Sonntag, September 27, 2026

nebensache.

Als Kind dachte ich oft, die schönen Dinge müssten groß sein. Reisen. Events. Besonderer Abend. Irgendwas mit Plan. Heute freue ich mich über ein Glas Wein, Sonne im Gesicht, einen guten Satz, einen vollen Tisch, jemanden neben mir und den Moment, in dem gerade nichts dringend ist. Keine große Erkenntnis. Nur praktisch.

Samstag, September 26, 2026

samstagskompetenz.

Ich habe inzwischen eine erstaunlich hohe Kompetenz darin entwickelt, einen freien Tag nicht komplett durchzutakten und trotzdem nicht einfach nur auf dem Sofa zu sitzen. Heute also ein bisschen in die Stadt. Einkaufen. Dinge erledigen, die unter der Woche erstaunlich zuverlässig liegen bleiben. Vermutlich irgendwo noch kurz stehen bleiben, obwohl ich eigentlich „nur schnell“ etwas holen wollte. Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht, man müsse aus einem freien Tag mehr machen. Frühstück irgendwo. Markt. Stadt. Später essen gehen. Hauptsache Programm.

Heute reicht mir dieses Dazwischen ziemlich gut. Ein bisschen unterwegs. Ein bisschen Alltag. Kein großes Event. Kein Gefühl, aus dem Tag noch irgendetwas Besonderes herauspressen zu müssen. Und dann noch ein bisschen Deko basteln für die "Party to die for" fürs Kind. Ich habe Farb-Spraydosen, Federn und Perlen. Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass aus „ein bisschen Deko“ im Laufe des Tages ein leicht eskalierendes Kreativprojekt wird. Später ein Glas Wein im Kiez. Mit Begleitung. Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist aber genau die Art Samstag, die ich inzwischen sehr mag. Nicht nichts. Nur angenehm viel.

Freitag, September 25, 2026

schutzlücke.

K.-o.-Tropfen ins Getränk. Ein Mensch wird betäubt, verliert Kontrolle, wird wehrlos gemacht. Und genau dieser Zustand wird anschließend für eine Vergewaltigung ausgenutzt.

Und im deutschen Strafrecht war bislang ausgerechnet die Frage relevant, ob diese Substanz ein „gefährliches Werkzeug“ ist. Der BGH verneinte das 2024 für über Getränke verabreichte narkotisierende Substanzen. Deshalb griff der Qualifikationstatbestand mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren nicht automatisch. Solche Fälle konnten unter einen Tatbestand mit mindestens drei Jahren fallen. Die Bundesregierung will diese Lücke nun schließen und ausdrücklich auch gefährliche „Mittel“ erfassen. Der Gesetzentwurf wurde am 23. September 2026 erstmals im Bundestag beraten. Gut.

Und gleichzeitig denke ich: "2026. Ernsthaft? WTF?" Denn über fünf Jahre kann man ohnehin diskutieren. Eine Haftstrafe ist irgendwann abgesessen. Die Folgen einer solchen Tat interessieren sich dafür eher wenig. Albträume haben keinen Entlassungstermin. Panikattacken keine Verjährungslogik. Schutzmechanismen verschwinden nicht, weil irgendwo fünf Jahre vergangen sind. Angst hält sich ebenfalls eher ungern an Strafrahmen. Menschen lernen damit zu leben. Manche ziemlich gut. Das bedeutet nur leider nicht, dass es weg ist.

Dass der Staat nun endlich ausdrücklich erfassen will, dass es für die Schwere einer solchen Tat keinen entscheidenden Unterschied macht, ob jemand einen gefährlichen Gegenstand benutzt oder einem Menschen heimlich die Fähigkeit nimmt, sich überhaupt noch wehren zu können, ist richtig. Dass dafür im Jahr 2026 noch eine Gesetzesänderung notwendig ist, finde ich weniger bemerkenswert als schlicht beschämend.

Und irgendwann bleibt die grundsätzlichere Frage. Wann schaffen wir es eigentlich, Frauen besser zu schützen, bevor wieder eine Gesetzeslücke geschlossen werden muss, deren Folgen andere längst getragen haben? Denn nach der Tat zu erklären, wie ernst wir Gewalt nehmen, ist vergleichsweise einfach. Vorher wäre interessanter. Und entscheidend. Wir diskutieren bei sexualisierter Gewalt sehr schnell über Täter, Strafrahmen, Beweise und Verurteilungen. Alles notwendig. Aber erstaunlich selten steht genauso lange die andere Frage im Mittelpunkt: "Was braucht der Mensch, dem das angetan wurde?"

Ich mag schon das Wort „Opfer“ nicht. Es macht aus einem Menschen schnell einen Zustand. Dabei muss dieser Mensch anschließend weiterleben. Arbeiten. Beziehungen führen. Schlafen. Vertrauen. Nähe zulassen. Vielleicht Therapie machen. Und irgendwie einen Körper davon überzeugen, dass heute nicht mehr damals ist. Und noch immer müssen Betroffene viel zu häufig erklären, warum sie sich so oder so verhalten haben. Warum sie geblieben sind. Warum sie gegangen sind. Warum sie nicht sofort angezeigt haben. Warum sie sich an etwas erinnern und an anderes nicht. Dabei sind sie diejenigen, denen etwas angetan wurde. Vielleicht wäre das tatsächlich mal ein guter Ausgangspunkt für Opferschutz.

Mittwoch, September 23, 2026

weiter.

An einem usseligen Herbsttag sind wir uns das erste Mal begegnet. Zufällig. Er, ein Kerl, der weder aalglatt noch geleckt wirkte, sondern irgendwie genau richtig. Etwas über 1,80 m. Schlank. Schlanke Muskeln an den Stellen, an denen sie Sinn machen. Brünett. Ein Gesicht, das nicht perfekt war. Aber ein Typ, ein richtiger Typ. Mit Ecken und Kanten. Einer, der einen Raum nicht betreten musste, um ihn zu füllen. Es reichte, wenn er da war. Er sprach mit leicht schwäbischem Dialekt. Nicht aufgesetzt. Nicht bemüht. So wie alles an ihm, selbstverständlich. Ich mochte sein Lächeln. Sein Lächeln war gefährlich. Nicht, weil es makellos war, sondern weil es ehrlich und verschmitzt war. Und weil er genau wusste, was es mit einem macht. Er war selbstbewusst. Nicht laut. Nicht übergriffig. Eher diese ruhige Sorte Mann, die nichts beweisen muss. Und genau deshalb alles kann. Er war sich seiner Wirkung absolut bewusst und ging entspannt damit um.

Auf dem Wasen kaufte er mir ungefragt ein Ticket für ein Fahrgeschäft, das ich hasste. Ich hätte nein sagen können. Tat ich nicht. Ich überlegte stattdessen kurz, was ich im Worst Case erbrechen könnte, wenn's zu wild wird. Drückte ihm lässig lächelnd meine Brille in die Hand, obwohl ich fast gestorben wäre und sprang über meinen Schatten. Er war beeindruckt und küsste mich danach. Frech. Direkt. So, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Er nannte mich meist „Kleines“ und ausnahmsweise klang es nicht falsch. Wir kochten oft stundenlang zusammen und zauberten die tollsten Gerichte. Er zeigte mir wie ich die Messer richtig halte. Einmal schnitt er sich aus Versehen ein Stück Fingerkuppe ab, weil er mich anguckte statt das Gemüse auf seinem Brett, das ging so schnell und war so blutig. Ich habs auf dem Badewannenrand verarztet und steril verbunden. Er schummelte mir Speck ins Essen, um zu testen, ob ich es merke und vielleicht doch mag. Ich hab's gemerkt und aussortiert. Wir lagen gern auf dem Sofa, unsere Finger ineinander verhakt, mein Kopf auf seiner Brust. Ich liebte sein Drachentattoo und die Symbolik, die es für ihn hatte. Ich habe es oft mit den Fingern nachgezeichnet. Er zog genüsslich an seiner Zigarette. Langsam. Fast zelebrierend. Und schaffte es trotzdem, nie danach zu riechen. Bis heute unverständlich. Er fuhr einen alten roten Alfa Romeo. Natürlich tat er das und natürlich ließ er mich fahren. Mit diesem Blick, der sagte: "Ich weiß genau, was ich Dir damit gebe."

Es war eine On-Off Geschichte. Er zog irgendwann in meine Stadt und ließ sich dorthin versetzen, ohne dass ich es wusste. Er rief eines Dienstags an und sagte, dass er mir etwas zeigen möchte. Ich war völlig sprachlos als ich ein paar Stunden später durch seine Wohnung ging und er meinte, er sei jetzt hier und würde nicht mehr gehen. Eine tolle Altbauwohnung mit abgezogenen Berliner Dielen. Einmal sagte er zu mir: „Du bist das offenste und gleichzeitig verschlossenste Buch, das ich kenne.“ Er hatte recht und ich wusste es. Er hat mich auch hinter meinen eigenen Mauern gesehen und sich nicht abschrecken lassen. Als ich nach zwei Jahren das erste Mal das "Liebe Dich." erwiderte, war es kein großer Moment. Keine Musik im Hintergrund. Einfach ein leiser Satz. Er drückte meine Hand, küsste mich auf die Stirn und lächelte.

Kurze Zeit später war er tot. Aus dem Leben gerissen. Von jetzt auf gleich. All unsere Pläne mit einem Mal hinfällig. Und alles, was von ihm blieb, war dieses Gefühl, dass manche Menschen nicht lange bleiben, aber etwas von ihnen trotzdem für immer bleibt. Manchmal frage ich mich, was er heute zu mir sagen würde, wenn er auf mein Leben schaut. Ob er mich wiedererkennen würde in all dem Leben, was inzwischen dazugekommen ist. In den Umwegen, Katastrophen, guten Entscheidungen und Menschen. Ob er über manche meiner Schleifen den Kopf schütteln und über andere leise lachen würde. Vermutlich würde er mich ansehen, grinsen und sagen: "Keep going, Du verdammte Rakete!"

Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht. Bin unruhig, dünnhäutig, irgendwie neben der Spur. Gestern habe ich den ganzen Tag nicht daran gedacht. Die Tage sind zu voll, ich zu sehr eingebunden. Erst abends, im Bett, als ich im Arm des Liebsten lag, sickerte es langsam durch. Vielleicht ist das Trauer nach all den Jahren. Nicht mehr laut. Nicht mehr groß. Eher wie ein alter Mitbewohner, der irgendwann ausgezogen ist, seinen Schlüssel aber offenbar behalten hat und einmal im Jahr vorbeikommt. Heute geht's mir nicht gut, heute darf sich schwer anfühlen. Morgen ist ein neuer Tag.

Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.

verschiebung.

Ich bin Berlinerin. Nicht „da mal gewohnt“. Sondern geboren, aufgewachsen, im Ost-Berlin. Familie. Prägung. Dieses spezielle Verhältnis zu einer Stadt, die man gleichzeitig beschimpft, verteidigt und vermisst. Meine Familie und ein Teil meiner Freunde leben noch dort. Und der Wahlkreis meiner Eltern hat gestern die AfD gewählt. Ich habe heute Morgen mehrfach auf die Wahlkarte geschaut. Als würden sich Zahlen durch ausreichend irritiertes Draufstarren noch einmal umentscheiden. Tun sie nicht.

In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8, die AfD auf 16,3 Prozent – 2023 waren es noch 9,1. Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Und ein paar hundert Kilometer weiter: Mecklenburg-Vorpommern. 38,2 Prozent AfD. Die SPD 35,5. Die CDU 4,9 Prozent und damit erstmals nicht mehr im Landtag. 38,2 Prozent!!! Ich schreibe die Zahl noch einmal hin, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hat, sie beim ersten Mal nicht vollständig zu verarbeiten.

Und natürlich startet sofort wieder die große Erklärungsmaschine. Die Ossis. Die Abgehängten. Die Wütenden. Die Protestwähler. Ich bin Ossi. Vielleicht reagiere ich deshalb inzwischen leicht allergisch darauf, Ostdeutsche wie eine ethnologische Forschungsgruppe zu behandeln, deren merkwürdiges Wahlverhalten man aus ausreichender Entfernung untersucht. So einfach ist es nicht. Und auch „Protestwahl“ ist mittlerweile ein ausgesprochen praktisches Wort. Klingt ein bisschen nach einem energisch ausgefüllten Beschwerdeformular. Nur ist eine Wahl kein Beschwerdeformular. Wer eine Partei wählt, wählt eben auch deren Personal, Programm und politische Vorstellungen. Das gilt für die AfD. Und übrigens auch für Die Linke.

