Dienstag, September 29, 2026

shoppinglogik.

Ich gehe mit einer Liste los. Das gibt mir Struktur. Ich komme mit Dingen zurück, die nicht auf der Liste standen. Das gibt mir Persönlichkeit. Beides zusammen nennt man vermutlich ausgewogenes Konsumverhalten.

Montag, September 28, 2026

erwachsenenfreude.

Dinge, über die ich mich mit Mitte 40 ernsthaft freue. Einen Parkplatz direkt vor der Tür. Frische Bettwäsche. Hübsche Blumen auf dem Tisch. Ein leerer Kalenderabend. Gutes Brot. Kerzen. Musik in der Küche. Wenn einer kocht und der andere Wein einschenkt. Einen Termin, der abgesagt wird. Einen Spaziergang ohne Ziel. An seiner Brust liegen. Ein Wochenende ohne Programm. Zusammen einschlafen. Morgens noch zehn Minuten liegenbleiben. Einen Kuss im Flur. Gute Gespräche am Küchentisch, im Auto, im Bett oder zwischendurch. Dieses Gefühl, dass man sich wirklich meint und nicht nur Informationen austauscht.

Ich hätte früher über diese Liste gelacht. Heute finde ich sie hervorragend und denken oft: "Ziemlich gutes Leben eigentlich."

Sonntag, September 27, 2026

nebensache.

Als Kind dachte ich oft, die schönen Dinge müssten groß sein. Reisen. Events. Besonderer Abend. Irgendwas mit Plan. Heute freue ich mich über ein Glas Wein, Sonne im Gesicht, einen guten Satz, einen vollen Tisch, jemanden neben mir und den Moment, in dem gerade nichts dringend ist. Keine große Erkenntnis. Nur praktisch.

Samstag, September 26, 2026

samstagskompetenz.

Ich habe inzwischen eine erstaunlich hohe Kompetenz darin entwickelt, einen freien Tag nicht komplett durchzutakten und trotzdem nicht einfach nur auf dem Sofa zu sitzen. Heute also ein bisschen in die Stadt. Einkaufen. Dinge erledigen, die unter der Woche erstaunlich zuverlässig liegen bleiben. Vermutlich irgendwo noch kurz stehen bleiben, obwohl ich eigentlich „nur schnell“ etwas holen wollte. Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht, man müsse aus einem freien Tag mehr machen. Frühstück irgendwo. Markt. Stadt. Später essen gehen. Hauptsache Programm.

Heute reicht mir dieses Dazwischen ziemlich gut. Ein bisschen unterwegs. Ein bisschen Alltag. Kein großes Event. Kein Gefühl, aus dem Tag noch irgendetwas Besonderes herauspressen zu müssen. Und dann noch ein bisschen Deko basteln für die "Party to die for" fürs Kind. Ich habe Farb-Spraydosen, Federn und Perlen. Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass aus „ein bisschen Deko“ im Laufe des Tages ein leicht eskalierendes Kreativprojekt wird. Später ein Glas Wein im Kiez. Mit Begleitung. Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist aber genau die Art Samstag, die ich inzwischen sehr mag. Nicht nichts. Nur angenehm viel.

Freitag, September 25, 2026

schutzlücke.

K.-o.-Tropfen ins Getränk. Ein Mensch wird betäubt, verliert Kontrolle, wird wehrlos gemacht. Und genau dieser Zustand wird anschließend für eine Vergewaltigung ausgenutzt.

Und im deutschen Strafrecht war bislang ausgerechnet die Frage relevant, ob diese Substanz ein „gefährliches Werkzeug“ ist. Der BGH verneinte das 2024 für über Getränke verabreichte narkotisierende Substanzen. Deshalb griff der Qualifikationstatbestand mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren nicht automatisch. Solche Fälle konnten unter einen Tatbestand mit mindestens drei Jahren fallen. Die Bundesregierung will diese Lücke nun schließen und ausdrücklich auch gefährliche „Mittel“ erfassen. Der Gesetzentwurf wurde am 23. September 2026 erstmals im Bundestag beraten. Gut.

Und gleichzeitig denke ich: "2026. Ernsthaft? WTF?" Denn über fünf Jahre kann man ohnehin diskutieren. Eine Haftstrafe ist irgendwann abgesessen. Die Folgen einer solchen Tat interessieren sich dafür eher wenig. Albträume haben keinen Entlassungstermin. Panikattacken keine Verjährungslogik. Schutzmechanismen verschwinden nicht, weil irgendwo fünf Jahre vergangen sind. Angst hält sich ebenfalls eher ungern an Strafrahmen. Menschen lernen damit zu leben. Manche ziemlich gut. Das bedeutet nur leider nicht, dass es weg ist.

