil. Ich war in Lissabon. In Wien. Habe gearbeitet, Urlaub gemacht, Menschen getroffen, Koffer gepackt, ausgepackt und mich ungefähr zwölfmal gefragt, warum ich eigentlich so viele Dinge gleichzeitig mache. Die Antwort ist einfach. Weil ich es kann. Leider.

Ich habe diesen Monat wieder einiges über Menschen gelernt. Beispielsweise, dass Kommunikation offenbar weiterhin als freiwillige Zusatzleistung betrachtet wird. Und dass manche Menschen Probleme lösen, indem sie möglichst ausführlich erklären, warum sie selbst keines haben. Interessantes Konzept. Ich habe diskutiert. Mich geärgert. Sehr viel gelacht. Manchmal Tränen. Und manchmal alles innerhalb von zehn Minuten. Ich habe Dinge ausgesprochen, die andere vermutlich lieber nicht gehört hätten. Und andere Dinge für mich behalten. Letzteres möchte ich ausdrücklich als persönliche Weiterentwicklung gewertet wissen.

Es gab auch Momente, in denen ich dachte, ich müsste vielleicht etwas gelassener werden. Habe den Gedanken dann aber verworfen. Ich habe schließlich Gefühle. Und Meinungen. Vor allem Meinungen. Die kommen bei mir gelegentlich schneller als die Gefühle. Dafür sind sie meistens hervorragend formuliert. Manchmal sogar rechtzeitig. Ich habe mich diesen Monat auch daran erinnert, dass nicht jede Stille ein Problem ist. Dass man nicht alles sofort besprechen, klären oder organisieren muss. Eine Erkenntnis, die ich theoretisch sehr überzeugend finde. An der praktischen Umsetzung arbeite ich noch.

Und dann gab es natürlich die schönen Dinge. Gute Gespräche. Spontanes Lachen. Vertrautheit. Abende, an denen ich nichts mehr musste. Und Menschen, mit denen selbst Nichtstun erstaunlich gut funktioniert. Davon hätte ich gern mehr. Ansonsten war ich müde. Glücklich. Genervt. Ungeduldig. Gelegentlich ausgesprochen zufrieden mit mir selbst. Und manchmal alles gleichzeitig. Das muss man auch erst einmal hinbekommen. Zwischen Arbeit, Familie, Alltag und dem Versuch, gelegentlich acht Stunden zu schlafen, blieb erstaunlich wenig Zeit für gepflegte Langeweile. Dabei wäre ich darin vermutlich richtig hervorragend.

Heute ist Halloween. Ich könnte mich als entspannte, geduldige und vollkommen unkomplizierte Frau verkleiden. Eine, die nicht alles hinterfragt, nicht widerspricht, zu allem freundlich nickt und gelegentlich einfach mal die Klappe hält. Aber wir wollen es mit der Fantasie nicht übertreiben. Ich bleibe einfach Team "sexy Unterwäsche" - ist deutlich authentischer. Lieber Oktober, es war nett mit Dir.

November, Du bist dran. Ich hätte gern etwas weniger durchgetaktetes Programm, etwas mehr Schlaf und möglichst wenige Menschen, die meine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung als persönliche Herausforderung verstehen. Ich möchte schließlich auch im nächsten Monat noch als gesellschaftsfähig durchgehen. Zumindest überwiegend. Noch vier Wochen Zeit für Adventskalender! Boah, auf die Zeit freue ich mich so richtig.

Donnerstag, Oktober 29, 2026

messerscharf.

Ich bin wahnsinnig schlagfertig. Schon immer. Leider in Ausnahmefällen mit einer Bearbeitungszeit von bis zu 48 Stunden. Über all die schlagfertigen Antworten, die einem zuverlässig erst einfallen, wenn das Gespräch längst vorbei ist. Im Auto. Unter der Dusche oder zwei Tage später beim Gemüseputzen. Messerscharf. Intelligent. Ein bisschen böse. Genau die richtige Mischung aus Humor und gepflegter Unverschämtheit. Ich halte dann innerlich stehende Ovationen für mich selbst ab.

Mittwoch, Oktober 28, 2026

abwehr.

Irgendwo auf der Rückreise habe ich gestern offenbar im Durchzug gesessen. Mich hat's über Nacht etwas umgekachelt. Ich könnte jetzt problemlos eine 0190er-Nummer betreiben und hocherotischen Telefonsex verkaufen. Zumindest stimmlich wären die Voraussetzungen gegeben. Ich habe beschlossen, nicht krank zu werden. Das ist keine Hoffnung, sondern eine Entscheidung. Mein Körper wurde darüber informiert. Nach Wochen zwischen Arbeit, Flughäfen, Hotels und einer eher symbolischen Anzahl erholsamer Nächte scheint mein Immunsystem ernsthaft über eine Kündigung nachzudenken. Nicht mit mir.

Also habe ich frische Zitronen und Orangen ausgepresst, Ingwer gekocht und das Ganze mit Honig zu einem Getränk verarbeitet, mit dem man vermutlich auch einen mittelgroßen Abfluss freibekäme. Drei Liter habe ich inzwischen getrunken. DREI. Meine Nieren haben bereits eine Betriebsversammlung einberufen. Natürlich beschränkt sich mein Gesundheitsmanagement nicht auf Getränke. Ich habe auch die übrigen Maßnahmen berücksichtigt. Vitamine. Frische Luft. Gesundes Essen. Schlaf. Bewegung. Entspannung. Sex. Vor allem Sex. Der Liebste muss schließlich auch seinen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten. Ich kann hier nicht allein die gesamte Immunabwehr organisieren. Küssen zur Stressreduktion. Umarmungen fürs Nervensystem. Körperliche Betätigung zur Förderung der Durchblutung. Und alles Weitere selbstverständlich vorwiegend aus medizinischen Gründen.

Ich überlege, ob ich dafür einen Behandlungsplan aufstelle. Dreimal täglich Zuneigung, bei Bedarf häufiger. Nebenwirkungen ausdrücklich erwünscht. Ansonsten habe ich heute Morgen beschlossen, Stress konsequent zu vermeiden. Das funktioniert hervorragend, solange ich weder meine E-Mails öffne noch mit anderen Menschen kommuniziere. Ruhe wäre natürlich ebenfalls sinnvoll. Mein Gehirn hat allerdings noch keinen passenden Termin dafür gefunden. Ich bin jedenfalls bestens vorbereitet. Mein Körper wurde mit Vitaminen versorgt, mein Immunsystem zur Mitarbeit aufgefordert und der Liebste vorsorglich in die Therapie eingebunden.

Ich würde sagen, das könnte glatt funktionieren. Drückt mir die Daumen! Und falls nicht, habe ich immerhin noch eine berufliche Alternative mit der 0190er-Nummer.

Montag, Oktober 26, 2026

kontrollverlust.

Ich bin eine sehr unabhängige Frau. Außer wenn ich gerade sehr dringend in den Arm genommen werden möchte. Am liebsten sofort. Ohne lange Erklärungen. Dann ist Unabhängigkeit vorübergehend nicht zuständig.

Sonntag, Oktober 25, 2026

beweismaterial.

Ich habe gestern versucht, ein schönes Foto vom Teenie und mir zu machen. Eigentlich eine überschaubare Aufgabe. Zwei Menschen, ein Handy, der Stephansdom im Hintergrund. Wien bei Nacht. Sogar die Beleuchtung stimmte. Gut, es regnete. Aber man kann ja nicht alles haben. 47 Fotos später war ich mir da nicht mehr so sicher.Das Problem ist nämlich, dass wir offenbar nicht gleichzeitig gut aussehen können. Auf Foto 1 sehe ich aus, als hätte ich gerade meine Steuererklärung geöffnet. Das Kind sieht bezaubernd aus. Auf Foto 7 habe ich endlich einen vernünftigen Gesichtsausdruck. Dafür schaut meine Tochter, als hätte ich sie gegen ihren Willen auf einen Betriebsausflug mitgenommen. Foto 12 wäre perfekt gewesen. Hätte ich nicht gerade gesprochen. Mein Gesicht befindet sich irgendwo zwischen Zahnarztbesuch und Schlaganfall. Auf Foto 23 sehe ich richtig gut aus. Das Kind leider, als wäre es gegen seinen Willen mit mir verwandt.

Zwischendurch diskutieren wir über Kamerawinkel, Licht und die Frage, warum ich das Handy immer so komisch halte. Ich halte es überhaupt nicht komisch. Ich halte es so, dass mein Doppelkinn möglichst wenig Gelegenheit bekommt, sich öffentlich zu präsentieren. Die Untermieterin hat solche Probleme nicht. Sie kann sich innerhalb von Sekunden von einem reizenden jungen Mädchen in eine Person verwandeln, die aussieht, als würde sie gleich die Weltherrschaft übernehmen. Oder mich enterben. Je nachdem, was schneller geht. Ich hingegen brauche inzwischen eine gewisse Vorbereitungszeit, um mein Gesicht in eine halbwegs fototaugliche Position zu bringen. Irgendwann haben wir angefangen, Grimassen zu schneiden. Und siehe da. Plötzlich funktionierte es. Keine Diskussionen über Winkel. Keine kritischen Blicke auf das Display. Keine Versuche, möglichst vorteilhaft auszusehen. Einfach zwei alberne Menschen vor einer ziemlich beeindruckenden Kirche. Ich habe die Fotos später noch einmal durchgesehen. Das schönste ist übrigens nicht das, auf dem wir beide besonders hübsch aussehen. Sondern das, auf dem wir lachen. Natürlich ist es verwackelt. Man kann nicht alles haben.

Morgen dann der Endgegner: Fotoautomat :)

Freitag, Oktober 23, 2026

mädelszeit.

Wir fliegen gleich los. Mutter und Tochter. Ein paar Tage unterwegs, nur wir zwei. Ich freue mich darauf. Auf eine andere Stadt, gutes Essen, Herumlaufen ohne wirkliches Ziel und die üblichen Diskussionen darüber, ob wir jetzt wirklich noch in dieses Geschäft müssen. Müssen wir natürlich. Je nachdem, wer gerade fragt. Mit einem Teenager zu verreisen ist ohnehin eine interessante Angelegenheit. Man hat eine Reisebegleitung, die einerseits erstaunlich erwachsen ist, andererseits bei bestimmten Gelegenheiten schlagartig wieder fünf wird. Vorzugsweise dann, wenn Hunger im Spiel ist. Ich übrigens auch.

Ich mag diese Zeit mit ihr. Nicht, weil wir ununterbrochen tiefgründige Gespräche führen oder besonders wertvolle Mutter-Tochter-Momente produzieren müssten. Manchmal laufen wir einfach nebeneinander her. Erzählen Unsinn. Lachen über Dinge, die außer uns vermutlich niemand lustig findet. Oder sind still. Und manchmal erzählt sie plötzlich etwas, von dem ich nicht einmal wusste, dass es sie beschäftigt. Meistens zwischen zwei völlig belanglosen Bemerkungen. Man muss ein bisschen aufpassen, um diese Momente nicht zu verpassen.

Sie wird größer. Selbstständiger. Hat ihre eigene Meinung, ihren eigenen Geschmack und gelegentlich eine bemerkenswert ausgeprägte Vorstellung davon, wie ich mich zu verhalten habe. Keine Ahnung, von wem sie das hat. Ich weiß, dass diese gemeinsamen Reisen irgendwann seltener werden. Weil sie eigene Pläne haben wird, andere Menschen wichtiger werden und das ist okay. Bis dahin genießen wir die Zeit. Ein paar Tage nur wir zwei. Ohne Alltag, ohne Termine, ohne den üblichen organisatorischen Wahnsinn. Gut, ganz ohne Diskussionen wird es vermutlich nicht gehen. Wir sind schließlich verwandt. 

Here we go!

Donnerstag, Oktober 22, 2026

erschöpfung.

Lissabon war gut. Sehr gut sogar. Und nun bin ich müde. Nicht dieses angenehme Müde, wenn man abends ins Bett fällt und weiß, dass man einen guten Tag hatte. Sondern dieses tiefe, alles umfassende Müde, bei dem selbst Kleinigkeiten plötzlich erstaunlich viel Kraft kosten. Die vergangenen Tage waren supervoll. Mit Arbeit, Menschen, Gesprächen, Entscheidungen und Dingen, die dringend erledigt werden mussten. Wie immer eigentlich. Ich funktioniere ziemlich gut. Das ist eine meiner besseren und gleichzeitig schlechteren Eigenschaften.