Deshalb kann ich mich über deren Wahlsieg in Berlin auch nicht einfach freuen, nur weil dort nicht die AfD stärkste Kraft geworden ist. Mir ist das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild der Linken zu weit von meinem entfernt. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Natürlich. Menschen müssen aufgefangen werden, wenn sie Hilfe brauchen. Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen. Krankheit oder Arbeitslosigkeit dürfen niemanden ins Bodenlose schicken. Und selbstverständlich muss sich jeder Mensch sein Leben leisten können. Wohnen. Essen. Energie. Mobilität, soziale Teilhabe. Das ist für mich keine Frage. Aber Solidarität bedeutet für mich nicht grenzenlose Umverteilung. Leistung, Eigentum und wirtschaftlicher Erfolg sind für mich auch nichts grundsätzlich Verdächtiges, das möglichst umfassend neu verteilt werden muss. Beides muss gleichzeitig möglich sein - ein Leben, das man sich leisten kann und eine Gesellschaft, in der sich Arbeit, Verantwortung und eigenes Vorankommen weiterhin lohnen. Genau deshalb fremdele ich mit einer Politik, die für mein Empfinden zu oft zuerst darüber nachdenkt, was noch verteilt werden kann, statt darüber, wie mehr Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, selbst Wohlstand aufzubauen.

Die Berliner Linke macht aus ihrer Richtung dabei kein Geheimnis. Die Umsetzung der Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände bezeichnet sie als „oberste Priorität“. Vorgesehen sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen; die Partei spricht selbst vom „Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Und dann schaue ich auf die Zahlen. Berlin erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Ende 2025 lag der vorläufige Schuldenstand bereits bei rund 69,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig reden wir über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, deren Entschädigung je nach Berechnungsmodell einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnte. Wie daraus ohne erhebliche Haushaltsrisiken dauerhaft niedrigere Mieten entstehen sollen, ist für mich eine ziemlich entscheidende Frage. Und nein. „Das bezahlt sich irgendwann selbst“ reicht mir bei solchen Summen irgendwie nicht als finanzpolitisches Konzept. Vielleicht liegt genau darin mein eigentliches Unbehagen mit diesem Wahlabend. Ich schaue nach rechts und erschrecke. Ich schaue weit nach links und finde dort ebenfalls keine politische Heimat.

Heute Morgen lese ich dazu einen Kommentar in der FAZ. Die Diagnose dort. Union, FDP und auch SPD hätten insbesondere den Kontakt zu großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verloren. Das traditionelle bürgerliche Lager, das jahrzehntelang große Teile der Wählerschaft gebunden hat, sei massiv eingebrochen. Der Autor fordert deshalb eine neue bürgerliche Partei. Soziale Marktwirtschaft. Leistungsfähiger Staat. Weniger Überregulierung. Wirtschaftliche Vernunft. Ob eine neue Partei die Antwort wäre, weiß ich nicht. Aber dass etwas grundsätzlich nicht mehr funktioniert, kann man nach solchen Wahlabenden schwer übersehen. Menschen merken, wenn Dinge nicht funktionieren. Verwaltung. Bildung. Wohnen. Infrastruktur. Migration. Wirtschaft. Soziale Sicherheit. Man kann nicht jahrelang erklären, vermitteln und beschwichtigen und sich anschließend ausschließlich darüber wundern, dass Menschen irgendwann nicht mehr zuhören. Nur folgt daraus eben nicht, dass jede politische Antwort darauf eine vernünftige ist.

Genau da hängen wir offenbar fest. Die eine Seite ruft: Alles Nazis. Die andere: Alles nur enttäuschte Bürger. Beides ist mir zu einfach. Menschen können sich von Politik im Stich gelassen fühlen und trotzdem Verantwortung dafür tragen, wem sie ihre Stimme geben. Regierungen können schlecht arbeiten und trotzdem nicht für jede Radikalisierung verantwortlich sein. Man kann verstehen wollen, warum Menschen AfD wählen, ohne die Entscheidung zu verharmlosen. Und man muss einen Wahlsieg der Linken nicht automatisch als beruhigendes Gegengewicht empfinden. Eigentlich müsste all das gleichzeitig in einen Kopf passen. Scheint derzeit eine überraschend anspruchsvolle Übung zu sein.

Und dann bleibt da dieser blaue Fleck auf der Berliner Wahlkarte. Der Wahlkreis meiner Eltern. Ich kenne dort Straßen. Häuser. Supermärkte. Bushaltestellen. Statistik ist erstaunlich abstrakt, bis sie plötzlich eine Straßenbahnhaltestelle hat. Ich verstehe meine Heimat heute ein bisschen weniger als vorgestern. Nicht, weil Menschen anders wählen als ich. Das gehört zur Demokratie. Sondern weil ich nicht verstehe, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem so viele Menschen ihre politische Antwort bei Parteien suchen, in denen ich mich überhaupt nicht wiederfinde.

Vielleicht sollten die Parteien, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, deshalb weniger fragen: "Wie erklären wir den Leuten, dass sie falsch liegen?" Und häufiger: "Warum erreichen wir sie eigentlich nicht mehr?" Erklärung ist keine Entschuldigung. Empörung ist keine Analyse. Die Probleme sind kompliziert. Die Antworten werden immer einfacher. Und ich verstehe die Welt gerade tatsächlich ein bisschen weniger.

Sonntag, September 20, 2026

83.

Postkarten. So viele sind seit März bei mir angekommen. Aus 25 verschiedenen Ländern. Menschen, die ich nicht kenne, haben irgendwo auf der Welt eine Karte ausgesucht, ein paar Zeilen geschrieben, eine Briefmarke draufgeklebt und sie auf den Weg nach Düsseldorf geschickt. Manche brauchten fünf Tage. Manche zwei Monate. andere haben offenbar zwischendurch noch eine Weltreise gemacht. Und jetzt liegen 83 kleine Stücke Welt bei mir in einer hübschen schwarzen Schachtel. Postcrossing ist schon ein bisschen wild. Und ziemlich schön.

Freitag, September 18, 2026

nacken.

Heute für neue Strähnen beim Friseur gewesen. Dann kam die Frage, was wir mit der Länge machen. Ich, offenbar in einem unbeaufsichtigten Moment: „Ich glaube, ich möchte wieder einen Bob. Irgendwas zwischen Schulter und Kinn. Schneid alles ab! Ich brauche was Neues.“ Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ich war kurz selbst überrascht von meiner Courage. So kurz hatte ich sie zuletzt vor der Untermieterin. 

3,5 Stunden und locker 15 Zentimeter später mit einem wunderschönem Bob aus dem Laden spaziert und unangemessen begeistert von meiner eigenen Spontaneität gewesen. Ich liebe es, ich liebe die Länge. Der Teenie liebt es auch. Der Mann ist offenbar ebenfalls ausgesprochen angetan. Damit ist die spontane Restrukturierung überraschend umfassend durch alle relevanten Gremien gegangen. Andere treffen weitreichende Lebensentscheidungen. Ich erstmal so - Nacken frei! Keine weiteren Maßnahmen erforderlich.

Donnerstag, September 17, 2026

zahlen.

Fast 250.000 Aufrufe in den letzten zwölf Monaten. WTF? Komplett irre. Eine Viertelmillion Klicks auf dieses kleine digitale Durcheinander aus Alltag, Arbeit, Teenager, Liebe, Therapie, Reisen, Postkarten, Currywurst, Kontrollverlust, Gedankenwirrwarr und gelegentlicher Eskalation. Und das Verrückte, die Kurve steigt stetig weiter. Offenbar ist mein Leben von außen betrachtet mindestens so unterhaltsam, wie es sich von innen manchmal anstrengend anfühlt. Ich freue mich darüber. Wirklich. Ich stelle fest, dass ich eher fasziniert drauf gucke - früher wollte ich unbedingt unterhalten, heute ist es nur noch ein Ventil für mich.

Wichtig sind mir die Zahlen trotzdem nicht. Ich werde sehen, wie lange sich das hier gut für mich anfühlt. Und eventuell ziehe ich den ganzen Bumms irgendwann doch noch zu WordPress um. Die Domain gehört seit ewigen Jahren mir, eigentlich ist auch schon alles vorhanden, nur lässt sich das hier aktuell nicht vernünftig exportieren. Nochmal von vorn anfangen? Bei null? Schon öfter drüber nachgedacht. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss arbeiten und weiterleben. Sonst gibt’s hier bald nichts mehr zu lesen.

Mittwoch, September 16, 2026

schweiz.

Postcrossing hakt aktuell ein bisschen. Also „ein bisschen“ im Sinne von: 5 Karten offenbar verschollen seit 72 bis 120Tagen. 5 weitere seit über 40 Tagen unterwegs. Teilweise in die Schweiz. In die Schweiz!!! Ich möchte nicht kleinlich sein, aber die liegt jetzt verkehrstechnisch nicht hinter Mordor. Der Teenie bekam heute eine Karte aus Russland. Über zwei Monate unterwegs. Verständlich. Große Strecke. Schwierige Route. Abenteuer. Aber Düsseldorf–Schweiz? Ich gehe inzwischen davon aus, dass meine Postkarten zu Fuß reisen. Mit Pausen. Und vermutlich ohne Google Maps. Bestes Trainingslager für meine nicht sehr ausgeprägte Geduld. Der Teenie sagt immer, als die Geduld verteilt wurde, war ich offensichtlich schon halb zur Tür raus, weil es mir zu lange gedauert hat.

vertrauen.

Es gibt gerade so viel zu erzählen und eigentlich auch nichts. Nicht, weil nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert so viel. Ich möchte es nur gerade nicht teilen. Es ist schön. Es ist gut. Es wird ruhiger. Was erstaunlicherweise gar nicht automatisch angenehm ist, wenn man innerlich lange auf irgendwas gewartet hat. Auf den Einschlag. Die Wendung. Den Haken an der Sache. Ich merke, dass ich mich an genau das erst gewöhnen muss. Meine Therapeutin sagte letzte Woche einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist die Ruhe, die nun einkehrt.“ Vielleicht war genau das diese Unruhe, die ich wochenlang nicht richtig greifen konnte. Dieses merkwürdige Gefühl, dass doch irgendetwas sein müsste, ich irgendwas übersehen habe. Dass Ruhe verdächtig ist. Dass Sicherheit eigentlich nur diese kurze Pause vor dem nächsten Einschlag sein kann. Vielleicht ist es tatsächlich endlich diese Ruhe, von der der Mann schon lange sagt, dass sie kommen wird. Und vielleicht fange ich tatsächlich an, mich langsam sicher zu fühlen. Auch so ein Satz, den mein Nervensystem vermutlich gern erst einmal zur Prüfung einreichen würde.

Ein ausgesprochen ungewohnter Zustand. Aber echt schön. Und für unsere fulminante Großartigkeit können wir schließlich nichts. Ich mag uns zusammen.

Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Mittwoch, September 09, 2026

schwerstarbeit.

Therapiestunde heute morgen. Ich stelle fest, ich bin komplett erledigt. Schon faszinierend, wie ich 50 Minuten auf einem Sofa sitzen kann - von außen betrachtet eine ausgesprochen überschaubare Tätigkeit. Reden. Zuhören. Nachdenken. Ab und zu schweigen. Und mein Körper anschließend so tut, als hätte ich einen Umzug, einen Halbmarathon und drei Familienfeiern parallel absolviert. Inklusive unmöglicher Sitzordnung. Und Diskussionen über Politik. Manchmal ist „reden“ nur die sehr freundliche Umschreibung für Schwerstarbeit im Nervensystem. Leider ohne Schrittzähler und ohne Anspruch auf Sonderurlaub. Aber war sehr gut. intensiv, aber gut. Wieder was verstanden und sortiert. 

Dienstag, September 08, 2026

marketing. .

Unser Küchentisch ist Essplatz, Schreibtisch, Ablage, Konferenzraum, Poststation und gelegentlich Ort emotionaler Grundsatzverhandlungen. Manchmal liegt dort gleichzeitig ein Schulheft, eine Rechnung, ein angebissener Apfel, ein bis drei Notebooks und diverse Kabel, dessen Funktion niemand kennt. Dazwischen essen wir.

Ich glaube, Möbelhäuser verkaufen Tische völlig falsch. Niemand braucht „Platz für sechs Personen“. Man braucht Platz für bis zu sechs Menschen und achtzehn offene Lebensvorgänge.

Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

Samstag, September 05, 2026

tgif.

Currywurst, Pommes und Wein. Cuba Libre. Ein neues französisches Kochbuch. Einfach gemeinsam am Tisch sitzen, in Ruhe vom Tag erzählen, Musik hören, ein bisschen tanzen und knutschen. Lachen. Reste teilen. Ich liebe alles daran. Der Teenie war um 20.00Uhr schon müde von der Woche und hat sich ins Bett gelegt. 

War eine sehr anstrengende und volle, aber gute Woche. 

Freitag, September 04, 2026

selbstständigkeit.

Man bringt einem Kind jahrelang bei, selbstständig zu sein. Dann macht es genau das. Unverschämt. Muss ich mich manchmal noch dran gewöhnen. 

tragfähigkeit.

