Freitag, Juli 10, 2026

treibenlassen.

Geburtstagswochenende. Zeit ist gerade ein bisschen knapp, das Leben dafür umso voller. Ich wünsche mir überhaupt nichts Großes. Kein Programm, das man schon morgens um neun ambitioniert abarbeiten muss. Kein Ereignis, das später unbedingt eine gute Geschichte ergeben soll. Kein Freizeitstress mit hübscher Kulisse. Nur einen Tag, an dem wir uns einfach treiben lassen. Zusammen. Ohne Uhr im Nacken, ohne Pflichtgefühl, ohne dieses ewige innere Abhaken, das selbst aus schönen Dingen eine To-do-Liste macht. Ein bisschen schauen. Ein bisschen stehen bleiben. Irgendwo etwas essen. Weitergehen. Lachen. Vielleicht falsch abbiegen und noch eine Runde drehen. Vielleicht irgendwo länger sitzen bleiben als gedacht. Müde werden, ohne erschöpft zu sein. Eventuell treffen wir wieder den „weltbesten“ Panflötenspieler. Vielleicht ist Glück manchmal genau das: kein besonderer Plan. Nur die richtigen Menschen und genug Zeit, ihn nicht zu brauchen. Ich freu mich so richtig. 

Donnerstag, Juli 09, 2026

intensität.

Ich stand heute im Aufzug mit einem Mann, der sehr intensiv nach Aftershave roch. Nicht schlecht. Nur entschlossen. So ein Duft, der nicht fragt, ob er mitfahren darf. Er steigt ein, übernimmt die Hausordnung und gründet spätestens im dritten Stock eine Bürgerinitiative.

Der Mann sagte: „Ganz schön warm heute.“
Ich sagte: „Ja.“

Mehr war nicht nötig. Manchmal ist Smalltalk ja nur ein soziales Nicken in Richtung Apokalypse. Wir fuhren gemeinsam fünf Etagen. Beide schweigend. Sein Aftershave bleibt vermutlich noch bis morgen im Aufzug zurück und wird dort Pakete entgegennehmen. Oben angekommen stieg ich aus und dachte: Menschen hinterlassen Spuren. Manche in Herzen. Manche in WhatsApp-Verläufen. Und manche in schlecht belüfteten Aufzügen. Alles nur eine Frage der Intensität.

45.

Geburtstage sind seltsam. So viel Aufmerksamkeit auf einmal. Nachrichten, Anrufe, Glückwünsche, kleine liebe Sätze aus allen Richtungen. Ich freue mich wirklich. Und gleichzeitig sitzt irgendwo im inneren Maschinenraum ein kleines Wesen mit Klemmbrett und ruft: "Bitte einzeln eintreten, das System verarbeitet noch." Mich überfordert das jedes Jahr. Vielleicht war genau deshalb dieser Abend so wunderschön. Nicht groß. Nicht laut. Nicht perfekt inszeniert. Kein Geburtstagsprogramm mit emotionaler Anwesenheitspflicht. Keine Show. Kein „jetzt muss es aber besonders werden“.

Einfach wir drei. Essen. Reden. Lachen. Zusammen am Tisch sitzen. Dieses leise Nebeneinander, das manchmal so viel größer ist als alles, was man planen könnte. Mehr wollte ich gar nicht. Kein Spektakel. Keine Überraschung. Keine Konfettikanone. Kein Beweisstück für ein gelungenes Leben. Nur einen ruhigen Abend. Mit den beiden Menschen, die mir am nächsten sind. Und ich hab die besten persönlichen Geschenke und das leckerste Essen bekommen. Ich liebs einfach. 

45, here we go! Ich mag die Zahlenkombi irgendwie so richtig. 

Mittwoch, Juli 08, 2026

wirkungsketten.

Ich glaube, Wirkungsketten in Beziehungen werden massiv unterschätzt. Nicht diese großen, dramatischen Momente mit Blitz, Donner und Menschen, die durch Regen rennen. Sondern diese kleinen Verschiebungen. Ein Satz. Ein Ton. Ein Angebot. Eine Unsicherheit. Mein alter Reflex, der sich sofort meldet und sagt: "Sei weniger. Regel das allein. Sei nicht auch noch ein Problem!" Und schon ist man nicht mehr im Jetzt, sondern irgendwo in einem alten Kellerraum, in dem noch sehr viel Zeug steht. Ich finde das lästig, weil ich gern behaupten würde, ich habe meine Innenausstattung inzwischen vollständig verstanden. Aber ich kenne offensichtlich nur die Lichtschalter besser.