Dass der Staat nun endlich ausdrücklich erfassen will, dass es für die Schwere einer solchen Tat keinen entscheidenden Unterschied macht, ob jemand einen gefährlichen Gegenstand benutzt oder einem Menschen heimlich die Fähigkeit nimmt, sich überhaupt noch wehren zu können, ist richtig. Dass dafür im Jahr 2026 noch eine Gesetzesänderung notwendig ist, finde ich weniger bemerkenswert als schlicht beschämend.

Und irgendwann bleibt die grundsätzlichere Frage. Wann schaffen wir es eigentlich, Frauen besser zu schützen, bevor wieder eine Gesetzeslücke geschlossen werden muss, deren Folgen andere längst getragen haben? Denn nach der Tat zu erklären, wie ernst wir Gewalt nehmen, ist vergleichsweise einfach. Vorher wäre interessanter. Und entscheidend. Wir diskutieren bei sexualisierter Gewalt sehr schnell über Täter, Strafrahmen, Beweise und Verurteilungen. Alles notwendig. Aber erstaunlich selten steht genauso lange die andere Frage im Mittelpunkt: "Was braucht der Mensch, dem das angetan wurde?"

Ich mag schon das Wort „Opfer“ nicht. Es macht aus einem Menschen schnell einen Zustand. Dabei muss dieser Mensch anschließend weiterleben. Arbeiten. Beziehungen führen. Schlafen. Vertrauen. Nähe zulassen. Vielleicht Therapie machen. Und irgendwie einen Körper davon überzeugen, dass heute nicht mehr damals ist. Und noch immer müssen Betroffene viel zu häufig erklären, warum sie sich so oder so verhalten haben. Warum sie geblieben sind. Warum sie gegangen sind. Warum sie nicht sofort angezeigt haben. Warum sie sich an etwas erinnern und an anderes nicht. Dabei sind sie diejenigen, denen etwas angetan wurde. Vielleicht wäre das tatsächlich mal ein guter Ausgangspunkt für Opferschutz.

Mittwoch, September 23, 2026

weiter.

An einem usseligen Herbsttag sind wir uns das erste Mal begegnet. Zufällig. Er, ein Kerl, der weder aalglatt noch geleckt wirkte, sondern irgendwie genau richtig. Etwas über 1,80 m. Schlank. Schlanke Muskeln an den Stellen, an denen sie Sinn machen. Brünett. Ein Gesicht, das nicht perfekt war. Aber ein Typ, ein richtiger Typ. Mit Ecken und Kanten. Einer, der einen Raum nicht betreten musste, um ihn zu füllen. Es reichte, wenn er da war. Er sprach mit leicht schwäbischem Dialekt. Nicht aufgesetzt. Nicht bemüht. So wie alles an ihm, selbstverständlich. Ich mochte sein Lächeln. Sein Lächeln war gefährlich. Nicht, weil es makellos war, sondern weil es ehrlich und verschmitzt war. Und weil er genau wusste, was es mit einem macht. Er war selbstbewusst. Nicht laut. Nicht übergriffig. Eher diese ruhige Sorte Mann, die nichts beweisen muss. Und genau deshalb alles kann. Er war sich seiner Wirkung absolut bewusst und ging entspannt damit um.

Auf dem Wasen kaufte er mir ungefragt ein Ticket für ein Fahrgeschäft, das ich hasste. Ich hätte nein sagen können. Tat ich nicht. Ich überlegte stattdessen kurz, was ich im Worst Case erbrechen könnte, wenn's zu wild wird. Drückte ihm lässig lächelnd meine Brille in die Hand, obwohl ich fast gestorben wäre und sprang über meinen Schatten. Er war beeindruckt und küsste mich danach. Frech. Direkt. So, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Er nannte mich meist „Kleines“ und ausnahmsweise klang es nicht falsch. Wir kochten oft stundenlang zusammen und zauberten die tollsten Gerichte. Er zeigte mir wie ich die Messer richtig halte. Einmal schnitt er sich aus Versehen ein Stück Fingerkuppe ab, weil er mich anguckte statt das Gemüse auf seinem Brett, das ging so schnell und war so blutig. Ich habs auf dem Badewannenrand verarztet und steril verbunden. Er schummelte mir Speck ins Essen, um zu testen, ob ich es merke und vielleicht doch mag. Ich hab's gemerkt und aussortiert. Wir lagen gern auf dem Sofa, unsere Finger ineinander verhakt, mein Kopf auf seiner Brust. Ich liebte sein Drachentattoo und die Symbolik, die es für ihn hatte. Ich habe es oft mit den Fingern nachgezeichnet. Er zog genüsslich an seiner Zigarette. Langsam. Fast zelebrierend. Und schaffte es trotzdem, nie danach zu riechen. Bis heute unverständlich. Er fuhr einen alten roten Alfa Romeo. Natürlich tat er das und natürlich ließ er mich fahren. Mit diesem Blick, der sagte: "Ich weiß genau, was ich Dir damit gebe."