Mein Körper hat inzwischen allerdings eine andere Meinung dazu. Gestern Abend hat der Liebste mich in zwei Decken gewickelt, weil ich einfach nicht warm wurde. Ich saß da wie ein dick verpacktes Paket und habe darauf gewartet, dass meine Betriebstemperatur irgendwann wieder ein halbwegs menschliches Niveau erreicht. Offenbar reicht es inzwischen nicht mehr, einfach nur müde zu sein.

Ich sitze hier, bin völlig erledigt und mache eine kleine Liste. Postkarten. Wem ich von meiner nächsten Reise schreiben möchte. Eine harmlose Beschäftigung. Sollte man meinen. Ein paar Namen, ein paar Adressen. Menschen, denen ich gern eine Freude mache. Und dann denke ich ganz selbstverständlich, Oma muss ich auch noch schreiben. Ein Gedanke, der so vertraut ist, dass er einfach auftaucht, ohne vorher anzuklopfen. Nur ist sie seit Januar 2025 tot.

Ich starre auf meine Liste. Es ist nicht so, dass ich das vergessen hätte. Natürlich weiß ich, dass sie nicht mehr da ist. Ich weiß es jeden einzelnen Tag. Aber offenbar gibt es irgendwo in meinem Kopf noch eine Abteilung, in der sie lebt. In der ich ihr Karten schreibe, sie anrufe und ihr erzähle, wo ich gerade bin. Eine Abteilung, die sich beharrlich weigert, ihre Unterlagen zu aktualisieren. Normalerweise kann ich mit solchen Momenten ganz gut umgehen. Ich lächle manchmal sogar darüber. Heute nicht. Heute sitze ich einfach da und vermisse sie. Und plötzlich merke ich, wie erschöpft ich wirklich bin. Weil es manchmal gar nicht die großen Dinge sind, die einen aus der Bahn werfen. Nicht die anstrengenden Arbeitstage, nicht der Schlafmangel, nicht die hundert Kleinigkeiten, die gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen. Sondern ein Name, den man auf eine Liste schreiben möchte. Und eine Adresse, an die man nie wieder eine Postkarte schicken kann.

Ich glaube, heute mache ich einfach mal nichts mehr, außer packen und atmen.

Samstag, Oktober 17, 2026

handgepäck.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: drei bis vier Outfits, fünf Ladekabel, diverse Adapter, mein Notebook, sämtliche Eventualitäten und die leise Hoffnung, dass am Zielort inzwischen irgendjemand weiß, was eigentlich final beschlossen wurde und ob alles rund läuft. Beruflich verreisen klingt immer so wahnsinnig interessant. Internationale Projekte. Andere Länder. Flughäfen. Hotels. Menschen, die einem auf Englisch erklären, warum eine Entscheidung von Dienstag am Donnerstag leider nicht mehr gilt. Privat fragen alle, ob man auch etwas von der Stadt sieht. Ja, selbstverständlich. Den Flughafen. Das Hotel. Den Veranstaltungsort. Mit etwas Glück noch die örtliche Taxiinfrastruktur.

Ich habe inzwischen eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie man drei Tage Abwesenheit organisatorisch vorbereitet. Es ist ungefähr der Aufwand einer kleinen Auswanderung. Nur ohne den Vorteil, anschließend wirklich weg zu sein. Jetzt fehlt nur noch das Packen. Der Koffer steht bereits da und schaut mich erwartungsvoll an. Soll er ruhig. Ich habe schließlich Urlaub vom Privatleben und fahre zur Arbeit. Der Teenie hat bereits eine Freundin zum Mittagessen eingeladen während ich weg bin. Das läuft hier. Der Liebste und sie freuen sich schon auf die Tage zu zweit und haben bereits Pläne. 

Dienstag, Oktober 13, 2026

dienstag.

Dienstag 18.30Uhr und ich weiß immer noch nicht, ob ich fliegen muss oder nicht. Allmählich bin ich nur noch ungehalten und habe keinen Bock mehr.

Dienstagabend 20.00Uhr. Nach wochenlangen Abstimmungen steht nun tatsächlich fest, dass ich beruflich nach Portugal fliege. Vier Tage Vorlauf für eine internationale Veranstaltung, die seit Monaten geplant wird. Kann man sich nicht ausdenken. Andere planen in der Zeit einen Restaurantbesuch. Ich organisiere mal eben eine Dienstreise ins Ausland und den ganzen privaten Ratenschwanz. Ich werde das professionell lösen. Freundlich lächeln, souverän abliefern und mir meinen Teil denken. Letzteres wird zunehmend abendfüllend.

Und dann habe ich heute erst mal geheult. Nicht wegen der Arbeit, sondern weil mir jemand ganz selbstverständlich den Rücken freihält. Ohne Diskussion. Ohne Theater. Ohne schlechtes Gewissen, Ganz selbstverständlich. Einfach so. Frau Eiskalt, 45 Jahre alt. Beruflich kriege ich so ziemlich alles organisiert. Privat bin ich offenbar noch dabei zu lernen, dass ich nicht mehr alles allein stemmen muss. Das Kind ist übrigens völlig entspannt. Ihre einzige Sorge ist, dass während meiner Abwesenheit ausreichend Wäsche gewaschen wird. Schließlich möchte sie nicht nackt nach Wien fliegen. Ich liebe die Beiden. Immerhin wissen hier alle, wo die Waschmaschine steht und wie man sie bedient. Die vergangenen Jahre waren nicht umsonst. Manche Dinge lassen sich eben doch langfristig und erfolgreich vorbereiten. Im Gegensatz zu einigen internationalen Veranstaltungen.

Montag, Oktober 12, 2026

müde.

Die Frage der Woche: Fliege ich nun nach Portugal oder fliege ich nicht nach Portugal? Ich wollte wirklich noch nie so wenig an einem internationalen Kundenprojekt vor Ort teilnehmen wie an diesem. Und das will etwas heißen. Drei Tage Lissabon. 26 Grad, Sonne, fantastisches Lebensgefühl. Eigentlich müsste ich vor Vorfreude im Dreieck springen. Stattdessen frage ich mich, ob man berufliche Anwesenheit nicht inzwischen auch gedanklich erledigen kann. Diese Projektleiterin schafft mich. Wirklich. Jeden Tag irgendein neues Theater. Was gestern noch galt, ist heute wieder offen. Entscheidungen werden vertagt, Dinge dreimal besprochen und zwischendurch darf man sich überlegen, wie man aus dem ganzen Durcheinander noch eine vernünftige Veranstaltung macht. Ich bin müde. Ich mache diesen Job lange genug, um zu wissen, dass nicht immer alles glattläuft. Muss es auch nicht. Aber irgendwann ist mein Vorrat an Geduld und professioneller Freundlichkeit eben auch mal aufgebraucht. Und ganz ehrlich? Ich würde inzwischen lieber hierbleiben. Wäre deutlich entspannter, zumal ich zwischen zwei Reisen ohnehin nur einen Tag zum Umpacken habe.

Ich habe mittlerweile mehr Lust auf eine verbindliche Entscheidung als auf drei Tage portugiesische Sonne. Das muss man auch erst mal schaffen. Ich mag meinen Job wirklich gern. Aber manche Projekte sind wie ein Einkaufswagen mit vier kaputten Rollen. Man schiebt und schiebt, korrigiert ständig die Richtung und kommt irgendwie vorwärts. Nur Spaß macht es irgendwann nicht mehr, wenn die Verantwortung immer nur einseitig verteilt wird und noch mehr Flexibilität gefordert wird.

Sonntag, Oktober 11, 2026

parallelbetrieb.

Zusammen sein, ohne ständig etwas zusammen machen zu müssen. Beide am Tisch oder im selben Raum. Jeder wurschtelt vor sich hin und macht seins. Zwischendurch ein Kuss, irgendein blöder Spruch, ein bisschen Quatsch. Kurz anfassen. Funktioniert erstaunlich gut. Unaufgeregt. Manchmal reicht es völlig, dass der andere einfach da ist. Und zwar gern. Ich mag unseren Parallelbetrieb gerade sehr.

Donnerstag, Oktober 08, 2026

versorgungslage.

Der Kühlschrank enthielt Senf, Hoffnung und eine halbe Zucchini mit ungeklärter Zukunft. Ich habe die Zucchini heute Mittag gegessen. Damit ist zumindest eine offene Frage geklärt. Der Senf bleibt. Die Hoffnung auch. Ich würde sagen, die Versorgungslage mit frischem Gemüse ist angespannt, aber die Geschäftsführung sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Die Gurkentruppe mit Fell sieht das vermutlich ein bisschen anders.
Morgen!

Mittwoch, Oktober 07, 2026

soulfood.

Es gibt Tage, da braucht man keine Lösung. Man braucht Nudeln. Heute ist so ein Tag, wo alles explodiert und besonders nervig ist. Ich brauche nicht dieses symbolische „Ich tue mir jetzt etwas Gutes“-Ding. Sondern Nudeln mit Garnelen. Knoblauch. Chili. Oder mit Oliven und Kapern. Vielleicht ein bisschen Zitrone. Salz. Viel Geschmack. Wenig Diskussion. Ich liebe Essen, das keine Fragen stellt. Nudeln mit Garnelen sagen nicht: "Hast du das schon geklärt?" Sie sagen nicht: "Du solltest aber auch mal!" Sie sagen: "Hier. Warm. Scharf. Gut. Iss!" Und ganz ehrlich, das ist heute vermutlich genau die Art von Unterstützung, die ich brauche.

Dienstag, Oktober 06, 2026

morgenrosa.

Gestern früh habe ich das Kind kurzfristig zum See gefahren. Eigentlich nichts Besonderes. Ihre Mitfahrgelegenheit war ausgefallen, also saß ich zu einer Uhrzeit im Auto, zu der ich sonst meistens noch nicht wirklich Teil des Tages bin. Über den Dächern hing noch leichter Nebel. Nicht viel. Gerade genug, dass die Stadt ein bisschen weicher aussah als sonst. Darüber dieser rosa Himmel, erst ganz blass und dann plötzlich in Farben, bei denen man kurz denkt, jemand hätte es mit dem Filter übertrieben. Hatte aber niemand. Ich mag solche Morgen über der Stadt. Häuser, Ampeln, Dächer, irgendwo schon Menschen auf dem Weg irgendwohin. Und darüber veranstaltet der Himmel völlig unbeeindruckt sein eigenes Spektakel.

Das Kind neben mir war naturgemäß weniger ergriffen. Teenager am frühen Morgen haben andere Prioritäten. Wachwerden zum Beispiel. Oder schweigen. Also fuhr ich, guckte immer wieder nach oben und dachte, dass man erstaunlich viel Schönes verpasst, wenn der Alltag immer zur gleichen Uhrzeit beginnt. Manchmal braucht es nur eine ausgefallene Mitfahrgelegenheit, um die eigene Stadt kurz anders zu sehen.

Montag, Oktober 05, 2026

diplomatie.

Aktuell schreibe ich primär E-Mails und spiele politische Spielchen. Ich meine diese spezielle Form von beruflicher Diplomatie, bei der alle Beteiligten ungefähr wissen, was vereinbart war, aber irgendjemand trotzdem versucht, die Realität ein kleines Stück in seine Richtung zu schieben. Dann sitzt man da, öffnet Outlook und formuliert Sätze wie „Just to clarify“, „As discussed“ oder „As planned“. Was übersetzt ungefähr heißt: Nein. Das haben wir anders besprochen. Das mache ich nicht heute. Und bitte versuch nicht, mir gerade Arbeit unterzuschieben und anschließend so zu gucken, als hätte sie schon immer bei mir gewohnt. Natürlich schreibt man das nicht. Man schreibt freundlich. Sehr freundlich sogar. Je genervter man ist, desto höflicher wird es. Das ist vermutlich irgendeine Form evolutionärer Anpassung an Projektarbeit. „Thanks for flagging“ zum Beispiel. Ein großartiger Satz. Klingt offen, kooperativ und lösungsorientiert und kann innerlich trotzdem problemlos von einem sehr deutlichen „Ach, verpiss dich doch“ begleitet werden.