Und dann gibt es diesen Satz, der erst einmal wunderschön klingt. Du bist nicht mehr allein. Warm. Beruhigend. Fast wie eine Decke. Bis man merkt, dass darin nicht nur Trost steckt, sondern auch viel Verantwortung. Weil Nähe eben keine Einbahnstraße mit hübscher Bepflanzung ist. Wenn einer explodiert, bekommt der andere den Luftdruck mit. Wenn einer aus Stress knapp wird, landet das nicht im Nirgendwo, sondern irgendwo im Körper des Menschen, der daneben steht und versucht, es nicht direkt persönlich zu nehmen. Meistens ist es überhaupt nicht böse gemeint. Das ist vielleicht das Anstrengendste daran. Viele Dinge sind nicht böse gemeint und wirken trotzdem.

Ich verstehe oft sehr viel. Manchmal vielleicht zu schnell. Aber verstanden werden möchte ich eben auch. Vielleicht ist genau das erwachsene Liebe. Merken, dass das eigene Chaos nicht an der eigenen Haut endet. Dass Stress nicht privat bleibt, wenn man liebt. Dass Rücksicht nicht bedeutet, sich unsichtbar zu machen. Und dass „nicht mehr allein“ nicht nur ein schöner Satz ist, sondern manchmal auch eine ziemlich praktische Zumutung. Weil auf einmal alles Wirkung hat und zwar in beide Richtungen. Immer. Auch das Gute. Vor allem das Gute.

Montag, Juli 06, 2026

44.

Heute ist mein letzter Abend mit 44. Ich sitze noch im Workshop, irgendwo zwischen Moderationskarten, fremden Menschen und diesem Gesicht, das man macht, wenn man professionell wirkt, obwohl innen längst jemand die Jahresbilanz auf den Tisch kippt. Es ist viel passiert. Es hat sich viel entwickelt. In mir. Um mich herum. Zwischen Menschen. In Beziehungen. In diesem merkwürdigen Feld zwischen Abschied und Anfang, in dem man manchmal morgens traurig ist und abends trotzdem lachen kann, ohne dass eins davon gelogen ist. Ich lasse die Monate nochmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen.

Ich wollte morgen gern anders aufwachen. Nicht im Hotel. Nicht allein. Sondern neben dem Menschen, bei dem sich mein Leben gerade sehr leise und sehr deutlich neu sortiert. Dieses völlig unspektakuläre Glück. Aufwachen. Nähe. Kein großes Ding. Genau deshalb ein großes Ding. Stattdessen sitze ich hier mitten in der Pampa. Und ja, ein Teil von mir findet das traurig. Vielleicht sogar mehr als nur ein bisschen. Aber ein anderer Teil mag diese Ruhe. Diese Stille, in der niemand etwas von mir will. Kein Smalltalk, kein gut gemeintes Gruppengefühl mit fremden Menschen, die spontan laut und euphorisch singen, mit denen ich eben noch über norwegische Strompreise gesprochen habe. Ich mag Geburtstage, aber ich mag sie leise. 

Nur ich, 44 und ein Jahr, das allmählich langsam ausläuft. Es wird der zweite Geburtstag, an dem ein vertrauter Anruf fehlen wird. Das tut weh. Aber morgen Abend bin ich wieder zu Hause. Bei meinen Lieblingsmenschen. Rückblickend kann ich sagen, es war ein gutes Jahr, dafür bin ich dankbar - so darf es weitergehen.

Sonntag, Juli 05, 2026

post.

