Sonntag, Juli 19, 2026

fassade.

Heute unter der Dusche musste ich an einen meiner früheren besten Freunde denken. Vor einigen Jahren stand er vor mir, sah mich an und fragte: „Ist das Dein fucking Ernst? Was tust Du hier? Wer bist Du überhaupt geworden? Warum gibst Du Dir so viel Mühe, nach außen das perfekte Leben zu inszenieren? Und wo ist die krasse Frau, die ich einmal kannte? Das wirkt, als müsstest Du Dich selbst von Deinem Leben überzeugen.“

Scheiße, war ich sauer. Das hat mich voll getroffen. Ich konnte und wollte damals nicht sehen, was er sofort gesehen hat. Ich war zu beschäftigt damit, alles am Laufen zu halten. Gut ein bis zwei Jahre später fiel mein Leben komplett auseinander und mir um die Ohren. Rückblickend war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte mich in diesem Leben fast vollständig aufgelöst. Wir haben danach nie wieder miteinander gesprochen. Das ist inzwischen fast zehn Jahre her.

Samstag, Juli 18, 2026

reichtum.

Gestern hatte ich den besten Abend. Mein Geburtstags-Sit-in mit den Mädels. Nur der engste Kreis. Menschen, die ich inzwischen seit acht, zehn, teilweise zwölf Jahren kenne. Vor fünfzehn Jahren bin ich in diese Stadt gezogen. Damals kannte ich hier niemanden. Außer den Ex. Und heute sitze ich in einem Raum voller Frauen, mit denen ich inzwischen halbe Leben geteilt habe. Es ist schon verrückt, wie sich so etwas entwickelt. Erst kennt man sich lose. Dann kennt man irgendwann die Geschichten. Die Familien. Die Muster. Die Katastrophen. Die Männer. Die noch schlechteren Entscheidungen. Und irgendwann kennt man sich so gut, dass ein Blick reicht und niemand mehr so tun muss, als wäre alles in Ordnung.

Wir sind miteinander durch einige ziemlich tiefe Täler gelaufen und durch viele schöne Momente. Sie mit mir durch meine, auch in Zeiten, in denen ich mich selbst kaum wiedererkannte. Ich mit ihnen durch ihre. Nicht immer elegant, aber zuverlässig. Gestern habe ich Karten bekommen, so schön und wertschätzend, dass ich kurz nicht wusste, wohin mit mir. Es war wirklich rührend. Darin stand noch einmal schwarz auf weiß, welchen Platz ich in ihrem Leben habe. Ich bin die Freundin, die man anrufen kann. Und ich komme. Ohne große Fragen. Mit einer Schaufel, Taschentüchern, einer Flasche Rum und Limetten. Je nachdem, was die Lage erfordert.

Und ich weiß, dass es auf Gegenseitigkeit beruht. Da wird schon mal alles stehen und liegen gelassen, und fünfzehn Minuten später steht jemand vor meiner Tür, trocknet Tränen, kocht Tee, läuft mit mir Kilometer durch den Wald oder übernimmt vorübergehend die Erwachsenenaufsicht. Damals bei der Trennung war das eine richtig üble Zeit. Aber sie waren an meiner Seite. Auch wenn ich das meiste trotzdem mit mir selbst ausgemacht habe. Mein persönlicher Lernbereich ist weniger das Geben. Das kann ich richtig gut - ich gebe gern, wenn ich jemanden in unser Leben lasse. Mein Lernbereich ist das Annehmen. Wirklich anzurufen. Zu sagen, ich brauche Dich. Nicht erst dann, wenn ich schon alles allein getragen, dreimal analysiert und vorsichtshalber noch den Müll rausgebracht habe. Das musste ich erst lernen. Und ich übe stetig weiter. Es kostet mich jedesmal Überwindung und ist ein Kampf mit mir selbst, aber ich werde allmählich besser.

Aber gestern saß ich da, zwischen diesen Frauen, diesen Geschichten und diesen völlig übertrieben schönen Karten, und dachte: "Fuck. So sieht echter Reichtum aus. Die lieben mich. Ich bin ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens." Und es ist einfach schön zu erleben, dass Menschen gern bleiben.

Donnerstag, Juli 16, 2026

brechstange.