Es war eine On-Off Geschichte. Er zog irgendwann in meine Stadt und ließ sich dorthin versetzen, ohne dass ich es wusste. Er rief eines Dienstags an und sagte, dass er mir etwas zeigen möchte. Ich war völlig sprachlos als ich ein paar Stunden später durch seine Wohnung ging und er meinte, er sei jetzt hier und würde nicht mehr gehen. Eine tolle Altbauwohnung mit abgezogenen Berliner Dielen. Einmal sagte er zu mir: „Du bist das offenste und gleichzeitig verschlossenste Buch, das ich kenne.“ Er hatte recht und ich wusste es. Er hat mich auch hinter meinen eigenen Mauern gesehen und sich nicht abschrecken lassen. Als ich nach zwei Jahren das erste Mal das "Liebe Dich." erwiderte, war es kein großer Moment. Keine Musik im Hintergrund. Einfach ein leiser Satz. Er drückte meine Hand, küsste mich auf die Stirn und lächelte.

Kurze Zeit später war er tot. Aus dem Leben gerissen. Von jetzt auf gleich. All unsere Pläne mit einem Mal hinfällig. Und alles, was von ihm blieb, war dieses Gefühl, dass manche Menschen nicht lange bleiben, aber etwas von ihnen trotzdem für immer bleibt. Manchmal frage ich mich, was er heute zu mir sagen würde, wenn er auf mein Leben schaut. Ob er mich wiedererkennen würde in all dem Leben, was inzwischen dazugekommen ist. In den Umwegen, Katastrophen, guten Entscheidungen und Menschen. Ob er über manche meiner Schleifen den Kopf schütteln und über andere leise lachen würde. Vermutlich würde er mich ansehen, grinsen und sagen: "Keep going, Du verdammte Rakete!"

Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht. Bin unruhig, dünnhäutig, irgendwie neben der Spur. Gestern habe ich den ganzen Tag nicht daran gedacht. Die Tage sind zu voll, ich zu sehr eingebunden. Erst abends, im Bett, als ich im Arm des Liebsten lag, sickerte es langsam durch. Vielleicht ist das Trauer nach all den Jahren. Nicht mehr laut. Nicht mehr groß. Eher wie ein alter Mitbewohner, der irgendwann ausgezogen ist, seinen Schlüssel aber offenbar behalten hat und einmal im Jahr vorbeikommt. Heute geht's mir nicht gut, heute darf sich schwer anfühlen. Morgen ist ein neuer Tag.

Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.

verschiebung.

Ich bin Berlinerin. Nicht „da mal gewohnt“. Sondern geboren, aufgewachsen, im Ost-Berlin. Familie. Prägung. Dieses spezielle Verhältnis zu einer Stadt, die man gleichzeitig beschimpft, verteidigt und vermisst. Meine Familie und ein Teil meiner Freunde leben noch dort. Und der Wahlkreis meiner Eltern hat gestern die AfD gewählt. Ich habe heute Morgen mehrfach auf die Wahlkarte geschaut. Als würden sich Zahlen durch ausreichend irritiertes Draufstarren noch einmal umentscheiden. Tun sie nicht.

In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8, die AfD auf 16,3 Prozent – 2023 waren es noch 9,1. Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Und ein paar hundert Kilometer weiter: Mecklenburg-Vorpommern. 38,2 Prozent AfD. Die SPD 35,5. Die CDU 4,9 Prozent und damit erstmals nicht mehr im Landtag. 38,2 Prozent!!! Ich schreibe die Zahl noch einmal hin, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hat, sie beim ersten Mal nicht vollständig zu verarbeiten.