Ich wollte nur ein Paket abholen. Nur. Dieses Wort ist der Anfang vieler sehr schlechter Entscheidungen. Die Post-Filiale ist gleichzeitig Kiosk, Lottoannahmestelle, Hermes-Außenstelle und offenbar auch eine Art psychosoziale Beratungsstelle für Menschen mit verlorenen Retourenscheinen. Vor mir ein Mann, der nicht wusste, ob sein Paket an ihn, seine Frau, seine Firma oder seinen Nachbarn adressiert war. Hinter mir jemand, der sehr laut telefonierte und dabei erklärte, dass „die da wieder alles falsch gemacht haben“. Alter. 

Ich stand da mit meinem Ausweis in der Hand und diesem Gesichtsausdruck, den Frauen ab vierzig entwickeln, wenn sie äußerlich ruhig bleiben, innerlich aber bereits eine komplette Prozessoptimierung entworfen haben und nervigen Menschen einfach kommentarlos ins Gesicht schießen möchten. Der Mann hinter der Theke sagte: „Hausnummer?“ Ich antwortete. Er verschwand. Kam zurück. Verschwand wieder. Kam mit einem Paket zurück, das ungefähr die Größe eines Hamsters hatte. Ich hatte Schuhe bestellt. Für einen Moment dachte ich, entweder ist das der Beginn einer Reklamation oder meine Füße haben heimlich abgenommen. Samstagvormittag in der Post und ich weiß wieder, warum ich andere Menschen nicht mag. 

Samstag, Juli 04, 2026

ratio.

Manchmal ist Schmerz nicht laut. Manchmal sitzt er einfach mit am Tisch. Er trinkt keinen Kaffee, sagt nichts, macht sich aber breit. In einer Ecke des Körpers. Zwischen den Rippen. Hinter den Augen. In diesem kleinen Moment, in dem man eigentlich funktionieren müsste, aber plötzlich wieder irgendwo steht, wo man nie wieder stehen wollte. Manchmal ist er ein Geruch. Ein Satz. Ein Datum. Ein Lied im Supermarkt. Eine fremde Handbewegung. Ein Foto oder ein Bild, das man weder gesucht noch darum gebeten hat. Eine Erinnerung, die nicht anklopft, sondern einfach die Tür eintritt. Schmerz ist ein seltsames Tier. Man denkt, man hätte ihn irgendwo abgelegt. In alten Jahren. In Krankenhausfluren. In Friedhofserde. In vergangenen Lieben. In Entscheidungen, die richtig waren und trotzdem viel gekostet haben. In Gesprächen, nach denen man anders war als vorher. Und dann steht er plötzlich wieder da. Nicht mit Musik, eher so nebenbei. Mitten im Alltag. Zwischen Espresso, Kalender, Meetings und irgendeinem schwarzen Rechteck, das mal wieder niemand richtig zuordnen kann. Manchmal reicht ein Satz. Eine Bewegung. Ein Detail, das nicht eingeordnet ist. Und schon ist der Kopf nicht mehr im Heute, sondern irgendwo, wo ich überhaupt gar nicht hinwollte. Das Ärgerliche ist, man weiß es. Man weiß, dass alte Bilder keine Gegenwart sind. Dass der Kopf manchmal aus einer Lücke eine ganze Katastrophe baut. Trotzdem greift das Ratio manchmal nicht.

Freitag, Juli 03, 2026

bäckerschlange.

Es gibt kaum einen besseren Ort für Gesellschaftsstudien als eine Bäckerschlange am frühen Morgen. Menschen mit unausgesprochenen Brötchenkonzepten, Kinder mit Croissantverhandlungsmandat, Männer, die „nur schnell“ sagen und dann acht verschiedene Körnerbrötchen nicht unterscheiden können. Ich stehe dazwischen, noch halb im Bett, aber innerlich bereits mitten in einer ethnografischen Feldstudie. Dabei wollte ich nur schnell ein Brötchen und ins erste Meeting. 

Donnerstag, Juli 02, 2026

mitreisende.

Manchmal denke ich, das Leben besteht aus lauter Versionen von uns, die irgendwo zurückgeblieben sind. Eine an einem Krankenbett. Eine in einer alten Liebe. Eine in einem Gespräch, das zu spät kam. Eine in einer Nacht, in der sie etwas erfahren hat, was sie nie wissen wollte. Eine mit einem Kind an der Hand. Eine mit einem Koffer. Eine mit einem Lächeln, das noch nicht wusste, was kommt. Und viele weitere. Und dann muss man all diese Versionen irgendwie mitnehmen, ohne dass sie einem ständig ins Steuer greifen. Das ist Arbeit.