Meine Eltern sind seit gestern 49 Jahren verheiratet. Das war für mich immer irgendwie das Bild. Nicht die Hochzeit. Nicht das Kleid. Nicht dieses ganze „für immer“-Gedöns. Sondern tatsächlich mit einem Menschen alt werden. Gemeinsam durch Jahrzehnte stolpern. Wissen, wie der andere morgens guckt, wo die Tassen stehen und welche Geschichten man besser nicht vor Gästen erzählt. Ich wollte genau das auch immer.

Lustigerweise wusste ich sehr lange überhaupt gar nicht, dass ich auch gern geheiratet hätte. Meine Mutter hat selbst mit 19 geheiratet und trotzdem immer gesagt: "Du musst nicht heiraten. Überleg Dir das wirklich gut!" Vielleicht habe ich deshalb lange eher gelernt, was ich nicht muss, als zu fragen, was ich eigentlich tatsächlich will. Heute weiß ich, ich brauche keine Hochzeit um der Hochzeit willen. Aber die bewusste Entscheidung füreinander, die mag ich schon sehr.

Lange dachte ich, dafür müsse ich vor allem durchhalten. Krisen aushalten. Nicht beim ersten Gegenwind die Flinte ins Korn werfen. Bleiben, wenn es unbequem wird. Und ja, meine Eltern haben durchgehalten. Aber eben nicht im Sinne von, einer trägt alles und der andere lehnt sich zurück. Sie haben beide daran gearbeitet. Immer wieder. Sich gestritten. Sich wieder zusammengerauft. Sich verändert. Sich manchmal vermutlich auch gegenseitig echt wahnsinnig gemacht. Und trotzdem immer wieder zueinander gefunden. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Eine Beziehung kann nicht von einem Menschen allein gerettet, getragen oder in die richtige Richtung geschoben werden. Irgendwann ist man dann zwar noch zu zweit, aber einer arbeitet Vollzeit an etwas, das der andere nur noch bewohnt. Hab's getestet. 

Ich möchte immer noch mit einem Menschen alt werden. Sehr sogar. Aber inzwischen weiß ich. Dafür müssen zwei Menschen wollen, dass es funktioniert und in dieselbe Richtung gehen. Nicht immer gleich schnell. Nicht immer elegant. Aber grundsätzlich beide. Sonst ist Durchhalten irgendwann nur noch ein ziemlich freundliches Wort für allein weitermachen und aushalten. Für Stillstand. Für dieses merkwürdige Festhalten an etwas, das längst nicht mehr gemeinsam getragen wird. Und irgendwann hält man dann nicht mal mehr die Beziehung zusammen. Sondern nur noch sich selbst darin fest. 

Mittwoch, September 02, 2026

abzweigung.

Heute geht die Schule wieder los. Klasse 9 - wann ist das passiert? Der Teenager verschwindet also wieder morgens mit ihrem Rucksack aus der Tür und passend dazu stolpere ich beim ersten Tee in der FAZ über die Zahl, dass inzwischen fast jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wird. 2024 waren es rund 159.000.

Natürlich liegt die Erzählung sofort griffbereit. Die Jugend von heute. Zu wenig Durchhaltevermögen. Zu hohe Erwartungen. Zu empfindlich. Früher hätte man sich eben durchgebissen. Früher hatte man allerdings auch deutlich weniger Türen, durch die man gehen konnte. Und vielleicht ist deshalb die Zahl allein gar nicht so interessant. Viel spannender finde ich die Frage, was da eigentlich abgebrochen wird. Eine Ausbildung? Eine falsche Entscheidung? Ein schlechter Betrieb? Oder manchmal einfach die Vorstellung, dass man drei Jahre irgendwo bleiben muss, weil man dort mit 16 oder 17 einmal unterschrieben hat? Knapp die Hälfte derjenigen, deren Vertrag vorzeitig endet, beginnt später eine neue Ausbildung. Häufig in einem anderen Beruf oder Betrieb. Das Wort Abbruch erzählt also längst nicht immer die ganze Geschichte. Manchmal ist es schlicht eine Kurskorrektur.

Natürlich müssen junge Menschen lernen, Frust auszuhalten. Nicht jede Kritik ist toxisch, nicht jeder schlechte Montag eine existenzielle Krise und Arbeit besteht leider nicht durchgehend aus Selbstverwirklichung, Purpose und Hafermilchkaffee. Aber Durchhalten ist eben auch keine Tugend um jeden Preis. Als Gründe für Ausbildungsabbrüche werden unter anderem Kommunikationsprobleme, Konflikte mit Ausbildern, mangelnde Ausbildungsqualität und belastende Arbeitsbedingungen genannt. Gleichzeitig beklagen Unternehmen fehlende Grundkompetenzen und Schwächen im Arbeits- und Sozialverhalten. Wahrscheinlich stimmt beides. Junge Menschen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und nicht beim ersten Gegenwind das Handtuch zu werfen. Unternehmen müssen vielleicht gleichzeitig wieder stärker verstehen, dass ein Azubi keine erstaunlich günstige Vollzeitkraft mit gelegentlicher Berufsschulunterbrechung ist. Ausbildung hat tatsächlich etwas mit Ausbilden zu tun.

Und ich sitze hier derweil mit einem Teenager in Klasse 9 und bin ziemlich gespannt, welchen Weg sie irgendwann einschlagen wird. Aktuell möchte sie im nahen Ausland studieren. Das kann sich noch ungefähr zwölfmal ändern. Sie hat ja noch ein paar Jahre. Vielleicht ist genau das auch ganz gut so. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wir überschätzen regelmäßig den Wert geradliniger Lebensläufe. Als müsse eine Entscheidung, die man mit erstaunlich wenig Lebenserfahrung trifft, anschließend möglichst widerspruchsfrei bis zur Rente verteidigt werden. Man darf falsch abbiegen. Man darf zurück. Man darf einen anderen Weg nehmen. Und manchmal ist das gar kein Scheitern. Sondern einfach Erwachsenwerden.

Dienstag, September 01, 2026

september.

Ich mag den September. Einer meiner Lieblingsmonate. Noch nicht richtig Herbst, aber der Sommer zieht sich langsam zurück. Morgens ist die Luft plötzlich kühler und klarer. Mittags schafft es die Sonne trotzdem noch, alles warm zu machen. Dieses goldene Licht, das tiefer steht und weicher wirkt als noch ein paar Wochen vorher. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Erst hier ein gelber Rand, dort ein roter Fleck. Als würde der Herbst langsam anfangen, sich einzumischen. Abends wird es früher dunkel. Die Fenster spiegeln wieder mehr. Kerzen stehen auf dem Tisch. Man nimmt automatisch eine Jacke mit und freut sich gleichzeitig noch über jeden warmen Nachmittag. Ich mag dieses Dazwischen sehr. Dieses leise Verschieben. Nichts kippt plötzlich. Es verändert sich einfach. Stück für Stück.

Der September hat für mich aber auch ein paar Daten, die nicht einfach vorbeigehen. Unter anderem Todestage. Mehr als einen. Einer davon trifft mich jedes Jahr besonders. Nicht immer gleich. Manchmal denke ich Tage vorher daran. Manchmal erst morgens. Manchmal kommt die Erinnerung ganz unspektakulär beim Espresso oder unter der Dusche und sitzt dann plötzlich mit am Tisch.

Diese Tage haben sich eingebrannt. Nicht unbedingt in allen Einzelheiten. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich getan habe. Aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat. Wie sehr es mich bis ins Mark erschüttert hat. Ich lag tagelang auf dem Fußboden im Bad und konnte mich kaum bewegen. Ich wollte dieses Gefühl nicht aushalten müssen. Ich wäre gern auch gestorben, als weiter zu spüren, wie es mich innerlich zerreißt. Ich habe es überlebt. Es ist lange her. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Ich glaube, das ist das Merkwürdige an Verlust. Das Leben verändert sich weiter. Man selbst verändert sich. Andere Menschen kommen dazu. Neue Erinnerungen entstehen. Man lacht wieder, liebt wieder, arbeitet, fährt in den Urlaub und steht irgendwann in einem Leben, das damals noch gar nicht existiert hat. Und trotzdem gibt es diese Stellen im Kalender.

Keine offenen Wunden mehr. Eher Narben, die ziemlich genau wissen, welches Datum ist und anfangen zu ziepen. Vielleicht passt auch das zum September. Die Sonne ist noch da. Die Wärme auch. Und trotzdem liegt morgens schon etwas Kühles in der Luft. Die Bäume behalten noch ihre Blätter und fangen gleichzeitig an, sie loszulassen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Und trotzdem ist noch etwas davon da.

Montag, August 31, 2026

alltagsmomente.

Ich kann erstaunlich lange irgendwo sitzen und Menschen beobachten. Gemütlich mit einem Getränk vor mir und ausreichend Abstand wird die Welt ziemlich unterhaltsam. Einer telefoniert zu laut. Zwei diskutieren darüber, wo sie eigentlich hinwollen. Jemand sucht seit zehn Minuten etwas in einer Tasche, in der vermutlich auch ein mittelgroßer Hund Platz hätte.

Ich weiß nichts über diese Menschen. Das hindert mich zuverlässig nicht daran, mir innerhalb kürzester Zeit eine vollständige Geschichte zu bauen. Wer zusammengehört. Wer genervt ist. Wer gleich streitet. Wer immer zu spät kommt. Wer Snacks dabeihat. Wer offensichtlich die Reiseleitung übernommen hat, obwohl er das gar nicht wollte. Ich mag diese Position. Nicht mittendrin. Nicht zuständig. Einfach nur gucken. Zwischendurch noch einen Schluck.

Menschen sind wirklich interessant. 

Sonntag, August 30, 2026

aufrufe.

In den vergangenen 3Monaten hatte der Blog ca. 94.000Aufrufe. Fast wie in alten Zeiten. Ähm schön, dass ihr da seid.

Donnerstag, August 27, 2026

Mittwoch, August 26, 2026

rauschen.

Unglaublich wilden Mist geträumt. Brauchte heute Morgen erstmal zwei Stunden, um das ansatzweise zu verarbeiten und saß ab 07.30 Uhr am Rechner. Der Mann fand es anscheinend ein bisschen witzig und hatte direkt eine absurde Idee dazu. Passend dazu meldete sich heute ausgerechnet jemand, der erstaunlich gut in das Konzept des Mannes gepasst hätte. Als könnten die das riechen. Schräg.

Nächsten Monat jährt sich ein Todestag. Heute ist mir wieder eingefallen, dass ich damals kurz vorher diesen einen Traum hatte, in dem er gestorben ist. Ich hatte das völlig vergessen. Komisch, was der Kopf irgendwo verstaut und Jahre später plötzlich wieder auf den Tisch legt. Ich habe mich danach sehr lange schuldig gefühlt. Rückblickend natürlich völlig irrational. Damals hat es sich trotzdem echt angefühlt. Fast so, als hätte ich etwas wissen müssen. Als hätte ich irgendwo nicht gut genug aufgepasst. Vielleicht sitzt genau da ein Teil von meinem Reflex, die Schuld grundsätzlich erstmal bei mir zu suchen. Zu überlegen, was ich falsch gemacht habe. Und Dinge unbedingt reparieren zu wollen, auch wenn sie längst passiert sind, nicht meine Baustelle sind oder sich schlicht nicht reparieren lassen.

Danach vier Stunden beim Kunden im Meeting gewesen. Falls sich jemand fragt, wie viel ein einzelner Mensch mit sehr viel Hybris und erstaunlich wenig innerem Stoppschild sprechen kann - erstaunlich viel. Alter Schwede, der Kollege meinte hinterher nur, er müsse sich jetzt erstmal eine Flasche Wein aufmachen. Und ehrlich, ich hab’s gefühlt. Irgendwann ist das kein Gespräch mehr. Eher so ein diffuses Rauschen im Ohr, wo einem die Ohren bluten. Ich hatte danach 20 Seiten Transkript. Nur vom Redeanteil des GF. Habe daraus inzwischen ein acht Seiten Briefing gemacht.

Manche Tage sind wirklich erstaunlich voll mit Dingen. Reicht dann auch mit Themen, Menschen und Material für heute.

Dienstag, August 25, 2026

Montag, August 24, 2026

ruhe.

Heute Morgen war einer dieser Momente, in denen die Welt um 4.30 Uhr kurz zu viel war. Schlecht geträumt, zu viel Verantwortung, panisch hochgeschreckt. Ich habe meinen eigenen Herzschlag und Puls gehört. Erst versucht, mich selbst zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg. Mich schließlich überwunden, den Mann geweckt und gebeten, mich fest in den Arm zu nehmen. Hat er augenblicklich gemacht. Er gibt die weltbesten Umarmungen. So fest, dass für einen Moment nichts dazwischen passt und die Welt plötzlich ein bisschen leiser wird. Einer meiner sichersten Orte, abends Arm in Arm im Bett liegen und für einen Moment nichts tragen müssen. Egal wie gut oder schlecht der Tag war. Das ist fast immer mit einer der besten Momente. Ich mag die Ruhe darin. Mir gibt das Kraft. 

rückkehr.