Überhaupt besteht mein Arbeitstag aktuell aus erstaunlich viel Übersetzungsleistung. Menschen schreiben „Could you please…“ und ich lese „Kannst Du das übernehmen, damit ich es nicht machen muss?“ Jemand setzt eine Deadline und ich verbringe anschließend Zeit damit, höflich zu erklären, dass diese Deadline zwar hübsch aussieht, aber leider frei erfunden ist. Dann wird noch jemand ins CC genommen, damit ausreichend viele Menschen gleichzeitig sehen können, wie professionell wir alle damit umgehen. Früher dachte ich bei politischen Spielchen an Hinterzimmer, Zigarren und Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die sich gegenseitig Ministerposten versprechen. Mittlerweile weiß ich: Es reichen ein Laptop, ein Projekt und zwei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wem eine Aufgabe gehört. Und dann beginnt das eigentliche Spiel. Wer antwortet zuerst? Wen setzt man ins CC? Wen bewusst nicht? Wie oft darf man „as agreed“ schreiben, bevor es passiv-aggressiv wird? Ab wann ist „just to clarify“ eine Kriegserklärung? Und wie viele freundliche Wörter braucht man, um ein Nein so einzupacken, dass es noch nach Zusammenarbeit aussieht?

Ich bin darin erschreckend gut. Schon immer. Heute schrieb jemand sinngemäß, sie hätte etwas gern sofort. Ich saß vor dem Rechner, las es, trank einen Schluck Tee und dachte: Nein. Dann schrieb ich natürlich nicht Nein. Ich schrieb: „In the next few days, as planned.“ Diplomatie kann so schön sein. Und als wäre das nicht schon genug, kommen in internationalen Projekten noch kulturelle Unterschiede dazu. Viele Nationalitäten, viele Kommunikationsstile, viele sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was höflich, klar, direkt, verbindlich oder eben schon ziemlich forsch ist. Die einen formulieren so weich, dass ich dreimal lesen muss, ob sie gerade etwas von mir wollen oder mir nur einen schönen Nachmittag wünschen. Die anderen schreiben drei Wörter mit Punkt und erzeugen damit sofort das Gefühl, irgendwo sei etwas eskaliert.

Dazwischen sitze ich und betreibe berufliche Simultanübersetzung. Nicht nur Englisch nach Deutsch, sondern Ton nach Absicht. Ist das gerade wirklich dringend oder klingt es nur dringend? Ist „would be great“ ein Wunsch, eine Erwartung oder bereits eine Deadline mit Schleifchen? Bedeutet „just checking in“ tatsächlich „ich wollte nur mal nachfragen“ oder doch eher „warum ist das noch nicht fertig“? Und ist „no worries“ wirklich no worries oder muss ich jetzt anfangen, mir Sorgen zu machen? Das Schöne ist, ich darf niemanden beleidigen. Niemanden brüskieren. Niemandem das Gefühl geben, ich hätte gerade den inneren Mittelfinger ausgeklappt. Man muss also gleichzeitig klar, freundlich, bestimmt, diplomatisch, interkulturell sensibel und möglichst unmissverständlich sein. Was ungefähr so einfach ist, wie auf einem Gymnastikball sitzend einen IKEA-Schrank aufzubauen, während jemand daneben freundlich fragt, ob man das nicht ein bisschen schneller machen könne.

Und dann kommt noch das eigentliche Sahnehäubchen: die schiere Zeitverschwendung. Dieses endlose Bullshit-Bingo aus „alignment“, „ownership“, „next steps“, „stakeholder management“, „quick sync“, „touch base“ und „just a heads-up“. Man verbringt zwanzig Minuten damit, eine Mail zu formulieren, die inhaltlich aus einem einzigen Satz besteht: Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Danach folgen drei Antworten, zwei CC-Erweiterungen und ein Termin, um zu klären, wer jetzt eigentlich klärt, wer zuständig ist. Es ist teilweise absurd. Nicht kompliziert, nicht anspruchsvoll, nicht strategisch. Einfach nur aufwendig. Sehr viel Luftbewegung um erstaunlich wenig Substanz. Man könnte manche Schleife vermutlich in vier Minuten lösen, wenn alle Beteiligten kurz sagen würden, was sie eigentlich wollen und was sie nicht machen möchten. Aber nein. Stattdessen tanzt man den professionellen Regentanz um Zuständigkeiten, Befindlichkeiten und Formulierungen.

Besonders hübsch wird es, wenn alle überzeugt sind, sie hätten sich glasklar ausgedrückt. Dann steht irgendwo „to be discussed“, jemand liest „to be delivered“, jemand anders versteht „already agreed“ und zwei Tage später darf ich wieder eine Mail schreiben, die mit „Just to clarify“ beginnt. Internationales Projektmanagement ist deshalb im Grunde weniger Organisation als angewandte Sprachwissenschaft mit politischem Einschlag und gelegentlichen Bingo-Runden. Ich finde das tatsächlich spannend. Meistens jedenfalls. Außer wenn ich merke, dass ich seit einer Stunde sehr professionell kommuniziert habe und wir exakt da stehen wie vorher. 

Dann denke ich kurz: "Bullshit" und schreibe: „As planned.“

Freitag, Oktober 02, 2026

haushaltskompetenzen.

Sollte morgen die Sonne scheinen, wird der Haufen Teenager übrigens sehen, wie hervorragend schlecht ich das Küchenfenster diese Woche schnell geputzt habe. Im Schatten dachte ich noch: läuft, sieht voll gut aus. Im Sonnenlicht sieht das vermutlich eher nach abstrakter Kunst mit Schlieren aus. Man muss dazu sagen, dass es gestern auch den ganzen Tag geschüttet hat.

Ich muss gerade selbst lachen. Da bereitet man tagelang einen 15. Geburtstag vor und am Ende erzählt das Fenster die ganze Wahrheit über die eigenen Haushaltskompetenzen. Vielleicht einfach Deko davor hängen?

Immerhin habe ich heute ein unerwartetes Zeitfenster gewonnen. Vier ausgefallene Schulstunden. Andere nennen es Unterrichtsausfall. Ich nenne es inzwischen Ressourcenmanagement. Win-win. Wir sind dann mal eben den letzten Rest einkaufen.

Donnerstag, Oktober 01, 2026

speed.

In zwei Tagen hat das Kind Geburtstag und ich fühle mich wie ein Eichhörnchen auf Speed. Ich schlafe kaum. Mein Kopf ist knallvoll. Hier noch etwas besorgen, da noch etwas vorbereiten, zwischendurch arbeiten, organisieren, umplanen, erinnern. Ich denke an zwölf Dinge gleichzeitig und vergesse dabei zuverlässig das dreizehnte. Sie wird einfach fucking 15. Fünfzehn. Ich weiß nicht genau, wann aus dem kleinen blonden Wirbelwind dieser ziemlich großartige Teenie geworden ist, der mir zwischendurch ein Glas hinstellt, einen Eiswürfel reinwirft und offenbar besser erkennt als ich selbst, wann meine Belastungsgrenze erreicht ist. 

Und gleichzeitig verschiebt sich gerade so viel. Nicht nur bei ihr. Es ist der erste Teenie-Geburtstag, den wir so richtig zu dritt feiern. Mit Frühstück. Mit einem gemütlichen Abend. Mit allem dazwischen. Mit diesem neuen Selbstverständnis, dass wir inzwischen ein richtiges kleines Team sind. Gestern Abend haben wir schon die Geschenke eingepackt. Mit Getränk daneben, Geschenkpapier überall und regelmäßigem „Finger drauf“, um die Schleifenbänder festzuziehen. War richtig schön. Und immerhin ist dieser Stress schon mal weg.

Ich möchte, dass es wie immer richtig schön wird. Nicht perfekt. Eigentlich weiß ich das. Nur hat mein Gehirn diese Information offenbar nicht erhalten und betreibt weiterhin Hochleistungslogistik. Vielleicht ist das auch ein bisschen der eigentliche Punkt. Sie wird 15 und bewegt gerade wahnsinnig viel. Wird größer, selbstständiger, klarer. Probiert aus, grenzt sich ab, kommt wieder zurück. Und während sie sich verändert, verändert sich unser Leben einfach mit. Warum macht das eigentlich jedes Jahr aufs Neue so emotional?

Vielleicht weil ich plötzlich nicht nur auf diesen einen Geburtstag schaue. Sondern auf den ganzen Weg bis hierhin. Auf das, was sie in den letzten Jahren getragen hat. Auf das, was sie daraus gemacht hat. Und auf die Person, die da gerade immer deutlicher zum Vorschein kommt. Noch zwei Tage. Dann ist sie 15. Und vermutlich werde ich irgendwann zwischen Frühstück und Geburtstagskerzen kurz dastehen, sie ansehen und sentimental denken: „Ach. Da bist Du ja. So groß schon. Und wahnsinnig wunderbar.“

Dienstag, September 29, 2026

shoppinglogik.

Ich gehe mit einer Liste los. Das gibt mir Struktur. Ich komme mit Dingen zurück, die nicht auf der Liste standen. Das gibt mir Persönlichkeit. Beides zusammen nennt man vermutlich ausgewogenes Konsumverhalten.

Montag, September 28, 2026

erwachsenenfreude.

Dinge, über die ich mich mit Mitte 40 ernsthaft freue. Einen Parkplatz direkt vor der Tür. Frische Bettwäsche. Hübsche Blumen auf dem Tisch. Ein leerer Kalenderabend. Gutes Brot. Kerzen. Musik in der Küche. Wenn einer kocht und der andere Wein einschenkt. Einen Termin, der abgesagt wird. Einen Spaziergang ohne Ziel. An seiner Brust liegen. Ein Wochenende ohne Programm. Zusammen einschlafen. Morgens noch zehn Minuten liegenbleiben. Einen Kuss im Flur. Gute Gespräche am Küchentisch, im Auto, im Bett oder zwischendurch. Dieses Gefühl, dass man sich wirklich meint und nicht nur Informationen austauscht.

Ich hätte früher über diese Liste gelacht. Heute finde ich sie hervorragend und denken oft: "Ziemlich gutes Leben eigentlich."

Sonntag, September 27, 2026

nebensache.

Als Kind dachte ich oft, die schönen Dinge müssten groß sein. Reisen. Events. Besonderer Abend. Irgendwas mit Plan. Heute freue ich mich über ein Glas Wein, Sonne im Gesicht, einen guten Satz, einen vollen Tisch, jemanden neben mir und den Moment, in dem gerade nichts dringend ist. Keine große Erkenntnis. Nur praktisch.

Samstag, September 26, 2026

samstagskompetenz.

Ich habe inzwischen eine erstaunlich hohe Kompetenz darin entwickelt, einen freien Tag nicht komplett durchzutakten und trotzdem nicht einfach nur auf dem Sofa zu sitzen. Heute also ein bisschen in die Stadt. Einkaufen. Dinge erledigen, die unter der Woche erstaunlich zuverlässig liegen bleiben. Vermutlich irgendwo noch kurz stehen bleiben, obwohl ich eigentlich „nur schnell“ etwas holen wollte. Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht, man müsse aus einem freien Tag mehr machen. Frühstück irgendwo. Markt. Stadt. Später essen gehen. Hauptsache Programm.

Heute reicht mir dieses Dazwischen ziemlich gut. Ein bisschen unterwegs. Ein bisschen Alltag. Kein großes Event. Kein Gefühl, aus dem Tag noch irgendetwas Besonderes herauspressen zu müssen. Und dann noch ein bisschen Deko basteln für die "Party to die for" fürs Kind. Ich habe Farb-Spraydosen, Federn und Perlen. Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass aus „ein bisschen Deko“ im Laufe des Tages ein leicht eskalierendes Kreativprojekt wird. Später ein Glas Wein im Kiez. Mit Begleitung. Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist aber genau die Art Samstag, die ich inzwischen sehr mag. Nicht nichts. Nur angenehm viel.

Freitag, September 25, 2026

schutzlücke.

K.-o.-Tropfen ins Getränk. Ein Mensch wird betäubt, verliert Kontrolle, wird wehrlos gemacht. Und genau dieser Zustand wird anschließend für eine Vergewaltigung ausgenutzt.

