Aktuell schreibe ich primär E-Mails und spiele politische Spielchen. Ich meine diese spezielle Form von beruflicher Diplomatie, bei der alle Beteiligten ungefähr wissen, was vereinbart war, aber irgendjemand trotzdem versucht, die Realität ein kleines Stück in seine Richtung zu schieben. Dann sitzt man da, öffnet Outlook und formuliert Sätze wie „Just to clarify“, „As discussed“ oder „As planned“. Was übersetzt ungefähr heißt: Nein. Das haben wir anders besprochen. Das mache ich nicht heute. Und bitte versuch nicht, mir gerade Arbeit unterzuschieben und anschließend so zu gucken, als hätte sie schon immer bei mir gewohnt. Natürlich schreibt man das nicht. Man schreibt freundlich. Sehr freundlich sogar. Je genervter man ist, desto höflicher wird es. Das ist vermutlich irgendeine Form evolutionärer Anpassung an Projektarbeit. „Thanks for flagging“ zum Beispiel. Ein großartiger Satz. Klingt offen, kooperativ und lösungsorientiert und kann innerlich trotzdem problemlos von einem sehr deutlichen „Ach, verpiss dich doch“ begleitet werden.
Überhaupt besteht mein Arbeitstag aktuell aus erstaunlich viel Übersetzungsleistung. Menschen schreiben „Could you please…“ und ich lese „Kannst Du das übernehmen, damit ich es nicht machen muss?“ Jemand setzt eine Deadline und ich verbringe anschließend Zeit damit, höflich zu erklären, dass diese Deadline zwar hübsch aussieht, aber leider frei erfunden ist. Dann wird noch jemand ins CC genommen, damit ausreichend viele Menschen gleichzeitig sehen können, wie professionell wir alle damit umgehen. Früher dachte ich bei politischen Spielchen an Hinterzimmer, Zigarren und Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die sich gegenseitig Ministerposten versprechen. Mittlerweile weiß ich: Es reichen ein Laptop, ein Projekt und zwei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wem eine Aufgabe gehört. Und dann beginnt das eigentliche Spiel. Wer antwortet zuerst? Wen setzt man ins CC? Wen bewusst nicht? Wie oft darf man „as agreed“ schreiben, bevor es passiv-aggressiv wird? Ab wann ist „just to clarify“ eine Kriegserklärung? Und wie viele freundliche Wörter braucht man, um ein Nein so einzupacken, dass es noch nach Zusammenarbeit aussieht?
Ich bin darin erschreckend gut. Schon immer. Heute schrieb jemand sinngemäß, sie hätte etwas gern sofort. Ich saß vor dem Rechner, las es, trank einen Schluck Tee und dachte: Nein. Dann schrieb ich natürlich nicht Nein. Ich schrieb: „In the next few days, as planned.“ Diplomatie kann so schön sein. Und als wäre das nicht schon genug, kommen in internationalen Projekten noch kulturelle Unterschiede dazu. Viele Nationalitäten, viele Kommunikationsstile, viele sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was höflich, klar, direkt, verbindlich oder eben schon ziemlich forsch ist. Die einen formulieren so weich, dass ich dreimal lesen muss, ob sie gerade etwas von mir wollen oder mir nur einen schönen Nachmittag wünschen. Die anderen schreiben drei Wörter mit Punkt und erzeugen damit sofort das Gefühl, irgendwo sei etwas eskaliert.
Dazwischen sitze ich und betreibe berufliche Simultanübersetzung. Nicht nur Englisch nach Deutsch, sondern Ton nach Absicht. Ist das gerade wirklich dringend oder klingt es nur dringend? Ist „would be great“ ein Wunsch, eine Erwartung oder bereits eine Deadline mit Schleifchen? Bedeutet „just checking in“ tatsächlich „ich wollte nur mal nachfragen“ oder doch eher „warum ist das noch nicht fertig“? Und ist „no worries“ wirklich no worries oder muss ich jetzt anfangen, mir Sorgen zu machen? Das Schöne ist, ich darf niemanden beleidigen. Niemanden brüskieren. Niemandem das Gefühl geben, ich hätte gerade den inneren Mittelfinger ausgeklappt. Man muss also gleichzeitig klar, freundlich, bestimmt, diplomatisch, interkulturell sensibel und möglichst unmissverständlich sein. Was ungefähr so einfach ist, wie auf einem Gymnastikball sitzend einen IKEA-Schrank aufzubauen, während jemand daneben freundlich fragt, ob man das nicht ein bisschen schneller machen könne.
Und dann kommt noch das eigentliche Sahnehäubchen: die schiere Zeitverschwendung. Dieses endlose Bullshit-Bingo aus „alignment“, „ownership“, „next steps“, „stakeholder management“, „quick sync“, „touch base“ und „just a heads-up“. Man verbringt zwanzig Minuten damit, eine Mail zu formulieren, die inhaltlich aus einem einzigen Satz besteht: Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Danach folgen drei Antworten, zwei CC-Erweiterungen und ein Termin, um zu klären, wer jetzt eigentlich klärt, wer zuständig ist. Es ist teilweise absurd. Nicht kompliziert, nicht anspruchsvoll, nicht strategisch. Einfach nur aufwendig. Sehr viel Luftbewegung um erstaunlich wenig Substanz. Man könnte manche Schleife vermutlich in vier Minuten lösen, wenn alle Beteiligten kurz sagen würden, was sie eigentlich wollen und was sie nicht machen möchten. Aber nein. Stattdessen tanzt man den professionellen Regentanz um Zuständigkeiten, Befindlichkeiten und Formulierungen.
Besonders hübsch wird es, wenn alle überzeugt sind, sie hätten sich glasklar ausgedrückt. Dann steht irgendwo „to be discussed“, jemand liest „to be delivered“, jemand anders versteht „already agreed“ und zwei Tage später darf ich wieder eine Mail schreiben, die mit „Just to clarify“ beginnt. Internationales Projektmanagement ist deshalb im Grunde weniger Organisation als angewandte Sprachwissenschaft mit politischem Einschlag und gelegentlichen Bingo-Runden. Ich finde das tatsächlich spannend. Meistens jedenfalls. Außer wenn ich merke, dass ich seit einer Stunde sehr professionell kommuniziert habe und wir exakt da stehen wie vorher.
Dann denke ich kurz: "Bullshit" und schreibe: „As planned.“