Erster richtiger Arbeitstag nach dem Urlaub. Laptop an. Hirn langsam hochfahren. Passwort beim ersten Versuch falsch. Postfach auf. Direkt wieder zu. Zwei Wochen lang Meer, Bücher, Kochen, Essen, langsamer Kopf. Mal kein "müssen". Dann wieder Zuhause und innerhalb von 20 Minuten zwei Maschinen Wäsche, 47 Mails und die Frage, warum Erholung so schlecht lagerfähig ist.

Schön, wie viele Dinge während meiner Abwesenheit offenbar ganz hervorragend ohne mich weitergelaufen sind. Andere Themen dagegen haben die Zeit genutzt, sich zu vermehren. Aus einer offenen Frage sind drei geworden. Aus einem kleinen Abstimmungsbedarf ein Termin mit sechs Personen. Auch schön. Nach ungefähr zwei Stunden bin ich wieder drin. Ich sage Dinge wie „nächste Schritte“, „Entscheidungsbedarf“ und „wir müssen das sauber aufsetzen“. Mein Körper sitzt im Homeoffice. Mein Kopf hängt noch irgendwo zwischen Buch, Weinglas und Meer. Wird schon. Der Kalender ist jedenfalls wieder vollständig einsatzbereit.

Sonntag, August 23, 2026

15.

Die Untermieterin bastelt ihre Geburtstagseinladungen für ihren 15. Sie will nur ihre engsten Mädels einladen. Sie hat bereits ein Pinterest-Board fürs Buffet, unter anderem mit blutigem Popcorn.

Diesjähriges Motto: „A Party to die for.“
Ich liebe alles dran.

Samstag, August 22, 2026

lesefluss.

Das Buch "Never lie" von Freida McFadden. Ich hatte Gänsehaut. Richtige. Das Buch durfte deshalb sofort in die sehr kleine Kategorie „Menschen müssen davon erfahren“. Es ist irre, wie selten es geworden ist, dass man wirklich komplett in einer Geschichte verschwindet und der Plottwist so überrascht. Meine Empfehlung!

Freitag, August 21, 2026

ortswechsel.

Zuhause brauche ich für einen klaren Gedanken Ruhe, Zeit und ideale Bedingungen. Hier reicht offenbar ein gutes Getränk und zehn Minuten aufs Wasser starren. Unverschämt. Plötzlich sortieren sich Dinge, für die ich zuhause manchmal mindestens drei Anläufe, einen Spaziergang und einen vollkommen unnötigen Blick aufs Handy brauche. Vielleicht liegt es am Abstand. Vielleicht am meditativen Wasser. Vielleicht daran, dass gerade nicht alles gleichzeitig etwas von mir will. 

Kann ich das bitte einpacken und mitnehmen? Am besten zusammen mit dem Meer.

Donnerstag, August 20, 2026

fotomaterial.

Siebenundzwanzig Bilder vom Meer. Drölf vom Himmel. Dreiundneunzig von Essen. Eins vom Mann, auf dem er vermutlich sagt, dass ich jetzt wirklich genug Fotos gemacht habe. Ich dokumentiere Erholung sehr sorgfältig.

Mittwoch, August 19, 2026

hygge.

Draußen regnet es. So ein gleichmäßiger Regen, der nicht nervt. Eher dieses leise Trommeln auf Dach, Holzterrasse, die Tische und irgendetwas Metallischem draußen, das alle paar Sekunden anders klingt. Mal dumpf. Mal heller. Dazwischen das Rauschen in den Bäumen. Die Luft ist kühl und riecht nach nassem Boden. Ein bisschen nach Gras. Ein bisschen nach Holz. Ein bisschen nach Sommer, der heute offenbar keine Lust hat, sich besonders anzustrengen. Der Himmel ist diesig und wolkenverhangen, alles draußen wirkt ein bisschen weicher. Gedämpfter. Als hätte jemand die Lautstärke runtergedreht.

Drinnen stehen Kerzen auf dem Tisch. Das Licht flackert auf den Gläsern und macht aus einem ganz normalen Nachmittag im August plötzlich ziemlich viel Hygge. Wir sitzen hier am großen Esstisch. Gemütlich. Ohne Programm. Heute kein Ausflug. Kein Plan. Kein „wir könnten noch“. Kein Gefühl, irgendetwas aus diesem Tag herausholen zu müssen. Einfach Regen am Fenster und zwischendurch ein paar Sätze. Ich schreibe ein bisschen. Jeder macht seins. Manchmal reden wir. Manchmal nicht. Ab und zu gibts einen Kuss oder eine Umarmung. Einer holt sich noch einen Keks oder einen Rest Bolognese von gestern. Jemand zieht die Beine unter sich. Der Teenie bemalt ihre Hände künstlerisch. Draußen tropft es weiter von den Kanten und drinnen muss gerade nichts passieren.

Ich mag solche Tage zwischendurch ganz gern. Tage, die einem die Entscheidung abnehmen, ob man noch etwas unternehmen sollte. Bei Regen ist die Lage klar. Drinnen bleiben. Kerzen an. Vielleicht später schon ein Bier oder ein Glas Wein. Reicht.

Dienstag, August 18, 2026

urlaubsgarderobe.

Ich habe für mindestens sieben verschiedene Frauen gepackt. Angekommen ist offenbar nur eine.

Mittwoch, August 12, 2026

ferienpersönlichkeit.

Im Urlaub werde ich zuverlässig zu einer Version von mir, die morgens Sport macht, Yoga übt, viel liest, viel schreibt, weniger online ist und auch noch deutlich bewusster atmet. Diese Frau wird jedes Jahr sorgfältig mit eingeplant. Aktuell ist sie sogar da. Ich mache morgens zuverlässig mein schweißtreibendes HIT-Workout und Yoga auf der Terrasse. Sehr konsequent. So konsequent, dass ich inzwischen Muskelkater an Stellen habe, von deren Existenz ich vorher nur theoretisch wusste. Heute hatte ich schon kurz ernsthafte Schwierigkeiten, aus dem Auto auszusteigen. Es läuft also wirklich hervorragend.

Dafür habe ich schon ein Buch gelesen. Ganz. Nicht nur drei Seiten und anschließend aufs Meer geschaut. Ein richtiges Buch. Auf Englisch. Und es war so gut, dass ich beim Plottwist übel Gänsehaut hatte. Das zählt für mich inzwischen als Hochleistung. Die digitale Reduktion klappt ebenfalls ganz gut. Das Schreiben besser. Das Atmen meistens auch. Nur beim Aufstehen sollte gerade niemand zugucken. Ferienpersönlichkeit eben. Sehr motiviert. Lediglich leicht eingeschränkt in der Beweglichkeit. Ausserdem haben wir schon gut Farbe bekommen. Könnte schlimmer sein.

Dienstag, August 11, 2026

materialprüfung.

In meiner Küche steht ein Stuhl, der seit Wochen immer mal wieder ein Geräusch macht. Kein richtig dramatisches. Er bricht nicht zusammen. Er wirft niemanden ab. Er wackelt nicht einmal richtig. Er knarzt nur manchmal, wenn ich mich bewege. Nicht immer. Nur oft genug, dass ich angefangen habe, darauf zu warten. Besuch bemerkt es kaum. Andere setzen sich hin, trinken ihren Kaffee und stehen später wieder auf. Für sie ist es ein völlig normaler Stuhl. Vier Beine. Eine Lehne. Man kann sehr gut darauf sitzen. Insgesamt ein recht überzeugendes Konzept.

Ich hingegen kenne inzwischen jede Nuance. Das kurze Knacken beim Hinsetzen. Das längere Knarzen, wenn ich mich zur Seite lehne. Dieses eine Geräusch, das entsteht, wenn ich aufstehe und gedanklich längst woanders bin. Ich höre Unterschiede, die möglicherweise gar keine sind. Eine Zeit lang dachte ich, ich müsste nur herausfinden, was ich falsch mache. Vielleicht setzte ich mich zu schwer. Zu schief. Zu plötzlich. Vielleicht verteilte ich mein Gewicht ungünstig. Das klingt lächerlich, ich weiß. War aber erstaunlich überzeugend.

Ich begann, vorsichtiger Platz zu nehmen. Langsamer. Kontrollierter. Ich achtete darauf, wie ich mich bewegte, wie ich mich anlehnte, wie ich wieder aufstand. Als ließe sich Ruhe herstellen, wenn ich nur genau genug herausfand, welche meiner Bewegungen sie störte. Der Stuhl knarzte trotzdem. Also wurde ich noch aufmerksamer. Menschen sind erstaunlich erfinderisch, wenn sie die Ursache zuerst bei sich suchen. Man findet immer noch eine Bewegung, die man hätte anders machen können. Einen Moment, in dem man zu schnell war. Zu unbedacht. Zu schwer auf einer Seite.

Und irgendwann saß ich nicht mehr einfach auf dem Stuhl. Ich beobachtete mich beim Sitzen. Ich wartete auf das Knarzen. Und wenn es kam, dachte ich nicht: "Mit diesem Stuhl stimmt etwas nicht". Ich dachte: "Natürlich." Schon wieder falsch bewegt. Aus einem Geräusch wurde eine kleine Beweisführung. Nicht gegen den Stuhl. Eher für meine Überzeugung, dass ich nur aufmerksam genug sein müsste, um alles erklären und irgendwann auch verhindern zu können. Das ist das Praktische an kleinen Störungen. Wenn man lange genug über sie nachdenkt, werden sie problemlos zur persönlichen Zuständigkeit. Man braucht dafür nur etwas Müdigkeit, ein wenig Fantasie und die feste Überzeugung, man hätte es besser machen können.

Neulich saß ich mit einer Tasse Espresso darauf. Es war ein langer Tag gewesen, und ich hatte keine Kraft mehr, besonders richtig zu sitzen. Also ließ ich mich etwas schief auf die Sitzfläche sinken. Der Stuhl knarzte. Sofort war dieser bekannte Gedanke da. Nicht einmal als richtiger Satz. Eher als fertige Reaktion. Siehst du. Dann blieb ich sitzen. Der Kaffee war noch zu heiß, und irgendwann legte ich beide Hände auf die Sitzfläche und prüfte, ob etwas wackelte. Nichts. Ich sah mir die Beine an. Fest. Den Boden darunter. Eben. Der Stuhl stand genauso sicher da wie vorher. Er hatte nur ein Geräusch gemacht. Das war alles. Kein Hinweis darauf, dass etwas nicht mehr trug. Kein Beweis dafür, dass ich falsch saß. Nicht einmal eine Aufforderung, mich sofort anders hinzusetzen.

Holz arbeitet. Gewicht verlagert sich. Dinge, die regelmäßig benutzt werden, bleiben nicht vollkommen lautlos. Wochenlang hatte ich versucht, aus jedem Knarzen eine Ursache zu machen. Meistens mich. Dabei hatte ich übersehen, dass ein Geräusch nicht dasselbe ist wie Instabilität. Ich mache das öfter. Ich bemerke eine Spannung und frage zuerst, was ich übersehen habe. Ich werde vorsichtiger. Leiser. Kontrollierter. Als könnte ich verhindern, dass etwas knarzt, wenn ich mich nur geschickt genug bewege. Dabei muss nicht jede Irritation behoben werden. Nicht jeder Moment braucht sofort eine Erklärung. Und nicht alles, was sich kurz unsicher anfühlt, ist tatsächlich unsicher.

Der Stuhl steht noch immer an derselben Stelle. Fest auf vier Beinen. Er trägt. Manchmal macht er ein Geräusch. Und vielleicht besteht Stabilität nicht darin, dass niemals etwas knarzt. Sondern darin, nicht bei jedem Geräusch sofort aufzuspringen.

Freitag, August 07, 2026

abwesenheit.

Meine Abwesenheitsnotiz ist aktiviert. Ich selbst arbeite noch daran.
Habt die beste Zeit! 

Donnerstag, August 06, 2026

ruhe.

Ich möchte im Urlaub viel schreiben. Nicht für einen Termin. Nicht für einen Kunden. Nicht mit dem Ziel, dass am Ende jemand „nächste Schritte“ daruntersetzt. Einfach schreiben. Für mich. Gedanken aufschreiben, bevor sie sich wieder ordentlich anziehen und so tun, als wären sie gar nicht da gewesen. Sätze anfangen, ohne schon zu wissen, wo sie hinwollen. Dinge stehen lassen, die nicht sofort nützlich sind.