Und im deutschen Strafrecht war bislang ausgerechnet die Frage relevant, ob diese Substanz ein „gefährliches Werkzeug“ ist. Der BGH verneinte das 2024 für über Getränke verabreichte narkotisierende Substanzen. Deshalb griff der Qualifikationstatbestand mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren nicht automatisch. Solche Fälle konnten unter einen Tatbestand mit mindestens drei Jahren fallen. Die Bundesregierung will diese Lücke nun schließen und ausdrücklich auch gefährliche „Mittel“ erfassen. Der Gesetzentwurf wurde am 23. September 2026 erstmals im Bundestag beraten. Gut.

Und gleichzeitig denke ich: "2026. Ernsthaft? WTF?" Denn über fünf Jahre kann man ohnehin diskutieren. Eine Haftstrafe ist irgendwann abgesessen. Die Folgen einer solchen Tat interessieren sich dafür eher wenig. Albträume haben keinen Entlassungstermin. Panikattacken keine Verjährungslogik. Schutzmechanismen verschwinden nicht, weil irgendwo fünf Jahre vergangen sind. Angst hält sich ebenfalls eher ungern an Strafrahmen. Menschen lernen damit zu leben. Manche ziemlich gut. Das bedeutet nur leider nicht, dass es weg ist.

Dass der Staat nun endlich ausdrücklich erfassen will, dass es für die Schwere einer solchen Tat keinen entscheidenden Unterschied macht, ob jemand einen gefährlichen Gegenstand benutzt oder einem Menschen heimlich die Fähigkeit nimmt, sich überhaupt noch wehren zu können, ist richtig. Dass dafür im Jahr 2026 noch eine Gesetzesänderung notwendig ist, finde ich weniger bemerkenswert als schlicht beschämend.

Und irgendwann bleibt die grundsätzlichere Frage. Wann schaffen wir es eigentlich, Frauen besser zu schützen, bevor wieder eine Gesetzeslücke geschlossen werden muss, deren Folgen andere längst getragen haben? Denn nach der Tat zu erklären, wie ernst wir Gewalt nehmen, ist vergleichsweise einfach. Vorher wäre interessanter. Und entscheidend. Wir diskutieren bei sexualisierter Gewalt sehr schnell über Täter, Strafrahmen, Beweise und Verurteilungen. Alles notwendig. Aber erstaunlich selten steht genauso lange die andere Frage im Mittelpunkt: "Was braucht der Mensch, dem das angetan wurde?"

Ich mag schon das Wort „Opfer“ nicht. Es macht aus einem Menschen schnell einen Zustand. Dabei muss dieser Mensch anschließend weiterleben. Arbeiten. Beziehungen führen. Schlafen. Vertrauen. Nähe zulassen. Vielleicht Therapie machen. Und irgendwie einen Körper davon überzeugen, dass heute nicht mehr damals ist. Und noch immer müssen Betroffene viel zu häufig erklären, warum sie sich so oder so verhalten haben. Warum sie geblieben sind. Warum sie gegangen sind. Warum sie nicht sofort angezeigt haben. Warum sie sich an etwas erinnern und an anderes nicht. Dabei sind sie diejenigen, denen etwas angetan wurde. Vielleicht wäre das tatsächlich mal ein guter Ausgangspunkt für Opferschutz.

Mittwoch, September 23, 2026

weiter.

An einem usseligen Herbsttag sind wir uns das erste Mal begegnet. Zufällig. Er, ein Kerl, der weder aalglatt noch geleckt wirkte, sondern irgendwie genau richtig. Etwas über 1,80 m. Schlank. Schlanke Muskeln an den Stellen, an denen sie Sinn machen. Brünett. Ein Gesicht, das nicht perfekt war. Aber ein Typ, ein richtiger Typ. Mit Ecken und Kanten. Einer, der einen Raum nicht betreten musste, um ihn zu füllen. Es reichte, wenn er da war. Er sprach mit leicht schwäbischem Dialekt. Nicht aufgesetzt. Nicht bemüht. So wie alles an ihm, selbstverständlich. Ich mochte sein Lächeln. Sein Lächeln war gefährlich. Nicht, weil es makellos war, sondern weil es ehrlich und verschmitzt war. Und weil er genau wusste, was es mit einem macht. Er war selbstbewusst. Nicht laut. Nicht übergriffig. Eher diese ruhige Sorte Mann, die nichts beweisen muss. Und genau deshalb alles kann. Er war sich seiner Wirkung absolut bewusst und ging entspannt damit um.

Auf dem Wasen kaufte er mir ungefragt ein Ticket für ein Fahrgeschäft, das ich hasste. Ich hätte nein sagen können. Tat ich nicht. Ich überlegte stattdessen kurz, was ich im Worst Case erbrechen könnte, wenn's zu wild wird. Drückte ihm lässig lächelnd meine Brille in die Hand, obwohl ich fast gestorben wäre und sprang über meinen Schatten. Er war beeindruckt und küsste mich danach. Frech. Direkt. So, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Er nannte mich meist „Kleines“ und ausnahmsweise klang es nicht falsch. Wir kochten oft stundenlang zusammen und zauberten die tollsten Gerichte. Er zeigte mir wie ich die Messer richtig halte. Einmal schnitt er sich aus Versehen ein Stück Fingerkuppe ab, weil er mich anguckte statt das Gemüse auf seinem Brett, das ging so schnell und war so blutig. Ich habs auf dem Badewannenrand verarztet und steril verbunden. Er schummelte mir Speck ins Essen, um zu testen, ob ich es merke und vielleicht doch mag. Ich hab's gemerkt und aussortiert. Wir lagen gern auf dem Sofa, unsere Finger ineinander verhakt, mein Kopf auf seiner Brust. Ich liebte sein Drachentattoo und die Symbolik, die es für ihn hatte. Ich habe es oft mit den Fingern nachgezeichnet. Er zog genüsslich an seiner Zigarette. Langsam. Fast zelebrierend. Und schaffte es trotzdem, nie danach zu riechen. Bis heute unverständlich. Er fuhr einen alten roten Alfa Romeo. Natürlich tat er das und natürlich ließ er mich fahren. Mit diesem Blick, der sagte: "Ich weiß genau, was ich Dir damit gebe."

Es war eine On-Off Geschichte. Er zog irgendwann in meine Stadt und ließ sich dorthin versetzen, ohne dass ich es wusste. Er rief eines Dienstags an und sagte, dass er mir etwas zeigen möchte. Ich war völlig sprachlos als ich ein paar Stunden später durch seine Wohnung ging und er meinte, er sei jetzt hier und würde nicht mehr gehen. Eine tolle Altbauwohnung mit abgezogenen Berliner Dielen. Einmal sagte er zu mir: „Du bist das offenste und gleichzeitig verschlossenste Buch, das ich kenne.“ Er hatte recht und ich wusste es. Er hat mich auch hinter meinen eigenen Mauern gesehen und sich nicht abschrecken lassen. Als ich nach zwei Jahren das erste Mal das "Liebe Dich." erwiderte, war es kein großer Moment. Keine Musik im Hintergrund. Einfach ein leiser Satz. Er drückte meine Hand, küsste mich auf die Stirn und lächelte.

Kurze Zeit später war er tot. Aus dem Leben gerissen. Von jetzt auf gleich. All unsere Pläne mit einem Mal hinfällig. Und alles, was von ihm blieb, war dieses Gefühl, dass manche Menschen nicht lange bleiben, aber etwas von ihnen trotzdem für immer bleibt. Manchmal frage ich mich, was er heute zu mir sagen würde, wenn er auf mein Leben schaut. Ob er mich wiedererkennen würde in all dem Leben, was inzwischen dazugekommen ist. In den Umwegen, Katastrophen, guten Entscheidungen und Menschen. Ob er über manche meiner Schleifen den Kopf schütteln und über andere leise lachen würde. Vermutlich würde er mich ansehen, grinsen und sagen: "Keep going, Du verdammte Rakete!"

Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht. Bin unruhig, dünnhäutig, irgendwie neben der Spur. Gestern habe ich den ganzen Tag nicht daran gedacht. Die Tage sind zu voll, ich zu sehr eingebunden. Erst abends, im Bett, als ich im Arm des Liebsten lag, sickerte es langsam durch. Vielleicht ist das Trauer nach all den Jahren. Nicht mehr laut. Nicht mehr groß. Eher wie ein alter Mitbewohner, der irgendwann ausgezogen ist, seinen Schlüssel aber offenbar behalten hat und einmal im Jahr vorbeikommt. Heute geht's mir nicht gut, heute darf sich schwer anfühlen. Morgen ist ein neuer Tag.

Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.

verschiebung.

Ich bin Berlinerin. Nicht „da mal gewohnt“. Sondern geboren, aufgewachsen, im Ost-Berlin. Familie. Prägung. Dieses spezielle Verhältnis zu einer Stadt, die man gleichzeitig beschimpft, verteidigt und vermisst. Meine Familie und ein Teil meiner Freunde leben noch dort. Und der Wahlkreis meiner Eltern hat gestern die AfD gewählt. Ich habe heute Morgen mehrfach auf die Wahlkarte geschaut. Als würden sich Zahlen durch ausreichend irritiertes Draufstarren noch einmal umentscheiden. Tun sie nicht.

In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8, die AfD auf 16,3 Prozent – 2023 waren es noch 9,1. Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Und ein paar hundert Kilometer weiter: Mecklenburg-Vorpommern. 38,2 Prozent AfD. Die SPD 35,5. Die CDU 4,9 Prozent und damit erstmals nicht mehr im Landtag. 38,2 Prozent!!! Ich schreibe die Zahl noch einmal hin, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hat, sie beim ersten Mal nicht vollständig zu verarbeiten.

Und natürlich startet sofort wieder die große Erklärungsmaschine. Die Ossis. Die Abgehängten. Die Wütenden. Die Protestwähler. Ich bin Ossi. Vielleicht reagiere ich deshalb inzwischen leicht allergisch darauf, Ostdeutsche wie eine ethnologische Forschungsgruppe zu behandeln, deren merkwürdiges Wahlverhalten man aus ausreichender Entfernung untersucht. So einfach ist es nicht. Und auch „Protestwahl“ ist mittlerweile ein ausgesprochen praktisches Wort. Klingt ein bisschen nach einem energisch ausgefüllten Beschwerdeformular. Nur ist eine Wahl kein Beschwerdeformular. Wer eine Partei wählt, wählt eben auch deren Personal, Programm und politische Vorstellungen. Das gilt für die AfD. Und übrigens auch für Die Linke.

Deshalb kann ich mich über deren Wahlsieg in Berlin auch nicht einfach freuen, nur weil dort nicht die AfD stärkste Kraft geworden ist. Mir ist das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild der Linken zu weit von meinem entfernt. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Natürlich. Menschen müssen aufgefangen werden, wenn sie Hilfe brauchen. Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen. Krankheit oder Arbeitslosigkeit dürfen niemanden ins Bodenlose schicken. Und selbstverständlich muss sich jeder Mensch sein Leben leisten können. Wohnen. Essen. Energie. Mobilität, soziale Teilhabe. Das ist für mich keine Frage. Aber Solidarität bedeutet für mich nicht grenzenlose Umverteilung. Leistung, Eigentum und wirtschaftlicher Erfolg sind für mich auch nichts grundsätzlich Verdächtiges, das möglichst umfassend neu verteilt werden muss. Beides muss gleichzeitig möglich sein - ein Leben, das man sich leisten kann und eine Gesellschaft, in der sich Arbeit, Verantwortung und eigenes Vorankommen weiterhin lohnen. Genau deshalb fremdele ich mit einer Politik, die für mein Empfinden zu oft zuerst darüber nachdenkt, was noch verteilt werden kann, statt darüber, wie mehr Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, selbst Wohlstand aufzubauen.

Die Berliner Linke macht aus ihrer Richtung dabei kein Geheimnis. Die Umsetzung der Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände bezeichnet sie als „oberste Priorität“. Vorgesehen sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen; die Partei spricht selbst vom „Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Und dann schaue ich auf die Zahlen. Berlin erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Ende 2025 lag der vorläufige Schuldenstand bereits bei rund 69,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig reden wir über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, deren Entschädigung je nach Berechnungsmodell einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnte. Wie daraus ohne erhebliche Haushaltsrisiken dauerhaft niedrigere Mieten entstehen sollen, ist für mich eine ziemlich entscheidende Frage. Und nein. „Das bezahlt sich irgendwann selbst“ reicht mir bei solchen Summen irgendwie nicht als finanzpolitisches Konzept. Vielleicht liegt genau darin mein eigentliches Unbehagen mit diesem Wahlabend. Ich schaue nach rechts und erschrecke. Ich schaue weit nach links und finde dort ebenfalls keine politische Heimat.

