Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.

verschiebung.

Ich bin Berlinerin. Nicht „da mal gewohnt“. Sondern geboren, aufgewachsen, im Ost-Berlin. Familie. Prägung. Dieses spezielle Verhältnis zu einer Stadt, die man gleichzeitig beschimpft, verteidigt und vermisst. Meine Familie und ein Teil meiner Freunde leben noch dort. Und der Wahlkreis meiner Eltern hat gestern die AfD gewählt. Ich habe heute Morgen mehrfach auf die Wahlkarte geschaut. Als würden sich Zahlen durch ausreichend irritiertes Draufstarren noch einmal umentscheiden. Tun sie nicht.

In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8, die AfD auf 16,3 Prozent – 2023 waren es noch 9,1. Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Und ein paar hundert Kilometer weiter: Mecklenburg-Vorpommern. 38,2 Prozent AfD. Die SPD 35,5. Die CDU 4,9 Prozent und damit erstmals nicht mehr im Landtag. 38,2 Prozent!!! Ich schreibe die Zahl noch einmal hin, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hat, sie beim ersten Mal nicht vollständig zu verarbeiten.

Und natürlich startet sofort wieder die große Erklärungsmaschine. Die Ossis. Die Abgehängten. Die Wütenden. Die Protestwähler. Ich bin Ossi. Vielleicht reagiere ich deshalb inzwischen leicht allergisch darauf, Ostdeutsche wie eine ethnologische Forschungsgruppe zu behandeln, deren merkwürdiges Wahlverhalten man aus ausreichender Entfernung untersucht. So einfach ist es nicht. Und auch „Protestwahl“ ist mittlerweile ein ausgesprochen praktisches Wort. Klingt ein bisschen nach einem energisch ausgefüllten Beschwerdeformular. Nur ist eine Wahl kein Beschwerdeformular. Wer eine Partei wählt, wählt eben auch deren Personal, Programm und politische Vorstellungen. Das gilt für die AfD. Und übrigens auch für Die Linke.

Deshalb kann ich mich über deren Wahlsieg in Berlin auch nicht einfach freuen, nur weil dort nicht die AfD stärkste Kraft geworden ist. Mir ist das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild der Linken zu weit von meinem entfernt. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Natürlich. Menschen müssen aufgefangen werden, wenn sie Hilfe brauchen. Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen. Krankheit oder Arbeitslosigkeit dürfen niemanden ins Bodenlose schicken. Und selbstverständlich muss sich jeder Mensch sein Leben leisten können. Wohnen. Essen. Energie. Mobilität, soziale Teilhabe. Das ist für mich keine Frage. Aber Solidarität bedeutet für mich nicht grenzenlose Umverteilung. Leistung, Eigentum und wirtschaftlicher Erfolg sind für mich auch nichts grundsätzlich Verdächtiges, das möglichst umfassend neu verteilt werden muss. Beides muss gleichzeitig möglich sein - ein Leben, das man sich leisten kann und eine Gesellschaft, in der sich Arbeit, Verantwortung und eigenes Vorankommen weiterhin lohnen. Genau deshalb fremdele ich mit einer Politik, die für mein Empfinden zu oft zuerst darüber nachdenkt, was noch verteilt werden kann, statt darüber, wie mehr Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, selbst Wohlstand aufzubauen.

Die Berliner Linke macht aus ihrer Richtung dabei kein Geheimnis. Die Umsetzung der Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände bezeichnet sie als „oberste Priorität“. Vorgesehen sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen; die Partei spricht selbst vom „Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Und dann schaue ich auf die Zahlen. Berlin erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Ende 2025 lag der vorläufige Schuldenstand bereits bei rund 69,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig reden wir über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, deren Entschädigung je nach Berechnungsmodell einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnte. Wie daraus ohne erhebliche Haushaltsrisiken dauerhaft niedrigere Mieten entstehen sollen, ist für mich eine ziemlich entscheidende Frage. Und nein. „Das bezahlt sich irgendwann selbst“ reicht mir bei solchen Summen irgendwie nicht als finanzpolitisches Konzept. Vielleicht liegt genau darin mein eigentliches Unbehagen mit diesem Wahlabend. Ich schaue nach rechts und erschrecke. Ich schaue weit nach links und finde dort ebenfalls keine politische Heimat.

Heute Morgen lese ich dazu einen Kommentar in der FAZ. Die Diagnose dort. Union, FDP und auch SPD hätten insbesondere den Kontakt zu großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verloren. Das traditionelle bürgerliche Lager, das jahrzehntelang große Teile der Wählerschaft gebunden hat, sei massiv eingebrochen. Der Autor fordert deshalb eine neue bürgerliche Partei. Soziale Marktwirtschaft. Leistungsfähiger Staat. Weniger Überregulierung. Wirtschaftliche Vernunft. Ob eine neue Partei die Antwort wäre, weiß ich nicht. Aber dass etwas grundsätzlich nicht mehr funktioniert, kann man nach solchen Wahlabenden schwer übersehen. Menschen merken, wenn Dinge nicht funktionieren. Verwaltung. Bildung. Wohnen. Infrastruktur. Migration. Wirtschaft. Soziale Sicherheit. Man kann nicht jahrelang erklären, vermitteln und beschwichtigen und sich anschließend ausschließlich darüber wundern, dass Menschen irgendwann nicht mehr zuhören. Nur folgt daraus eben nicht, dass jede politische Antwort darauf eine vernünftige ist.

