Mittwoch, Oktober 07, 2026

soulfood.

Es gibt Tage, da braucht man keine Lösung. Man braucht Nudeln. Heute ist so ein Tag, wo alles explodiert und besonders nervig ist. Ich brauche nicht dieses symbolische „Ich tue mir jetzt etwas Gutes“-Ding. Sondern Nudeln mit Garnelen. Knoblauch. Chili. Oder mit Oliven und Kapern. Vielleicht ein bisschen Zitrone. Salz. Viel Geschmack. Wenig Diskussion. Ich liebe Essen, das keine Fragen stellt. Nudeln mit Garnelen sagen nicht: "Hast du das schon geklärt?" Sie sagen nicht: "Du solltest aber auch mal!" Sie sagen: "Hier. Warm. Scharf. Gut. Iss!" Und ganz ehrlich, das ist heute vermutlich genau die Art von Unterstützung, die ich brauche.

Dienstag, Oktober 06, 2026

morgenrosa.

Gestern früh habe ich das Kind kurzfristig zum See gefahren. Eigentlich nichts Besonderes. Ihre Mitfahrgelegenheit war ausgefallen, also saß ich zu einer Uhrzeit im Auto, zu der ich sonst meistens noch nicht wirklich Teil des Tages bin. Über den Dächern hing noch leichter Nebel. Nicht viel. Gerade genug, dass die Stadt ein bisschen weicher aussah als sonst. Darüber dieser rosa Himmel, erst ganz blass und dann plötzlich in Farben, bei denen man kurz denkt, jemand hätte es mit dem Filter übertrieben. Hatte aber niemand. Ich mag solche Morgen über der Stadt. Häuser, Ampeln, Dächer, irgendwo schon Menschen auf dem Weg irgendwohin. Und darüber veranstaltet der Himmel völlig unbeeindruckt sein eigenes Spektakel.

Das Kind neben mir war naturgemäß weniger ergriffen. Teenager am frühen Morgen haben andere Prioritäten. Wachwerden zum Beispiel. Oder schweigen. Also fuhr ich, guckte immer wieder nach oben und dachte, dass man erstaunlich viel Schönes verpasst, wenn der Alltag immer zur gleichen Uhrzeit beginnt. Manchmal braucht es nur eine ausgefallene Mitfahrgelegenheit, um die eigene Stadt kurz anders zu sehen.

Montag, Oktober 05, 2026

diplomatie.

Aktuell schreibe ich primär E-Mails und spiele politische Spielchen. Ich meine diese spezielle Form von beruflicher Diplomatie, bei der alle Beteiligten ungefähr wissen, was vereinbart war, aber irgendjemand trotzdem versucht, die Realität ein kleines Stück in seine Richtung zu schieben. Dann sitzt man da, öffnet Outlook und formuliert Sätze wie „Just to clarify“, „As discussed“ oder „As planned“. Was übersetzt ungefähr heißt: Nein. Das haben wir anders besprochen. Das mache ich nicht heute. Und bitte versuch nicht, mir gerade Arbeit unterzuschieben und anschließend so zu gucken, als hätte sie schon immer bei mir gewohnt. Natürlich schreibt man das nicht. Man schreibt freundlich. Sehr freundlich sogar. Je genervter man ist, desto höflicher wird es. Das ist vermutlich irgendeine Form evolutionärer Anpassung an Projektarbeit. „Thanks for flagging“ zum Beispiel. Ein großartiger Satz. Klingt offen, kooperativ und lösungsorientiert und kann innerlich trotzdem problemlos von einem sehr deutlichen „Ach, verpiss dich doch“ begleitet werden.