Heute Morgen lese ich dazu einen Kommentar in der FAZ. Die Diagnose dort. Union, FDP und auch SPD hätten insbesondere den Kontakt zu großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verloren. Das traditionelle bürgerliche Lager, das jahrzehntelang große Teile der Wählerschaft gebunden hat, sei massiv eingebrochen. Der Autor fordert deshalb eine neue bürgerliche Partei. Soziale Marktwirtschaft. Leistungsfähiger Staat. Weniger Überregulierung. Wirtschaftliche Vernunft. Ob eine neue Partei die Antwort wäre, weiß ich nicht. Aber dass etwas grundsätzlich nicht mehr funktioniert, kann man nach solchen Wahlabenden schwer übersehen. Menschen merken, wenn Dinge nicht funktionieren. Verwaltung. Bildung. Wohnen. Infrastruktur. Migration. Wirtschaft. Soziale Sicherheit. Man kann nicht jahrelang erklären, vermitteln und beschwichtigen und sich anschließend ausschließlich darüber wundern, dass Menschen irgendwann nicht mehr zuhören. Nur folgt daraus eben nicht, dass jede politische Antwort darauf eine vernünftige ist.

Genau da hängen wir offenbar fest. Die eine Seite ruft: Alles Nazis. Die andere: Alles nur enttäuschte Bürger. Beides ist mir zu einfach. Menschen können sich von Politik im Stich gelassen fühlen und trotzdem Verantwortung dafür tragen, wem sie ihre Stimme geben. Regierungen können schlecht arbeiten und trotzdem nicht für jede Radikalisierung verantwortlich sein. Man kann verstehen wollen, warum Menschen AfD wählen, ohne die Entscheidung zu verharmlosen. Und man muss einen Wahlsieg der Linken nicht automatisch als beruhigendes Gegengewicht empfinden. Eigentlich müsste all das gleichzeitig in einen Kopf passen. Scheint derzeit eine überraschend anspruchsvolle Übung zu sein.

Und dann bleibt da dieser blaue Fleck auf der Berliner Wahlkarte. Der Wahlkreis meiner Eltern. Ich kenne dort Straßen. Häuser. Supermärkte. Bushaltestellen. Statistik ist erstaunlich abstrakt, bis sie plötzlich eine Straßenbahnhaltestelle hat. Ich verstehe meine Heimat heute ein bisschen weniger als vorgestern. Nicht, weil Menschen anders wählen als ich. Das gehört zur Demokratie. Sondern weil ich nicht verstehe, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem so viele Menschen ihre politische Antwort bei Parteien suchen, in denen ich mich überhaupt nicht wiederfinde.

Vielleicht sollten die Parteien, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, deshalb weniger fragen: "Wie erklären wir den Leuten, dass sie falsch liegen?" Und häufiger: "Warum erreichen wir sie eigentlich nicht mehr?" Erklärung ist keine Entschuldigung. Empörung ist keine Analyse. Die Probleme sind kompliziert. Die Antworten werden immer einfacher. Und ich verstehe die Welt gerade tatsächlich ein bisschen weniger.

Sonntag, September 20, 2026

83.

Postkarten. So viele sind seit März bei mir angekommen. Aus 25 verschiedenen Ländern. Menschen, die ich nicht kenne, haben irgendwo auf der Welt eine Karte ausgesucht, ein paar Zeilen geschrieben, eine Briefmarke draufgeklebt und sie auf den Weg nach Düsseldorf geschickt. Manche brauchten fünf Tage. Manche zwei Monate. andere haben offenbar zwischendurch noch eine Weltreise gemacht. Und jetzt liegen 83 kleine Stücke Welt bei mir in einer hübschen schwarzen Schachtel. Postcrossing ist schon ein bisschen wild. Und ziemlich schön.

Freitag, September 18, 2026

nacken.

Heute für neue Strähnen beim Friseur gewesen. Dann kam die Frage, was wir mit der Länge machen. Ich, offenbar in einem unbeaufsichtigten Moment: „Ich glaube, ich möchte wieder einen Bob. Irgendwas zwischen Schulter und Kinn. Schneid alles ab! Ich brauche was Neues.“ Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ich war kurz selbst überrascht von meiner Courage. So kurz hatte ich sie zuletzt vor der Untermieterin. 

3,5 Stunden und locker 15 Zentimeter später mit einem wunderschönem Bob aus dem Laden spaziert und unangemessen begeistert von meiner eigenen Spontaneität gewesen. Ich liebe es, ich liebe die Länge. Der Teenie liebt es auch. Der Mann ist offenbar ebenfalls ausgesprochen angetan. Damit ist die spontane Restrukturierung überraschend umfassend durch alle relevanten Gremien gegangen. Andere treffen weitreichende Lebensentscheidungen. Ich erstmal so - Nacken frei! Keine weiteren Maßnahmen erforderlich.

Donnerstag, September 17, 2026

zahlen.

Fast 250.000 Aufrufe in den letzten zwölf Monaten. WTF? Komplett irre. Eine Viertelmillion Klicks auf dieses kleine digitale Durcheinander aus Alltag, Arbeit, Teenager, Liebe, Therapie, Reisen, Postkarten, Currywurst, Kontrollverlust, Gedankenwirrwarr und gelegentlicher Eskalation. Und das Verrückte, die Kurve steigt stetig weiter. Offenbar ist mein Leben von außen betrachtet mindestens so unterhaltsam, wie es sich von innen manchmal anstrengend anfühlt. Ich freue mich darüber. Wirklich. Ich stelle fest, dass ich eher fasziniert drauf gucke - früher wollte ich unbedingt unterhalten, heute ist es nur noch ein Ventil für mich.

Wichtig sind mir die Zahlen trotzdem nicht. Ich werde sehen, wie lange sich das hier gut für mich anfühlt. Und eventuell ziehe ich den ganzen Bumms irgendwann doch noch zu WordPress um. Die Domain gehört seit ewigen Jahren mir, eigentlich ist auch schon alles vorhanden, nur lässt sich das hier aktuell nicht vernünftig exportieren. Nochmal von vorn anfangen? Bei null? Schon öfter drüber nachgedacht. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss arbeiten und weiterleben. Sonst gibt’s hier bald nichts mehr zu lesen.

Mittwoch, September 16, 2026

schweiz.

Postcrossing hakt aktuell ein bisschen. Also „ein bisschen“ im Sinne von: 5 Karten offenbar verschollen seit 72 bis 120Tagen. 5 weitere seit über 40 Tagen unterwegs. Teilweise in die Schweiz. In die Schweiz!!! Ich möchte nicht kleinlich sein, aber die liegt jetzt verkehrstechnisch nicht hinter Mordor. Der Teenie bekam heute eine Karte aus Russland. Über zwei Monate unterwegs. Verständlich. Große Strecke. Schwierige Route. Abenteuer. Aber Düsseldorf–Schweiz? Ich gehe inzwischen davon aus, dass meine Postkarten zu Fuß reisen. Mit Pausen. Und vermutlich ohne Google Maps. Bestes Trainingslager für meine nicht sehr ausgeprägte Geduld. Der Teenie sagt immer, als die Geduld verteilt wurde, war ich offensichtlich schon halb zur Tür raus, weil es mir zu lange gedauert hat.

vertrauen.

Es gibt gerade so viel zu erzählen und eigentlich auch nichts. Nicht, weil nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert so viel. Ich möchte es nur gerade nicht teilen. Es ist schön. Es ist gut. Es wird ruhiger. Was erstaunlicherweise gar nicht automatisch angenehm ist, wenn man innerlich lange auf irgendwas gewartet hat. Auf den Einschlag. Die Wendung. Den Haken an der Sache. Ich merke, dass ich mich an genau das erst gewöhnen muss. Meine Therapeutin sagte letzte Woche einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist die Ruhe, die nun einkehrt.“ Vielleicht war genau das diese Unruhe, die ich wochenlang nicht richtig greifen konnte. Dieses merkwürdige Gefühl, dass doch irgendetwas sein müsste, ich irgendwas übersehen habe. Dass Ruhe verdächtig ist. Dass Sicherheit eigentlich nur diese kurze Pause vor dem nächsten Einschlag sein kann. Vielleicht ist es tatsächlich endlich diese Ruhe, von der der Mann schon lange sagt, dass sie kommen wird. Und vielleicht fange ich tatsächlich an, mich langsam sicher zu fühlen. Auch so ein Satz, den mein Nervensystem vermutlich gern erst einmal zur Prüfung einreichen würde.

Ein ausgesprochen ungewohnter Zustand. Aber echt schön. Und für unsere fulminante Großartigkeit können wir schließlich nichts. Ich mag uns zusammen.

Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Mittwoch, September 09, 2026

schwerstarbeit.

Therapiestunde heute morgen. Ich stelle fest, ich bin komplett erledigt. Schon faszinierend, wie ich 50 Minuten auf einem Sofa sitzen kann - von außen betrachtet eine ausgesprochen überschaubare Tätigkeit. Reden. Zuhören. Nachdenken. Ab und zu schweigen. Und mein Körper anschließend so tut, als hätte ich einen Umzug, einen Halbmarathon und drei Familienfeiern parallel absolviert. Inklusive unmöglicher Sitzordnung. Und Diskussionen über Politik. Manchmal ist „reden“ nur die sehr freundliche Umschreibung für Schwerstarbeit im Nervensystem. Leider ohne Schrittzähler und ohne Anspruch auf Sonderurlaub. Aber war sehr gut. intensiv, aber gut. Wieder was verstanden und sortiert. 

Dienstag, September 08, 2026

marketing. .

Unser Küchentisch ist Essplatz, Schreibtisch, Ablage, Konferenzraum, Poststation und gelegentlich Ort emotionaler Grundsatzverhandlungen. Manchmal liegt dort gleichzeitig ein Schulheft, eine Rechnung, ein angebissener Apfel, ein bis drei Notebooks und diverse Kabel, dessen Funktion niemand kennt. Dazwischen essen wir.

Ich glaube, Möbelhäuser verkaufen Tische völlig falsch. Niemand braucht „Platz für sechs Personen“. Man braucht Platz für bis zu sechs Menschen und achtzehn offene Lebensvorgänge.

Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

Samstag, September 05, 2026

tgif.

Currywurst, Pommes und Wein. Cuba Libre. Ein neues französisches Kochbuch. Einfach gemeinsam am Tisch sitzen, in Ruhe vom Tag erzählen, Musik hören, ein bisschen tanzen und knutschen. Lachen. Reste teilen. Ich liebe alles daran. Der Teenie war um 20.00Uhr schon müde von der Woche und hat sich ins Bett gelegt. 

War eine sehr anstrengende und volle, aber gute Woche. 

Freitag, September 04, 2026

selbstständigkeit.

Man bringt einem Kind jahrelang bei, selbstständig zu sein. Dann macht es genau das. Unverschämt. Muss ich mich manchmal noch dran gewöhnen. 

tragfähigkeit.

Meine Eltern sind seit gestern 49 Jahren verheiratet. Das war für mich immer irgendwie das Bild. Nicht die Hochzeit. Nicht das Kleid. Nicht dieses ganze „für immer“-Gedöns. Sondern tatsächlich mit einem Menschen alt werden. Gemeinsam durch Jahrzehnte stolpern. Wissen, wie der andere morgens guckt, wo die Tassen stehen und welche Geschichten man besser nicht vor Gästen erzählt. Ich wollte genau das auch immer.

Lustigerweise wusste ich sehr lange überhaupt gar nicht, dass ich auch gern geheiratet hätte. Meine Mutter hat selbst mit 19 geheiratet und trotzdem immer gesagt: "Du musst nicht heiraten. Überleg Dir das wirklich gut!" Vielleicht habe ich deshalb lange eher gelernt, was ich nicht muss, als zu fragen, was ich eigentlich tatsächlich will. Heute weiß ich, ich brauche keine Hochzeit um der Hochzeit willen. Aber die bewusste Entscheidung füreinander, die mag ich schon sehr.