Es gibt Morgen, da kommt man in die Firma und braucht ungefähr drei Sekunden, um festzustellen, dass nachts jemand versucht hat einzubrechen. Nicht mit Dietrich, Hightech oder einem dieser lautlosen Geräte, die in Filmen immer sehr professionell aussehen. Nein. Mit einer Brechstange. Ganz klassisch und oldschool. Man sieht es sofort. Tür und Schloss haben ordentlich gelitten. Metall verbogen, Holz ist gesplittert und rausgebrochen, Spuren am Rahmen, alles ein bisschen gewaltsam und brachial. Die gute Nachricht, sie sind nicht reingekommen. Die massive Außentür hat standgehalten. Die Eisenbeschläge auch. Und die Sicherheitstüren dahinter hoffentlich sowieso. Man kann sagen, was man will. Deutsche Sicherheitsarchitektur hat selten Charme, aber ist offenbar sehr belastbar.

Es war nicht der erste Versuch. Vor Jahren hatte der Vermieter die Tür bereits mit allem verstärken lassen, was nach Mittelalter, Baumarkt und Belagerungszustand aussieht. Wir selbst haben zusätzlich Sicherheitstüren einbauen lassen. Damals dachte ich noch, das sei vielleicht ein bisschen viel. Heute Morgen dachte ich: Nein. Alles richtig gemacht.

Natürlich beginnt man dann trotzdem sofort zu überlegen, was passiert wäre, wenn sie reingekommen wären. Was sie gesucht hätten. Was sie mitgenommen hätten. Ob sie überhaupt etwas gefunden hätten, das ihren nächtlichen Einsatz rechtfertigt. Vermutlich wären sie irgendwann zwischen Aktenordnern, Kabeln und alten Präsentationsunterlagen zusammengebrochen und hätten aus Frust den Kaffeevollautomaten mitgenommen. Oder sie hätten sich durch meine Ablage gearbeitet und danach freiwillig die Polizei gerufen. Der eigentliche Schaden war also überschaubar. Tür kaputt. Schloss kaputt. Der Summer funktioniert nicht mehr. Mein Nervensystem war sofort hellwach.

Während andere Menschen ihren Kreislauf morgens mit Sport, kaltem Duschen oder Zitronenwasser aktivieren, reichte bei mir heute ein Einbruchsversuch. Kann ich nicht empfehlen, dann doch lieber Sport. Der Tag kann weg. 

Mittwoch, Juli 15, 2026

zwischenfrage.

Das Kind kam ins Zimmer und fragte: „Hast Du kurz Zeit?“

Diese Frage ist bei Teenagern nicht messbar. Sie kann bedeuten: Wo ist mein Ladekabel? Oder, ich habe eine komplexe moralische Situation, drei Freundinnen sind beteiligt und Du musst sämtliche Vorgeschichten seit der fünften Klasse kennen.

Ich sagte ja. Es war das Ladekabel. Ich war fast enttäuscht.

Dienstag, Juli 14, 2026

kühlkette.

Ich stand mit offener Kühlschranktür da und wusste nicht mehr, was ich wollte. Also schaute ich hinein, als könnte der Kühlschrank mich erinnern. Er konnte nicht. Dafür sah ich Dinge, die dringend gegessen werden müssen, und schloss die Tür wieder. Manchmal ist Selbstfürsorge auch, Probleme kurz wieder kaltzustellen.

Montag, Juli 13, 2026

rückgeld.

Vor mir an der Kasse stand heute morgen ein älterer Mann, der sein Kleingeld sehr sorgfältig sortierte. Hinter ihm wurden Menschen bereits körperlich ungeduldig. Dieses leichte Gewichtsverlagern. Seufzen. Blick zur Nebenkasse. Als hinge die gesamte persönliche Zukunft an diesen vierzig Sekunden.

Der Mann bedankte sich, steckte sein Portemonnaie ein und ging langsam hinaus. Ich dachte: Vielleicht ist das später einmal der eigentliche Luxus. Sich nicht mehr hetzen zu lassen von Menschen, deren Namen man nicht kennt.

Freitag, Juli 10, 2026

treibenlassen.