Überhaupt besteht mein Arbeitstag aktuell aus erstaunlich viel Übersetzungsleistung. Menschen schreiben „Could you please…“ und ich lese „Kannst Du das übernehmen, damit ich es nicht machen muss?“ Jemand setzt eine Deadline und ich verbringe anschließend Zeit damit, höflich zu erklären, dass diese Deadline zwar hübsch aussieht, aber leider frei erfunden ist. Dann wird noch jemand ins CC genommen, damit ausreichend viele Menschen gleichzeitig sehen können, wie professionell wir alle damit umgehen. Früher dachte ich bei politischen Spielchen an Hinterzimmer, Zigarren und Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die sich gegenseitig Ministerposten versprechen. Mittlerweile weiß ich: Es reichen ein Laptop, ein Projekt und zwei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wem eine Aufgabe gehört. Und dann beginnt das eigentliche Spiel. Wer antwortet zuerst? Wen setzt man ins CC? Wen bewusst nicht? Wie oft darf man „as agreed“ schreiben, bevor es passiv-aggressiv wird? Ab wann ist „just to clarify“ eine Kriegserklärung? Und wie viele freundliche Wörter braucht man, um ein Nein so einzupacken, dass es noch nach Zusammenarbeit aussieht?

Ich bin darin erschreckend gut. Schon immer. Heute schrieb jemand sinngemäß, sie hätte etwas gern sofort. Ich saß vor dem Rechner, las es, trank einen Schluck Tee und dachte: Nein. Dann schrieb ich natürlich nicht Nein. Ich schrieb: „In the next few days, as planned.“ Diplomatie kann so schön sein. Und als wäre das nicht schon genug, kommen in internationalen Projekten noch kulturelle Unterschiede dazu. Viele Nationalitäten, viele Kommunikationsstile, viele sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was höflich, klar, direkt, verbindlich oder eben schon ziemlich forsch ist. Die einen formulieren so weich, dass ich dreimal lesen muss, ob sie gerade etwas von mir wollen oder mir nur einen schönen Nachmittag wünschen. Die anderen schreiben drei Wörter mit Punkt und erzeugen damit sofort das Gefühl, irgendwo sei etwas eskaliert.

Dazwischen sitze ich und betreibe berufliche Simultanübersetzung. Nicht nur Englisch nach Deutsch, sondern Ton nach Absicht. Ist das gerade wirklich dringend oder klingt es nur dringend? Ist „would be great“ ein Wunsch, eine Erwartung oder bereits eine Deadline mit Schleifchen? Bedeutet „just checking in“ tatsächlich „ich wollte nur mal nachfragen“ oder doch eher „warum ist das noch nicht fertig“? Und ist „no worries“ wirklich no worries oder muss ich jetzt anfangen, mir Sorgen zu machen? Das Schöne ist, ich darf niemanden beleidigen. Niemanden brüskieren. Niemandem das Gefühl geben, ich hätte gerade den inneren Mittelfinger ausgeklappt. Man muss also gleichzeitig klar, freundlich, bestimmt, diplomatisch, interkulturell sensibel und möglichst unmissverständlich sein. Was ungefähr so einfach ist, wie auf einem Gymnastikball sitzend einen IKEA-Schrank aufzubauen, während jemand daneben freundlich fragt, ob man das nicht ein bisschen schneller machen könne.

Und dann kommt noch das eigentliche Sahnehäubchen: die schiere Zeitverschwendung. Dieses endlose Bullshit-Bingo aus „alignment“, „ownership“, „next steps“, „stakeholder management“, „quick sync“, „touch base“ und „just a heads-up“. Man verbringt zwanzig Minuten damit, eine Mail zu formulieren, die inhaltlich aus einem einzigen Satz besteht: Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Danach folgen drei Antworten, zwei CC-Erweiterungen und ein Termin, um zu klären, wer jetzt eigentlich klärt, wer zuständig ist. Es ist teilweise absurd. Nicht kompliziert, nicht anspruchsvoll, nicht strategisch. Einfach nur aufwendig. Sehr viel Luftbewegung um erstaunlich wenig Substanz. Man könnte manche Schleife vermutlich in vier Minuten lösen, wenn alle Beteiligten kurz sagen würden, was sie eigentlich wollen und was sie nicht machen möchten. Aber nein. Stattdessen tanzt man den professionellen Regentanz um Zuständigkeiten, Befindlichkeiten und Formulierungen.

