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Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Mittwoch, August 19, 2026

hygge.

Draußen regnet es. So ein gleichmäßiger Regen, der nicht nervt. Eher dieses leise Trommeln auf Dach, Holzterrasse, die Tische und irgendetwas Metallischem draußen, das alle paar Sekunden anders klingt. Mal dumpf. Mal heller. Dazwischen das Rauschen in den Bäumen. Die Luft ist kühl und riecht nach nassem Boden. Ein bisschen nach Gras. Ein bisschen nach Holz. Ein bisschen nach Sommer, der heute offenbar keine Lust hat, sich besonders anzustrengen. Der Himmel ist diesig und wolkenverhangen, alles draußen wirkt ein bisschen weicher. Gedämpfter. Als hätte jemand die Lautstärke runtergedreht.

Drinnen stehen Kerzen auf dem Tisch. Das Licht flackert auf den Gläsern und macht aus einem ganz normalen Nachmittag im August plötzlich ziemlich viel Hygge. Wir sitzen hier am großen Esstisch. Gemütlich. Ohne Programm. Heute kein Ausflug. Kein Plan. Kein „wir könnten noch“. Kein Gefühl, irgendetwas aus diesem Tag herausholen zu müssen. Einfach Regen am Fenster und zwischendurch ein paar Sätze. Ich schreibe ein bisschen. Jeder macht seins. Manchmal reden wir. Manchmal nicht. Ab und zu gibts einen Kuss oder eine Umarmung. Einer holt sich noch einen Keks oder einen Rest Bolognese von gestern. Jemand zieht die Beine unter sich. Der Teenie bemalt ihre Hände künstlerisch. Draußen tropft es weiter von den Kanten und drinnen muss gerade nichts passieren.

Ich mag solche Tage zwischendurch ganz gern. Tage, die einem die Entscheidung abnehmen, ob man noch etwas unternehmen sollte. Bei Regen ist die Lage klar. Drinnen bleiben. Kerzen an. Vielleicht später schon ein Bier oder ein Glas Wein. Reicht.

Freitag, Juli 10, 2026

treibenlassen.

Geburtstagswochenende. Zeit ist gerade ein bisschen knapp, das Leben dafür umso voller. Ich wünsche mir überhaupt nichts Großes. Kein Programm, das man schon morgens um neun ambitioniert abarbeiten muss. Kein Ereignis, das später unbedingt eine gute Geschichte ergeben soll. Kein Freizeitstress mit hübscher Kulisse. Nur einen Tag, an dem wir uns einfach treiben lassen. Zusammen. Ohne Uhr im Nacken, ohne Pflichtgefühl, ohne dieses ewige innere Abhaken, das selbst aus schönen Dingen eine To-do-Liste macht. Ein bisschen schauen. Ein bisschen stehen bleiben. Irgendwo etwas essen. Weitergehen. Lachen. Vielleicht falsch abbiegen und noch eine Runde drehen. Vielleicht irgendwo länger sitzen bleiben als gedacht. Müde werden, ohne erschöpft zu sein. Eventuell treffen wir wieder den „weltbesten“ Panflötenspieler. Vielleicht ist Glück manchmal genau das: kein besonderer Plan. Nur die richtigen Menschen und genug Zeit, ihn nicht zu brauchen. Ich freu mich so richtig. 

Montag, Juni 29, 2026

langfristig.

Als wir letzten Sommer im Urlaub am Meer waren, rief der Mann an und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, ihn im nächsten Sommer vielleicht mitzunehmen. Ich weiß noch, wie wir Mädels den abendlichen Spaziergang zum Strand machten und ich die Untermieterin fragte, wie sie das finden würde und ob, sie sich das überhaupt grundsätzlich vorstellen kann. Sie blieb stehen, schaute mich lange prüfend an und meinte völlig trocken: "Na, ER plant ja sehr langfristig." Ich lieb sie einfach. Es war dieser typische Teenager-Moment, in dem in einem einzigen Satz mehr Analyse steckt als in drei Beratungsterminen und einer mittelgroßen PowerPoint-Präsentation. Mittlerweile hat sie ihren ganz persönlichen Countdown und gibt uns jede Woche ein Update, wie viele Tage es noch bis zum Urlaub und den Sommerferien sind. Die beiden freuen sich den Arsch ab, dass wir zu dritt verreisen. Fühlt sich sehr gut an. Das wird die beste und entspannteste Zeit. Es ist so richtig schön normal. Danach sind wir wahrscheinlich alle Schach-Meister und vielleicht lese ich endlich doch noch das Buch, was ich letzten Sommer nicht geschafft habe bzw. einfach nicht reinkam. Am Ende gibts eine Buchpräsentation, weil sie sich seit einem Jahr gemeinsam über mich lustig machen - "Bestes Buch 2025." 

Montag, März 02, 2026

warsaw. warschau.

