Montag, Juni 22, 2026

hitzefrei.

Es ist zu heiß für kluge Gedanken. Ich habe heute schon sehr erwachsen Dinge erledigt, Ordner getragen, Wasser getrunken, die restlichen Gurken aufgekauft, 1kg Joghurt und kurz überlegt, ob man Steuerunterlagen einfach bei 34 Grad automatisch als abgegeben gelten lassen könnte. Leider nein. Jetzt sitze ich hier, schwitze höflich vor mich hin und tue so, als wäre das ein ganz normaler Montag. In vier Wochen starten übrigens die Sommerferien. Verrückt, wieder ein Schuljahr geschafft. Die Untermieterin zählt bereits die Tage runter - zumindest haben sie diese Woche Hitzefrei. Das Kind startet dann direkt erstmal mit Ferien bei ihrem Vater. Wie sind eigentlich die aktuellen Temperaturen in Norwegen? 

Sonntag, Juni 21, 2026

ursprung.

Es ist am Ende nie nur eine Zahl. Nicht 80. Nicht über 80. Nicht „ein gutes Alter“. Nicht diese Sätze, die man sagt, weil man irgendetwas sagen muss und weil der Tod im hohen Alter vernünftiger klingt als ein anderer Tod.

Es ist die Mutter.

Für irgendwen ist dieser Mensch nicht alt gewesen, sondern Ursprung. Kindheit. Zuhause. Reibung. Stimme. Geruch. Sorge. Liebe. Pflicht. Alte Muster. Nähe. Konflikt. Wahrscheinlich vieles gleichzeitig.

Und plötzlich ist da ein erwachsener Mann, den man sehr schätzt. Beruflich sicher. Lebenserfahren. Klug. Einer, der Entscheidungen trifft, Verantwortung trägt, Dinge einordnet, sein eigenes Leben gebaut hat und trotzdem ist er jetzt gerade vor allem eins. Ein Sohn, dessen Mutter gestorben ist. Das berührt mich. Weil Eltern in uns nie ganz nur alt werden. Sie bleiben an irgendeiner Stelle groß. Auch dann, wenn wir selbst längst groß sind. Auch dann, wenn wir ihre Schwächen kennen. Ihre Eigenheiten. Ihre Grenzen. Auch dann, wenn wir uns längst abgelöst haben oder es zumindest versucht haben. Eine Mutter hört nicht einfach auf, Mutter zu sein, nur weil ihr Kind erwachsen ist.

Und ein Sohn hört nicht auf, Sohn zu sein, nur weil er über 50 ist. Auch wenn man weiß, dass Sterben zur Reihenfolge und dem Kreislauf des Lebens gehört. Es ist trotzdem traurig. Ich habe über die Jahre so viele Geschichten über seine Mutter gehört, gesehen wie er still gelächelt oder liebevoll die Augen verdreht hat, wenn er von ihr sprach. Habe mit ihm über diese kleinen Eigenheiten gelacht, die Eltern manchmal haben und die einen nerven, prägen und irgendwann fehlen. Ich fand sie immer richtig klasse. 

Seine Welt ist gestern Abend ein Stück anders geworden. 

Und vielleicht trifft es mich auch deshalb so, weil es mir für einen Moment sehr nah holt, was ich sonst lieber nicht zu Ende denke. Dass auch meine Eltern irgendwann sterben werden. Dass man das selbstverständlich weiß und trotzdem nicht wissen will. Dass man erwachsen sein kann, ein eigenes Leben haben, selbst Mutter sein und an dieser Stelle trotzdem Kind bleibt. Vielleicht bleibt man das immer. Irgendwo.

Freitag, Juni 19, 2026

humor.

Situationskomik.
Wir sitzen beim Abendessen und ich frage den Mann, ob er mir die Cola reicht.
Er: „Ich kann Dir auch etwas einschenken.“
Ich reiche ihm mein Glas.
Der Teenie merkt an, dass sie ebenfalls gern Cola hätte.
Die Flasche ist fast leer. Der Mann fängt an die Cola gerecht aufzuteilen, hält inne, schaut breit grinsend von der Untermieterin zu mir: „Wer von euch beiden mag mich eigentlich lieber?“ und schwenkt dabei verschwörerisch die Flasche.

Der Teenie stellte kommentarlos grinsend eine neue Flasche auf den Tisch :) 
Ich mag uns Drei. 

Donnerstag, Juni 18, 2026

111.

Schnapszahlenpost. Ich freu mich gerade. Weil ich merke, alles ist auf dem Weg und sortiert sich. Mit den Jahren gelernt. Manches bewegt sich. Manches findet seinen Platz. Manches wird endlich losgelassen. Manches, das lange wild und unklar war, wird langsam ruhiger. Vielleicht ist das genau der Moment zwischen Chaos und Ankommen. Und manchmal reicht das schon, um kurz dankbar zu sein. 

beste.