Besonders hübsch wird es, wenn alle überzeugt sind, sie hätten sich glasklar ausgedrückt. Dann steht irgendwo „to be discussed“, jemand liest „to be delivered“, jemand anders versteht „already agreed“ und zwei Tage später darf ich wieder eine Mail schreiben, die mit „Just to clarify“ beginnt. Internationales Projektmanagement ist deshalb im Grunde weniger Organisation als angewandte Sprachwissenschaft mit politischem Einschlag und gelegentlichen Bingo-Runden. Ich finde das tatsächlich spannend. Meistens jedenfalls. Außer wenn ich merke, dass ich seit einer Stunde sehr professionell kommuniziert habe und wir exakt da stehen wie vorher. 

Dann denke ich kurz: "Bullshit" und schreibe: „As planned.“

Freitag, Oktober 02, 2026

haushaltskompetenzen.

Sollte morgen die Sonne scheinen, wird der Haufen Teenager übrigens sehen, wie hervorragend schlecht ich das Küchenfenster diese Woche schnell geputzt habe. Im Schatten dachte ich noch: läuft, sieht voll gut aus. Im Sonnenlicht sieht das vermutlich eher nach abstrakter Kunst mit Schlieren aus. Man muss dazu sagen, dass es gestern auch den ganzen Tag geschüttet hat.

Ich muss gerade selbst lachen. Da bereitet man tagelang einen 15. Geburtstag vor und am Ende erzählt das Fenster die ganze Wahrheit über die eigenen Haushaltskompetenzen. Vielleicht einfach Deko davor hängen?

Immerhin habe ich heute ein unerwartetes Zeitfenster gewonnen. Vier ausgefallene Schulstunden. Andere nennen es Unterrichtsausfall. Ich nenne es inzwischen Ressourcenmanagement. Win-win. Wir sind dann mal eben den letzten Rest einkaufen.

Donnerstag, Oktober 01, 2026

speed.

In zwei Tagen hat das Kind Geburtstag und ich fühle mich wie ein Eichhörnchen auf Speed. Ich schlafe kaum. Mein Kopf ist knallvoll. Hier noch etwas besorgen, da noch etwas vorbereiten, zwischendurch arbeiten, organisieren, umplanen, erinnern. Ich denke an zwölf Dinge gleichzeitig und vergesse dabei zuverlässig das dreizehnte. Sie wird einfach fucking 15. Fünfzehn. Ich weiß nicht genau, wann aus dem kleinen blonden Wirbelwind dieser ziemlich großartige Teenie geworden ist, der mir zwischendurch ein Glas hinstellt, einen Eiswürfel reinwirft und offenbar besser erkennt als ich selbst, wann meine Belastungsgrenze erreicht ist. 

Und gleichzeitig verschiebt sich gerade so viel. Nicht nur bei ihr. Es ist der erste Teenie-Geburtstag, den wir so richtig zu dritt feiern. Mit Frühstück. Mit einem gemütlichen Abend. Mit allem dazwischen. Mit diesem neuen Selbstverständnis, dass wir inzwischen ein richtiges kleines Team sind. Gestern Abend haben wir schon die Geschenke eingepackt. Mit Getränk daneben, Geschenkpapier überall und regelmäßigem „Finger drauf“, um die Schleifenbänder festzuziehen. War richtig schön. Und immerhin ist dieser Stress schon mal weg.

Ich möchte, dass es wie immer richtig schön wird. Nicht perfekt. Eigentlich weiß ich das. Nur hat mein Gehirn diese Information offenbar nicht erhalten und betreibt weiterhin Hochleistungslogistik. Vielleicht ist das auch ein bisschen der eigentliche Punkt. Sie wird 15 und bewegt gerade wahnsinnig viel. Wird größer, selbstständiger, klarer. Probiert aus, grenzt sich ab, kommt wieder zurück. Und während sie sich verändert, verändert sich unser Leben einfach mit. Warum macht das eigentlich jedes Jahr aufs Neue so emotional?

Vielleicht weil ich plötzlich nicht nur auf diesen einen Geburtstag schaue. Sondern auf den ganzen Weg bis hierhin. Auf das, was sie in den letzten Jahren getragen hat. Auf das, was sie daraus gemacht hat. Und auf die Person, die da gerade immer deutlicher zum Vorschein kommt. Noch zwei Tage. Dann ist sie 15. Und vermutlich werde ich irgendwann zwischen Frühstück und Geburtstagskerzen kurz dastehen, sie ansehen und sentimental denken: „Ach. Da bist Du ja. So groß schon. Und wahnsinnig wunderbar.“

Dienstag, September 29, 2026

shoppinglogik.