Genau da hängen wir offenbar fest. Die eine Seite ruft: Alles Nazis. Die andere: Alles nur enttäuschte Bürger. Beides ist mir zu einfach. Menschen können sich von Politik im Stich gelassen fühlen und trotzdem Verantwortung dafür tragen, wem sie ihre Stimme geben. Regierungen können schlecht arbeiten und trotzdem nicht für jede Radikalisierung verantwortlich sein. Man kann verstehen wollen, warum Menschen AfD wählen, ohne die Entscheidung zu verharmlosen. Und man muss einen Wahlsieg der Linken nicht automatisch als beruhigendes Gegengewicht empfinden. Eigentlich müsste all das gleichzeitig in einen Kopf passen. Scheint derzeit eine überraschend anspruchsvolle Übung zu sein.

Und dann bleibt da dieser blaue Fleck auf der Berliner Wahlkarte. Der Wahlkreis meiner Eltern. Ich kenne dort Straßen. Häuser. Supermärkte. Bushaltestellen. Statistik ist erstaunlich abstrakt, bis sie plötzlich eine Straßenbahnhaltestelle hat. Ich verstehe meine Heimat heute ein bisschen weniger als vorgestern. Nicht, weil Menschen anders wählen als ich. Das gehört zur Demokratie. Sondern weil ich nicht verstehe, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem so viele Menschen ihre politische Antwort bei Parteien suchen, in denen ich mich überhaupt nicht wiederfinde.

Vielleicht sollten die Parteien, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, deshalb weniger fragen: "Wie erklären wir den Leuten, dass sie falsch liegen?" Und häufiger: "Warum erreichen wir sie eigentlich nicht mehr?" Erklärung ist keine Entschuldigung. Empörung ist keine Analyse. Die Probleme sind kompliziert. Die Antworten werden immer einfacher. Und ich verstehe die Welt gerade tatsächlich ein bisschen weniger.

Sonntag, September 20, 2026

83.

Postkarten. So viele sind seit März bei mir angekommen. Aus 25 verschiedenen Ländern. Menschen, die ich nicht kenne, haben irgendwo auf der Welt eine Karte ausgesucht, ein paar Zeilen geschrieben, eine Briefmarke draufgeklebt und sie auf den Weg nach Düsseldorf geschickt. Manche brauchten fünf Tage. Manche zwei Monate. andere haben offenbar zwischendurch noch eine Weltreise gemacht. Und jetzt liegen 83 kleine Stücke Welt bei mir in einer hübschen schwarzen Schachtel. Postcrossing ist schon ein bisschen wild. Und ziemlich schön.

Freitag, September 18, 2026

nacken.

Heute für neue Strähnen beim Friseur gewesen. Dann kam die Frage, was wir mit der Länge machen. Ich, offenbar in einem unbeaufsichtigten Moment: „Ich glaube, ich möchte wieder einen Bob. Irgendwas zwischen Schulter und Kinn. Schneid alles ab! Ich brauche was Neues.“ Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ich war kurz selbst überrascht von meiner Courage. So kurz hatte ich sie zuletzt vor der Untermieterin. 

3,5 Stunden und locker 15 Zentimeter später mit einem wunderschönem Bob aus dem Laden spaziert und unangemessen begeistert von meiner eigenen Spontaneität gewesen. Ich liebe es, ich liebe die Länge. Der Teenie liebt es auch. Der Mann ist offenbar ebenfalls ausgesprochen angetan. Damit ist die spontane Restrukturierung überraschend umfassend durch alle relevanten Gremien gegangen. Andere treffen weitreichende Lebensentscheidungen. Ich erstmal so - Nacken frei! Keine weiteren Maßnahmen erforderlich.

Donnerstag, September 17, 2026

zahlen.

Fast 250.000 Aufrufe in den letzten zwölf Monaten. WTF? Komplett irre. Eine Viertelmillion Klicks auf dieses kleine digitale Durcheinander aus Alltag, Arbeit, Teenager, Liebe, Therapie, Reisen, Postkarten, Currywurst, Kontrollverlust, Gedankenwirrwarr und gelegentlicher Eskalation. Und das Verrückte, die Kurve steigt stetig weiter. Offenbar ist mein Leben von außen betrachtet mindestens so unterhaltsam, wie es sich von innen manchmal anstrengend anfühlt. Ich freue mich darüber. Wirklich. Ich stelle fest, dass ich eher fasziniert drauf gucke - früher wollte ich unbedingt unterhalten, heute ist es nur noch ein Ventil für mich.

