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Montag, Oktober 12, 2026

müde.

Die Frage der Woche: Fliege ich nun nach Portugal oder fliege ich nicht nach Portugal? Ich wollte wirklich noch nie so wenig an einem internationalen Kundenprojekt vor Ort teilnehmen wie an diesem. Und das will etwas heißen. Drei Tage Lissabon. 26 Grad, Sonne, fantastisches Lebensgefühl. Eigentlich müsste ich vor Vorfreude im Dreieck springen. Stattdessen frage ich mich, ob man berufliche Anwesenheit nicht inzwischen auch gedanklich erledigen kann. Diese Projektleiterin schafft mich. Wirklich. Jeden Tag irgendein neues Theater. Was gestern noch galt, ist heute wieder offen. Entscheidungen werden vertagt, Dinge dreimal besprochen und zwischendurch darf man sich überlegen, wie man aus dem ganzen Durcheinander noch eine vernünftige Veranstaltung macht. Ich bin müde. Ich mache diesen Job lange genug, um zu wissen, dass nicht immer alles glattläuft. Muss es auch nicht. Aber irgendwann ist mein Vorrat an Geduld und professioneller Freundlichkeit eben auch mal aufgebraucht. Und ganz ehrlich? Ich würde inzwischen lieber hierbleiben. Wäre deutlich entspannter, zumal ich zwischen zwei Reisen ohnehin nur einen Tag zum Umpacken habe.

Ich habe mittlerweile mehr Lust auf eine verbindliche Entscheidung als auf drei Tage portugiesische Sonne. Das muss man auch erst mal schaffen. Ich mag meinen Job wirklich gern. Aber manche Projekte sind wie ein Einkaufswagen mit vier kaputten Rollen. Man schiebt und schiebt, korrigiert ständig die Richtung und kommt irgendwie vorwärts. Nur Spaß macht es irgendwann nicht mehr, wenn die Verantwortung immer nur einseitig verteilt wird und noch mehr Flexibilität gefordert wird.

Donnerstag, Oktober 08, 2026

versorgungslage.

Der Kühlschrank enthielt Senf, Hoffnung und eine halbe Zucchini mit ungeklärter Zukunft. Ich habe die Zucchini heute Mittag gegessen. Damit ist zumindest eine offene Frage geklärt. Der Senf bleibt. Die Hoffnung auch. Ich würde sagen, die Versorgungslage mit frischem Gemüse ist angespannt, aber die Geschäftsführung sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Die Gurkentruppe mit Fell sieht das vermutlich ein bisschen anders.
Morgen!

Dienstag, Oktober 06, 2026

morgenrosa.

Gestern früh habe ich das Kind kurzfristig zum See gefahren. Eigentlich nichts Besonderes. Ihre Mitfahrgelegenheit war ausgefallen, also saß ich zu einer Uhrzeit im Auto, zu der ich sonst meistens noch nicht wirklich Teil des Tages bin. Über den Dächern hing noch leichter Nebel. Nicht viel. Gerade genug, dass die Stadt ein bisschen weicher aussah als sonst. Darüber dieser rosa Himmel, erst ganz blass und dann plötzlich in Farben, bei denen man kurz denkt, jemand hätte es mit dem Filter übertrieben. Hatte aber niemand. Ich mag solche Morgen über der Stadt. Häuser, Ampeln, Dächer, irgendwo schon Menschen auf dem Weg irgendwohin. Und darüber veranstaltet der Himmel völlig unbeeindruckt sein eigenes Spektakel.

Das Kind neben mir war naturgemäß weniger ergriffen. Teenager am frühen Morgen haben andere Prioritäten. Wachwerden zum Beispiel. Oder schweigen. Also fuhr ich, guckte immer wieder nach oben und dachte, dass man erstaunlich viel Schönes verpasst, wenn der Alltag immer zur gleichen Uhrzeit beginnt. Manchmal braucht es nur eine ausgefallene Mitfahrgelegenheit, um die eigene Stadt kurz anders zu sehen.

Freitag, Oktober 02, 2026

haushaltskompetenzen.

Sollte morgen die Sonne scheinen, wird der Haufen Teenager übrigens sehen, wie hervorragend schlecht ich das Küchenfenster diese Woche schnell geputzt habe. Im Schatten dachte ich noch: läuft, sieht voll gut aus. Im Sonnenlicht sieht das vermutlich eher nach abstrakter Kunst mit Schlieren aus. Man muss dazu sagen, dass es gestern auch den ganzen Tag geschüttet hat.