Und natürlich startet sofort wieder die große Erklärungsmaschine. Die Ossis. Die Abgehängten. Die Wütenden. Die Protestwähler. Ich bin Ossi. Vielleicht reagiere ich deshalb inzwischen leicht allergisch darauf, Ostdeutsche wie eine ethnologische Forschungsgruppe zu behandeln, deren merkwürdiges Wahlverhalten man aus ausreichender Entfernung untersucht. So einfach ist es nicht. Und auch „Protestwahl“ ist mittlerweile ein ausgesprochen praktisches Wort. Klingt ein bisschen nach einem energisch ausgefüllten Beschwerdeformular. Nur ist eine Wahl kein Beschwerdeformular. Wer eine Partei wählt, wählt eben auch deren Personal, Programm und politische Vorstellungen. Das gilt für die AfD. Und übrigens auch für Die Linke.

Deshalb kann ich mich über deren Wahlsieg in Berlin auch nicht einfach freuen, nur weil dort nicht die AfD stärkste Kraft geworden ist. Mir ist das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild der Linken zu weit von meinem entfernt. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Natürlich. Menschen müssen aufgefangen werden, wenn sie Hilfe brauchen. Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen. Krankheit oder Arbeitslosigkeit dürfen niemanden ins Bodenlose schicken. Und selbstverständlich muss sich jeder Mensch sein Leben leisten können. Wohnen. Essen. Energie. Mobilität, soziale Teilhabe. Das ist für mich keine Frage. Aber Solidarität bedeutet für mich nicht grenzenlose Umverteilung. Leistung, Eigentum und wirtschaftlicher Erfolg sind für mich auch nichts grundsätzlich Verdächtiges, das möglichst umfassend neu verteilt werden muss. Beides muss gleichzeitig möglich sein - ein Leben, das man sich leisten kann und eine Gesellschaft, in der sich Arbeit, Verantwortung und eigenes Vorankommen weiterhin lohnen. Genau deshalb fremdele ich mit einer Politik, die für mein Empfinden zu oft zuerst darüber nachdenkt, was noch verteilt werden kann, statt darüber, wie mehr Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, selbst Wohlstand aufzubauen.

Die Berliner Linke macht aus ihrer Richtung dabei kein Geheimnis. Die Umsetzung der Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände bezeichnet sie als „oberste Priorität“. Vorgesehen sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen; die Partei spricht selbst vom „Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Und dann schaue ich auf die Zahlen. Berlin erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Ende 2025 lag der vorläufige Schuldenstand bereits bei rund 69,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig reden wir über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, deren Entschädigung je nach Berechnungsmodell einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnte. Wie daraus ohne erhebliche Haushaltsrisiken dauerhaft niedrigere Mieten entstehen sollen, ist für mich eine ziemlich entscheidende Frage. Und nein. „Das bezahlt sich irgendwann selbst“ reicht mir bei solchen Summen irgendwie nicht als finanzpolitisches Konzept. Vielleicht liegt genau darin mein eigentliches Unbehagen mit diesem Wahlabend. Ich schaue nach rechts und erschrecke. Ich schaue weit nach links und finde dort ebenfalls keine politische Heimat.

Heute Morgen lese ich dazu einen Kommentar in der FAZ. Die Diagnose dort. Union, FDP und auch SPD hätten insbesondere den Kontakt zu großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verloren. Das traditionelle bürgerliche Lager, das jahrzehntelang große Teile der Wählerschaft gebunden hat, sei massiv eingebrochen. Der Autor fordert deshalb eine neue bürgerliche Partei. Soziale Marktwirtschaft. Leistungsfähiger Staat. Weniger Überregulierung. Wirtschaftliche Vernunft. Ob eine neue Partei die Antwort wäre, weiß ich nicht. Aber dass etwas grundsätzlich nicht mehr funktioniert, kann man nach solchen Wahlabenden schwer übersehen. Menschen merken, wenn Dinge nicht funktionieren. Verwaltung. Bildung. Wohnen. Infrastruktur. Migration. Wirtschaft. Soziale Sicherheit. Man kann nicht jahrelang erklären, vermitteln und beschwichtigen und sich anschließend ausschließlich darüber wundern, dass Menschen irgendwann nicht mehr zuhören. Nur folgt daraus eben nicht, dass jede politische Antwort darauf eine vernünftige ist.

Genau da hängen wir offenbar fest. Die eine Seite ruft: Alles Nazis. Die andere: Alles nur enttäuschte Bürger. Beides ist mir zu einfach. Menschen können sich von Politik im Stich gelassen fühlen und trotzdem Verantwortung dafür tragen, wem sie ihre Stimme geben. Regierungen können schlecht arbeiten und trotzdem nicht für jede Radikalisierung verantwortlich sein. Man kann verstehen wollen, warum Menschen AfD wählen, ohne die Entscheidung zu verharmlosen. Und man muss einen Wahlsieg der Linken nicht automatisch als beruhigendes Gegengewicht empfinden. Eigentlich müsste all das gleichzeitig in einen Kopf passen. Scheint derzeit eine überraschend anspruchsvolle Übung zu sein.