Und ich möchte gern viel lesen. Nicht, weil ich mir damit ein besonders ambitioniertes Ferienprogramm verordnet habe. Sondern weil Lesen meinen Kopf auf eine andere Weise ruhig bekommt. Weil gute Sätze etwas in Bewegung bringen, ohne sofort etwas von mir zu wollen. Also müssen Bücher mit. Mehrere. Eins für den Kopf. Eins fürs Herz. Eins, das leicht ist, aber nicht dumm. Eins, das klug ist, aber nicht ultraanstrengend. Und mindestens eins für den Fall, dass ich im Urlaub plötzlich ein anderer Mensch werde.

Realistisch werde ich abends wahrscheinlich drei Seiten lesen, meditativ aufs Meer schauen und anschließend in mein Journal schreiben, dass ich mehr lesen möchte. Das klingt sehr frei. Vermutlich werde ich auch zuerst eine Liste machen. Man soll den Übergang schließlich nicht unnötig brutal gestalten.

Mittwoch, August 05, 2026

reststrecke.

Offiziell habe ich seit heute Urlaub. Inoffiziell kann ich mir das in die Haare schmieren. Alles wie immer. Und jeden Sommer versuche ich, entspannter in den Urlaub zu starten. Bis dahin liegen noch mehrere volle Arbeitstage, offene Aufgaben, nicht beantwortete Mails und diese besondere Form von Kleinkram vor mir, die jeweils nur zehn Minuten dauert und am Ende zuverlässig mindestens zwei ganze Tage frisst. Gedanklich bin ich deshalb noch nicht am Meer. Ich bin bei Präsentationen. Rückfragen. To-do-Listen. Dingen, die unbedingt noch vorher erledigt werden müssen, obwohl sie letzten Donnerstag noch vollkommen entspannt bis nach dem Urlaub hätten warten können.

Urlaubsvorfreude setzt bei mir erst ein, wenn keine Aufgabe mehr versucht, sich unauffällig ins Handgepäck zu schummeln. Ich möchte viel lieber in Ruhe Bücher auswählen, die ich lesen möchte. Schreiben. Weniger online sein. Den Kopf leiser bekommen. Stattdessen überlege ich gerade, welche Dateien ich noch verschicken muss und ob ich für die Calls am Meer ein halbwegs seriöses Oberteil brauche. Meine sehr konsequente digitale Reduktion läuft hervorragend. Ich gehe davon aus, dass ich im Auto irgendwann merke, dass wir wirklich fahren. Bis dahin arbeite ich mich in Richtung Urlaub. Meterweise.

Dienstag, August 04, 2026

betriebszustand.

Ich kann strategische Zielbilder entwickeln. Einen leeren Joghurtbecher im Kühlschrank kann ich trotzdem nicht erklären. Wird Zeit für Urlaub und eine Pause.

Sonntag, August 02, 2026

blockade.

Manche Einkaufswagen haben ein Rad, das nach links zieht. Am Anfang hält man dagegen. Unauffällig. Ein bisschen mehr Druck am Griff, ein bisschen mehr Konzentration. Wird schon gehen. Nach drei Gängen sind die Regale zu eng, die anderen Menschen zu langsam und der Boden vermutlich falsch verlegt. Nur an dem kleinen blockierten Rad kann es nicht liegen. Das wäre schließlich etwas, worum man sich kümmern müsste.

Plötzlich geraten Dinge ins Rutschen, die mit dem ursprünglichen Problem nichts zu tun hatten. Die Milch kippt um. Die Tomaten bekommen Druckstellen. Jemand wird angefahren und soll sich bitte nicht so anstellen. Währenddessen hält sich der Fahrer weiterhin für den Einzigen, der hier noch Ordnung in den Laden bringt. Es ist nur anstrengend für alle, die zufällig mit im Gang stehen.

Ich kann solchen Wagen ausweichen. Tue ich aber nicht immer. Weil noch jemand mitfährt, der für das blockierte Rad nichts kann. Also passe ich auf, dass die Eier nie ganz unten liegen. Ich kann Dinge auffangen, bevor sie herunterfallen. Eine praktische Begabung. Mehr nicht. Diese Fähigkeiten verpflichten mich allerdings nicht dazu, den Wagen bis zur Kasse zu schieben. Manche Räder ziehen nach links. Und manche Menschen finden den Supermarkt schief.

Samstag, August 01, 2026

absicht.

Die beiden Händler

In einer kleinen Stadt lebten zwei Händler. Der eine verkaufte Lügen. Große, glänzende Lügen, sorgfältig verpackt und mit bunten Schleifen versehen. Jeder erkannte sie, sobald er die Verpackung öffnete. Die Menschen waren empört, warnten einander und mieden seinen Laden. Der andere Händler verkaufte Unwahrheiten. Sie waren kleiner und unauffälliger. Er nahm ein Stück Wahrheit, schnitt das Unbequeme heraus und füllte die entstandene Lücke mit Schweigen. Danach sah alles beinahe echt aus.

„Ich habe doch nichts Falsches gesagt“, erklärte er, wenn jemand misstrauisch wurde. Und tatsächlich: Seine Worte waren selten vollkommen gelogen. Es fehlte nur immer genau der Teil, der ihre Bedeutung verändert hätte. Die Menschen vertrauten ihm lange. Denn eine offene Lüge macht Lärm. Eine Unwahrheit dagegen spricht leise. Sie lässt Tatsachen weg, verschiebt Zusammenhänge und erzählt nur so viel, wie nötig ist, um glaubwürdig zu bleiben.

Eines Tages kaufte eine Frau bei beiden Händlern. Die Lüge des ersten erkannte sie sofort und gab sie zurück. Die Unwahrheit des zweiten nahm sie mit nach Hause. Erst viel später bemerkte sie, dass etwas fehlte. Nicht irgendein Detail, sondern genau die Wahrheit, die sie gebraucht hätte, um selbst entscheiden zu können.

Da verstand sie. Eine Lüge täuscht mit dem, was sie sagt. Eine Unwahrheit täuscht mit dem, was sie verschweigt. Und der entscheidende Unterschied liegt nicht nur in den Worten, sondern in der Absicht.

Freitag, Juli 31, 2026

genug.

Ich bin so unendlich müde von diesem Tag. Und ehrlich gesagt auch von dieser Woche. Nicht auf diese angenehme Art, bei der man sich ins Bett legt und sofort einschläft. Eher so müde, dass im Kopf noch sämtliche Gespräche, Entscheidungen und unerledigten Themen durcheinander laufen, während der Körper längst Feierabend beantragt hat. Mein Kopf explodiert seit Tagen. Gerade einfach zusammen auf dem Balkon gesessen. Nichts Besonderes. Kein großes Gespräch. Kein sorgfältig geplanter Abend. Wir haben uns von unserem Tag erzählt. Wer was gesagt hat. Was genervt hat. Was funktioniert hat. Dann einfach Schweigen. Dieses gute Schweigen, bei dem niemand sofort glaubt, etwas reparieren zu müssen. Und plötzlich wurde der Tag für einen Moment leiser. Nicht besser. Nicht ungeschehen. Morgen warten dieselben Themen schon wieder auf mich. Aber für einen Moment musste ich mal nichts entscheiden, nichts halten und niemandem erklären, wie es jetzt weitergeht. Ich konnte einfach dasitzen und erzählen. Und jemand hörte zu und nickte. Nähe ist gar kein großes Ereignis. Manchmal ist sie nur ein Platz neben jemandem, an dem man den Tag ablegen darf. Der einen in den Arm nimmt, festhält und küsst. Nicht mehr. Aber heute ist genau das genug. 

Mittwoch, Juli 29, 2026

durchsage.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

aufgrund erhöhter Auslastung entfallen heute Freundlichkeit, Geduld und spontane Zusatzleistungen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Oder wenigstens um Ruhe.

Danke. 
Frau Eiskalt. 

Dienstag, Juli 28, 2026

entscheidungsvorlage.

Ich habe in meinem Leben sehr viele Entscheidungsvorlagen gesehen. Einige davon enthielten sogar Entscheidungen. Die meisten beginnen mit einer Titelfolie, auf der das Wort Entscheidung erstaunlich selbstbewusst steht. Danach folgen Ausgangslage, Zielbild, Marktumfeld, strategische Einordnung, relevante Entwicklungen, Chancen, Risiken, Annahmen, Abhängigkeiten und ein Anhang, der vorsorglich schon einmal alles enthält, was später niemand gelesen haben will. Auf Seite 17 taucht zum ersten Mal die eigentliche Frage auf. Etwas klein. Rechts unten. Zwischen zwei Kästen. Bis dahin wurde sehr gründlich erklärt, warum das Thema wichtig ist. Alle nicken. Wichtig ist immer gut. Wichtig klingt nach Führung, ohne dass bereits jemand etwas führen müsste.

Dann kommen die Optionen. Option A ist teuer. Option B ist langsam. Option C ist strategisch nicht ganz sauber. Option D wurde nur aufgenommen, damit Option B vernünftig aussieht. Zu jeder Option gibt es Punkte, Ampelfarben und Symbole, die objektiv wirken sollen. Grün bedeutet gut. Rot bedeutet schlecht. Gelb bedeutet: Man möchte sich später nicht vorwerfen lassen, etwas übersehen zu haben. Am Ende gewinnt überraschend genau die Option, die vorher schon alle wollten. Sie wird trotzdem nicht Empfehlung genannt. Das wäre zu eindeutig. Stattdessen heißt es: „Aus heutiger Sicht präferierte Stoßrichtung unter Berücksichtigung der derzeit bekannten Rahmenbedingungen.“ Man muss aufpassen mit Sprache. Ein klarer Satz kann später noch gegen einen verwendet werden.

Ich sitze dann da, blättere auf Seite 38 und frage mich, ob ich zwischendurch versehentlich die Handlung verpasst habe. Irgendjemand möchte noch einen Satz zur Governance ergänzen. Jemand anderes bittet um eine Sensitivität. Ein Dritter weist darauf hin, dass die operative Perspektive stärker berücksichtigt werden müsse. Einer sagt: „Wir müssen das noch einmal ganzheitlich betrachten“, und alle tun für einen kurzen Moment so, als sei das eine Information. Das SteerCo-Meeting endet mit dem Ergebnis, dass die Entscheidungsvorlage überarbeitet wird. Das ist nicht dasselbe wie keine Entscheidung. Es ist professioneller.

Was mich daran inzwischen manchmal wirklich wütend macht, ist nicht die Sorgfalt. Auch nicht die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Perspektiven haben oder Risiken sauber abwägen wollen. Das gehört dazu. Mich kotzt diese organisierte Ablehnung von Verantwortung an. Dieses ständige Verschieben. Noch eine Schleife. Noch ein Gremium. Noch eine Rückfrage. Noch jemand, der bitte bestätigen soll, dass man im Nachhinein nicht allein verantwortlich gewesen sein wird. Am besten entscheidet am Ende der Prozess. Oder die Governance. Oder die Datenlage. Hauptsache, niemand muss später sagen: Ich habe das entschieden.

Natürlich sind gute Entscheidungen selten einfach. Man braucht Zahlen. Abhängigkeiten. Konsequenzen. Alternativen. Risiken. Man sollte verstehen, was man auslöst, bevor man es auslöst. Aber irgendwann ist eine weitere Folie keine zusätzliche Erkenntnis mehr. Sie ist nur noch eine sehr aufwendig gestaltete Form von Nervosität. Entscheidungen haben nämlich diese unangenehme Eigenschaft, Entscheidungen zu bleiben, auch wenn man sie in vierzig Seiten Kontext einwickelt. Am Ende muss jemand sagen: Das machen wir. Das machen wir nicht. Dieses Risiko tragen wir. Dieses nicht. Und ja, vielleicht stellt sich später heraus, dass es nicht die beste Entscheidung war. Das ist möglich. Verantwortung bedeutet nicht, immer recht zu haben. Verantwortung bedeutet, sich nicht hinter der Möglichkeit des Irrtums zu verstecken.

Dafür gibt es keinen SmartArt-Prozess. Keine Ampel. Keine Fußnote. Nur jemanden, der den Satz zu Ende bringt. Vielleicht ist eine gute Entscheidungsvorlage deshalb nicht die, die alle Fragen beantwortet. Sondern die, die endlich klar genug ist, damit niemand mehr so tun kann, als sei noch unklar, wer entscheiden muss. Manchmal reichen dafür genau drei Seiten. Eine für die Frage. Eine für die Folgen. Und eine, auf der später trotzdem noch jemand kommentiert: „Bitte ergänzen!“

Sonntag, Juli 26, 2026

abitur-jahrgang.

Ich wurde der WhatsApp-Gruppe „Abitur-Jahrgang 2001“ hinzugefügt. Und plötzlich schaut man sich durch Profilbilder in eine Zeit zurück, die sich gleichzeitig ewig her und erstaunlich nah anfühlt. Einige Gesichter haben sich gefühlt überhaupt nicht verändert. Abgesehen davon, dass wir inzwischen angeblich einfach 25 Jahre mehr auf dem Tacho haben. Bei anderen sitze ich davor und bekomme das Gesicht beim besten Willen keiner Person von damals mehr zugeordnet. Irre, was Zeit mit Menschen macht.