Wichtig sind mir die Zahlen trotzdem nicht. Ich werde sehen, wie lange sich das hier gut für mich anfühlt. Und eventuell ziehe ich den ganzen Bumms irgendwann doch noch zu WordPress um. Die Domain gehört seit ewigen Jahren mir, eigentlich ist auch schon alles vorhanden, nur lässt sich das hier aktuell nicht vernünftig exportieren. Nochmal von vorn anfangen? Bei null? Schon öfter drüber nachgedacht. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss arbeiten und weiterleben. Sonst gibt’s hier bald nichts mehr zu lesen.

Mittwoch, September 16, 2026

schweiz.

Postcrossing hakt aktuell ein bisschen. Also „ein bisschen“ im Sinne von: 5 Karten offenbar verschollen seit 72 bis 120Tagen. 5 weitere seit über 40 Tagen unterwegs. Teilweise in die Schweiz. In die Schweiz!!! Ich möchte nicht kleinlich sein, aber die liegt jetzt verkehrstechnisch nicht hinter Mordor. Der Teenie bekam heute eine Karte aus Russland. Über zwei Monate unterwegs. Verständlich. Große Strecke. Schwierige Route. Abenteuer. Aber Düsseldorf–Schweiz? Ich gehe inzwischen davon aus, dass meine Postkarten zu Fuß reisen. Mit Pausen. Und vermutlich ohne Google Maps. Bestes Trainingslager für meine nicht sehr ausgeprägte Geduld. Der Teenie sagt immer, als die Geduld verteilt wurde, war ich offensichtlich schon halb zur Tür raus, weil es mir zu lange gedauert hat.

vertrauen.

Es gibt gerade so viel zu erzählen und eigentlich auch nichts. Nicht, weil nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert so viel. Ich möchte es nur gerade nicht teilen. Es ist schön. Es ist gut. Es wird ruhiger. Was erstaunlicherweise gar nicht automatisch angenehm ist, wenn man innerlich lange auf irgendwas gewartet hat. Auf den Einschlag. Die Wendung. Den Haken an der Sache. Ich merke, dass ich mich an genau das erst gewöhnen muss. Meine Therapeutin sagte letzte Woche einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist die Ruhe, die nun einkehrt.“ Vielleicht war genau das diese Unruhe, die ich wochenlang nicht richtig greifen konnte. Dieses merkwürdige Gefühl, dass doch irgendetwas sein müsste, ich irgendwas übersehen habe. Dass Ruhe verdächtig ist. Dass Sicherheit eigentlich nur diese kurze Pause vor dem nächsten Einschlag sein kann. Vielleicht ist es tatsächlich endlich diese Ruhe, von der der Mann schon lange sagt, dass sie kommen wird. Und vielleicht fange ich tatsächlich an, mich langsam sicher zu fühlen. Auch so ein Satz, den mein Nervensystem vermutlich gern erst einmal zur Prüfung einreichen würde.

Ein ausgesprochen ungewohnter Zustand. Aber echt schön. Und für unsere fulminante Großartigkeit können wir schließlich nichts. Ich mag uns zusammen.

Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Mittwoch, September 09, 2026

schwerstarbeit.

Therapiestunde heute morgen. Ich stelle fest, ich bin komplett erledigt. Schon faszinierend, wie ich 50 Minuten auf einem Sofa sitzen kann - von außen betrachtet eine ausgesprochen überschaubare Tätigkeit. Reden. Zuhören. Nachdenken. Ab und zu schweigen. Und mein Körper anschließend so tut, als hätte ich einen Umzug, einen Halbmarathon und drei Familienfeiern parallel absolviert. Inklusive unmöglicher Sitzordnung. Und Diskussionen über Politik. Manchmal ist „reden“ nur die sehr freundliche Umschreibung für Schwerstarbeit im Nervensystem. Leider ohne Schrittzähler und ohne Anspruch auf Sonderurlaub. Aber war sehr gut. intensiv, aber gut. Wieder was verstanden und sortiert. 

Dienstag, September 08, 2026

marketing. .

Unser Küchentisch ist Essplatz, Schreibtisch, Ablage, Konferenzraum, Poststation und gelegentlich Ort emotionaler Grundsatzverhandlungen. Manchmal liegt dort gleichzeitig ein Schulheft, eine Rechnung, ein angebissener Apfel, ein bis drei Notebooks und diverse Kabel, dessen Funktion niemand kennt. Dazwischen essen wir.

Ich glaube, Möbelhäuser verkaufen Tische völlig falsch. Niemand braucht „Platz für sechs Personen“. Man braucht Platz für bis zu sechs Menschen und achtzehn offene Lebensvorgänge.

Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

Samstag, September 05, 2026

tgif.

Currywurst, Pommes und Wein. Cuba Libre. Ein neues französisches Kochbuch. Einfach gemeinsam am Tisch sitzen, in Ruhe vom Tag erzählen, Musik hören, ein bisschen tanzen und knutschen. Lachen. Reste teilen. Ich liebe alles daran. Der Teenie war um 20.00Uhr schon müde von der Woche und hat sich ins Bett gelegt. 

War eine sehr anstrengende und volle, aber gute Woche.