Und dann bleibt da dieser blaue Fleck auf der Berliner Wahlkarte. Der Wahlkreis meiner Eltern. Ich kenne dort Straßen. Häuser. Supermärkte. Bushaltestellen. Statistik ist erstaunlich abstrakt, bis sie plötzlich eine Straßenbahnhaltestelle hat. Ich verstehe meine Heimat heute ein bisschen weniger als vorgestern. Nicht, weil Menschen anders wählen als ich. Das gehört zur Demokratie. Sondern weil ich nicht verstehe, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem so viele Menschen ihre politische Antwort bei Parteien suchen, in denen ich mich überhaupt nicht wiederfinde.

Vielleicht sollten die Parteien, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, deshalb weniger fragen: "Wie erklären wir den Leuten, dass sie falsch liegen?" Und häufiger: "Warum erreichen wir sie eigentlich nicht mehr?" Erklärung ist keine Entschuldigung. Empörung ist keine Analyse. Die Probleme sind kompliziert. Die Antworten werden immer einfacher. Und ich verstehe die Welt gerade tatsächlich ein bisschen weniger.

Sonntag, September 20, 2026

83.

Postkarten. So viele sind seit März bei mir angekommen. Aus 25 verschiedenen Ländern. Menschen, die ich nicht kenne, haben irgendwo auf der Welt eine Karte ausgesucht, ein paar Zeilen geschrieben, eine Briefmarke draufgeklebt und sie auf den Weg nach Düsseldorf geschickt. Manche brauchten fünf Tage. Manche zwei Monate. andere haben offenbar zwischendurch noch eine Weltreise gemacht. Und jetzt liegen 83 kleine Stücke Welt bei mir in einer hübschen schwarzen Schachtel. Postcrossing ist schon ein bisschen wild. Und ziemlich schön.

Freitag, September 18, 2026

nacken.

Heute für neue Strähnen beim Friseur gewesen. Dann kam die Frage, was wir mit der Länge machen. Ich, offenbar in einem unbeaufsichtigten Moment: „Ich glaube, ich möchte wieder einen Bob. Irgendwas zwischen Schulter und Kinn. Schneid alles ab! Ich brauche was Neues.“ Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ich war kurz selbst überrascht von meiner Courage. So kurz hatte ich sie zuletzt vor der Untermieterin. 

3,5 Stunden und locker 15 Zentimeter später mit einem wunderschönem Bob aus dem Laden spaziert und unangemessen begeistert von meiner eigenen Spontaneität gewesen. Ich liebe es, ich liebe die Länge. Der Teenie liebt es auch. Der Mann ist offenbar ebenfalls ausgesprochen angetan. Damit ist die spontane Restrukturierung überraschend umfassend durch alle relevanten Gremien gegangen. Andere treffen weitreichende Lebensentscheidungen. Ich erstmal so - Nacken frei! Keine weiteren Maßnahmen erforderlich.

Donnerstag, September 17, 2026

zahlen.

Fast 250.000 Aufrufe in den letzten zwölf Monaten. WTF? Komplett irre. Eine Viertelmillion Klicks auf dieses kleine digitale Durcheinander aus Alltag, Arbeit, Teenager, Liebe, Therapie, Reisen, Postkarten, Currywurst, Kontrollverlust, Gedankenwirrwarr und gelegentlicher Eskalation. Und das Verrückte, die Kurve steigt stetig weiter. Offenbar ist mein Leben von außen betrachtet mindestens so unterhaltsam, wie es sich von innen manchmal anstrengend anfühlt. Ich freue mich darüber. Wirklich. Ich stelle fest, dass ich eher fasziniert drauf gucke - früher wollte ich unbedingt unterhalten, heute ist es nur noch ein Ventil für mich.

Wichtig sind mir die Zahlen trotzdem nicht. Ich werde sehen, wie lange sich das hier gut für mich anfühlt. Und eventuell ziehe ich den ganzen Bumms irgendwann doch noch zu WordPress um. Die Domain gehört seit ewigen Jahren mir, eigentlich ist auch schon alles vorhanden, nur lässt sich das hier aktuell nicht vernünftig exportieren. Nochmal von vorn anfangen? Bei null? Schon öfter drüber nachgedacht. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss arbeiten und weiterleben. Sonst gibt’s hier bald nichts mehr zu lesen.