Ich muss gerade selbst lachen. Da bereitet man tagelang einen 15. Geburtstag vor und am Ende erzählt das Fenster die ganze Wahrheit über die eigenen Haushaltskompetenzen. Vielleicht einfach Deko davor hängen?

Immerhin habe ich heute ein unerwartetes Zeitfenster gewonnen. Vier ausgefallene Schulstunden. Andere nennen es Unterrichtsausfall. Ich nenne es inzwischen Ressourcenmanagement. Win-win. Wir sind dann mal eben den letzten Rest einkaufen.

Dienstag, September 29, 2026

shoppinglogik.

Ich gehe mit einer Liste los. Das gibt mir Struktur. Ich komme mit Dingen zurück, die nicht auf der Liste standen. Das gibt mir Persönlichkeit. Beides zusammen nennt man vermutlich ausgewogenes Konsumverhalten.

Montag, September 21, 2026

wählerwanderung.

Berlin ist gestern nicht einfach „nach rechts gerückt“. Es hat sich sortiert. 75.000 Stimmen netto aus dem Nichtwählerlager zur Linken. 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD. Und auf der anderen Seite 60.000 netto von der CDU zur AfD. DAS ist vielleicht die spannendere Zahl hinter den Prozenten. Menschen verschwinden nicht plötzlich politisch. Sie wandern. Und manchmal ziemlich weit.

verschiebung.

Ich bin Berlinerin. Nicht „da mal gewohnt“. Sondern geboren, aufgewachsen, im Ost-Berlin. Familie. Prägung. Dieses spezielle Verhältnis zu einer Stadt, die man gleichzeitig beschimpft, verteidigt und vermisst. Meine Familie und ein Teil meiner Freunde leben noch dort. Und der Wahlkreis meiner Eltern hat gestern die AfD gewählt. Ich habe heute Morgen mehrfach auf die Wahlkarte geschaut. Als würden sich Zahlen durch ausreichend irritiertes Draufstarren noch einmal umentscheiden. Tun sie nicht.

In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent. Die CDU kommt auf 18,8, die AfD auf 16,3 Prozent – 2023 waren es noch 9,1. Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Und ein paar hundert Kilometer weiter: Mecklenburg-Vorpommern. 38,2 Prozent AfD. Die SPD 35,5. Die CDU 4,9 Prozent und damit erstmals nicht mehr im Landtag. 38,2 Prozent!!! Ich schreibe die Zahl noch einmal hin, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hat, sie beim ersten Mal nicht vollständig zu verarbeiten.

Und natürlich startet sofort wieder die große Erklärungsmaschine. Die Ossis. Die Abgehängten. Die Wütenden. Die Protestwähler. Ich bin Ossi. Vielleicht reagiere ich deshalb inzwischen leicht allergisch darauf, Ostdeutsche wie eine ethnologische Forschungsgruppe zu behandeln, deren merkwürdiges Wahlverhalten man aus ausreichender Entfernung untersucht. So einfach ist es nicht. Und auch „Protestwahl“ ist mittlerweile ein ausgesprochen praktisches Wort. Klingt ein bisschen nach einem energisch ausgefüllten Beschwerdeformular. Nur ist eine Wahl kein Beschwerdeformular. Wer eine Partei wählt, wählt eben auch deren Personal, Programm und politische Vorstellungen. Das gilt für die AfD. Und übrigens auch für Die Linke.

Deshalb kann ich mich über deren Wahlsieg in Berlin auch nicht einfach freuen, nur weil dort nicht die AfD stärkste Kraft geworden ist. Mir ist das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild der Linken zu weit von meinem entfernt. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Natürlich. Menschen müssen aufgefangen werden, wenn sie Hilfe brauchen. Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen. Krankheit oder Arbeitslosigkeit dürfen niemanden ins Bodenlose schicken. Und selbstverständlich muss sich jeder Mensch sein Leben leisten können. Wohnen. Essen. Energie. Mobilität, soziale Teilhabe. Das ist für mich keine Frage. Aber Solidarität bedeutet für mich nicht grenzenlose Umverteilung. Leistung, Eigentum und wirtschaftlicher Erfolg sind für mich auch nichts grundsätzlich Verdächtiges, das möglichst umfassend neu verteilt werden muss. Beides muss gleichzeitig möglich sein - ein Leben, das man sich leisten kann und eine Gesellschaft, in der sich Arbeit, Verantwortung und eigenes Vorankommen weiterhin lohnen. Genau deshalb fremdele ich mit einer Politik, die für mein Empfinden zu oft zuerst darüber nachdenkt, was noch verteilt werden kann, statt darüber, wie mehr Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, selbst Wohlstand aufzubauen.