Ich gehe mit einer Liste los. Das gibt mir Struktur. Ich komme mit Dingen zurück, die nicht auf der Liste standen. Das gibt mir Persönlichkeit. Beides zusammen nennt man vermutlich ausgewogenes Konsumverhalten.

Montag, September 28, 2026

erwachsenenfreude.

Dinge, über die ich mich mit Mitte 40 ernsthaft freue. Einen Parkplatz direkt vor der Tür. Frische Bettwäsche. Hübsche Blumen auf dem Tisch. Ein leerer Kalenderabend. Gutes Brot. Kerzen. Musik in der Küche. Wenn einer kocht und der andere Wein einschenkt. Einen Termin, der abgesagt wird. Einen Spaziergang ohne Ziel. An seiner Brust liegen. Ein Wochenende ohne Programm. Zusammen einschlafen. Morgens noch zehn Minuten liegenbleiben. Einen Kuss im Flur. Gute Gespräche am Küchentisch, im Auto, im Bett oder zwischendurch. Dieses Gefühl, dass man sich wirklich meint und nicht nur Informationen austauscht.

Ich hätte früher über diese Liste gelacht. Heute finde ich sie hervorragend und denken oft: "Ziemlich gutes Leben eigentlich."

Sonntag, September 27, 2026

nebensache.

Als Kind dachte ich oft, die schönen Dinge müssten groß sein. Reisen. Events. Besonderer Abend. Irgendwas mit Plan. Heute freue ich mich über ein Glas Wein, Sonne im Gesicht, einen guten Satz, einen vollen Tisch, jemanden neben mir und den Moment, in dem gerade nichts dringend ist. Keine große Erkenntnis. Nur praktisch.

Samstag, September 26, 2026

samstagskompetenz.

Ich habe inzwischen eine erstaunlich hohe Kompetenz darin entwickelt, einen freien Tag nicht komplett durchzutakten und trotzdem nicht einfach nur auf dem Sofa zu sitzen. Heute also ein bisschen in die Stadt. Einkaufen. Dinge erledigen, die unter der Woche erstaunlich zuverlässig liegen bleiben. Vermutlich irgendwo noch kurz stehen bleiben, obwohl ich eigentlich „nur schnell“ etwas holen wollte. Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht, man müsse aus einem freien Tag mehr machen. Frühstück irgendwo. Markt. Stadt. Später essen gehen. Hauptsache Programm.

Heute reicht mir dieses Dazwischen ziemlich gut. Ein bisschen unterwegs. Ein bisschen Alltag. Kein großes Event. Kein Gefühl, aus dem Tag noch irgendetwas Besonderes herauspressen zu müssen. Und dann noch ein bisschen Deko basteln für die "Party to die for" fürs Kind. Ich habe Farb-Spraydosen, Federn und Perlen. Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass aus „ein bisschen Deko“ im Laufe des Tages ein leicht eskalierendes Kreativprojekt wird. Später ein Glas Wein im Kiez. Mit Begleitung. Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist aber genau die Art Samstag, die ich inzwischen sehr mag. Nicht nichts. Nur angenehm viel.

Freitag, September 25, 2026

schutzlücke.

K.-o.-Tropfen ins Getränk. Ein Mensch wird betäubt, verliert Kontrolle, wird wehrlos gemacht. Und genau dieser Zustand wird anschließend für eine Vergewaltigung ausgenutzt.

Und im deutschen Strafrecht war bislang ausgerechnet die Frage relevant, ob diese Substanz ein „gefährliches Werkzeug“ ist. Der BGH verneinte das 2024 für über Getränke verabreichte narkotisierende Substanzen. Deshalb griff der Qualifikationstatbestand mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren nicht automatisch. Solche Fälle konnten unter einen Tatbestand mit mindestens drei Jahren fallen. Die Bundesregierung will diese Lücke nun schließen und ausdrücklich auch gefährliche „Mittel“ erfassen. Der Gesetzentwurf wurde am 23. September 2026 erstmals im Bundestag beraten. Gut.