Mittwoch, September 16, 2026

schweiz.

Postcrossing hakt aktuell ein bisschen. Also „ein bisschen“ im Sinne von: 5 Karten offenbar verschollen seit 72 bis 120Tagen. 5 weitere seit über 40 Tagen unterwegs. Teilweise in die Schweiz. In die Schweiz!!! Ich möchte nicht kleinlich sein, aber die liegt jetzt verkehrstechnisch nicht hinter Mordor. Der Teenie bekam heute eine Karte aus Russland. Über zwei Monate unterwegs. Verständlich. Große Strecke. Schwierige Route. Abenteuer. Aber Düsseldorf–Schweiz? Ich gehe inzwischen davon aus, dass meine Postkarten zu Fuß reisen. Mit Pausen. Und vermutlich ohne Google Maps. Bestes Trainingslager für meine nicht sehr ausgeprägte Geduld. Der Teenie sagt immer, als die Geduld verteilt wurde, war ich offensichtlich schon halb zur Tür raus, weil es mir zu lange gedauert hat.

vertrauen.

Es gibt gerade so viel zu erzählen und eigentlich auch nichts. Nicht, weil nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert so viel. Ich möchte es nur gerade nicht teilen. Es ist schön. Es ist gut. Es wird ruhiger. Was erstaunlicherweise gar nicht automatisch angenehm ist, wenn man innerlich lange auf irgendwas gewartet hat. Auf den Einschlag. Die Wendung. Den Haken an der Sache. Ich merke, dass ich mich an genau das erst gewöhnen muss. Meine Therapeutin sagte letzte Woche einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist die Ruhe, die nun einkehrt.“ Vielleicht war genau das diese Unruhe, die ich wochenlang nicht richtig greifen konnte. Dieses merkwürdige Gefühl, dass doch irgendetwas sein müsste, ich irgendwas übersehen habe. Dass Ruhe verdächtig ist. Dass Sicherheit eigentlich nur diese kurze Pause vor dem nächsten Einschlag sein kann. Vielleicht ist es tatsächlich endlich diese Ruhe, von der der Mann schon lange sagt, dass sie kommen wird. Und vielleicht fange ich tatsächlich an, mich langsam sicher zu fühlen. Auch so ein Satz, den mein Nervensystem vermutlich gern erst einmal zur Prüfung einreichen würde.

Ein ausgesprochen ungewohnter Zustand. Aber echt schön. Und für unsere fulminante Großartigkeit können wir schließlich nichts. Ich mag uns zusammen.

Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Mittwoch, September 09, 2026

schwerstarbeit.

Therapiestunde heute morgen. Ich stelle fest, ich bin komplett erledigt. Schon faszinierend, wie ich 50 Minuten auf einem Sofa sitzen kann - von außen betrachtet eine ausgesprochen überschaubare Tätigkeit. Reden. Zuhören. Nachdenken. Ab und zu schweigen. Und mein Körper anschließend so tut, als hätte ich einen Umzug, einen Halbmarathon und drei Familienfeiern parallel absolviert. Inklusive unmöglicher Sitzordnung. Und Diskussionen über Politik. Manchmal ist „reden“ nur die sehr freundliche Umschreibung für Schwerstarbeit im Nervensystem. Leider ohne Schrittzähler und ohne Anspruch auf Sonderurlaub. Aber war sehr gut. intensiv, aber gut. Wieder was verstanden und sortiert. 

Dienstag, September 08, 2026

marketing. .

Unser Küchentisch ist Essplatz, Schreibtisch, Ablage, Konferenzraum, Poststation und gelegentlich Ort emotionaler Grundsatzverhandlungen. Manchmal liegt dort gleichzeitig ein Schulheft, eine Rechnung, ein angebissener Apfel, ein bis drei Notebooks und diverse Kabel, dessen Funktion niemand kennt. Dazwischen essen wir.

Ich glaube, Möbelhäuser verkaufen Tische völlig falsch. Niemand braucht „Platz für sechs Personen“. Man braucht Platz für bis zu sechs Menschen und achtzehn offene Lebensvorgänge.

Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

Samstag, September 05, 2026

tgif.

Currywurst, Pommes und Wein. Cuba Libre. Ein neues französisches Kochbuch. Einfach gemeinsam am Tisch sitzen, in Ruhe vom Tag erzählen, Musik hören, ein bisschen tanzen und knutschen. Lachen. Reste teilen. Ich liebe alles daran. Der Teenie war um 20.00Uhr schon müde von der Woche und hat sich ins Bett gelegt. 

