Freitag, Juni 05, 2026

kö-papageien

Vor unserem Fenster sitzen Papageien im Baum. Mitten in Düsseldorf. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen, weil es immer noch klingt, als hätte jemand beim Stadtmarketing zu viel Fantasie gehabt. Aber nein, da sitzen sie wirklich. Nicht einer, nicht zwei, sondern gleich in größeren Gruppen. Grün, laut, sehr von sich überzeugt und vollkommen unbeeindruckt davon, dass ich morgens regelmäßig noch nicht bereit bin für tropische Zustände. Sie kreischen durch den Innenhof, als hätten sie wichtige Nachrichten zu verkünden, während ich versuche, wach zu werden, mir ein Brot zu machen und mein Leben halbwegs zusammenzuhalten. Manchmal wirken sie wie kleine fliegende Ausrufezeichen. Zu laut für die Uhrzeit, zu schön für schlechte Laune und irgendwie genau richtig.

Ich stehe dann am Fenster oder sitze am Küchentisch und sehe ihnen gern zu, als wäre das mein Naturfilm für Menschen ohne Garten. Sehr urban, sehr improvisiert. Unten rauscht der Verkehr, ein Hund bellt, und mittendrin sitzt diese grüne Bande, als wäre der Rhein eine Nebenstraße des Amazonas. Besonders beeindruckend sind ihre Formationsflüge. Erst sitzen sie noch scheinbar planlos im Baum, alle reden durcheinander, niemand hört zu, sehr kleine, sehr grüne Eigentümerversammlung. Und dann plötzlich: Abflug. Als hätte jemand ein geheimes Zeichen gegeben. Sie schießen los, drehen eine Runde über die Dächer, verschwinden kurz aus dem Blick und tauchen wieder auf, als hätten sie Düsseldorf von oben kontrolliert und für weiterhin bewohnbar befunden.

Eigentlich sind es Halsbandsittiche. Ursprünglich kommen sie aus Afrika und Südasien, aber irgendwann sind ein paar ausgebüxt oder wurden ausgesetzt, so genau klingt die Geschichte je nach Erzählung ein bisschen unterschiedlich. Seit den 1960er Jahren haben sie sich im Rheinland ausgebreitet, in Düsseldorf wurden sie lange vor allem mit der Kö verbunden. Kö-Papageien. Als hätte selbst die Königsallee irgendwann beschlossen, dass ein bisschen tropisches Durcheinander zwischen Luxusläden und Platanen nicht schaden kann. Inzwischen findet man sie längst nicht mehr nur dort. Sie haben sich weiter vorgearbeitet, Baum für Baum, Innenhof für Innenhof, bis sie irgendwann auch vor unserem Fenster angekommen sind vor 8Jahren. Damals war das noch jedesmal eine richtige Attraktion und seltene Momente.

Ich mag das. Diese völlige Selbstverständlichkeit, mit der sie hier sind und sich ausgebreitet haben. Zwischen Altbau, Regenrinne, Lieferwagen und halb geöffnetem Fenster sitzen sie da, als wäre Düsseldorf schon immer ihr Revier gewesen. Vielleicht ist das auch der Trick. Einfach irgendwo landen, laut sein, bleiben und irgendwann gehört man dazu. Morgens, wenn ich noch im Handtuch am Fenster stehe und innerlich deutlich weniger sortiert bin als der Tag es von mir erwartet, beruhigt mich das fast ein bisschen. Draußen ist auch nicht alles geordnet. Es hat nur Federn, bessere Farben und macht mehr Lärm.

Dienstag, Juni 02, 2026

statik.

Meine Therapeutin sagte gestern diesen einen Satz: "Sie dürfen erstmal lernen, einen Fuß vom alten Boden zu nehmen und zu merken: Ich stürze nicht sofort, wenn ich nicht alles allein halte." - der ist hängen geblieben. Nicht springen. Nicht Vertrauen lernen. Nicht loslassen, als hätte man irgendwo einen Schalter übersehen. Sondern erstmal nur einen Fuß vom alten Boden nehmen. Der alte Boden ist dieses jahrelange Funktionieren. Alles sehen. Alles halten. Alles absichern. Möglichst nicht stören. Möglichst nichts brauchen. Erst fragen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Das war lange keine Macke. Das war meine Statik. Und jetzt soll ich einfach nur üben, einen Fuß zu heben. Kurz merken, dass nichts einstürzt, sondern stattdessen sehr tragfähig ist. Nicht sofort wieder alles allein halten. Klingt klein. Ist es aber nicht. Es fühlt sich an wie freier Fall. Sie meint, ich sei bereits mitten im Umbau meines inneren Sicherheitssystems. Und dass Angst an dieser Stelle kein Fehler ist, sondern Teil davon.

Sonntag, Mai 31, 2026

entlassung.