Und gleichzeitig denke ich: "2026. Ernsthaft? WTF?" Denn über fünf Jahre kann man ohnehin diskutieren. Eine Haftstrafe ist irgendwann abgesessen. Die Folgen einer solchen Tat interessieren sich dafür eher wenig. Albträume haben keinen Entlassungstermin. Panikattacken keine Verjährungslogik. Schutzmechanismen verschwinden nicht, weil irgendwo fünf Jahre vergangen sind. Angst hält sich ebenfalls eher ungern an Strafrahmen. Menschen lernen damit zu leben. Manche ziemlich gut. Das bedeutet nur leider nicht, dass es weg ist.

Dass der Staat nun endlich ausdrücklich erfassen will, dass es für die Schwere einer solchen Tat keinen entscheidenden Unterschied macht, ob jemand einen gefährlichen Gegenstand benutzt oder einem Menschen heimlich die Fähigkeit nimmt, sich überhaupt noch wehren zu können, ist richtig. Dass dafür im Jahr 2026 noch eine Gesetzesänderung notwendig ist, finde ich weniger bemerkenswert als schlicht beschämend.

Und irgendwann bleibt die grundsätzlichere Frage. Wann schaffen wir es eigentlich, Frauen besser zu schützen, bevor wieder eine Gesetzeslücke geschlossen werden muss, deren Folgen andere längst getragen haben? Denn nach der Tat zu erklären, wie ernst wir Gewalt nehmen, ist vergleichsweise einfach. Vorher wäre interessanter. Und entscheidend. Wir diskutieren bei sexualisierter Gewalt sehr schnell über Täter, Strafrahmen, Beweise und Verurteilungen. Alles notwendig. Aber erstaunlich selten steht genauso lange die andere Frage im Mittelpunkt: "Was braucht der Mensch, dem das angetan wurde?"

Ich mag schon das Wort „Opfer“ nicht. Es macht aus einem Menschen schnell einen Zustand. Dabei muss dieser Mensch anschließend weiterleben. Arbeiten. Beziehungen führen. Schlafen. Vertrauen. Nähe zulassen. Vielleicht Therapie machen. Und irgendwie einen Körper davon überzeugen, dass heute nicht mehr damals ist. Und noch immer müssen Betroffene viel zu häufig erklären, warum sie sich so oder so verhalten haben. Warum sie geblieben sind. Warum sie gegangen sind. Warum sie nicht sofort angezeigt haben. Warum sie sich an etwas erinnern und an anderes nicht. Dabei sind sie diejenigen, denen etwas angetan wurde. Vielleicht wäre das tatsächlich mal ein guter Ausgangspunkt für Opferschutz.

Mittwoch, September 23, 2026

weiter.

An einem usseligen Herbsttag sind wir uns das erste Mal begegnet. Zufällig. Er, ein Kerl, der weder aalglatt noch geleckt wirkte, sondern irgendwie genau richtig. Etwas über 1,80 m. Schlank. Schlanke Muskeln an den Stellen, an denen sie Sinn machen. Brünett. Ein Gesicht, das nicht perfekt war. Aber ein Typ, ein richtiger Typ. Mit Ecken und Kanten. Einer, der einen Raum nicht betreten musste, um ihn zu füllen. Es reichte, wenn er da war. Er sprach mit leicht schwäbischem Dialekt. Nicht aufgesetzt. Nicht bemüht. So wie alles an ihm, selbstverständlich. Ich mochte sein Lächeln. Sein Lächeln war gefährlich. Nicht, weil es makellos war, sondern weil es ehrlich und verschmitzt war. Und weil er genau wusste, was es mit einem macht. Er war selbstbewusst. Nicht laut. Nicht übergriffig. Eher diese ruhige Sorte Mann, die nichts beweisen muss. Und genau deshalb alles kann. Er war sich seiner Wirkung absolut bewusst und ging entspannt damit um.