Neulich habe ich erst ein Bild von einigen Jungs aus meinem Jahrgang gesehen, die sich scheinbar noch regelmäßig treffen. Bei zweien habe ich kurz gezuckt, weil ich erschrocken war, wie alt sie aussehen. Da war die Zeit wirklich nicht besonders gnädig. Teilweise hatte ich spontan deren Väter von damals im Kopf. Verrückt, diese Ähnlichkeiten. Und ja, in solchen Momenten freue ich mich dann jedes Mal ein bisschen darüber, dass ich offenbar immer noch locker als Mitte bis Ende 30 durchgehe und die Leute eher sehr überrascht sind, wenn ich ihnen verrate, dass ich Mitte 40 bin. Man muss die kleinen Siege nehmen, wie sie kommen.

Zum Treffen werde ich trotzdem nicht gehen. Es passt zeitlich gar nicht, ist mir zu kurzfristig und ehrlich gesagt bin ich auch nicht scharf genug darauf. Aber neugierig bin ich mittlerweile schon ein bisschen. Zumindest auf ein paar einzelne von damals und darauf, was aus ihnen geworden ist. Wir waren früher so ein vierblättriges Kleeblatt. Irgendwann ist das komplett auseinandergegangen. Vielleicht ist es genau das, was mich heute am meisten interessiert. Wer wir geworden sind, nachdem wir aufgehört hatten, gemeinsam zu sein. Vielleicht gehe ich in 2 oder 5Jahren doch mal zum Treffen. Who knows?

Samstag, Juli 25, 2026

fundstück.

In einer Jackentasche habe ich diese Woche einen alten Einkaufszettel gefunden. Milch. Nudeln. Zahnpasta. Wein. Offenbar eine ausgewogene Lebensphase. Ich mag solche kleinen Nachrichten aus einem früheren Alltag. Man weiß nicht mehr, an welchem Tag man sie geschrieben hat, was damals wichtig war oder ob man am Ende überhaupt alles gekauft hat. Aber für einen Moment hält man ein Stück seines vergangenen Lebens in der Hand. Dann wirft man es weg. Weil man inzwischen längst wieder neue Zettel produziert.

Donnerstag, Juli 23, 2026

halbzeit.

In ein paar Tagen kommt der Teenie wieder und plötzlich fühlt sich die Woche schon ganz anders an. Ein bisschen Vorfreude, ein bisschen Vermissen und dieses besondere Gefühl, wenn das Zuhause bald wieder richtig vollständig wird. Wir machen schon wieder Pläne. Das Einzige, was ich nur so semi vermisse: ihr Chaos. Es liegt nicht mal ein Wäscheturm im Bad. Hier ist es gerade fast so ordentlich, dass ich kaum etwas zum Aufräumen finde und tatsächlich an die Stellen gehe, die ich schon länger mal richtig ausmisten wollte. Der Mann hat sich netterweise sofort angeboten, diesen Part des Kindes selbstlos zu übernehmen. Gestern bin ich direkt über seine Schuhe gestolpert, die strategisch günstig im Weg standen und die ich mit der Wäsche auf dem Arm natürlich nicht gesehen habe. Läuft also.

Da die Beschaffung eines Ersatzes offenbar etwas Zeit in Anspruch nehmen würde, soll ich künftig besser aufpassen und mich möglichst nicht tödlich verletzen. Na gut, dann passe ich auf. Schon allein wegen der Lieferzeiten. Und selbstverständlich aus Gehässigkeit. Seine Lovelanguage: Risikomanagement.

Bis dahin genießen wir noch die letzten ruhigen Tage und zählen innerlich schon langsam runter.

Mittwoch, Juli 22, 2026

samstagsdate.

Wenn der Mann fragt, ob ich am Wochenende mit ihm zu IKEA komme und wir das schon länger nicht mehr gemacht haben. Natürlich habe ich sofort zugesagt, zum Yoga kann ich schließlich immer gehen. Gemeinsam seelenruhig durch Wohnwelten schlendern, Dinge kaufen, die wir vorher nicht brauchten und die nicht auf der Einkaufsliste stehen und zum krönenden Abschluss einen absolut mittelmäßigen Hotdog. Romantik kann so einfach sein. Das Leben ist schön.

Dienstag, Juli 21, 2026

narbenschmerz.

An manchen Tagen sind Narben nur feine Linien. Blass. Ruhig. Unauffällig. Man weiß, dass sie da sind, aber man spürt sie nicht. Sie gehören zum Körper wie alles andere, was irgendwann passiert und geblieben ist. Man lebt irgendwann darüber hinweg. Zieht sich an. Geht arbeiten. Kauft Brot. Lacht. Schafft und sammelt neue Erinnerungen. Führt Gespräche, in denen niemand ahnt, wie viel Vergangenheit unter einer ganz normalen Haut Platz findet. Und dann gibt es diese anderen Tage. Da verändert sich irgendetwas. Ein Geruch. Ein Satz. Ein Bild. Manchmal nicht einmal das. Manchmal kommt es einfach. Erst als Ziehen unter der Haut. Dann mit einer Wucht, die keinen Abstand mehr zulässt. Dann fühle ich den Verlust. Dann sehe ich die Verzweiflung. Dann spüre ich wieder diesen Druck auf meiner Brust, als würde die Luft im Raum plötzlich nicht mehr für mich reichen. Ich höre meine eigenen Schreie. Sehe die Tränen. Spüre den Aufprall auf den Boden. Nicht wie eine Erinnerung, die ich von außen betrachte. Ich bin wieder dort. Für einen Moment gibt es kein Damals. Mein Körper kennt offenbar keine Kalender. Er weiß nicht, wie viele Jahre vergangen sind. Er erinnert sich an die Enge. An die Hilflosigkeit. An dieses verzweifelte Nichtbegreifen. An den Augenblick, in dem etwas zerbrach und ich trotzdem irgendwie weiter atmen sollte. Mein Verstand weiß, dass es vorbei ist. Mein Körper weiß noch, wie es sich angefühlt hat.

Das ist das Beschissene an Narben. Sie zeigen, dass eine Wunde sich geschlossen hat. Aber sie versprechen nicht, dass sie nie wieder schmerzt. Lange dachte ich, Heilung müsse bedeuten, dass all das irgendwann keine Macht mehr über mich hat. Dass ich ruhig darüber sprechen kann. Abgeklärt. Fast sachlich. Als wäre Schmerz erst dann wirklich vergangen, wenn er sich ordentlich erzählen lässt. Heute glaube ich, Heilung sieht anders aus. Vielleicht ist sie der Moment, in dem mich die Erinnerung wieder mit voller Kraft trifft und ich irgendwann trotzdem erkenne, ich bin hier. Nicht dort. Ich höre die Schreie, aber sie sind nicht mehr real. Ich spüre den Druck, aber die Luft kommt zurück. Ich sehe die Tränen und diesmal bin ich nicht allein mit ihnen. Ich bin heute bei mir. An manchen Tagen zerreißt es mich noch immer. Dann fühle ich alles gleichzeitig. Den Verlust, den Schmerz, die Angst, die Verzweiflung und diese unfassbare Leere danach. Aber irgendwann wird der Raum wieder größer. Ich atme ein. Ich atme aus. Die Gegenwart legt sich langsam um mich. Die Narbe bleibt. Der Schmerz kommt manchmal zurück. Aber ich komme auch immer wieder. Zu mir. In diesen Raum. In dieses Leben. Zu den Menschen, die heute an meiner Seite sind. 

Montag, Juli 20, 2026

südkorea.

Ich darf als Nächstes eine Postkarte nach Südkorea schicken, an jemanden, der gerade ganz frisch mit Postcrossing angefangen hat. Und ich finde das irgendwie besonders schön. Vielleicht wird meine Karte eine ihrer ersten sein. Vielleicht liegt sie irgendwann zwischen vielen anderen aus der ganzen Welt und erinnert daran, wie alles angefangen hat.

Ich liebe die Idee, winzig kleine Sequenzen und Augenblicke aus unserem Leben loszuschicken und dafür Geschichten aus Orten zu bekommen, die ich vielleicht nie selbst sehen werde. Handschriften, Briefmarken, Stadtansichten, kleine Gedanken von fremden Menschen. Ein Stück Welt im eigenen Briefkasten. Ich mag das. Am schönsten finde ich die persönlichen Details. Welches Lied hört jemand gerade rauf und runter? Welches Gericht könnte er ständig essen? Wie sieht ein ganz normaler Tag aus? Und dann ist da das Aussuchen der Postkarte. Welche passt zu diesem Menschen und Profil? Was möchte ich von meiner Stadt, meinem Leben, meiner kleinen Ecke der Welt zeigen? Das macht mir meistens so viel Freude. Es ist ein tolles Hobby. Bester Tipp vom Mann, der mir das schon vor längerer Zeit mal für den Teenie empfohlen hatte - dieses Jahr endlich ausprobiert und schockverliebt. Der Teenie hat längst ihr eigenes Konto und testet nun den Travelmodus. 

Sonntag, Juli 19, 2026

fassade.

Heute unter der Dusche musste ich an einen meiner früheren besten Freunde denken. Vor einigen Jahren stand er vor mir, sah mich an und fragte: „Ist das Dein fucking Ernst? Was tust Du hier? Wer bist Du überhaupt geworden? Warum gibst Du Dir so viel Mühe, nach außen das perfekte Leben zu inszenieren? Und wo ist die krasse Frau, die ich einmal kannte? Das wirkt, als müsstest Du Dich selbst von Deinem Leben überzeugen.“

Scheiße, war ich sauer. Das hat mich voll getroffen. Ich konnte und wollte damals nicht sehen, was er sofort gesehen hat. Ich war zu beschäftigt damit, alles am Laufen zu halten. Gut ein bis zwei Jahre später fiel mein Leben komplett auseinander und mir um die Ohren. Rückblickend war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte mich in diesem Leben fast vollständig aufgelöst. Wir haben danach nie wieder miteinander gesprochen. Das ist inzwischen fast zehn Jahre her.

Samstag, Juli 18, 2026

reichtum.

Gestern hatte ich den besten Abend. Mein Geburtstags-Sit-in mit den Mädels. Nur der engste Kreis. Menschen, die ich inzwischen seit acht, zehn, teilweise zwölf Jahren kenne. Vor fünfzehn Jahren bin ich in diese Stadt gezogen. Damals kannte ich hier niemanden. Außer den Ex. Und heute sitze ich in einem Raum voller Frauen, mit denen ich inzwischen halbe Leben geteilt habe. Es ist schon verrückt, wie sich so etwas entwickelt. Erst kennt man sich lose. Dann kennt man irgendwann die Geschichten. Die Familien. Die Muster. Die Katastrophen. Die Männer. Die noch schlechteren Entscheidungen. Und irgendwann kennt man sich so gut, dass ein Blick reicht und niemand mehr so tun muss, als wäre alles in Ordnung.

Wir sind miteinander durch einige ziemlich tiefe Täler gelaufen und durch viele schöne Momente. Sie mit mir durch meine, auch in Zeiten, in denen ich mich selbst kaum wiedererkannte. Ich mit ihnen durch ihre. Nicht immer elegant, aber zuverlässig. Gestern habe ich Karten bekommen, so schön und wertschätzend, dass ich kurz nicht wusste, wohin mit mir. Es war wirklich rührend. Darin stand noch einmal schwarz auf weiß, welchen Platz ich in ihrem Leben habe. Ich bin die Freundin, die man anrufen kann. Und ich komme. Ohne große Fragen. Mit einer Schaufel, Taschentüchern, einer Flasche Rum und Limetten. Je nachdem, was die Lage erfordert.

Und ich weiß, dass es auf Gegenseitigkeit beruht. Da wird schon mal alles stehen und liegen gelassen, und fünfzehn Minuten später steht jemand vor meiner Tür, trocknet Tränen, kocht Tee, läuft mit mir Kilometer durch den Wald oder übernimmt vorübergehend die Erwachsenenaufsicht. Damals bei der Trennung war das eine richtig üble Zeit. Aber sie waren an meiner Seite. Auch wenn ich das meiste trotzdem mit mir selbst ausgemacht habe. Mein persönlicher Lernbereich ist weniger das Geben. Das kann ich richtig gut - ich gebe gern, wenn ich jemanden in unser Leben lasse. Mein Lernbereich ist das Annehmen. Wirklich anzurufen. Zu sagen, ich brauche Dich. Nicht erst dann, wenn ich schon alles allein getragen, dreimal analysiert und vorsichtshalber noch den Müll rausgebracht habe. Das musste ich erst lernen. Und ich übe stetig weiter. Es kostet mich jedesmal Überwindung und ist ein Kampf mit mir selbst, aber ich werde allmählich besser.

