An einem usseligen Herbsttag sind wir uns das erste Mal begegnet. Zufällig. Er, ein Kerl, der weder aalglatt noch geleckt wirkte, sondern irgendwie genau richtig. Etwas über 1,80 m. Schlank. Schlanke Muskeln an den Stellen, an denen sie Sinn machen. Brünett. Ein Gesicht, das nicht perfekt war. Aber ein Typ, ein richtiger Typ. Mit Ecken und Kanten. Einer, der einen Raum nicht betreten musste, um ihn zu füllen. Es reichte, wenn er da war. Er sprach mit leicht schwäbischem Dialekt. Nicht aufgesetzt. Nicht bemüht. So wie alles an ihm, selbstverständlich. Ich mochte sein Lächeln. Sein Lächeln war gefährlich. Nicht, weil es makellos war, sondern weil es ehrlich und verschmitzt war. Und weil er genau wusste, was es mit einem macht. Er war selbstbewusst. Nicht laut. Nicht übergriffig. Eher diese ruhige Sorte Mann, die nichts beweisen muss. Und genau deshalb alles kann. Er war sich seiner Wirkung absolut bewusst und ging entspannt damit um.
Auf dem Wasen kaufte er mir ungefragt ein Ticket für ein Fahrgeschäft, das ich hasste. Ich hätte nein sagen können. Tat ich nicht. Ich überlegte stattdessen kurz, was ich im Worst Case erbrechen könnte, wenn's zu wild wird. Drückte ihm lässig lächelnd meine Brille in die Hand, obwohl ich fast gestorben wäre und sprang über meinen Schatten. Er war beeindruckt und küsste mich danach. Frech. Direkt. So, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Er nannte mich meist „Kleines“ und ausnahmsweise klang es nicht falsch. Wir kochten oft stundenlang zusammen und zauberten die tollsten Gerichte. Er zeigte mir wie ich die Messer richtig halte. Einmal schnitt er sich aus Versehen ein Stück Fingerkuppe ab, weil er mich anguckte statt das Gemüse auf seinem Brett, das ging so schnell und war so blutig. Ich habs auf dem Badewannenrand verarztet und steril verbunden. Er schummelte mir Speck ins Essen, um zu testen, ob ich es merke und vielleicht doch mag. Ich hab's gemerkt und aussortiert. Wir lagen gern auf dem Sofa, unsere Finger ineinander verhakt, mein Kopf auf seiner Brust. Ich liebte sein Drachentattoo und die Symbolik, die es für ihn hatte. Ich habe es oft mit den Fingern nachgezeichnet. Er zog genüsslich an seiner Zigarette. Langsam. Fast zelebrierend. Und schaffte es trotzdem, nie danach zu riechen. Bis heute unverständlich. Er fuhr einen alten roten Alfa Romeo. Natürlich tat er das und natürlich ließ er mich fahren. Mit diesem Blick, der sagte: "Ich weiß genau, was ich Dir damit gebe."
Es war eine On-Off Geschichte. Er zog irgendwann in meine Stadt und ließ sich dorthin versetzen, ohne dass ich es wusste. Er rief eines Dienstags an und sagte, dass er mir etwas zeigen möchte. Ich war völlig sprachlos als ich ein paar Stunden später durch seine Wohnung ging und er meinte, er sei jetzt hier und würde nicht mehr gehen. Eine tolle Altbauwohnung mit abgezogenen Berliner Dielen. Einmal sagte er zu mir: „Du bist das offenste und gleichzeitig verschlossenste Buch, das ich kenne.“ Er hatte recht und ich wusste es. Er hat mich auch hinter meinen eigenen Mauern gesehen und sich nicht abschrecken lassen. Als ich nach zwei Jahren das erste Mal das "Liebe Dich." erwiderte, war es kein großer Moment. Keine Musik im Hintergrund. Einfach ein leiser Satz. Er drückte meine Hand, küsste mich auf die Stirn und lächelte.
Kurze Zeit später war er tot. Aus dem Leben gerissen. Von jetzt auf gleich. All unsere Pläne mit einem Mal hinfällig. Und alles, was von ihm blieb, war dieses Gefühl, dass manche Menschen nicht lange bleiben, aber etwas von ihnen trotzdem für immer bleibt. Manchmal frage ich mich, was er heute zu mir sagen würde, wenn er auf mein Leben schaut. Ob er mich wiedererkennen würde in all dem Leben, was inzwischen dazugekommen ist. In den Umwegen, Katastrophen, guten Entscheidungen und Menschen. Ob er über manche meiner Schleifen den Kopf schütteln und über andere leise lachen würde. Vermutlich würde er mich ansehen, grinsen und sagen: "Keep going, Du verdammte Rakete!"
Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht. Bin unruhig, dünnhäutig, irgendwie neben der Spur. Gestern habe ich den ganzen Tag nicht daran gedacht. Die Tage sind zu voll, ich zu sehr eingebunden. Erst abends, im Bett, als ich im Arm des Liebsten lag, sickerte es langsam durch. Vielleicht ist das Trauer nach all den Jahren. Nicht mehr laut. Nicht mehr groß. Eher wie ein alter Mitbewohner, der irgendwann ausgezogen ist, seinen Schlüssel aber offenbar behalten hat und einmal im Jahr vorbeikommt. Heute geht's mir nicht gut, heute darf sich schwer anfühlen. Morgen ist ein neuer Tag.
Marokkanische Küche
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Nettes Event. Marokkanische Küche in einer Kochschule. Oder so. Weiß nicht,
ob man das so nennen kann. Spielt auch keine Rolle. Es war wirklich ein
sehr gu...
vor 1 Tag