Festgestellt. So ein Kündigungsgespräch kostet mehr Energie, als man vorher denkt. Gerade bei Menschen, die lange da waren. Man entscheidet sachlich, wirtschaftlich, notwendig vielleicht. Auf dem Papier sind sie eine unternehmerische Entscheidung. Im Raum sitzt dann aber ein Mensch, dessen Alltag man aufschneidet und den man gut kennt. Man kann sachlich richtig handeln und sich trotzdem beschissen fühlen. Das ist der Teil, den keine Prozessbeschreibung sauber abbildet. Manchmal ist Führung einfach schwer. Das sind die doofen Tage. Der Mann hat kommentarlos einen Drink gereicht am Freitag. Das war nötig. 

Samstag, Mai 30, 2026

erkenntnis.

Es gibt zwei Arten von Entscheidungen: die richtigen und die, aus denen man später etwas lernen musste. Beide bringen einen weiter. Nur auf unterschiedliche Weise.

Donnerstag, Mai 28, 2026

weich.

Weich zu sein ist für mich riskanter als stark sein. Stark sein, kenne ich. Stark kann ich organisieren, blind abrufen, zeigen. Ich hab's von klein auf gelernt. Stark gibt mir Struktur, Abstand, Kontrolle. Es macht mich handlungsfähig und schützt davor, zu viel zu brauchen. Stark sein bekommt Respekt, manchmal sogar Bewunderung. Obwohl mir das egal ist, es macht eher müde und vielleicht auch ein bisschen einsam. Weich sein funktioniert anders. Weich hat keine Rüstung. Keine vorbereiteten Antworten. Keinen inneren Fluchtweg, den ich mir schon zurechtlege, während ich eigentlich Nähe suche. Weich stellt keine Fragen mit Messergriff und sagt nicht: Beweise es! Weich sagt eher: Ich brauche Dich gerade. Ich brauche eine feste Umarmung. Ich bin gerade da. Wirklich da.

Genau deshalb fällt es mir manchmal so schwer. Nicht, weil ich mich nicht einlassen will. Im Gegenteil. Sondern weil ich lange gelernt habe, mich stets selbst zu halten. Weil Autonomie für mich nicht nur Freiheit ist, sondern auch Schutz. Weil ich weiß, dass ich immer klarkomme, wenn es sein muss. Ich muss mir das nicht mehr beweisen. Die eigentliche Herausforderung ist, in einem Moment nicht sofort zu prüfen, ob ich auch ohne den anderen zurechtkomme. Eben nicht mehr auszuweichen. Nicht schon innerlich den Plan B zu schreiben, falls der andere hinschmeißt. Nicht alles abzusichern, bevor ich etwas Echtes sage.

Weich sein heißt für mich nicht, mich aufzugeben oder weniger autonom zu sein. Es heißt eher, meine Autonomie nicht mehr ständig als Schutzschild vor mir herzutragen. Einen Moment lang mal nicht vorzubauen. Stehen zu bleiben und ehrlich zu sagen, was gerade ist. Was ich brauche. Nicht dramatisch. Nicht klein. Einfach wahr. Ich übe das. Bestimmt überhaupt nicht elegant, nicht immer freiwillig und sicher nicht ohne zwischendurch trotzdem immer noch hin und wieder wieder nach meiner Rüstung zu greifen. Aber ich übe.

Mittwoch, Mai 27, 2026

nacken.

Gerade kam der Termin für die Skifreizeit. Das Kind ist dagegen. Nicht „ich hab keine Lust“-dagegen. Eher, warum gibt es das überhaupt noch und warum tun alle so, als sei das selbstverständlich und freiwillig? Ich kann die Frage nicht mal wegwischen. Zu meiner Zeit war das ein freiwilliges Format für 20Kids pro Jahrgang. Weil eine Skifreizeit eben nicht nur ein Termin ist. Eigentlich müssten jetzt Listen entstehen. Kosten. Größen. Fristen. Wer leiht was? Was muss alles gekauft werden? Was ist Pflicht, was optional, was steht nicht in der Mail, kostet aber trotzdem? Nebenbei warte ich noch auf eine Nachricht aus dem Krankenhaus.

Mein Nacken ist seit Stunden fest. Ich bin völlig verspannt. Als hätte jemand hinten eine Schraube zu fest angezogen und vergessen, sie wieder zu lösen. So fest, dass es weh tut. Und dann sitzt man da zwischen Postfach, Kind, Kalender und Körper und merkt, wie wenig Kapazität man gerade für Systeme hat, die so tun, als sei alles ganz easy, wenn man nur früh genug eine Packliste verschickt. Als hätte jeder ein Kind, das begeistert „Juhu“ ruft. Meins bekommt einen halben Nervenzusammenbruch und hat direkt Stress, wenn sie hört 8Bett-Zimmer, klassenübergreifende Zimmerverteilung und eine Woche skifahren.

Der Tag fing schon beschissen an. Es ist einfach nur dieser ganz normale Wahnsinn. Heute mag ich nicht mehr.

Dienstag, Mai 26, 2026

tochtermodus.