Aber gestern saß ich da, zwischen diesen Frauen, diesen Geschichten und diesen völlig übertrieben schönen Karten, und dachte: "Fuck. So sieht echter Reichtum aus. Die lieben mich. Ich bin ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens." Und es ist einfach schön zu erleben, dass Menschen gern bleiben.

Donnerstag, Juli 16, 2026

brechstange.

Es gibt Morgen, da kommt man in die Firma und braucht ungefähr drei Sekunden, um festzustellen, dass nachts jemand versucht hat einzubrechen. Nicht mit Dietrich, Hightech oder einem dieser lautlosen Geräte, die in Filmen immer sehr professionell aussehen. Nein. Mit einer Brechstange. Ganz klassisch und oldschool. Man sieht es sofort. Tür und Schloss haben ordentlich gelitten. Metall verbogen, Holz ist gesplittert und rausgebrochen, Spuren am Rahmen, alles ein bisschen gewaltsam und brachial. Die gute Nachricht, sie sind nicht reingekommen. Die massive Außentür hat standgehalten. Die Eisenbeschläge auch. Und die Sicherheitstüren dahinter hoffentlich sowieso. Man kann sagen, was man will. Deutsche Sicherheitsarchitektur hat selten Charme, aber ist offenbar sehr belastbar.

Es war nicht der erste Versuch. Vor Jahren hatte der Vermieter die Tür bereits mit allem verstärken lassen, was nach Mittelalter, Baumarkt und Belagerungszustand aussieht. Wir selbst haben zusätzlich Sicherheitstüren einbauen lassen. Damals dachte ich noch, das sei vielleicht ein bisschen viel. Heute Morgen dachte ich: Nein. Alles richtig gemacht.

Natürlich beginnt man dann trotzdem sofort zu überlegen, was passiert wäre, wenn sie reingekommen wären. Was sie gesucht hätten. Was sie mitgenommen hätten. Ob sie überhaupt etwas gefunden hätten, das ihren nächtlichen Einsatz rechtfertigt. Vermutlich wären sie irgendwann zwischen Aktenordnern, Kabeln und alten Präsentationsunterlagen zusammengebrochen und hätten aus Frust den Kaffeevollautomaten mitgenommen. Oder sie hätten sich durch meine Ablage gearbeitet und danach freiwillig die Polizei gerufen. Der eigentliche Schaden war also überschaubar. Tür kaputt. Schloss kaputt. Der Summer funktioniert nicht mehr. Mein Nervensystem war sofort hellwach.

Während andere Menschen ihren Kreislauf morgens mit Sport, kaltem Duschen oder Zitronenwasser aktivieren, reichte bei mir heute ein Einbruchsversuch. Kann ich nicht empfehlen, dann doch lieber Sport. Der Tag kann weg. 

Mittwoch, Juli 15, 2026

zwischenfrage.

Das Kind kam ins Zimmer und fragte: „Hast Du kurz Zeit?“

Diese Frage ist bei Teenagern nicht messbar. Sie kann bedeuten: Wo ist mein Ladekabel? Oder, ich habe eine komplexe moralische Situation, drei Freundinnen sind beteiligt und Du musst sämtliche Vorgeschichten seit der fünften Klasse kennen.

Ich sagte ja. Es war das Ladekabel. Ich war fast enttäuscht.

Dienstag, Juli 14, 2026

kühlkette.

Ich stand mit offener Kühlschranktür da und wusste nicht mehr, was ich wollte. Also schaute ich hinein, als könnte der Kühlschrank mich erinnern. Er konnte nicht. Dafür sah ich Dinge, die dringend gegessen werden müssen, und schloss die Tür wieder. Manchmal ist Selbstfürsorge auch, Probleme kurz wieder kaltzustellen.

Montag, Juli 13, 2026

rückgeld.

Vor mir an der Kasse stand heute morgen ein älterer Mann, der sein Kleingeld sehr sorgfältig sortierte. Hinter ihm wurden Menschen bereits körperlich ungeduldig. Dieses leichte Gewichtsverlagern. Seufzen. Blick zur Nebenkasse. Als hinge die gesamte persönliche Zukunft an diesen vierzig Sekunden.

Der Mann bedankte sich, steckte sein Portemonnaie ein und ging langsam hinaus. Ich dachte: Vielleicht ist das später einmal der eigentliche Luxus. Sich nicht mehr hetzen zu lassen von Menschen, deren Namen man nicht kennt.

Freitag, Juli 10, 2026

treibenlassen.

Geburtstagswochenende. Zeit ist gerade ein bisschen knapp, das Leben dafür umso voller. Ich wünsche mir überhaupt nichts Großes. Kein Programm, das man schon morgens um neun ambitioniert abarbeiten muss. Kein Ereignis, das später unbedingt eine gute Geschichte ergeben soll. Kein Freizeitstress mit hübscher Kulisse. Nur einen Tag, an dem wir uns einfach treiben lassen. Zusammen. Ohne Uhr im Nacken, ohne Pflichtgefühl, ohne dieses ewige innere Abhaken, das selbst aus schönen Dingen eine To-do-Liste macht. Ein bisschen schauen. Ein bisschen stehen bleiben. Irgendwo etwas essen. Weitergehen. Lachen. Vielleicht falsch abbiegen und noch eine Runde drehen. Vielleicht irgendwo länger sitzen bleiben als gedacht. Müde werden, ohne erschöpft zu sein. Eventuell treffen wir wieder den „weltbesten“ Panflötenspieler. Vielleicht ist Glück manchmal genau das: kein besonderer Plan. Nur die richtigen Menschen und genug Zeit, ihn nicht zu brauchen. Ich freu mich so richtig. 

Donnerstag, Juli 09, 2026

intensität.

Ich stand heute im Aufzug mit einem Mann, der sehr intensiv nach Aftershave roch. Nicht schlecht. Nur entschlossen. So ein Duft, der nicht fragt, ob er mitfahren darf. Er steigt ein, übernimmt die Hausordnung und gründet spätestens im dritten Stock eine Bürgerinitiative.

Der Mann sagte: „Ganz schön warm heute.“
Ich sagte: „Ja.“

Mehr war nicht nötig. Manchmal ist Smalltalk ja nur ein soziales Nicken in Richtung Apokalypse. Wir fuhren gemeinsam fünf Etagen. Beide schweigend. Sein Aftershave bleibt vermutlich noch bis morgen im Aufzug zurück und wird dort Pakete entgegennehmen. Oben angekommen stieg ich aus und dachte: Menschen hinterlassen Spuren. Manche in Herzen. Manche in WhatsApp-Verläufen. Und manche in schlecht belüfteten Aufzügen. Alles nur eine Frage der Intensität.

45.

Geburtstage sind seltsam. So viel Aufmerksamkeit auf einmal. Nachrichten, Anrufe, Glückwünsche, kleine liebe Sätze aus allen Richtungen. Ich freue mich wirklich. Und gleichzeitig sitzt irgendwo im inneren Maschinenraum ein kleines Wesen mit Klemmbrett und ruft: "Bitte einzeln eintreten, das System verarbeitet noch." Mich überfordert das jedes Jahr. Vielleicht war genau deshalb dieser Abend so wunderschön. Nicht groß. Nicht laut. Nicht perfekt inszeniert. Kein Geburtstagsprogramm mit emotionaler Anwesenheitspflicht. Keine Show. Kein „jetzt muss es aber besonders werden“.

Einfach wir drei. Essen. Reden. Lachen. Zusammen am Tisch sitzen. Dieses leise Nebeneinander, das manchmal so viel größer ist als alles, was man planen könnte. Mehr wollte ich gar nicht. Kein Spektakel. Keine Überraschung. Keine Konfettikanone. Kein Beweisstück für ein gelungenes Leben. Nur einen ruhigen Abend. Mit den beiden Menschen, die mir am nächsten sind. Und ich hab die besten persönlichen Geschenke und das leckerste Essen bekommen. Ich liebs einfach. 

45, here we go! Ich mag die Zahlenkombi irgendwie so richtig. 

Mittwoch, Juli 08, 2026

wirkungsketten.

Ich glaube, Wirkungsketten in Beziehungen werden massiv unterschätzt. Nicht diese großen, dramatischen Momente mit Blitz, Donner und Menschen, die durch Regen rennen. Sondern diese kleinen Verschiebungen. Ein Satz. Ein Ton. Ein Angebot. Eine Unsicherheit. Mein alter Reflex, der sich sofort meldet und sagt: "Sei weniger. Regel das allein. Sei nicht auch noch ein Problem!" Und schon ist man nicht mehr im Jetzt, sondern irgendwo in einem alten Kellerraum, in dem noch sehr viel Zeug steht. Ich finde das lästig, weil ich gern behaupten würde, ich habe meine Innenausstattung inzwischen vollständig verstanden. Aber ich kenne offensichtlich nur die Lichtschalter besser.

Und dann gibt es diesen Satz, der erst einmal wunderschön klingt. Du bist nicht mehr allein. Warm. Beruhigend. Fast wie eine Decke. Bis man merkt, dass darin nicht nur Trost steckt, sondern auch viel Verantwortung. Weil Nähe eben keine Einbahnstraße mit hübscher Bepflanzung ist. Wenn einer explodiert, bekommt der andere den Luftdruck mit. Wenn einer aus Stress knapp wird, landet das nicht im Nirgendwo, sondern irgendwo im Körper des Menschen, der daneben steht und versucht, es nicht direkt persönlich zu nehmen. Meistens ist es überhaupt nicht böse gemeint. Das ist vielleicht das Anstrengendste daran. Viele Dinge sind nicht böse gemeint und wirken trotzdem.

Ich verstehe oft sehr viel. Manchmal vielleicht zu schnell. Aber verstanden werden möchte ich eben auch. Vielleicht ist genau das erwachsene Liebe. Merken, dass das eigene Chaos nicht an der eigenen Haut endet. Dass Stress nicht privat bleibt, wenn man liebt. Dass Rücksicht nicht bedeutet, sich unsichtbar zu machen. Und dass „nicht mehr allein“ nicht nur ein schöner Satz ist, sondern manchmal auch eine ziemlich praktische Zumutung. Weil auf einmal alles Wirkung hat und zwar in beide Richtungen. Immer. Auch das Gute. Vor allem das Gute.

Montag, Juli 06, 2026

44.

Heute ist mein letzter Abend mit 44. Ich sitze noch im Workshop, irgendwo zwischen Moderationskarten, fremden Menschen und diesem Gesicht, das man macht, wenn man professionell wirkt, obwohl innen längst jemand die Jahresbilanz auf den Tisch kippt. Es ist viel passiert. Es hat sich viel entwickelt. In mir. Um mich herum. Zwischen Menschen. In Beziehungen. In diesem merkwürdigen Feld zwischen Abschied und Anfang, in dem man manchmal morgens traurig ist und abends trotzdem lachen kann, ohne dass eins davon gelogen ist. Ich lasse die Monate nochmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen.

Ich wollte morgen gern anders aufwachen. Nicht im Hotel. Nicht allein. Sondern neben dem Menschen, bei dem sich mein Leben gerade sehr leise und sehr deutlich neu sortiert. Dieses völlig unspektakuläre Glück. Aufwachen. Nähe. Kein großes Ding. Genau deshalb ein großes Ding. Stattdessen sitze ich hier mitten in der Pampa. Und ja, ein Teil von mir findet das traurig. Vielleicht sogar mehr als nur ein bisschen. Aber ein anderer Teil mag diese Ruhe. Diese Stille, in der niemand etwas von mir will. Kein Smalltalk, kein gut gemeintes Gruppengefühl mit fremden Menschen, die spontan laut und euphorisch singen, mit denen ich eben noch über norwegische Strompreise gesprochen habe. Ich mag Geburtstage, aber ich mag sie leise. 

Nur ich, 44 und ein Jahr, das allmählich langsam ausläuft. Es wird der zweite Geburtstag, an dem ein vertrauter Anruf fehlen wird. Das tut weh. Aber morgen Abend bin ich wieder zu Hause. Bei meinen Lieblingsmenschen. Rückblickend kann ich sagen, es war ein gutes Jahr, dafür bin ich dankbar - so darf es weitergehen.

Sonntag, Juli 05, 2026

post.

Ich wollte nur ein Paket abholen. Nur. Dieses Wort ist der Anfang vieler sehr schlechter Entscheidungen. Die Post-Filiale ist gleichzeitig Kiosk, Lottoannahmestelle, Hermes-Außenstelle und offenbar auch eine Art psychosoziale Beratungsstelle für Menschen mit verlorenen Retourenscheinen. Vor mir ein Mann, der nicht wusste, ob sein Paket an ihn, seine Frau, seine Firma oder seinen Nachbarn adressiert war. Hinter mir jemand, der sehr laut telefonierte und dabei erklärte, dass „die da wieder alles falsch gemacht haben“. Alter. 