Die Berliner Linke macht aus ihrer Richtung dabei kein Geheimnis. Die Umsetzung der Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände bezeichnet sie als „oberste Priorität“. Vorgesehen sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen; die Partei spricht selbst vom „Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Und dann schaue ich auf die Zahlen. Berlin erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro. Ende 2025 lag der vorläufige Schuldenstand bereits bei rund 69,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig reden wir über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, deren Entschädigung je nach Berechnungsmodell einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnte. Wie daraus ohne erhebliche Haushaltsrisiken dauerhaft niedrigere Mieten entstehen sollen, ist für mich eine ziemlich entscheidende Frage. Und nein. „Das bezahlt sich irgendwann selbst“ reicht mir bei solchen Summen irgendwie nicht als finanzpolitisches Konzept. Vielleicht liegt genau darin mein eigentliches Unbehagen mit diesem Wahlabend. Ich schaue nach rechts und erschrecke. Ich schaue weit nach links und finde dort ebenfalls keine politische Heimat.

Heute Morgen lese ich dazu einen Kommentar in der FAZ. Die Diagnose dort. Union, FDP und auch SPD hätten insbesondere den Kontakt zu großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verloren. Das traditionelle bürgerliche Lager, das jahrzehntelang große Teile der Wählerschaft gebunden hat, sei massiv eingebrochen. Der Autor fordert deshalb eine neue bürgerliche Partei. Soziale Marktwirtschaft. Leistungsfähiger Staat. Weniger Überregulierung. Wirtschaftliche Vernunft. Ob eine neue Partei die Antwort wäre, weiß ich nicht. Aber dass etwas grundsätzlich nicht mehr funktioniert, kann man nach solchen Wahlabenden schwer übersehen. Menschen merken, wenn Dinge nicht funktionieren. Verwaltung. Bildung. Wohnen. Infrastruktur. Migration. Wirtschaft. Soziale Sicherheit. Man kann nicht jahrelang erklären, vermitteln und beschwichtigen und sich anschließend ausschließlich darüber wundern, dass Menschen irgendwann nicht mehr zuhören. Nur folgt daraus eben nicht, dass jede politische Antwort darauf eine vernünftige ist.

Genau da hängen wir offenbar fest. Die eine Seite ruft: Alles Nazis. Die andere: Alles nur enttäuschte Bürger. Beides ist mir zu einfach. Menschen können sich von Politik im Stich gelassen fühlen und trotzdem Verantwortung dafür tragen, wem sie ihre Stimme geben. Regierungen können schlecht arbeiten und trotzdem nicht für jede Radikalisierung verantwortlich sein. Man kann verstehen wollen, warum Menschen AfD wählen, ohne die Entscheidung zu verharmlosen. Und man muss einen Wahlsieg der Linken nicht automatisch als beruhigendes Gegengewicht empfinden. Eigentlich müsste all das gleichzeitig in einen Kopf passen. Scheint derzeit eine überraschend anspruchsvolle Übung zu sein.

Und dann bleibt da dieser blaue Fleck auf der Berliner Wahlkarte. Der Wahlkreis meiner Eltern. Ich kenne dort Straßen. Häuser. Supermärkte. Bushaltestellen. Statistik ist erstaunlich abstrakt, bis sie plötzlich eine Straßenbahnhaltestelle hat. Ich verstehe meine Heimat heute ein bisschen weniger als vorgestern. Nicht, weil Menschen anders wählen als ich. Das gehört zur Demokratie. Sondern weil ich nicht verstehe, wie wir an einen Punkt gekommen sind, an dem so viele Menschen ihre politische Antwort bei Parteien suchen, in denen ich mich überhaupt nicht wiederfinde.

Vielleicht sollten die Parteien, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, deshalb weniger fragen: "Wie erklären wir den Leuten, dass sie falsch liegen?" Und häufiger: "Warum erreichen wir sie eigentlich nicht mehr?" Erklärung ist keine Entschuldigung. Empörung ist keine Analyse. Die Probleme sind kompliziert. Die Antworten werden immer einfacher. Und ich verstehe die Welt gerade tatsächlich ein bisschen weniger.

Mittwoch, September 16, 2026

vertrauen.