Auf dem Wasen kaufte er mir ungefragt ein Ticket für ein Fahrgeschäft, das ich hasste. Ich hätte nein sagen können. Tat ich nicht. Ich überlegte stattdessen kurz, was ich im Worst Case erbrechen könnte, wenn's zu wild wird. Drückte ihm lässig lächelnd meine Brille in die Hand, obwohl ich fast gestorben wäre und sprang über meinen Schatten. Er war beeindruckt und küsste mich danach. Frech. Direkt. So, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Er nannte mich meist „Kleines“ und ausnahmsweise klang es nicht falsch. Wir kochten oft stundenlang zusammen und zauberten die tollsten Gerichte. Er zeigte mir wie ich die Messer richtig halte. Einmal schnitt er sich aus Versehen ein Stück Fingerkuppe ab, weil er mich anguckte statt das Gemüse auf seinem Brett, das ging so schnell und war so blutig. Ich habs auf dem Badewannenrand verarztet und steril verbunden. Er schummelte mir Speck ins Essen, um zu testen, ob ich es merke und vielleicht doch mag. Ich hab's gemerkt und aussortiert. Wir lagen gern auf dem Sofa, unsere Finger ineinander verhakt, mein Kopf auf seiner Brust. Ich liebte sein Drachentattoo und die Symbolik, die es für ihn hatte. Ich habe es oft mit den Fingern nachgezeichnet. Er zog genüsslich an seiner Zigarette. Langsam. Fast zelebrierend. Und schaffte es trotzdem, nie danach zu riechen. Bis heute unverständlich. Er fuhr einen alten roten Alfa Romeo. Natürlich tat er das und natürlich ließ er mich fahren. Mit diesem Blick, der sagte: "Ich weiß genau, was ich Dir damit gebe."

Es war eine On-Off Geschichte. Er zog irgendwann in meine Stadt und ließ sich dorthin versetzen, ohne dass ich es wusste. Er rief eines Dienstags an und sagte, dass er mir etwas zeigen möchte. Ich war völlig sprachlos als ich ein paar Stunden später durch seine Wohnung ging und er meinte, er sei jetzt hier und würde nicht mehr gehen. Eine tolle Altbauwohnung mit abgezogenen Berliner Dielen. Einmal sagte er zu mir: „Du bist das offenste und gleichzeitig verschlossenste Buch, das ich kenne.“ Er hatte recht und ich wusste es. Er hat mich auch hinter meinen eigenen Mauern gesehen und sich nicht abschrecken lassen. Als ich nach zwei Jahren das erste Mal das "Liebe Dich." erwiderte, war es kein großer Moment. Keine Musik im Hintergrund. Einfach ein leiser Satz. Er drückte meine Hand, küsste mich auf die Stirn und lächelte.

Kurze Zeit später war er tot. Aus dem Leben gerissen. Von jetzt auf gleich. All unsere Pläne mit einem Mal hinfällig. Und alles, was von ihm blieb, war dieses Gefühl, dass manche Menschen nicht lange bleiben, aber etwas von ihnen trotzdem für immer bleibt. Manchmal frage ich mich, was er heute zu mir sagen würde, wenn er auf mein Leben schaut. Ob er mich wiedererkennen würde in all dem Leben, was inzwischen dazugekommen ist. In den Umwegen, Katastrophen, guten Entscheidungen und Menschen. Ob er über manche meiner Schleifen den Kopf schütteln und über andere leise lachen würde. Vermutlich würde er mich ansehen, grinsen und sagen: "Keep going, Du verdammte Rakete!"

Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht. Bin unruhig, dünnhäutig, irgendwie neben der Spur. Gestern habe ich den ganzen Tag nicht daran gedacht. Die Tage sind zu voll, ich zu sehr eingebunden. Erst abends, im Bett, als ich im Arm des Liebsten lag, sickerte es langsam durch. Vielleicht ist das Trauer nach all den Jahren. Nicht mehr laut. Nicht mehr groß. Eher wie ein alter Mitbewohner, der irgendwann ausgezogen ist, seinen Schlüssel aber offenbar behalten hat und einmal im Jahr vorbeikommt. Heute geht's mir nicht gut, heute darf sich schwer anfühlen. Morgen ist ein neuer Tag.

Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.