Lange dachte ich, dafür müsse ich vor allem durchhalten. Krisen aushalten. Nicht beim ersten Gegenwind die Flinte ins Korn werfen. Bleiben, wenn es unbequem wird. Und ja, meine Eltern haben durchgehalten. Aber eben nicht im Sinne von, einer trägt alles und der andere lehnt sich zurück. Sie haben beide daran gearbeitet. Immer wieder. Sich gestritten. Sich wieder zusammengerauft. Sich verändert. Sich manchmal vermutlich auch gegenseitig echt wahnsinnig gemacht. Und trotzdem immer wieder zueinander gefunden. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Eine Beziehung kann nicht von einem Menschen allein gerettet, getragen oder in die richtige Richtung geschoben werden. Irgendwann ist man dann zwar noch zu zweit, aber einer arbeitet Vollzeit an etwas, das der andere nur noch bewohnt. Hab's getestet. 

Ich möchte immer noch mit einem Menschen alt werden. Sehr sogar. Aber inzwischen weiß ich. Dafür müssen zwei Menschen wollen, dass es funktioniert und in dieselbe Richtung gehen. Nicht immer gleich schnell. Nicht immer elegant. Aber grundsätzlich beide. Sonst ist Durchhalten irgendwann nur noch ein ziemlich freundliches Wort für allein weitermachen und aushalten. Für Stillstand. Für dieses merkwürdige Festhalten an etwas, das längst nicht mehr gemeinsam getragen wird. Und irgendwann hält man dann nicht mal mehr die Beziehung zusammen. Sondern nur noch sich selbst darin fest. 

Mittwoch, September 02, 2026

abzweigung.

Heute geht die Schule wieder los. Klasse 9 - wann ist das passiert? Der Teenager verschwindet also wieder morgens mit ihrem Rucksack aus der Tür und passend dazu stolpere ich beim ersten Tee in der FAZ über die Zahl, dass inzwischen fast jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wird. 2024 waren es rund 159.000.

Natürlich liegt die Erzählung sofort griffbereit. Die Jugend von heute. Zu wenig Durchhaltevermögen. Zu hohe Erwartungen. Zu empfindlich. Früher hätte man sich eben durchgebissen. Früher hatte man allerdings auch deutlich weniger Türen, durch die man gehen konnte. Und vielleicht ist deshalb die Zahl allein gar nicht so interessant. Viel spannender finde ich die Frage, was da eigentlich abgebrochen wird. Eine Ausbildung? Eine falsche Entscheidung? Ein schlechter Betrieb? Oder manchmal einfach die Vorstellung, dass man drei Jahre irgendwo bleiben muss, weil man dort mit 16 oder 17 einmal unterschrieben hat? Knapp die Hälfte derjenigen, deren Vertrag vorzeitig endet, beginnt später eine neue Ausbildung. Häufig in einem anderen Beruf oder Betrieb. Das Wort Abbruch erzählt also längst nicht immer die ganze Geschichte. Manchmal ist es schlicht eine Kurskorrektur.

Natürlich müssen junge Menschen lernen, Frust auszuhalten. Nicht jede Kritik ist toxisch, nicht jeder schlechte Montag eine existenzielle Krise und Arbeit besteht leider nicht durchgehend aus Selbstverwirklichung, Purpose und Hafermilchkaffee. Aber Durchhalten ist eben auch keine Tugend um jeden Preis. Als Gründe für Ausbildungsabbrüche werden unter anderem Kommunikationsprobleme, Konflikte mit Ausbildern, mangelnde Ausbildungsqualität und belastende Arbeitsbedingungen genannt. Gleichzeitig beklagen Unternehmen fehlende Grundkompetenzen und Schwächen im Arbeits- und Sozialverhalten. Wahrscheinlich stimmt beides. Junge Menschen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und nicht beim ersten Gegenwind das Handtuch zu werfen. Unternehmen müssen vielleicht gleichzeitig wieder stärker verstehen, dass ein Azubi keine erstaunlich günstige Vollzeitkraft mit gelegentlicher Berufsschulunterbrechung ist. Ausbildung hat tatsächlich etwas mit Ausbilden zu tun.

Und ich sitze hier derweil mit einem Teenager in Klasse 9 und bin ziemlich gespannt, welchen Weg sie irgendwann einschlagen wird. Aktuell möchte sie im nahen Ausland studieren. Das kann sich noch ungefähr zwölfmal ändern. Sie hat ja noch ein paar Jahre. Vielleicht ist genau das auch ganz gut so. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wir überschätzen regelmäßig den Wert geradliniger Lebensläufe. Als müsse eine Entscheidung, die man mit erstaunlich wenig Lebenserfahrung trifft, anschließend möglichst widerspruchsfrei bis zur Rente verteidigt werden. Man darf falsch abbiegen. Man darf zurück. Man darf einen anderen Weg nehmen. Und manchmal ist das gar kein Scheitern. Sondern einfach Erwachsenwerden.

Dienstag, September 01, 2026

september.

Ich mag den September. Einer meiner Lieblingsmonate. Noch nicht richtig Herbst, aber der Sommer zieht sich langsam zurück. Morgens ist die Luft plötzlich kühler und klarer. Mittags schafft es die Sonne trotzdem noch, alles warm zu machen. Dieses goldene Licht, das tiefer steht und weicher wirkt als noch ein paar Wochen vorher. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Erst hier ein gelber Rand, dort ein roter Fleck. Als würde der Herbst langsam anfangen, sich einzumischen. Abends wird es früher dunkel. Die Fenster spiegeln wieder mehr. Kerzen stehen auf dem Tisch. Man nimmt automatisch eine Jacke mit und freut sich gleichzeitig noch über jeden warmen Nachmittag. Ich mag dieses Dazwischen sehr. Dieses leise Verschieben. Nichts kippt plötzlich. Es verändert sich einfach. Stück für Stück.

Der September hat für mich aber auch ein paar Daten, die nicht einfach vorbeigehen. Unter anderem Todestage. Mehr als einen. Einer davon trifft mich jedes Jahr besonders. Nicht immer gleich. Manchmal denke ich Tage vorher daran. Manchmal erst morgens. Manchmal kommt die Erinnerung ganz unspektakulär beim Espresso oder unter der Dusche und sitzt dann plötzlich mit am Tisch.

Diese Tage haben sich eingebrannt. Nicht unbedingt in allen Einzelheiten. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich getan habe. Aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat. Wie sehr es mich bis ins Mark erschüttert hat. Ich lag tagelang auf dem Fußboden im Bad und konnte mich kaum bewegen. Ich wollte dieses Gefühl nicht aushalten müssen. Ich wäre gern auch gestorben, als weiter zu spüren, wie es mich innerlich zerreißt. Ich habe es überlebt. Es ist lange her. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Ich glaube, das ist das Merkwürdige an Verlust. Das Leben verändert sich weiter. Man selbst verändert sich. Andere Menschen kommen dazu. Neue Erinnerungen entstehen. Man lacht wieder, liebt wieder, arbeitet, fährt in den Urlaub und steht irgendwann in einem Leben, das damals noch gar nicht existiert hat. Und trotzdem gibt es diese Stellen im Kalender.

Keine offenen Wunden mehr. Eher Narben, die ziemlich genau wissen, welches Datum ist und anfangen zu ziepen. Vielleicht passt auch das zum September. Die Sonne ist noch da. Die Wärme auch. Und trotzdem liegt morgens schon etwas Kühles in der Luft. Die Bäume behalten noch ihre Blätter und fangen gleichzeitig an, sie loszulassen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Und trotzdem ist noch etwas davon da.

Montag, August 31, 2026

alltagsmomente.

Ich kann erstaunlich lange irgendwo sitzen und Menschen beobachten. Gemütlich mit einem Getränk vor mir und ausreichend Abstand wird die Welt ziemlich unterhaltsam. Einer telefoniert zu laut. Zwei diskutieren darüber, wo sie eigentlich hinwollen. Jemand sucht seit zehn Minuten etwas in einer Tasche, in der vermutlich auch ein mittelgroßer Hund Platz hätte.

Ich weiß nichts über diese Menschen. Das hindert mich zuverlässig nicht daran, mir innerhalb kürzester Zeit eine vollständige Geschichte zu bauen. Wer zusammengehört. Wer genervt ist. Wer gleich streitet. Wer immer zu spät kommt. Wer Snacks dabeihat. Wer offensichtlich die Reiseleitung übernommen hat, obwohl er das gar nicht wollte. Ich mag diese Position. Nicht mittendrin. Nicht zuständig. Einfach nur gucken. Zwischendurch noch einen Schluck.

Menschen sind wirklich interessant. 

Sonntag, August 30, 2026

aufrufe.

In den vergangenen 3Monaten hatte der Blog ca. 94.000Aufrufe. Fast wie in alten Zeiten. Ähm schön, dass ihr da seid.

Donnerstag, August 27, 2026

Mittwoch, August 26, 2026

rauschen.

Unglaublich wilden Mist geträumt. Brauchte heute Morgen erstmal zwei Stunden, um das ansatzweise zu verarbeiten und saß ab 07.30 Uhr am Rechner. Der Mann fand es anscheinend ein bisschen witzig und hatte direkt eine absurde Idee dazu. Passend dazu meldete sich heute ausgerechnet jemand, der erstaunlich gut in das Konzept des Mannes gepasst hätte. Als könnten die das riechen. Schräg.

Nächsten Monat jährt sich ein Todestag. Heute ist mir wieder eingefallen, dass ich damals kurz vorher diesen einen Traum hatte, in dem er gestorben ist. Ich hatte das völlig vergessen. Komisch, was der Kopf irgendwo verstaut und Jahre später plötzlich wieder auf den Tisch legt. Ich habe mich danach sehr lange schuldig gefühlt. Rückblickend natürlich völlig irrational. Damals hat es sich trotzdem echt angefühlt. Fast so, als hätte ich etwas wissen müssen. Als hätte ich irgendwo nicht gut genug aufgepasst. Vielleicht sitzt genau da ein Teil von meinem Reflex, die Schuld grundsätzlich erstmal bei mir zu suchen. Zu überlegen, was ich falsch gemacht habe. Und Dinge unbedingt reparieren zu wollen, auch wenn sie längst passiert sind, nicht meine Baustelle sind oder sich schlicht nicht reparieren lassen.

Danach vier Stunden beim Kunden im Meeting gewesen. Falls sich jemand fragt, wie viel ein einzelner Mensch mit sehr viel Hybris und erstaunlich wenig innerem Stoppschild sprechen kann - erstaunlich viel. Alter Schwede, der Kollege meinte hinterher nur, er müsse sich jetzt erstmal eine Flasche Wein aufmachen. Und ehrlich, ich hab’s gefühlt. Irgendwann ist das kein Gespräch mehr. Eher so ein diffuses Rauschen im Ohr, wo einem die Ohren bluten. Ich hatte danach 20 Seiten Transkript. Nur vom Redeanteil des GF. Habe daraus inzwischen ein acht Seiten Briefing gemacht.

Manche Tage sind wirklich erstaunlich voll mit Dingen. Reicht dann auch mit Themen, Menschen und Material für heute.

Dienstag, August 25, 2026

Montag, August 24, 2026

ruhe.

Heute Morgen war einer dieser Momente, in denen die Welt um 4.30 Uhr kurz zu viel war. Schlecht geträumt, zu viel Verantwortung, panisch hochgeschreckt. Ich habe meinen eigenen Herzschlag und Puls gehört. Erst versucht, mich selbst zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg. Mich schließlich überwunden, den Mann geweckt und gebeten, mich fest in den Arm zu nehmen. Hat er augenblicklich gemacht. Er gibt die weltbesten Umarmungen. So fest, dass für einen Moment nichts dazwischen passt und die Welt plötzlich ein bisschen leiser wird. Einer meiner sichersten Orte, abends Arm in Arm im Bett liegen und für einen Moment nichts tragen müssen. Egal wie gut oder schlecht der Tag war. Das ist fast immer mit einer der besten Momente. Ich mag die Ruhe darin. Mir gibt das Kraft. 

rückkehr.

Erster richtiger Arbeitstag nach dem Urlaub. Laptop an. Hirn langsam hochfahren. Passwort beim ersten Versuch falsch. Postfach auf. Direkt wieder zu. Zwei Wochen lang Meer, Bücher, Kochen, Essen, langsamer Kopf. Mal kein "müssen". Dann wieder Zuhause und innerhalb von 20 Minuten zwei Maschinen Wäsche, 47 Mails und die Frage, warum Erholung so schlecht lagerfähig ist.