Geburtstagswochenende. Zeit ist gerade ein bisschen knapp, das Leben dafür umso voller. Ich wünsche mir überhaupt nichts Großes. Kein Programm, das man schon morgens um neun ambitioniert abarbeiten muss. Kein Ereignis, das später unbedingt eine gute Geschichte ergeben soll. Kein Freizeitstress mit hübscher Kulisse. Nur einen Tag, an dem wir uns einfach treiben lassen. Zusammen. Ohne Uhr im Nacken, ohne Pflichtgefühl, ohne dieses ewige innere Abhaken, das selbst aus schönen Dingen eine To-do-Liste macht. Ein bisschen schauen. Ein bisschen stehen bleiben. Irgendwo etwas essen. Weitergehen. Lachen. Vielleicht falsch abbiegen und noch eine Runde drehen. Vielleicht irgendwo länger sitzen bleiben als gedacht. Müde werden, ohne erschöpft zu sein. Eventuell treffen wir wieder den „weltbesten“ Panflötenspieler. Vielleicht ist Glück manchmal genau das: kein besonderer Plan. Nur die richtigen Menschen und genug Zeit, ihn nicht zu brauchen. Ich freu mich so richtig. 

Donnerstag, Juli 09, 2026

intensität.

Ich stand heute im Aufzug mit einem Mann, der sehr intensiv nach Aftershave roch. Nicht schlecht. Nur entschlossen. So ein Duft, der nicht fragt, ob er mitfahren darf. Er steigt ein, übernimmt die Hausordnung und gründet spätestens im dritten Stock eine Bürgerinitiative.

Der Mann sagte: „Ganz schön warm heute.“
Ich sagte: „Ja.“

Mehr war nicht nötig. Manchmal ist Smalltalk ja nur ein soziales Nicken in Richtung Apokalypse. Wir fuhren gemeinsam fünf Etagen. Beide schweigend. Sein Aftershave bleibt vermutlich noch bis morgen im Aufzug zurück und wird dort Pakete entgegennehmen. Oben angekommen stieg ich aus und dachte: Menschen hinterlassen Spuren. Manche in Herzen. Manche in WhatsApp-Verläufen. Und manche in schlecht belüfteten Aufzügen. Alles nur eine Frage der Intensität.

45.

Geburtstage sind seltsam. So viel Aufmerksamkeit auf einmal. Nachrichten, Anrufe, Glückwünsche, kleine liebe Sätze aus allen Richtungen. Ich freue mich wirklich. Und gleichzeitig sitzt irgendwo im inneren Maschinenraum ein kleines Wesen mit Klemmbrett und ruft: "Bitte einzeln eintreten, das System verarbeitet noch." Mich überfordert das jedes Jahr. Vielleicht war genau deshalb dieser Abend so wunderschön. Nicht groß. Nicht laut. Nicht perfekt inszeniert. Kein Geburtstagsprogramm mit emotionaler Anwesenheitspflicht. Keine Show. Kein „jetzt muss es aber besonders werden“.

Einfach wir drei. Essen. Reden. Lachen. Zusammen am Tisch sitzen. Dieses leise Nebeneinander, das manchmal so viel größer ist als alles, was man planen könnte. Mehr wollte ich gar nicht. Kein Spektakel. Keine Überraschung. Keine Konfettikanone. Kein Beweisstück für ein gelungenes Leben. Nur einen ruhigen Abend. Mit den beiden Menschen, die mir am nächsten sind. Und ich hab die besten persönlichen Geschenke und das leckerste Essen bekommen. Ich liebs einfach. 

45, here we go! Ich mag die Zahlenkombi irgendwie so richtig. 

Mittwoch, Juli 08, 2026

wirkungsketten.

Ich glaube, Wirkungsketten in Beziehungen werden massiv unterschätzt. Nicht diese großen, dramatischen Momente mit Blitz, Donner und Menschen, die durch Regen rennen. Sondern diese kleinen Verschiebungen. Ein Satz. Ein Ton. Ein Angebot. Eine Unsicherheit. Mein alter Reflex, der sich sofort meldet und sagt: "Sei weniger. Regel das allein. Sei nicht auch noch ein Problem!" Und schon ist man nicht mehr im Jetzt, sondern irgendwo in einem alten Kellerraum, in dem noch sehr viel Zeug steht. Ich finde das lästig, weil ich gern behaupten würde, ich habe meine Innenausstattung inzwischen vollständig verstanden. Aber ich kenne offensichtlich nur die Lichtschalter besser.

Und dann gibt es diesen Satz, der erst einmal wunderschön klingt. Du bist nicht mehr allein. Warm. Beruhigend. Fast wie eine Decke. Bis man merkt, dass darin nicht nur Trost steckt, sondern auch viel Verantwortung. Weil Nähe eben keine Einbahnstraße mit hübscher Bepflanzung ist. Wenn einer explodiert, bekommt der andere den Luftdruck mit. Wenn einer aus Stress knapp wird, landet das nicht im Nirgendwo, sondern irgendwo im Körper des Menschen, der daneben steht und versucht, es nicht direkt persönlich zu nehmen. Meistens ist es überhaupt nicht böse gemeint. Das ist vielleicht das Anstrengendste daran. Viele Dinge sind nicht böse gemeint und wirken trotzdem.