Als wir landen, scheint die Sonne. Es liegt Schnee und das Thermometer zeigt Minus 15Grad. Eine dicke Eisschicht ziert die Wege. Scheisse, es ist richtig kalt und ohne Handschuhe geht wirklich gar nichts. Man sagt, Warschau sei eine Phoenix-Stadt. Dass sie, egal wie oft erlebt, zerbombt, zerstört, entkernt, wieder aufgebaut wurde, immer wieder eine neue Version von sich selbst findet. Was man nicht sagt, ist, wie sich das anfühlt, wenn man durch diese Stadt läuft. Nicht oberflächlich. Nicht in Broschüren-Sätzen über Sehenswürdigkeiten. Sondern im Körper. Die Altstadt ist wieder da, steinerne bunte Fassaden, enge Gassen, Kopfsteinpflaster, das alles wirkt fast wie die skurrile Märchenhafte Kulisse eines Ortes, der eigentlich verloren gegangen wäre. Und doch steht sie da, frisch, farbig, historisch rekonstruierte Schönheit, ein Unesco-Weltkulturerbe, das man nicht ansehen würde, wenn man nicht wüsste, dass es einmal nie mehr existierte. Es ist diese doppelte Realität, die Warschau ausmacht. Das Gesicht der Geschichte und das Gesicht des Jetzt.

Auf der einen Seite stehen Monumente und Museen, die nichts beschönigen. Sie erzählen von der Blüte und vom Ausradiertwerden der jüdischen Gemeinschaft mit einer Ehrlichkeit, die erst begreifbar wird, wenn man davorsteht. Keine Pathos-Inszenierung. Nur Stille und Fakten. Und ein paar Straßenecken weiter beginnt der Wandel. Hippe Cafés, lässige Bars, junge Menschen, die aussehen, als hätten sie das „Alt“ schon aufgesogen und würden es mit Leichtigkeit in Modern übersetzen. Warschau ist kein gemütliches Städtchen. Es ist ein Ort mit einem Puls, der aus zwei Rhythmen besteht. Der eine, ein tiefer, langsamer Herzschlag der Erinnerung. Der andere, ein schneller, impulsiver Beat des Aufbruchs.

Ich mochte diesen Ostblock-Charme. Die monumentalen Achsen, die kantigen Fassaden, den massiven Kulturpalast, der wie ein Relikt einer vergangenen Ideologie in den Himmel ragt und jedes Mal an Ghostbusters erinnert - wir haben die Melodie mehrfach gesummt. Offiziell vorbei und doch im Stadtbild verankert. Man kann ihn kritisch sehen. Aber man kann ihn nicht ignorieren. Er steht da wie ein Schatten, der akzeptiert wurde. Und dann diese krasse Moderne. Glas und Stahl. Hochhäuser mit 53 Stockwerken, die sich nicht entschuldigen. Die zeigen, wir sind nicht nur Geschichte. Wir sind Gegenwart. Und wir denken groß.

Da sind breite Alleen und kantige Glas- und Stahlfassaden im Zentrum, und nur ein paar Straßen weiter spiegelt sich in den Fenstern ein Park, der so natürlich wirkt wie ein Wald, der schon immer da war. Und mittendrin fließt die Weichsel, nicht majestätisch ruhig, sondern fließend, beweglich. Ein Wasserlauf, der diese Stadt nicht nur geografisch, sondern auch symbolisch verbindet. Vergangenheit mit Zukunft, Erinnerung mit Möglichkeit. Es ist schwer, Warschau zu „verstehen“, wenn man nur Touri-Listen abarbeitet. Die wirklichen Geschichten findet man in den leeren Gassen vor dem Kaffee, in den stillen Blicken der Leute, die hier leben, als wäre dieser Ort schon immer so gewesen und zugleich nie wirklich fertig.

Und dann ist da dieser Kontrast. Ein modernes Museum, hell, offen, luftig, direkt gegenüber dem massiven sozialistischen Kulturpalast, einem Bau aus einer Zeit, die hier offiziell vorbei ist, aber noch immer in den Schatten aller Dinge steht. Es ist, als läge eine ganze Ideologie im Rücken dieses neuen, offenen Raumes. Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Stadt so nachhaltig beeindruckt hat. Weil sie nichts beschönigt. Weil sie ihre Brüche nicht versteckt. Weil sie zeigt, dass Zerstörung und Würde nebeneinander existieren können. Dass man gebrochen sein und trotzdem wachsen kann. Warschau ist keine Stadt, die man einfach nur abklappert. Warschau ist eine Stadt, die Dich fragt: "Was willst Du mitnehmen? Und was willst Du hinter Dir lassen?" Sie zeigt Dir Schönheit, aber sie versteckt sie nicht hinter polierter Oberfläche. Sie wirft Dich in den Raum zwischen gestern und morgen.



Wenn Ihr die Gelegenheit habt und nach einem etwas anderen Städtetrip sucht, fliegt oder fahrt unbedingt nach Warschau! Große Empfehlung! Es lohnt sich definitiv und es gibt ausserdem ein paar fantastische Bars & tolle Restaurants. Ich habe die Woche dort und das ein bisschen treiben lassen echt sehr geliebt.