Schön, wie viele Dinge während meiner Abwesenheit offenbar ganz hervorragend ohne mich weitergelaufen sind. Andere Themen dagegen haben die Zeit genutzt, sich zu vermehren. Aus einer offenen Frage sind drei geworden. Aus einem kleinen Abstimmungsbedarf ein Termin mit sechs Personen. Auch schön. Nach ungefähr zwei Stunden bin ich wieder drin. Ich sage Dinge wie „nächste Schritte“, „Entscheidungsbedarf“ und „wir müssen das sauber aufsetzen“. Mein Körper sitzt im Homeoffice. Mein Kopf hängt noch irgendwo zwischen Buch, Weinglas und Meer. Wird schon. Der Kalender ist jedenfalls wieder vollständig einsatzbereit.

Sonntag, August 23, 2026

15.

Die Untermieterin bastelt ihre Geburtstagseinladungen für ihren 15. Sie will nur ihre engsten Mädels einladen. Sie hat bereits ein Pinterest-Board fürs Buffet, unter anderem mit blutigem Popcorn.

Diesjähriges Motto: „A Party to die for.“
Ich liebe alles dran.

Samstag, August 22, 2026

lesefluss.

Das Buch "Never lie" von Freida McFadden. Ich hatte Gänsehaut. Richtige. Das Buch durfte deshalb sofort in die sehr kleine Kategorie „Menschen müssen davon erfahren“. Es ist irre, wie selten es geworden ist, dass man wirklich komplett in einer Geschichte verschwindet und der Plottwist so überrascht. Meine Empfehlung!

Freitag, August 21, 2026

ortswechsel.

Zuhause brauche ich für einen klaren Gedanken Ruhe, Zeit und ideale Bedingungen. Hier reicht offenbar ein gutes Getränk und zehn Minuten aufs Wasser starren. Unverschämt. Plötzlich sortieren sich Dinge, für die ich zuhause manchmal mindestens drei Anläufe, einen Spaziergang und einen vollkommen unnötigen Blick aufs Handy brauche. Vielleicht liegt es am Abstand. Vielleicht am meditativen Wasser. Vielleicht daran, dass gerade nicht alles gleichzeitig etwas von mir will. 

Kann ich das bitte einpacken und mitnehmen? Am besten zusammen mit dem Meer.

Donnerstag, August 20, 2026

fotomaterial.

Siebenundzwanzig Bilder vom Meer. Drölf vom Himmel. Dreiundneunzig von Essen. Eins vom Mann, auf dem er vermutlich sagt, dass ich jetzt wirklich genug Fotos gemacht habe. Ich dokumentiere Erholung sehr sorgfältig.

Mittwoch, August 19, 2026

hygge.

Draußen regnet es. So ein gleichmäßiger Regen, der nicht nervt. Eher dieses leise Trommeln auf Dach, Holzterrasse, die Tische und irgendetwas Metallischem draußen, das alle paar Sekunden anders klingt. Mal dumpf. Mal heller. Dazwischen das Rauschen in den Bäumen. Die Luft ist kühl und riecht nach nassem Boden. Ein bisschen nach Gras. Ein bisschen nach Holz. Ein bisschen nach Sommer, der heute offenbar keine Lust hat, sich besonders anzustrengen. Der Himmel ist diesig und wolkenverhangen, alles draußen wirkt ein bisschen weicher. Gedämpfter. Als hätte jemand die Lautstärke runtergedreht.

Drinnen stehen Kerzen auf dem Tisch. Das Licht flackert auf den Gläsern und macht aus einem ganz normalen Nachmittag im August plötzlich ziemlich viel Hygge. Wir sitzen hier am großen Esstisch. Gemütlich. Ohne Programm. Heute kein Ausflug. Kein Plan. Kein „wir könnten noch“. Kein Gefühl, irgendetwas aus diesem Tag herausholen zu müssen. Einfach Regen am Fenster und zwischendurch ein paar Sätze. Ich schreibe ein bisschen. Jeder macht seins. Manchmal reden wir. Manchmal nicht. Ab und zu gibts einen Kuss oder eine Umarmung. Einer holt sich noch einen Keks oder einen Rest Bolognese von gestern. Jemand zieht die Beine unter sich. Der Teenie bemalt ihre Hände künstlerisch. Draußen tropft es weiter von den Kanten und drinnen muss gerade nichts passieren.

Ich mag solche Tage zwischendurch ganz gern. Tage, die einem die Entscheidung abnehmen, ob man noch etwas unternehmen sollte. Bei Regen ist die Lage klar. Drinnen bleiben. Kerzen an. Vielleicht später schon ein Bier oder ein Glas Wein. Reicht.

Dienstag, August 18, 2026

urlaubsgarderobe.

Ich habe für mindestens sieben verschiedene Frauen gepackt. Angekommen ist offenbar nur eine.

Mittwoch, August 12, 2026

ferienpersönlichkeit.

Im Urlaub werde ich zuverlässig zu einer Version von mir, die morgens Sport macht, Yoga übt, viel liest, viel schreibt, weniger online ist und auch noch deutlich bewusster atmet. Diese Frau wird jedes Jahr sorgfältig mit eingeplant. Aktuell ist sie sogar da. Ich mache morgens zuverlässig mein schweißtreibendes HIT-Workout und Yoga auf der Terrasse. Sehr konsequent. So konsequent, dass ich inzwischen Muskelkater an Stellen habe, von deren Existenz ich vorher nur theoretisch wusste. Heute hatte ich schon kurz ernsthafte Schwierigkeiten, aus dem Auto auszusteigen. Es läuft also wirklich hervorragend.

Dafür habe ich schon ein Buch gelesen. Ganz. Nicht nur drei Seiten und anschließend aufs Meer geschaut. Ein richtiges Buch. Auf Englisch. Und es war so gut, dass ich beim Plottwist übel Gänsehaut hatte. Das zählt für mich inzwischen als Hochleistung. Die digitale Reduktion klappt ebenfalls ganz gut. Das Schreiben besser. Das Atmen meistens auch. Nur beim Aufstehen sollte gerade niemand zugucken. Ferienpersönlichkeit eben. Sehr motiviert. Lediglich leicht eingeschränkt in der Beweglichkeit. Ausserdem haben wir schon gut Farbe bekommen. Könnte schlimmer sein.

Dienstag, August 11, 2026

materialprüfung.

In meiner Küche steht ein Stuhl, der seit Wochen immer mal wieder ein Geräusch macht. Kein richtig dramatisches. Er bricht nicht zusammen. Er wirft niemanden ab. Er wackelt nicht einmal richtig. Er knarzt nur manchmal, wenn ich mich bewege. Nicht immer. Nur oft genug, dass ich angefangen habe, darauf zu warten. Besuch bemerkt es kaum. Andere setzen sich hin, trinken ihren Kaffee und stehen später wieder auf. Für sie ist es ein völlig normaler Stuhl. Vier Beine. Eine Lehne. Man kann sehr gut darauf sitzen. Insgesamt ein recht überzeugendes Konzept.

Ich hingegen kenne inzwischen jede Nuance. Das kurze Knacken beim Hinsetzen. Das längere Knarzen, wenn ich mich zur Seite lehne. Dieses eine Geräusch, das entsteht, wenn ich aufstehe und gedanklich längst woanders bin. Ich höre Unterschiede, die möglicherweise gar keine sind. Eine Zeit lang dachte ich, ich müsste nur herausfinden, was ich falsch mache. Vielleicht setzte ich mich zu schwer. Zu schief. Zu plötzlich. Vielleicht verteilte ich mein Gewicht ungünstig. Das klingt lächerlich, ich weiß. War aber erstaunlich überzeugend.

Ich begann, vorsichtiger Platz zu nehmen. Langsamer. Kontrollierter. Ich achtete darauf, wie ich mich bewegte, wie ich mich anlehnte, wie ich wieder aufstand. Als ließe sich Ruhe herstellen, wenn ich nur genau genug herausfand, welche meiner Bewegungen sie störte. Der Stuhl knarzte trotzdem. Also wurde ich noch aufmerksamer. Menschen sind erstaunlich erfinderisch, wenn sie die Ursache zuerst bei sich suchen. Man findet immer noch eine Bewegung, die man hätte anders machen können. Einen Moment, in dem man zu schnell war. Zu unbedacht. Zu schwer auf einer Seite.

Und irgendwann saß ich nicht mehr einfach auf dem Stuhl. Ich beobachtete mich beim Sitzen. Ich wartete auf das Knarzen. Und wenn es kam, dachte ich nicht: "Mit diesem Stuhl stimmt etwas nicht". Ich dachte: "Natürlich." Schon wieder falsch bewegt. Aus einem Geräusch wurde eine kleine Beweisführung. Nicht gegen den Stuhl. Eher für meine Überzeugung, dass ich nur aufmerksam genug sein müsste, um alles erklären und irgendwann auch verhindern zu können. Das ist das Praktische an kleinen Störungen. Wenn man lange genug über sie nachdenkt, werden sie problemlos zur persönlichen Zuständigkeit. Man braucht dafür nur etwas Müdigkeit, ein wenig Fantasie und die feste Überzeugung, man hätte es besser machen können.

Neulich saß ich mit einer Tasse Espresso darauf. Es war ein langer Tag gewesen, und ich hatte keine Kraft mehr, besonders richtig zu sitzen. Also ließ ich mich etwas schief auf die Sitzfläche sinken. Der Stuhl knarzte. Sofort war dieser bekannte Gedanke da. Nicht einmal als richtiger Satz. Eher als fertige Reaktion. Siehst du. Dann blieb ich sitzen. Der Kaffee war noch zu heiß, und irgendwann legte ich beide Hände auf die Sitzfläche und prüfte, ob etwas wackelte. Nichts. Ich sah mir die Beine an. Fest. Den Boden darunter. Eben. Der Stuhl stand genauso sicher da wie vorher. Er hatte nur ein Geräusch gemacht. Das war alles. Kein Hinweis darauf, dass etwas nicht mehr trug. Kein Beweis dafür, dass ich falsch saß. Nicht einmal eine Aufforderung, mich sofort anders hinzusetzen.

Holz arbeitet. Gewicht verlagert sich. Dinge, die regelmäßig benutzt werden, bleiben nicht vollkommen lautlos. Wochenlang hatte ich versucht, aus jedem Knarzen eine Ursache zu machen. Meistens mich. Dabei hatte ich übersehen, dass ein Geräusch nicht dasselbe ist wie Instabilität. Ich mache das öfter. Ich bemerke eine Spannung und frage zuerst, was ich übersehen habe. Ich werde vorsichtiger. Leiser. Kontrollierter. Als könnte ich verhindern, dass etwas knarzt, wenn ich mich nur geschickt genug bewege. Dabei muss nicht jede Irritation behoben werden. Nicht jeder Moment braucht sofort eine Erklärung. Und nicht alles, was sich kurz unsicher anfühlt, ist tatsächlich unsicher.

Der Stuhl steht noch immer an derselben Stelle. Fest auf vier Beinen. Er trägt. Manchmal macht er ein Geräusch. Und vielleicht besteht Stabilität nicht darin, dass niemals etwas knarzt. Sondern darin, nicht bei jedem Geräusch sofort aufzuspringen.

Freitag, August 07, 2026

abwesenheit.

Meine Abwesenheitsnotiz ist aktiviert. Ich selbst arbeite noch daran.
Habt die beste Zeit! 

Donnerstag, August 06, 2026

ruhe.

Ich möchte im Urlaub viel schreiben. Nicht für einen Termin. Nicht für einen Kunden. Nicht mit dem Ziel, dass am Ende jemand „nächste Schritte“ daruntersetzt. Einfach schreiben. Für mich. Gedanken aufschreiben, bevor sie sich wieder ordentlich anziehen und so tun, als wären sie gar nicht da gewesen. Sätze anfangen, ohne schon zu wissen, wo sie hinwollen. Dinge stehen lassen, die nicht sofort nützlich sind.

