Freitag, Mai 15, 2026

62tage.

Nach 62 Tagen(!!!) ist meine dritte Postcrossing-Karte doch noch in Washington, USA angekommen. Ich hatte sie innerlich schon fast abgeschrieben und nicht mehr dran geglaubt. Und war ein bisschen traurig, weil sie echt hübsch und besonders war. Aber nein. Sie kam an, ich habe eine richtig nette Mail vom Empfänger bekommen - er hat sich richtig gefreut. 62 Tage. Für eine Postkarte. Andere machen in der Zeit Weltreisen, schreiben Bücher oder verarbeiten Beziehungsmuster. Meine Karte brauchte diese Zeit offenbar. Bestes Trainingslager für meine ausgeprägte Geduld.

Donnerstag, Mai 14, 2026

beziehungstest.

Beziehungstest, nächstes Level. Vor ein paar Monaten sind wir das allererste Mal zusammen bei Ikea gewesen. Das war spannend und für mich eine Herausforderung, das ist Reizüberflutung pur. Dieser Ort, an dem Beziehungen entweder reifen oder man sich in der Lampenabteilung innerlich trennt. Spätestens irgendwo zwischen Köttbullar und Hotdog-Romantik, dem Probesitzen auf 27Stühlen, dem Walk durch die Markthalle neben 8976 anderen Menschen und „wir gucken erstmal“ weiß man ungefähr, womit man es zu tun hat.

Gestern wurde final der letzte Schwung angeliefert. Wir haben in den letzten Wochen schon einiges zusammen aufgebaut. Möbel vor allem. Und vielleicht auch ein bisschen diese Routine, bei der keiner heimlich die Anleitung übernimmt, keiner „nur mal kurz“ alles besser weiß und niemand dieses besondere Schweigen anschaltet, bei dem selbst der Akkuschrauber schlechte Stimmung oder Angst bekommt. Wir haben uns zunehmend auf das Betriebssystem des anderen eingestellt. Das ging erstaunlich gut.

Wir alle wissen, so ein Aufbau hat durchaus sehr viel Potenzial. Zwei Menschen, ein Brett, das aussieht wie alle anderen Bretter, Schrauben in Tütchen mit Nummern oder Buchstaben, die man nur mit spiritueller Begabung auseinanderhalten kann, drölf Imbusschlüssel und diese eine Zeichnung, die aussieht, als hätte ein sehr stiller Schwede versucht, ein Beziehungsproblem ohne Worte zu erklären. Da redet man dann plötzlich ganz schnell nicht mehr über Seite 14 der Anleitung, sondern über Grundsätzliches. Über Kindheit. Über Bindungsmuster. Und darüber, warum jemand angeblich „nur kurz helfen“ wollte.

Aber nichts. Kein Streit. Kein Drama. Kein „gib mal her, ich mache das selbst!“. Kein genervtes „das gehört aber andersrum“. Kein „ich hab’s doch gesagt“. Kein passiv-aggressives Atmen über Pressspan. Kein schweres Schweigen. Stattdessen: Schrauben sortiert, gelacht, aufgebaut. Nebenbei angeregt über Gott und die Welt geredet. Über alles und nichts. Parallel durch die Anleitungen navigiert und schwedische Piktogramm-Poesie in halbwegs sinnvolle Handgriffe übersetzt, wir bauen gemeinsam. Hand in Hand. Der Mann meinte letzte Woche, wenn wir das auch noch aufgebaut bekommen, ohne uns gegenseitig umzubringen, dann schaffen wir alles. Heute stellte er zwischendurch fest, dass wir immer besser werden. Stimmt. Andere machen Paartherapie. Wir bauen Regale inzwischen entspannter, schneller und souveräner auf, als sie gestern hochgetragen wurden. 

Es nimmt Form an und wird. Ich bin ziemlich begeistert. Das wird richtig gut.  

Mittwoch, Mai 13, 2026

verbindlichkeit.

Ich glaube, wir haben irgendwann angefangen, Individualität mit Isolation zu verwechseln. Jeder soll besonders sein. Eigenständig. Unabhängig. Emotional autonom. Niemand will mehr „zu viel“ brauchen. Niemand will abhängig wirken. Also bauen Menschen sich Leben, die von außen maximal frei aussehen und innerlich oft erschreckend unverbunden sind. Alles kreist um Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung, Selbstschutz. Um Grenzen. Bedürfnisse. Und vieles davon ist wichtig. Wirklich. Aber manchmal frage ich mich, ob wir dabei langsam verlernen, wie sich echtes Miteinander eigentlich anfühlt. Dieses unspektakuläre, nicht performative Dasein füreinander. Ohne strategische Distanz. Ohne permanente Selbstbehauptung.