War eine sehr anstrengende und volle, aber gute Woche. 

Freitag, September 04, 2026

selbstständigkeit.

Man bringt einem Kind jahrelang bei, selbstständig zu sein. Dann macht es genau das. Unverschämt. Muss ich mich manchmal noch dran gewöhnen. 

tragfähigkeit.

Meine Eltern sind seit gestern 49 Jahren verheiratet. Das war für mich immer irgendwie das Bild. Nicht die Hochzeit. Nicht das Kleid. Nicht dieses ganze „für immer“-Gedöns. Sondern tatsächlich mit einem Menschen alt werden. Gemeinsam durch Jahrzehnte stolpern. Wissen, wie der andere morgens guckt, wo die Tassen stehen und welche Geschichten man besser nicht vor Gästen erzählt. Ich wollte genau das auch immer.

Lustigerweise wusste ich sehr lange überhaupt gar nicht, dass ich auch gern geheiratet hätte. Meine Mutter hat selbst mit 19 geheiratet und trotzdem immer gesagt: "Du musst nicht heiraten. Überleg Dir das wirklich gut!" Vielleicht habe ich deshalb lange eher gelernt, was ich nicht muss, als zu fragen, was ich eigentlich tatsächlich will. Heute weiß ich, ich brauche keine Hochzeit um der Hochzeit willen. Aber die bewusste Entscheidung füreinander, die mag ich schon sehr.

Lange dachte ich, dafür müsse ich vor allem durchhalten. Krisen aushalten. Nicht beim ersten Gegenwind die Flinte ins Korn werfen. Bleiben, wenn es unbequem wird. Und ja, meine Eltern haben durchgehalten. Aber eben nicht im Sinne von, einer trägt alles und der andere lehnt sich zurück. Sie haben beide daran gearbeitet. Immer wieder. Sich gestritten. Sich wieder zusammengerauft. Sich verändert. Sich manchmal vermutlich auch gegenseitig echt wahnsinnig gemacht. Und trotzdem immer wieder zueinander gefunden. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Eine Beziehung kann nicht von einem Menschen allein gerettet, getragen oder in die richtige Richtung geschoben werden. Irgendwann ist man dann zwar noch zu zweit, aber einer arbeitet Vollzeit an etwas, das der andere nur noch bewohnt. Hab's getestet. 

Ich möchte immer noch mit einem Menschen alt werden. Sehr sogar. Aber inzwischen weiß ich. Dafür müssen zwei Menschen wollen, dass es funktioniert und in dieselbe Richtung gehen. Nicht immer gleich schnell. Nicht immer elegant. Aber grundsätzlich beide. Sonst ist Durchhalten irgendwann nur noch ein ziemlich freundliches Wort für allein weitermachen und aushalten. Für Stillstand. Für dieses merkwürdige Festhalten an etwas, das längst nicht mehr gemeinsam getragen wird. Und irgendwann hält man dann nicht mal mehr die Beziehung zusammen. Sondern nur noch sich selbst darin fest. 

Mittwoch, September 02, 2026

abzweigung.

Heute geht die Schule wieder los. Klasse 9 - wann ist das passiert? Der Teenager verschwindet also wieder morgens mit ihrem Rucksack aus der Tür und passend dazu stolpere ich beim ersten Tee in der FAZ über die Zahl, dass inzwischen fast jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wird. 2024 waren es rund 159.000.

Natürlich liegt die Erzählung sofort griffbereit. Die Jugend von heute. Zu wenig Durchhaltevermögen. Zu hohe Erwartungen. Zu empfindlich. Früher hätte man sich eben durchgebissen. Früher hatte man allerdings auch deutlich weniger Türen, durch die man gehen konnte. Und vielleicht ist deshalb die Zahl allein gar nicht so interessant. Viel spannender finde ich die Frage, was da eigentlich abgebrochen wird. Eine Ausbildung? Eine falsche Entscheidung? Ein schlechter Betrieb? Oder manchmal einfach die Vorstellung, dass man drei Jahre irgendwo bleiben muss, weil man dort mit 16 oder 17 einmal unterschrieben hat? Knapp die Hälfte derjenigen, deren Vertrag vorzeitig endet, beginnt später eine neue Ausbildung. Häufig in einem anderen Beruf oder Betrieb. Das Wort Abbruch erzählt also längst nicht immer die ganze Geschichte. Manchmal ist es schlicht eine Kurskorrektur.