Und ich möchte gern viel lesen. Nicht, weil ich mir damit ein besonders ambitioniertes Ferienprogramm verordnet habe. Sondern weil Lesen meinen Kopf auf eine andere Weise ruhig bekommt. Weil gute Sätze etwas in Bewegung bringen, ohne sofort etwas von mir zu wollen. Also müssen Bücher mit. Mehrere. Eins für den Kopf. Eins fürs Herz. Eins, das leicht ist, aber nicht dumm. Eins, das klug ist, aber nicht ultraanstrengend. Und mindestens eins für den Fall, dass ich im Urlaub plötzlich ein anderer Mensch werde.

Realistisch werde ich abends wahrscheinlich drei Seiten lesen, meditativ aufs Meer schauen und anschließend in mein Journal schreiben, dass ich mehr lesen möchte. Das klingt sehr frei. Vermutlich werde ich auch zuerst eine Liste machen. Man soll den Übergang schließlich nicht unnötig brutal gestalten.

Mittwoch, August 05, 2026

reststrecke.

Offiziell habe ich seit heute Urlaub. Inoffiziell kann ich mir das in die Haare schmieren. Alles wie immer. Und jeden Sommer versuche ich, entspannter in den Urlaub zu starten. Bis dahin liegen noch mehrere volle Arbeitstage, offene Aufgaben, nicht beantwortete Mails und diese besondere Form von Kleinkram vor mir, die jeweils nur zehn Minuten dauert und am Ende zuverlässig mindestens zwei ganze Tage frisst. Gedanklich bin ich deshalb noch nicht am Meer. Ich bin bei Präsentationen. Rückfragen. To-do-Listen. Dingen, die unbedingt noch vorher erledigt werden müssen, obwohl sie letzten Donnerstag noch vollkommen entspannt bis nach dem Urlaub hätten warten können.

Urlaubsvorfreude setzt bei mir erst ein, wenn keine Aufgabe mehr versucht, sich unauffällig ins Handgepäck zu schummeln. Ich möchte viel lieber in Ruhe Bücher auswählen, die ich lesen möchte. Schreiben. Weniger online sein. Den Kopf leiser bekommen. Stattdessen überlege ich gerade, welche Dateien ich noch verschicken muss und ob ich für die Calls am Meer ein halbwegs seriöses Oberteil brauche. Meine sehr konsequente digitale Reduktion läuft hervorragend. Ich gehe davon aus, dass ich im Auto irgendwann merke, dass wir wirklich fahren. Bis dahin arbeite ich mich in Richtung Urlaub. Meterweise.

Dienstag, August 04, 2026

betriebszustand.

Ich kann strategische Zielbilder entwickeln. Einen leeren Joghurtbecher im Kühlschrank kann ich trotzdem nicht erklären. Wird Zeit für Urlaub und eine Pause.

Sonntag, August 02, 2026

blockade.

Manche Einkaufswagen haben ein Rad, das nach links zieht. Am Anfang hält man dagegen. Unauffällig. Ein bisschen mehr Druck am Griff, ein bisschen mehr Konzentration. Wird schon gehen. Nach drei Gängen sind die Regale zu eng, die anderen Menschen zu langsam und der Boden vermutlich falsch verlegt. Nur an dem kleinen blockierten Rad kann es nicht liegen. Das wäre schließlich etwas, worum man sich kümmern müsste.

Plötzlich geraten Dinge ins Rutschen, die mit dem ursprünglichen Problem nichts zu tun hatten. Die Milch kippt um. Die Tomaten bekommen Druckstellen. Jemand wird angefahren und soll sich bitte nicht so anstellen. Währenddessen hält sich der Fahrer weiterhin für den Einzigen, der hier noch Ordnung in den Laden bringt. Es ist nur anstrengend für alle, die zufällig mit im Gang stehen.

Ich kann solchen Wagen ausweichen. Tue ich aber nicht immer. Weil noch jemand mitfährt, der für das blockierte Rad nichts kann. Also passe ich auf, dass die Eier nie ganz unten liegen. Ich kann Dinge auffangen, bevor sie herunterfallen. Eine praktische Begabung. Mehr nicht. Diese Fähigkeiten verpflichten mich allerdings nicht dazu, den Wagen bis zur Kasse zu schieben. Manche Räder ziehen nach links. Und manche Menschen finden den Supermarkt schief.

Samstag, August 01, 2026

absicht.

Die beiden Händler

In einer kleinen Stadt lebten zwei Händler. Der eine verkaufte Lügen. Große, glänzende Lügen, sorgfältig verpackt und mit bunten Schleifen versehen. Jeder erkannte sie, sobald er die Verpackung öffnete. Die Menschen waren empört, warnten einander und mieden seinen Laden. Der andere Händler verkaufte Unwahrheiten. Sie waren kleiner und unauffälliger. Er nahm ein Stück Wahrheit, schnitt das Unbequeme heraus und füllte die entstandene Lücke mit Schweigen. Danach sah alles beinahe echt aus.

„Ich habe doch nichts Falsches gesagt“, erklärte er, wenn jemand misstrauisch wurde. Und tatsächlich: Seine Worte waren selten vollkommen gelogen. Es fehlte nur immer genau der Teil, der ihre Bedeutung verändert hätte. Die Menschen vertrauten ihm lange. Denn eine offene Lüge macht Lärm. Eine Unwahrheit dagegen spricht leise. Sie lässt Tatsachen weg, verschiebt Zusammenhänge und erzählt nur so viel, wie nötig ist, um glaubwürdig zu bleiben.

Eines Tages kaufte eine Frau bei beiden Händlern. Die Lüge des ersten erkannte sie sofort und gab sie zurück. Die Unwahrheit des zweiten nahm sie mit nach Hause. Erst viel später bemerkte sie, dass etwas fehlte. Nicht irgendein Detail, sondern genau die Wahrheit, die sie gebraucht hätte, um selbst entscheiden zu können.

Da verstand sie. Eine Lüge täuscht mit dem, was sie sagt. Eine Unwahrheit täuscht mit dem, was sie verschweigt. Und der entscheidende Unterschied liegt nicht nur in den Worten, sondern in der Absicht.

Freitag, Juli 31, 2026

genug.

Ich bin so unendlich müde von diesem Tag. Und ehrlich gesagt auch von dieser Woche. Nicht auf diese angenehme Art, bei der man sich ins Bett legt und sofort einschläft. Eher so müde, dass im Kopf noch sämtliche Gespräche, Entscheidungen und unerledigten Themen durcheinander laufen, während der Körper längst Feierabend beantragt hat. Mein Kopf explodiert seit Tagen. Gerade einfach zusammen auf dem Balkon gesessen. Nichts Besonderes. Kein großes Gespräch. Kein sorgfältig geplanter Abend. Wir haben uns von unserem Tag erzählt. Wer was gesagt hat. Was genervt hat. Was funktioniert hat. Dann einfach Schweigen. Dieses gute Schweigen, bei dem niemand sofort glaubt, etwas reparieren zu müssen. Und plötzlich wurde der Tag für einen Moment leiser. Nicht besser. Nicht ungeschehen. Morgen warten dieselben Themen schon wieder auf mich. Aber für einen Moment musste ich mal nichts entscheiden, nichts halten und niemandem erklären, wie es jetzt weitergeht. Ich konnte einfach dasitzen und erzählen. Und jemand hörte zu und nickte. Nähe ist gar kein großes Ereignis. Manchmal ist sie nur ein Platz neben jemandem, an dem man den Tag ablegen darf. Der einen in den Arm nimmt, festhält und küsst. Nicht mehr. Aber heute ist genau das genug. 

Mittwoch, Juli 29, 2026

durchsage.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

aufgrund erhöhter Auslastung entfallen heute Freundlichkeit, Geduld und spontane Zusatzleistungen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Oder wenigstens um Ruhe.

Danke. 
Frau Eiskalt. 

Dienstag, Juli 28, 2026

entscheidungsvorlage.

Ich habe in meinem Leben sehr viele Entscheidungsvorlagen gesehen. Einige davon enthielten sogar Entscheidungen. Die meisten beginnen mit einer Titelfolie, auf der das Wort Entscheidung erstaunlich selbstbewusst steht. Danach folgen Ausgangslage, Zielbild, Marktumfeld, strategische Einordnung, relevante Entwicklungen, Chancen, Risiken, Annahmen, Abhängigkeiten und ein Anhang, der vorsorglich schon einmal alles enthält, was später niemand gelesen haben will. Auf Seite 17 taucht zum ersten Mal die eigentliche Frage auf. Etwas klein. Rechts unten. Zwischen zwei Kästen. Bis dahin wurde sehr gründlich erklärt, warum das Thema wichtig ist. Alle nicken. Wichtig ist immer gut. Wichtig klingt nach Führung, ohne dass bereits jemand etwas führen müsste.

Dann kommen die Optionen. Option A ist teuer. Option B ist langsam. Option C ist strategisch nicht ganz sauber. Option D wurde nur aufgenommen, damit Option B vernünftig aussieht. Zu jeder Option gibt es Punkte, Ampelfarben und Symbole, die objektiv wirken sollen. Grün bedeutet gut. Rot bedeutet schlecht. Gelb bedeutet: Man möchte sich später nicht vorwerfen lassen, etwas übersehen zu haben. Am Ende gewinnt überraschend genau die Option, die vorher schon alle wollten. Sie wird trotzdem nicht Empfehlung genannt. Das wäre zu eindeutig. Stattdessen heißt es: „Aus heutiger Sicht präferierte Stoßrichtung unter Berücksichtigung der derzeit bekannten Rahmenbedingungen.“ Man muss aufpassen mit Sprache. Ein klarer Satz kann später noch gegen einen verwendet werden.

Ich sitze dann da, blättere auf Seite 38 und frage mich, ob ich zwischendurch versehentlich die Handlung verpasst habe. Irgendjemand möchte noch einen Satz zur Governance ergänzen. Jemand anderes bittet um eine Sensitivität. Ein Dritter weist darauf hin, dass die operative Perspektive stärker berücksichtigt werden müsse. Einer sagt: „Wir müssen das noch einmal ganzheitlich betrachten“, und alle tun für einen kurzen Moment so, als sei das eine Information. Das SteerCo-Meeting endet mit dem Ergebnis, dass die Entscheidungsvorlage überarbeitet wird. Das ist nicht dasselbe wie keine Entscheidung. Es ist professioneller.

Was mich daran inzwischen manchmal wirklich wütend macht, ist nicht die Sorgfalt. Auch nicht die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Perspektiven haben oder Risiken sauber abwägen wollen. Das gehört dazu. Mich kotzt diese organisierte Ablehnung von Verantwortung an. Dieses ständige Verschieben. Noch eine Schleife. Noch ein Gremium. Noch eine Rückfrage. Noch jemand, der bitte bestätigen soll, dass man im Nachhinein nicht allein verantwortlich gewesen sein wird. Am besten entscheidet am Ende der Prozess. Oder die Governance. Oder die Datenlage. Hauptsache, niemand muss später sagen: Ich habe das entschieden.

Natürlich sind gute Entscheidungen selten einfach. Man braucht Zahlen. Abhängigkeiten. Konsequenzen. Alternativen. Risiken. Man sollte verstehen, was man auslöst, bevor man es auslöst. Aber irgendwann ist eine weitere Folie keine zusätzliche Erkenntnis mehr. Sie ist nur noch eine sehr aufwendig gestaltete Form von Nervosität. Entscheidungen haben nämlich diese unangenehme Eigenschaft, Entscheidungen zu bleiben, auch wenn man sie in vierzig Seiten Kontext einwickelt. Am Ende muss jemand sagen: Das machen wir. Das machen wir nicht. Dieses Risiko tragen wir. Dieses nicht. Und ja, vielleicht stellt sich später heraus, dass es nicht die beste Entscheidung war. Das ist möglich. Verantwortung bedeutet nicht, immer recht zu haben. Verantwortung bedeutet, sich nicht hinter der Möglichkeit des Irrtums zu verstecken.

Dafür gibt es keinen SmartArt-Prozess. Keine Ampel. Keine Fußnote. Nur jemanden, der den Satz zu Ende bringt. Vielleicht ist eine gute Entscheidungsvorlage deshalb nicht die, die alle Fragen beantwortet. Sondern die, die endlich klar genug ist, damit niemand mehr so tun kann, als sei noch unklar, wer entscheiden muss. Manchmal reichen dafür genau drei Seiten. Eine für die Frage. Eine für die Folgen. Und eine, auf der später trotzdem noch jemand kommentiert: „Bitte ergänzen!“