Vielleicht macht genau das diese Zeit so seltsam müde. Dass jeder gleichzeitig sichtbar sein will, aber möglichst unangreifbar bleibt. Dass Menschen Nähe wollen, aber kaum noch bereit sind, die Unordnung auszuhalten, die echte Nähe automatisch mitbringt. Ich merke das auch bei mir selbst. Wie schnell man sich zurückzieht, sobald etwas emotional relevant wird. Wie tief dieses Bedürfnis sitzt, sich im Zweifel lieber selbst zu regulieren, bevor man jemandem wirklich zumutet, was in einem los ist. Vielleicht ist genau das die traurigste Form von Einsamkeit. Wenn Menschen sich gegenseitig vermissen, während gleichzeitig alle versuchen, möglichst souverän zu wirken.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele Begegnungen heute gleichzeitig intensiv und seltsam unverbindlich wirken. Menschen öffnen sich schnell. Erzählen intime Dinge nach wenigen Stunden. Teilen Traumata, Ängste, Sehnsüchte. Aber sobald echte Verbindlichkeit entsteht, sobald etwas beginnt, Konsequenzen für das eigene Leben zu bekommen, ziehen sich plötzlich alle wieder zurück. Als wäre emotionale Tiefe inzwischen erlaubt, solange sie folgenlos bleibt. Ich merke, wie sehr wir gelernt haben, uns selbst zu managen. Gefühle einzuordnen. Bedürfnisse wegzuregulieren. Uns nicht zu sehr zuzumuten. Bloß nicht klammern. Bloß nicht bedürftig wirken. Bloß die eigene Würde behalten. Und gleichzeitig sitzen so viele Menschen nachts alleine mit diesem absurden Wunsch, einfach irgendwo wirklich gemeint zu sein.

Vielleicht ist genau das die große Erschöpfung unserer Zeit. Dieses permanente Austarieren zwischen Sehnsucht und Selbstschutz. Zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst, dabei die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Und manchmal frage ich mich, wie viele Menschen eigentlich gerade parallel nebeneinander leben und sich heimlich nach genau demselben sehnen, während alle so tun, als bräuchten sie niemanden wirklich.

Ich habe selbst Jahre geglaubt, dass Rückzug Sicherheit bedeutet. Dass ich souveräner wirke, wenn ich möglichst wenig brauche. Dass Kontrolle schützt. Bis irgendwann jemand geblieben ist und sich einfach gemütlich dazugesetzt hat, obwohl ich es ihm überhaupt nicht leicht gemacht habe. Und vielleicht hatte ich einfach nur Glück, dass er nicht irgendwann aufgehört hat, gegen meine Mauern anzulaufen. Und richtig spannend wird es erst, wenn zwei Menschen plötzlich merken, wie viel eigene Geschichte mit am Tisch sitzt. Irre. Ich glaube, Nähe ist am Ende gar nichts Spektakuläres. Sie ist einfach nur die seltene Entscheidung, nicht sofort zu verschwinden, sobald es unbequem wird.

Dienstag, Mai 12, 2026

neue gewohnheiten.

Wenn Du den Tisch schon völlig automatisch für Drei deckst, auch wenn heute mal nur zwei da sind. Der Teenie fand's lustig. Offensichtlich dran gewöhnt. 

königsdisziplin.

Es gibt Situationen im Unternehmensalltag, die sofort zeigen, woran moderne Organisationen wirklich hängen. Ein großer Kunde springt ab. Der Drucker streikt im ungünstigsten Moment. Die Kaffeemaschine fällt aus. Und dann die absolute Königsdisziplin. In der kompletten Firma ist das Internet tot. Nicht langsam. Nicht wackelig. Nicht „bei mir lädt Teams gerade nicht“. Sondern: weg. Komplett. Funkstille. Heute. Hier. Keina Ahnung, wo es hakt. Die ersten fahren ins HO. Großartig.

Ein Hoch auf den persönlichen Hotspot! Tief durchatmen. Wusa. 

Montag, Mai 11, 2026

sichtbarkeit.

Ich habe nie verstanden, warum Menschen lügen, um geliebt zu werden. Irgendwann kommt doch sowieso alles ans Licht. Immer. Das liegt in der Natur der Sache. Und dann muss man plötzlich nicht nur die Wahrheit aushalten, sondern zusätzlich noch die Enttäuschung verwalten. Vielleicht ist genau das das eigentlich Zerstörerische daran. Nicht der Fehler. Nicht die Schwäche. Nicht einmal der Verrat. Sondern dieses Gefühl, dass man einer Version eines Menschen vertraut hat, die strategisch gebaut wurde. Kuratiert. Geglättet. Emotional optimiert.

Ich glaube inzwischen, dass viele Menschen weniger Angst davor haben, abgelehnt zu werden, als davor, wirklich gesehen zu werden. Also machen sie sich passend. Polieren Kanten weg. Verschweigen Bedürfnisse. Spielen Klarheit, während innerlich längst Chaos herrscht. Erfinden emotionale Souveränität, weil Verletzlichkeit sich für viele anfühlt wie Kontrollverlust. Und vielleicht berührt mich das so sehr, weil ich mich darin selbst erkenne. Weil es für mich unfassbar schwer ist, mich wirklich zu zeigen. NICHT die funktionierende Version. NICHT die reflektierte. NICHT die starke. Sondern die unperfekte. Die erschöpfte. Die unsichere. Die, die eben nicht immer alles im Griff, einen Masterplan oder sofort Antworten hat. Wirklich gesehen zu werden, ohne sich vorher zu sortieren, fühlt sich für mich nicht romantisch an. Eher gefährlich. Weil Sichtbarkeit immer bedeutet, dass jemand theoretisch auch entscheiden könnte zu gehen. Vielleicht kontrolliert man deshalb so viel. Vielleicht baut man sich deshalb Versionen von sich selbst, die leichter liebbar wirken.