Das Beste heute. A) Mein Vater darf nach fast einem Monat endlich aus dem Krankenhaus nach Hause. Auch wenn sich damit nochmal einiges massiv ändern wird bei meinen Eltern. Sie freuen sich beide und sind erleichtert. Schauen wir mal, wie das wird. B) Es ist schon wieder Donnerstag. C) Ich liebs, wenn der Mann nachts seine Decke hebt und signalisiert, dass ich ran rutschen soll zum Andocken und er mich einfach festhält und seelenruhig weiterschläft. Ich genieße die Ruhe darin. 

Mittwoch, Juni 17, 2026

medienkompetenz.

Wem glauben wir eigentlich noch, wenn alle gleichzeitig senden?

Heute Morgen habe ich in den Reuters Institute Digital News Report 2026 reingeschaut und bin wieder an dieser einen Stelle hängen geblieben, es geht gar nicht nur um Medien. Es geht um uns. Um unsere Art, morgens, mittags, abends die Welt in uns reinzulassen. Meistens zwischen zwei, drei anderen Dingen. Selten mit voller Aufmerksamkeit. Fast nie ohne Nebenrauschen. Nachrichten kommen ja heute nicht mehr geordnet zur Tür rein. Sie fallen einem aufs Handy. Zwischen Wetterapp, Sprachnachricht, Einkaufsliste, Teenager-Orga, Arbeit, irgendeinem Reel und einem KI-generierten Satz, der verdächtig glatt klingt. Weltlage im Hochformat. Krieg, Klima, Wahl, Krise, Fußball, Rezept, Werbung. Alles gleich nah. Alles gleich hell. Alles gleich scrollbar.

Und dann soll man noch unterscheiden, was wichtig ist. Was stimmt. Was eingeordnet wurde. Was nur laut ist. Was Journalismus ist. Was Meinung ist. Was jemand erzählt, weil es Reichweite bringt. Und was man vielleicht lieber erstmal nicht glauben sollte, nur weil es sehr selbstbewusst formuliert wurde. Ich finde, das ist manchmal anstrengend. Nicht, weil Menschen zu dumm für Nachrichten wären. Sondern weil das Informationssystem inzwischen wirkt wie ein Supermarkt kurz vor Ladenschluss. Alles liegt irgendwo, alle sind ein bisschen müde, jemand steht im Weg und man selbst wollte eigentlich nur drei Dinge holen.

Der Report zeigt für mich vor allem, Sichtbarkeit ist nicht mehr das Problem. Wir sehen genug. Zu viel sogar. Das Problem ist Orientierung. Wem traue ich zu, die Dinge nicht noch nervöser zu machen? Wer sortiert, statt nur zu senden? Wer erklärt, ohne mich wie ein Kind zu behandeln? Wer hält Komplexität aus, ohne sie in Drama oder Beruhigungssprache zu verwandeln? Vielleicht ist Vertrauen deshalb die eigentliche Währung. Nicht Geschwindigkeit. Nicht Lautstärke. Nicht der nächste Kanal. Vertrauen entsteht nicht, weil jemand überall auftaucht. Sondern weil jemand wiedererkennbar verlässlich ist. Weil man merkt, da denkt jemand. Da prüft jemand. Da wird nicht nur Content ausgespuckt, weil der Algorithmus Hunger hat.

Aber natürlich ist Orientierung keine Einbahnstraße. Wir können nicht nur auf bessere Medien, bessere Plattformen und bessere Institutionen hoffen. Wir müssen auch selbst entscheiden, wem wir unsere Aufmerksamkeit geben. Was wir teilen. Was wir glauben wollen, weil es gut in unser Weltbild passt. Und wo wir vielleicht einmal kurz langsamer werden müssten, bevor wir innerlich nicken. Unsere Aufgabe ist auch: hinterfragen, filtern, Quellen prüfen. Nicht jede Zuspitzung für Erkenntnis halten. Nicht jede Empörung weitertragen. Nicht jedes Video glauben, nur weil es nah, laut oder gut geschnitten ist. Und nicht jeden Satz für wahr halten, nur weil er sich so anfühlt. Das ist unbequem. Weil es bedeutet, auch unser eigener Daumen ist Teil des Problems. Und vielleicht ist genau das die neue Medienkompetenz. Nicht noch mehr wissen, sondern bewusster auswählen. Nicht alles sofort reinlassen. Nicht alles sofort bewerten. Nicht alles sofort teilen.

Und vielleicht ist genau das die Aufgabe von Medien, Marken und Institutionen. Weniger Welt in die Welt drücken. Mehr sortieren. Mehr Haltung. Mehr Kontext. Mehr Verantwortung für die Wirkung, die Information hat. Denn am Ende brauchen wir nicht noch mehr Nachrichten. Wir brauchen bessere Gründe, jemandem zuzuhören.