Ich verstehe oft sehr viel. Manchmal vielleicht zu schnell. Aber verstanden werden möchte ich eben auch. Vielleicht ist genau das erwachsene Liebe. Merken, dass das eigene Chaos nicht an der eigenen Haut endet. Dass Stress nicht privat bleibt, wenn man liebt. Dass Rücksicht nicht bedeutet, sich unsichtbar zu machen. Und dass „nicht mehr allein“ nicht nur ein schöner Satz ist, sondern manchmal auch eine ziemlich praktische Zumutung. Weil auf einmal alles Wirkung hat und zwar in beide Richtungen. Immer. Auch das Gute. Vor allem das Gute.

Montag, Juli 06, 2026

44.

Heute ist mein letzter Abend mit 44. Ich sitze noch im Workshop, irgendwo zwischen Moderationskarten, fremden Menschen und diesem Gesicht, das man macht, wenn man professionell wirkt, obwohl innen längst jemand die Jahresbilanz auf den Tisch kippt. Es ist viel passiert. Es hat sich viel entwickelt. In mir. Um mich herum. Zwischen Menschen. In Beziehungen. In diesem merkwürdigen Feld zwischen Abschied und Anfang, in dem man manchmal morgens traurig ist und abends trotzdem lachen kann, ohne dass eins davon gelogen ist. Ich lasse die Monate nochmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen.

Ich wollte morgen gern anders aufwachen. Nicht im Hotel. Nicht allein. Sondern neben dem Menschen, bei dem sich mein Leben gerade sehr leise und sehr deutlich neu sortiert. Dieses völlig unspektakuläre Glück. Aufwachen. Nähe. Kein großes Ding. Genau deshalb ein großes Ding. Stattdessen sitze ich hier mitten in der Pampa. Und ja, ein Teil von mir findet das traurig. Vielleicht sogar mehr als nur ein bisschen. Aber ein anderer Teil mag diese Ruhe. Diese Stille, in der niemand etwas von mir will. Kein Smalltalk, kein gut gemeintes Gruppengefühl mit fremden Menschen, die spontan laut und euphorisch singen, mit denen ich eben noch über norwegische Strompreise gesprochen habe. Ich mag Geburtstage, aber ich mag sie leise. 

Nur ich, 44 und ein Jahr, das allmählich langsam ausläuft. Es wird der zweite Geburtstag, an dem ein vertrauter Anruf fehlen wird. Das tut weh. Aber morgen Abend bin ich wieder zu Hause. Bei meinen Lieblingsmenschen. Rückblickend kann ich sagen, es war ein gutes Jahr, dafür bin ich dankbar - so darf es weitergehen.

Sonntag, Juli 05, 2026

post.

Ich wollte nur ein Paket abholen. Nur. Dieses Wort ist der Anfang vieler sehr schlechter Entscheidungen. Die Post-Filiale ist gleichzeitig Kiosk, Lottoannahmestelle, Hermes-Außenstelle und offenbar auch eine Art psychosoziale Beratungsstelle für Menschen mit verlorenen Retourenscheinen. Vor mir ein Mann, der nicht wusste, ob sein Paket an ihn, seine Frau, seine Firma oder seinen Nachbarn adressiert war. Hinter mir jemand, der sehr laut telefonierte und dabei erklärte, dass „die da wieder alles falsch gemacht haben“. Alter. 

Ich stand da mit meinem Ausweis in der Hand und diesem Gesichtsausdruck, den Frauen ab vierzig entwickeln, wenn sie äußerlich ruhig bleiben, innerlich aber bereits eine komplette Prozessoptimierung entworfen haben und nervigen Menschen einfach kommentarlos ins Gesicht schießen möchten. Der Mann hinter der Theke sagte: „Hausnummer?“ Ich antwortete. Er verschwand. Kam zurück. Verschwand wieder. Kam mit einem Paket zurück, das ungefähr die Größe eines Hamsters hatte. Ich hatte Schuhe bestellt. Für einen Moment dachte ich, entweder ist das der Beginn einer Reklamation oder meine Füße haben heimlich abgenommen. Samstagvormittag in der Post und ich weiß wieder, warum ich andere Menschen nicht mag.