Aber Nähe funktioniert nicht über perfekte Inszenierung. Jedenfalls keine echte. Nähe entsteht dort, wo etwas unfertig bleiben darf. Wo man nicht permanent versucht, die eigene Wahrheit in eine schöne Form zu bringen. Wo jemand das Chaos sieht beziehungsweise sehen darf und trotzdem nicht sofort die Distanz vergrößert. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Tragik. Dass Menschen so sehr geliebt werden wollen, dass sie ausgerechnet das verstecken, was sie überhaupt erst echt macht.

Sonntag, Mai 10, 2026

eins.

Er fragte, ob ich es bereue. Ich muss nicht überlegen. Nein, keine Sekunde. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo wir landen. Keinen Plan, kein Zielbild, keine Sicherheit. Heute weiß ich, das hier ist besser, als ich es mir vorgestellt habe. Nicht perfekt, aber stimmig. Es hat sich entwickelt. Organisch. Unaufgeregt. Konsequent. Zack, ein Jahr rum. Ein wirklich gutes Jahr. Und jetzt stehe ich da, ein Jahr und einige Tage später und freue mich einfach. So verrückt. Ich liebs. 

Mittwoch, Mai 06, 2026

vermissung.

Und dann bekommst Du morgens Fotos vom Friedhof. Vom frisch bepflanzten Grab. BÄM. Wie gern würde ich Dich einfach anrufen und Deine Stimme hören. Einmal.

Montag, Mai 04, 2026

unruhe.

Schlaflos. Die Unruhe ist einfach da. Tagsüber funktioniert alles. Ich rede, arbeite, lache. Von außen ist nichts zu sehen. Aber darunter läuft etwas mit. Eine Spannung, die nie ganz weggeht. Ein Teil, der immer wach bleibt. Nachts wird es deutlicher. Lauter. Wenn es still wird und nichts mehr ablenkt. Dann reicht manchmal ein Gefühl, etwas ganz Unbestimmtes, und es ist plötzlich wieder da. Nicht als Erinnerung, sondern als Zustand. Mein Körper reagiert, als wäre es jetzt. Ich merke, wie schnell ich wieder in dieses Allein rutsche. Wie ich Dinge bei mir halte, um niemanden zusätzlich zu belasten. Dabei stimmt es ja. Ich bin nicht mehr allein. Und ich merke, wie gut es mir tut, das nicht mehr sein zu müssen. Ich lerne nur noch, es auch wirklich so zu fühlen.

Donnerstag, April 30, 2026

homeoffice.

Komme ich gegen 08.30Uhr ins gemeinsame Homeoffice. Er legt den Kopf schief und grinst: "Verdammt, Du siehst schon wieder so gut aus." und küsst mich. Ich, in schlichter Hose & Strickjacke, mag dieses arbeiten Rücken an Rücken - zwischendurch mal kurz anfassen und küssen. Und ich schaffe sogar richtig was.

Montag, April 27, 2026

verbindung.

Ich habe heute beim Postcrossing einen 7-jährigen Jungen aus Prag gezogen. Er macht das zusammen mit seiner Oma und lernt dabei Englisch. Das ist wirklich zauberhaft. Ich saß einen Moment da und musste einfach lächeln. Da steckt so viel drin. Neugier, Geduld. Zwei Generationen, die sich Zeit füreinander nehmen und diese leise, fast unscheinbare Idee, die Welt ein kleines Stück größer zu machen. Und irgendwo sitzt dieser kleine Junge und wartet auf seine nächste Karte. Und ich darf die schreiben. Ich glaube, genau dafür liebe ich das. Diese kleinen, echten Momente. Ein Stück Papier, das sich auf den Weg macht. Ein paar Worte und dieses stille Wissen, dass da draußen jemand ist, der sich gerade über genau das freut und dessen Tag damit ein kleines bisschen besser wird. 

unbekümmertheit.

Wenn allmählich ins Bewusstsein sickert, dass Du in dieser Nacht geglaubt hast, Du würdest sterben und Dir später manchmal gewünscht hast, es wäre so gewesen. Dann ist das kein Wunsch nach dem Tod. Es war der Moment, in dem jegliche Sicherheit endete und das reine Überleben begann. Nicht Leben. Nicht Vertrauen. Nur Funktionieren. Und Durchhalten. Immer nur weiter. Stets auf der Hut sein. Niemals stehenbleiben oder ankommen. Der ewige Kampf gegen mich selbst. Manchmal vermisse ich die Zeit davor. Diese Unbekümmertheit. Das selbstverständliche Gefühl von Sicherheit. Das war richtig schön.