Dienstag, Juni 30, 2026

idealistin eiskalt.

Ich glaube weiterhin, dass man sehr viel sehr gut hinbekommen kann, wenn zwei Menschen wirklich beteiligt sind. Nicht halb. Nicht nebenbei. Nicht mit offenem Hinterausgang. Sondern da. Wirklich da. Mit beiden Füßen. Ich rede von dieser Für-immer-Beziehung. Von gemeinsam alt werden. Von bleiben, auch wenn es unbequem wird. Von gemeinsamer Arbeit, Nähe, Wahrheit und der Entscheidung, nicht bei jedem Sturm innerlich den Fluchtweg zu suchen oder zuzumachen. Ich wünsche mir, dass man sich immer wieder füreinander entscheidet. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Angst. Nicht aus Gewohnheit. Sondern weil man sich gut tut. Weil man einander bereichert. Weil das Leben durch den anderen nicht kleiner, sondern größer wird. Ein Stück wärmer. Klarer. Lebendiger. Weil man etwas miteinander baut, das größer ist als der Reflex zu fliehen. 

Vielleicht bin ich auch einfach besonders bescheuert und die größte Idiotin von allen, weil ich weiter daran glauben möchte. Vielleicht bin ich aber auch nur nicht bereit, mich mit weniger zufriedenzugeben. Ich weiß was es kostet. Und ich will es trotzdem. 

Montag, Juni 29, 2026

langfristig.

Als wir letzten Sommer im Urlaub am Meer waren, rief der Mann an und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, ihn im nächsten Sommer vielleicht mitzunehmen. Ich weiß noch, wie wir Mädels den abendlichen Spaziergang zum Strand machten und ich die Untermieterin fragte, wie sie das finden würde und ob, sie sich das überhaupt grundsätzlich vorstellen kann. Sie blieb stehen, schaute mich lange prüfend an und meinte völlig trocken: "Na, ER plant ja sehr langfristig." Ich lieb sie einfach. Es war dieser typische Teenager-Moment, in dem in einem einzigen Satz mehr Analyse steckt als in drei Beratungsterminen und einer mittelgroßen PowerPoint-Präsentation. Mittlerweile hat sie ihren ganz persönlichen Countdown und gibt uns jede Woche ein Update, wie viele Tage es noch bis zum Urlaub und den Sommerferien sind. Die beiden freuen sich den Arsch ab, dass wir zu dritt verreisen. Fühlt sich sehr gut an. Das wird die beste und entspannteste Zeit. Es ist so richtig schön normal. Danach sind wir wahrscheinlich alle Schach-Meister und vielleicht lese ich endlich doch noch das Buch, was ich letzten Sommer nicht geschafft habe bzw. einfach nicht reinkam. Am Ende gibts eine Buchpräsentation, weil sie sich seit einem Jahr gemeinsam über mich lustig machen - "Bestes Buch 2025." 

Samstag, Juni 27, 2026

luxus.

Ich glaube, kleiner Luxus wird gern unterschätzt. Nicht Hotel, Spa, Champagner, Infinitypool. Eher: frische Bettwäsche. Eine kalte Flasche Eistee bei 38Grad oder Wein. Niemand will gerade etwas. Raum und Luft. Die Küche ist für sechs Minuten sauber. Ein Paket kommt wirklich an. Das Kind schreibt freiwillig eine Nachricht. Der Mann fragt: „Soll ich was mitbringen?“ Das sind keine großen Dinge. Aber große Dinge sind sowieso oft überbewertet. Sie machen Lärm, kosten Geld und brauchen meistens Schuhe, in denen man nicht gut laufen kann. Kleiner Luxus kommt leiser. Er steht in der Küche. Liegt auf dem Bett. Klingelt kurz. Schiebt einem ein Glas hin. Merkt, dass man müde ist. Ich werde offenbar älter. Früher habe ich vielleicht mehr Glanz gebraucht. Heute denke ich manchmal, wenn jetzt noch jemand die Spülmaschine ausräumt, ist das hier praktisch Versailles.