Ich stand da mit meinem Ausweis in der Hand und diesem Gesichtsausdruck, den Frauen ab vierzig entwickeln, wenn sie äußerlich ruhig bleiben, innerlich aber bereits eine komplette Prozessoptimierung entworfen haben und nervigen Menschen einfach kommentarlos ins Gesicht schießen möchten. Der Mann hinter der Theke sagte: „Hausnummer?“ Ich antwortete. Er verschwand. Kam zurück. Verschwand wieder. Kam mit einem Paket zurück, das ungefähr die Größe eines Hamsters hatte. Ich hatte Schuhe bestellt. Für einen Moment dachte ich, entweder ist das der Beginn einer Reklamation oder meine Füße haben heimlich abgenommen. Samstagvormittag in der Post und ich weiß wieder, warum ich andere Menschen nicht mag. 

Samstag, Juli 04, 2026

ratio.

Manchmal ist Schmerz nicht laut. Manchmal sitzt er einfach mit am Tisch. Er trinkt keinen Kaffee, sagt nichts, macht sich aber breit. In einer Ecke des Körpers. Zwischen den Rippen. Hinter den Augen. In diesem kleinen Moment, in dem man eigentlich funktionieren müsste, aber plötzlich wieder irgendwo steht, wo man nie wieder stehen wollte. Manchmal ist er ein Geruch. Ein Satz. Ein Datum. Ein Lied im Supermarkt. Eine fremde Handbewegung. Ein Foto oder ein Bild, das man weder gesucht noch darum gebeten hat. Eine Erinnerung, die nicht anklopft, sondern einfach die Tür eintritt. Schmerz ist ein seltsames Tier. Man denkt, man hätte ihn irgendwo abgelegt. In alten Jahren. In Krankenhausfluren. In Friedhofserde. In vergangenen Lieben. In Entscheidungen, die richtig waren und trotzdem viel gekostet haben. In Gesprächen, nach denen man anders war als vorher. Und dann steht er plötzlich wieder da. Nicht mit Musik, eher so nebenbei. Mitten im Alltag. Zwischen Espresso, Kalender, Meetings und irgendeinem schwarzen Rechteck, das mal wieder niemand richtig zuordnen kann. Manchmal reicht ein Satz. Eine Bewegung. Ein Detail, das nicht eingeordnet ist. Und schon ist der Kopf nicht mehr im Heute, sondern irgendwo, wo ich überhaupt gar nicht hinwollte. Das Ärgerliche ist, man weiß es. Man weiß, dass alte Bilder keine Gegenwart sind. Dass der Kopf manchmal aus einer Lücke eine ganze Katastrophe baut. Trotzdem greift das Ratio manchmal nicht.

Freitag, Juli 03, 2026

bäckerschlange.

Es gibt kaum einen besseren Ort für Gesellschaftsstudien als eine Bäckerschlange am frühen Morgen. Menschen mit unausgesprochenen Brötchenkonzepten, Kinder mit Croissantverhandlungsmandat, Männer, die „nur schnell“ sagen und dann acht verschiedene Körnerbrötchen nicht unterscheiden können. Ich stehe dazwischen, noch halb im Bett, aber innerlich bereits mitten in einer ethnografischen Feldstudie. Dabei wollte ich nur schnell ein Brötchen und ins erste Meeting. 

Donnerstag, Juli 02, 2026

mitreisende.

Manchmal denke ich, das Leben besteht aus lauter Versionen von uns, die irgendwo zurückgeblieben sind. Eine an einem Krankenbett. Eine in einer alten Liebe. Eine in einem Gespräch, das zu spät kam. Eine in einer Nacht, in der sie etwas erfahren hat, was sie nie wissen wollte. Eine mit einem Kind an der Hand. Eine mit einem Koffer. Eine mit einem Lächeln, das noch nicht wusste, was kommt. Und viele weitere. Und dann muss man all diese Versionen irgendwie mitnehmen, ohne dass sie einem ständig ins Steuer greifen. Das ist Arbeit.

Dienstag, Juni 30, 2026

idealistin eiskalt.

Ich glaube weiterhin, dass man sehr viel sehr gut hinbekommen kann, wenn zwei Menschen wirklich beteiligt sind. Nicht halb. Nicht nebenbei. Nicht mit offenem Hinterausgang. Sondern da. Wirklich da. Mit beiden Füßen. Ich rede von dieser Für-immer-Beziehung. Von gemeinsam alt werden. Von bleiben, auch wenn es unbequem wird. Von gemeinsamer Arbeit, Nähe, Wahrheit und der Entscheidung, nicht bei jedem Sturm innerlich den Fluchtweg zu suchen oder zuzumachen. Ich wünsche mir, dass man sich immer wieder füreinander entscheidet. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Angst. Nicht aus Gewohnheit. Sondern weil man sich gut tut. Weil man einander bereichert. Weil das Leben durch den anderen nicht kleiner, sondern größer wird. Ein Stück wärmer. Klarer. Lebendiger. Weil man etwas miteinander baut, das größer ist als der Reflex zu fliehen. 

Vielleicht bin ich auch einfach besonders bescheuert und die größte Idiotin von allen, weil ich weiter daran glauben möchte. Vielleicht bin ich aber auch nur nicht bereit, mich mit weniger zufriedenzugeben. Ich weiß was es kostet. Und ich will es trotzdem. 

Montag, Juni 29, 2026

langfristig.

Als wir letzten Sommer im Urlaub am Meer waren, rief der Mann an und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, ihn im nächsten Sommer vielleicht mitzunehmen. Ich weiß noch, wie wir Mädels den abendlichen Spaziergang zum Strand machten und ich die Untermieterin fragte, wie sie das finden würde und ob, sie sich das überhaupt grundsätzlich vorstellen kann. Sie blieb stehen, schaute mich lange prüfend an und meinte völlig trocken: "Na, ER plant ja sehr langfristig." Ich lieb sie einfach. Es war dieser typische Teenager-Moment, in dem in einem einzigen Satz mehr Analyse steckt als in drei Beratungsterminen und einer mittelgroßen PowerPoint-Präsentation. Mittlerweile hat sie ihren ganz persönlichen Countdown und gibt uns jede Woche ein Update, wie viele Tage es noch bis zum Urlaub und den Sommerferien sind. Die beiden freuen sich den Arsch ab, dass wir zu dritt verreisen. Fühlt sich sehr gut an. Das wird die beste und entspannteste Zeit. Es ist so richtig schön normal. Danach sind wir wahrscheinlich alle Schach-Meister und vielleicht lese ich endlich doch noch das Buch, was ich letzten Sommer nicht geschafft habe bzw. einfach nicht reinkam. Am Ende gibts eine Buchpräsentation, weil sie sich seit einem Jahr gemeinsam über mich lustig machen - "Bestes Buch 2025." 

Samstag, Juni 27, 2026

luxus.

Ich glaube, kleiner Luxus wird gern unterschätzt. Nicht Hotel, Spa, Champagner, Infinitypool. Eher: frische Bettwäsche. Eine kalte Flasche Eistee bei 38Grad oder Wein. Niemand will gerade etwas. Raum und Luft. Die Küche ist für sechs Minuten sauber. Ein Paket kommt wirklich an. Das Kind schreibt freiwillig eine Nachricht. Der Mann fragt: „Soll ich was mitbringen?“ Das sind keine großen Dinge. Aber große Dinge sind sowieso oft überbewertet. Sie machen Lärm, kosten Geld und brauchen meistens Schuhe, in denen man nicht gut laufen kann. Kleiner Luxus kommt leiser. Er steht in der Küche. Liegt auf dem Bett. Klingelt kurz. Schiebt einem ein Glas hin. Merkt, dass man müde ist. Ich werde offenbar älter. Früher habe ich vielleicht mehr Glanz gebraucht. Heute denke ich manchmal, wenn jetzt noch jemand die Spülmaschine ausräumt, ist das hier praktisch Versailles.

Freitag, Juni 26, 2026

präsenz.

Ich glaube, ich verstehe immer besser, wie wichtig mir echte Präsenz ist. Nicht als großes Konzept. Nicht als Forderung. Nicht als weiterer Punkt auf der ohnehin schon absurden Liste dessen, was Menschen angeblich alles leisten müssen, um beziehungstauglich zu sein. Eher als etwas sehr Einfaches. Da sein, wenn man da ist. Das klingt so schlicht, dass man es fast überlesen könnte. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Anwesenheit können viele. Körper im Raum, Kopf woanders. Neben jemandem sitzen und trotzdem nicht wirklich dort sein. Das passiert. Mir auch. Das Leben ist laut, der Kopf ist voll, das Handy blinkt, irgendeine innere ToDo- oder Einkaufsliste führt immer Protokoll. Präsenz ist für mich etwas anderes.

Präsenz ist eher, den anderen bei all dem alltäglichen Wahnsinn nicht ganz aus dem Blick zu verlieren. Zwischen Arbeit, Terminen, Nachrichten, Verantwortung, Stress, eigenen Gedanken und diesem ganzen Grundrauschen, das einen enger macht. Oder wieder hinzuschauen, wenn man merkt, dass man kurz verschwunden war. Sie beginnt in diesen kleinen Momenten, in denen jemand merkt, dass ein Satz nicht nur ein Satz ist. Dass ein „alles gut“ vielleicht gerade nur mittelgut konstruiert wurde. Dass jemand kurz leiser wird, obwohl er nach außen noch hervorragend funktioniert. Ich brauche keine Daueraufmerksamkeit. Überhaupt nicht. Keinen emotionalen Butler, keine Dauerschalte in meine Innenwelt, keine Panflöte im Hintergrund.

Aber ich merke, dass es mich tief beruhigt, wenn jemand wirklich da ist. Nicht perfekt. Nicht immer. Aber echt. Manchmal heißt Präsenz einfach nur, ich halte diesen Moment mit Dir aus. Keine Filmszene. Zu wenig Regen, zu wenig Bahnhof, zu wenig Mantelkragen. Eher Küchenlicht. Müde Gesichter. Wassergläser. Halbe Sätze. Ein Blick, der bleibt. Jemand, der fragt und nicht nur auf die nächste Gelegenheit wartet, selbst etwas zu sagen. Ich traue diesen kleinen Momenten mehr als jedem großen Versprechen. Weil Alltag so viel ehrlicher ist als Feuerwerk. Im schönen Licht kann man viel fühlen. Im normalen Licht zeigt sich, ob man wirklich miteinander da sein kann. Mit beiden Füßen im Raum. Nicht immer glänzend. Nicht immer souverän. Nicht immer sofort richtig. Aber anwesend. Vielleicht ist genau das der Teil, der etwas weiter wachsen lässt.

Donnerstag, Juni 25, 2026

lebensentscheidung.

Ich habe heute zwei Wassermelonen gekauft. Das klingt erstmal nicht weiter berichtenswert. Ist es vermutlich auch nicht. Aber bei Temperaturen, bei denen selbst meine Gedanken keine Hosen oder kurze Kleidchen tragen wollen, wird Wassermelone plötzlich zur Lebensentscheidung. Ich stand also morgens im Supermarkt und klopfte auf Melonen. Als hätte ich Ahnung. Habe ich nicht. Ich klopfe immer sehr konzentriert auf Obst und hoffe, dass niemand merkt, dass ich keinerlei System habe. Es klingt entweder dumpf oder anders dumpf. Daraus leite ich dann eine Entscheidung ab, die ich später zuhause für Schicksal halte, falls die Melone nichts kann. Erwachsene Menschen machen so etwas. 

Zu Hause habe ich die Melone aufgeschnitten und war kurz stolz, als hätte ich sie selbst erfunden. Rot. Kalt. Süß. Manchmal ist Glück nicht kompliziert. Manchmal steht es auf einem Schneidebrett, tropft auf die Arbeitsplatte und man isst direkt im Stehen über der Spüle, weil Teller bei der Affenhitze völlig überbewertet sind.

Mittwoch, Juni 24, 2026

kühlkette.

Ich glaube, ich bin heute kurz aus der Kühlkette gefallen. Keine großen Schäden. Nur dieses leichte Schmelzen an den Rändern, wenn man bei zu viel Grad versucht, Unterlagen fertig zustellen, spontan Feuerwehr zu spielen, freundlich zu bleiben und nebenbei ein erwachsener souveräner Mensch zu sein. Erwachsensein bei so krasser Hitze ist sowieso irgendwie ein Konzeptfehler. Man soll Termine einhalten, E-Mails beantworten, an Meetings teilnehmen, lächeln, Projekte vorbereiten und vorantreiben, Dinge sortieren und gleichzeitig nicht aussehen wie ein nasser Waschlappen. Ich habe mein Bestes gegeben. Mehr war temperaturbedingt nicht drin. Das Hirn wechselt spätestens jetzt final in den Gemüsemodus. Die Tetris-Melodie lief schon seit dem Mittag.

Mit das Beste heute, der Mann, der als erstes aufzählte, was unsere Homeoffice-Mittagsküche heute und morgen Leckeres servieren wird. Ich liebs einfach.