Wer sich mit Medien, Kommunikation, Vertrauen oder digitaler Öffentlichkeit beschäftigt. Der Digital News Report 2026 lohnt sich. Und mich würde interessieren: Wem hörst Du heute noch zu und warum?

Dienstag, Juni 16, 2026

übergangsorte.

Unser Flur erzählt ziemlich viel über unser Leben. Schuhe von Menschen, die alle eigene Pläne haben. Viele Schuhe! Eine Schultasche. Diverse Jacken, die angeblich alle noch gebraucht werden. Schlüssel. Vokabelkarten. Post. Pakete. Einkaufstaschen. Manchmal auch Dinge vom Mann. Und irgendwo darunter liegt manchmal meine Geduld. Unser Flur ist kein Pinterest-Flur, obwohl ich dieses lichtgrau so sehr liebe. Er ist selten richtig aufgeräumt. Flure sind Übergangsorte. Hier kommt man an. Hier geht man los. Hier wird noch schnell etwas gerufen, gesucht, vergessen, diskutiert, fest umarmt oder geküsst. Man findet einen Schal, den niemand gesucht hat. Manchmal eine Tasche, die seit drei Tagen „gleich weggeräumt“ wird. Ich mag unseren Flur nicht immer trotz seiner ziemlich perfekten Form und Größe. Aber manchmal stehe ich dort und denke: "Ja. Genau so sieht Leben halt aus." Lebendig. Nicht sortiert. Aber da.

Montag, Juni 15, 2026

schnipsel.

Die Frau mit den Blumen. Vor mir lief neulich eine Frau mit einem riesigen, wunderschönen, bunten Blumenstrauß. So groß, dass sie dahinter fast verschwand. Ich weiß nicht, ob die Blumen für sie waren oder für jemanden anders. Ob Geburtstag, Entschuldigung, Besuch, Liebe oder einfach Samstag. Aber sie trug sie mit dieser Mischung aus Stolz und leichter Überforderung, die große Blumensträuße verursachen. Ich mochte das. Ich liebe Blumen und ich liebe diese Alltagsschnipsel. Manchmal sieht man auf der Straße einen Menschen und bekommt für ein paar Sekunden eine Geschichte geschenkt, über die man nie mehr erfahren wird. Vielleicht war sie in diesem Moment glücklich. Vielleicht war sie spät dran. Vielleicht beides.

Sonntag, Juni 14, 2026

echtzeit.

Manchmal bin ich emotional schneller im Rückzug, als ich es selbst mitbekomme. Dann ist nach außen noch alles normal, aber innen hat schon jemand die Stühle hochgestellt. Ich merke das inzwischen früher. Nicht immer rechtzeitig. Aber früher. Das ist auch Fortschritt.

Samstag, Juni 13, 2026

altlasten.

Der Mann nennt unsere Ex-Freunde und Ex-Freundinnen liebevoll den „Friedhof der Kuscheltiere“ und irgendwie passt das erschreckend gut. Da sind diese Gestalten aus alten Leben, die längst begraben sind. Geschichten, Verstrickungen, halboffene Türen, Menschen, die nicht richtig loslassen können oder wollen. Sie liegen eine Weile still, tun so, als hätten sie ihren Frieden gefunden und irgendwann hört man es wieder kratzen. Erst leise, dann erstaunlich selbstbewusst. Und das in regelmäßigen Abständen, fast amüsant zu beobachten. Manche Menschen können scheinbar nicht gut ertragen, dass eine Geschichte ohne sie weitergeht.

Eine Nachricht. Ein Kommentar. Ein Schatten, der vergessen hat, dass er keiner mehr ist. Bedeutungslos, ohne Gewicht, weil man selbst längst abgeschlossen hat und weitergezogen ist. Einfach nur noch ein Echo aus einem alten Raum. Und nicht jedes Echo verdient eine Antwort. Ich schaue heute maximal noch kurz hin und denke: „Ach. Du schon wieder.“ Und genau dabei belasse ich es. Es gibt Menschen, die gehören nicht mehr in mein Leben. Nicht in meine Gegenwart, nicht in meine Ruhe und nicht in das, was wir uns gerade so schön aufbauen. Und das ist gut so.

Freitag, Juni 12, 2026

fluchten.

Manchmal reicht schon eine Stunde irgendwo anders. Ein Drink, ein anderes Viertel, ein Tisch am Fenster, Menschen beobachten, nicht zuständig sein. Kleine Fluchten sind unterschätzt. Nicht, weil man weg will. Sondern weil man sich danach wieder etwas besser mitnimmt.

Donnerstag, Juni 11, 2026

straßenbahn.

Ich liebs, wenn mir schon morgens vor 08.30Uhr fremde Gespräche aufgezwungen werden. In der Straßenbahn saß mir eine Frau gegenüber, die so laut in ihr Handy sprach, dass ich jetzt vermutlich Teil ihrer Familiengeschichte bin. Ich weiß nicht, ob Kevin sich melden wird. Aber ich habe inzwischen eine Meinung dazu.