Ich kenne den Krisenmodus. Nur zu gut. Er ist immer wieder Teil meines Jobs. Ich kann organisieren. Telefonieren. Informationen sammeln. Ärzte verstehen. Fragen stellen, wenn andere nur noch nicken. Ich kann nicht weinen, wenn es gerade nicht passt. Ich kann völlig problemlos funktionieren, während innen alle Lampen brennen. Ich kann ruhig klingen, obwohl mein Körper längst verstanden hat, dass etwas nicht stimmt. Aber das hier ist anders, weil es mein Vater ist. Da hilft keine Kompetenz. Keine erwachsene Fassung, die man sich morgens anzieht wie einen Mantel. Ich habe meine Mutter auf unser Mädels-Mantra eingeschworen. Wir nehmen es, wie es kommt und wenn es wie eine Welle kommt, schauen wir, wie wir sie reiten. Nicht, weil das besonders mutig klingt. Nicht, weil wir keine Angst haben, sondern weil keiner von uns das Meer anhalten kann. Morgen drehen sie ihn erneut auf links und suchen. Derweil bekommt er weiter fremdes Blut.

Montag, Mai 25, 2026

sonntage.

Morgens gemütlich nackt bei tollstem Sonnenschein Arm in Arm im Bett liegen, gemeinsam FAZ und Havard Business Manager hören und die Artikel diskutieren. Irgendwann händchenhaltend zum Bäcker spazieren, um Frühstück zu organisieren und schließlich mit Zeitungen am Tisch sitzen und interessante Stellen vorlesen und besprechen. Liebe alles daran. Bester Start in einen Pfingstsonntag vorm Familienprogramm. Einfach ein bisschen Ruhe und entspannte Zeit zu zweit.

Donnerstag, Mai 21, 2026

dünnhäutig.

Panikattacke. Nachts um kurz vor 2.00Uhr hochschrecken mit der plötzlichen Angst, dass mein Vater jetzt sterben könnte. Auf dem Badezimmerfußboden und der Bettkante sitzen, atmen, zählen und versuchen mein Nervensystem irgendwie zu regulieren. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so dünnhäutig macht. Der Mann hat leise geschnarcht, das hatte etwas Beruhigendes. Ankuscheln und fest in den Arm genommen werden, hat nachher geholfen.

Mittwoch, Mai 20, 2026

rollenwechsel.

Wenn WhatsApp-Nachrichten meiner Mutter morgens um 7:30 Uhr mit „Bitte keinen Schreck bekommen, aber …“ anfangen und ich eine Minute später meine völlig aufgelöste Mutter am Telefon habe. Ihr Einstieg hat nicht so richtig funktioniert, bei mir gingen direkt alle Alarmglocken an. Früher hat man sich Sorgen gemacht, ob man das eigene Leben im Griff hat. Heute macht man sich zusätzlich Sorgen, ob die Eltern ihres noch im Griff haben. Das sind diese Zusatzfunktionen des Erwachsenseins.

Dienstag, Mai 19, 2026

konsequenz.

Parrhesia ist kein großes Konzept. Es ist im Grunde ziemlich einfach. Du sagst, was in Dir ist. Ohne es vorher so zu formen, dass es keine Konsequenzen hat. Die meisten halten sich für ehrlich. Sind sie aber nicht. Sie sind ehrlich, solange es nichts kostet. Solange es die Beziehung nicht gefährdet, die Stimmung nicht kippt, das eigene Bild intakt bleibt. Sobald etwas auf dem Spiel steht, wird es weich. Oder still. Dann wird erklärt, relativiert, eingeordnet. Man findet gute Gründe, warum es jetzt nicht gesagt werden muss. Oder warum es vielleicht gar nicht so wichtig ist. In Wirklichkeit geht es nur darum, die Situation unter Kontrolle zu halten. Parrhesia beginnt genau da, wo diese Kontrolle aufhört. Wenn klar ist, dass das, was gesagt werden müsste, etwas verändern wird. Vielleicht nur leicht. Vielleicht auch grundlegend. Und Du sagst es trotzdem. Nicht laut. Nicht emotional aufgeladen. Auch nicht, um etwas durchzusetzen. Einfach klar. Der Unterschied ist nicht, was Du sagst. Der Unterschied ist, ob Du bereit bist, die Konsequenz auszuhalten. Wenn nichts passieren kann, ist es keine Wahrheit. Dann ist es nur Kommunikation. Wahrheit zeigt sich erst, wenn Du nicht mehr sicher bist, wie der andere reagiert. Wenn Nähe kippen könnte. Wenn Du ein Stück Kontrolle abgibst. Wenn Du Schmerz riskierst. Parrhesia heißt, genau da nicht auszuweichen. Weil genau dort Beziehung beginnt. Nicht in dem, was leicht ist. Sondern in dem, was echt und unbequem ist. Alles andere hält die Situation stabil. Aber nicht Dich.

Wer bist Du, wenn Ehrlichkeit wirklich etwas kostet?

Montag, Mai 18, 2026

japan.

Meine nächste Postkarte geht nach Japan, Tokyo. Ich freue mich. So witzig. Wir schauen gerade eine Serie, die in Tokyo spielt. Ich meinte passend dazu erst neulich, dass ich super gern irgendwann mal die Kirschblüte live sehen möchte und die Nachbarn unter uns sind gestern für 3Wochen nach Japan aufgebrochen.