Natürlich müssen junge Menschen lernen, Frust auszuhalten. Nicht jede Kritik ist toxisch, nicht jeder schlechte Montag eine existenzielle Krise und Arbeit besteht leider nicht durchgehend aus Selbstverwirklichung, Purpose und Hafermilchkaffee. Aber Durchhalten ist eben auch keine Tugend um jeden Preis. Als Gründe für Ausbildungsabbrüche werden unter anderem Kommunikationsprobleme, Konflikte mit Ausbildern, mangelnde Ausbildungsqualität und belastende Arbeitsbedingungen genannt. Gleichzeitig beklagen Unternehmen fehlende Grundkompetenzen und Schwächen im Arbeits- und Sozialverhalten. Wahrscheinlich stimmt beides. Junge Menschen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und nicht beim ersten Gegenwind das Handtuch zu werfen. Unternehmen müssen vielleicht gleichzeitig wieder stärker verstehen, dass ein Azubi keine erstaunlich günstige Vollzeitkraft mit gelegentlicher Berufsschulunterbrechung ist. Ausbildung hat tatsächlich etwas mit Ausbilden zu tun.

Und ich sitze hier derweil mit einem Teenager in Klasse 9 und bin ziemlich gespannt, welchen Weg sie irgendwann einschlagen wird. Aktuell möchte sie im nahen Ausland studieren. Das kann sich noch ungefähr zwölfmal ändern. Sie hat ja noch ein paar Jahre. Vielleicht ist genau das auch ganz gut so. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wir überschätzen regelmäßig den Wert geradliniger Lebensläufe. Als müsse eine Entscheidung, die man mit erstaunlich wenig Lebenserfahrung trifft, anschließend möglichst widerspruchsfrei bis zur Rente verteidigt werden. Man darf falsch abbiegen. Man darf zurück. Man darf einen anderen Weg nehmen. Und manchmal ist das gar kein Scheitern. Sondern einfach Erwachsenwerden.

Dienstag, September 01, 2026

september.

Ich mag den September. Einer meiner Lieblingsmonate. Noch nicht richtig Herbst, aber der Sommer zieht sich langsam zurück. Morgens ist die Luft plötzlich kühler und klarer. Mittags schafft es die Sonne trotzdem noch, alles warm zu machen. Dieses goldene Licht, das tiefer steht und weicher wirkt als noch ein paar Wochen vorher. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Erst hier ein gelber Rand, dort ein roter Fleck. Als würde der Herbst langsam anfangen, sich einzumischen. Abends wird es früher dunkel. Die Fenster spiegeln wieder mehr. Kerzen stehen auf dem Tisch. Man nimmt automatisch eine Jacke mit und freut sich gleichzeitig noch über jeden warmen Nachmittag. Ich mag dieses Dazwischen sehr. Dieses leise Verschieben. Nichts kippt plötzlich. Es verändert sich einfach. Stück für Stück.

Der September hat für mich aber auch ein paar Daten, die nicht einfach vorbeigehen. Unter anderem Todestage. Mehr als einen. Einer davon trifft mich jedes Jahr besonders. Nicht immer gleich. Manchmal denke ich Tage vorher daran. Manchmal erst morgens. Manchmal kommt die Erinnerung ganz unspektakulär beim Espresso oder unter der Dusche und sitzt dann plötzlich mit am Tisch.

Diese Tage haben sich eingebrannt. Nicht unbedingt in allen Einzelheiten. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich getan habe. Aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat. Wie sehr es mich bis ins Mark erschüttert hat. Ich lag tagelang auf dem Fußboden im Bad und konnte mich kaum bewegen. Ich wollte dieses Gefühl nicht aushalten müssen. Ich wäre gern auch gestorben, als weiter zu spüren, wie es mich innerlich zerreißt. Ich habe es überlebt. Es ist lange her. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Ich glaube, das ist das Merkwürdige an Verlust. Das Leben verändert sich weiter. Man selbst verändert sich. Andere Menschen kommen dazu. Neue Erinnerungen entstehen. Man lacht wieder, liebt wieder, arbeitet, fährt in den Urlaub und steht irgendwann in einem Leben, das damals noch gar nicht existiert hat. Und trotzdem gibt es diese Stellen im Kalender.

Keine offenen Wunden mehr. Eher Narben, die ziemlich genau wissen, welches Datum ist und anfangen zu ziepen. Vielleicht passt auch das zum September. Die Sonne ist noch da. Die Wärme auch. Und trotzdem liegt morgens schon etwas Kühles in der Luft. Die Bäume behalten noch ihre Blätter und fangen gleichzeitig an, sie loszulassen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Und trotzdem ist noch etwas davon da.