Es gibt gerade so viel zu erzählen und eigentlich auch nichts. Nicht, weil nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert so viel. Ich möchte es nur gerade nicht teilen. Es ist schön. Es ist gut. Es wird ruhiger. Was erstaunlicherweise gar nicht automatisch angenehm ist, wenn man innerlich lange auf irgendwas gewartet hat. Auf den Einschlag. Die Wendung. Den Haken an der Sache. Ich merke, dass ich mich an genau das erst gewöhnen muss. Meine Therapeutin sagte letzte Woche einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist die Ruhe, die nun einkehrt.“ Vielleicht war genau das diese Unruhe, die ich wochenlang nicht richtig greifen konnte. Dieses merkwürdige Gefühl, dass doch irgendetwas sein müsste, ich irgendwas übersehen habe. Dass Ruhe verdächtig ist. Dass Sicherheit eigentlich nur diese kurze Pause vor dem nächsten Einschlag sein kann. Vielleicht ist es tatsächlich endlich diese Ruhe, von der der Mann schon lange sagt, dass sie kommen wird. Und vielleicht fange ich tatsächlich an, mich langsam sicher zu fühlen. Auch so ein Satz, den mein Nervensystem vermutlich gern erst einmal zur Prüfung einreichen würde.

Ein ausgesprochen ungewohnter Zustand. Aber echt schön. Und für unsere fulminante Großartigkeit können wir schließlich nichts. Ich mag uns zusammen.

Samstag, September 12, 2026

zwischenraum.

Samstagfrüh in Frankfurt, kurz nach 07.30 Uhr. Die Sonne steht noch tief zwischen den Häusern und zieht lange Streifen über den Asphalt. Die Straßen sind fast leer. Ein paar wenige Menschen mit Kaffeebechern, ein Lieferwagen, irgendwo ein Hund an einer viel zu kurzen Leine. Noch keine Hektik. Noch kein Großstadtlärm. Ich genieße das. Ich mag diese Ruhe. Ich sitze da und schaue der Stadt einen Moment beim Wachwerden zu.

In ein paar Minuten tauchen wir wieder tief in die Welt des Leadership ein. Führung. Wirkung. Verantwortung. Menschen. Ich finde das immer wieder faszinierend. Vermutlich auch deshalb, weil die meisten ziemlich genau wissen, wie andere wirken. Bei sich selbst wird es dann regelmäßig überraschend komplizierter. Wie sehe ich mich? Wie erleben mich andere?  Und was liegt möglicherweise dazwischen? Aber vorher noch fünf Minuten Sonne und Ruhe. Reicht an Verantwortung für den Moment.

Dienstag, September 08, 2026

marketing. .

Unser Küchentisch ist Essplatz, Schreibtisch, Ablage, Konferenzraum, Poststation und gelegentlich Ort emotionaler Grundsatzverhandlungen. Manchmal liegt dort gleichzeitig ein Schulheft, eine Rechnung, ein angebissener Apfel, ein bis drei Notebooks und diverse Kabel, dessen Funktion niemand kennt. Dazwischen essen wir.

Ich glaube, Möbelhäuser verkaufen Tische völlig falsch. Niemand braucht „Platz für sechs Personen“. Man braucht Platz für bis zu sechs Menschen und achtzehn offene Lebensvorgänge.

Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

Mittwoch, September 02, 2026

abzweigung.

Heute geht die Schule wieder los. Klasse 9 - wann ist das passiert? Der Teenager verschwindet also wieder morgens mit ihrem Rucksack aus der Tür und passend dazu stolpere ich beim ersten Tee in der FAZ über die Zahl, dass inzwischen fast jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wird. 2024 waren es rund 159.000.

Natürlich liegt die Erzählung sofort griffbereit. Die Jugend von heute. Zu wenig Durchhaltevermögen. Zu hohe Erwartungen. Zu empfindlich. Früher hätte man sich eben durchgebissen. Früher hatte man allerdings auch deutlich weniger Türen, durch die man gehen konnte. Und vielleicht ist deshalb die Zahl allein gar nicht so interessant. Viel spannender finde ich die Frage, was da eigentlich abgebrochen wird. Eine Ausbildung? Eine falsche Entscheidung? Ein schlechter Betrieb? Oder manchmal einfach die Vorstellung, dass man drei Jahre irgendwo bleiben muss, weil man dort mit 16 oder 17 einmal unterschrieben hat? Knapp die Hälfte derjenigen, deren Vertrag vorzeitig endet, beginnt später eine neue Ausbildung. Häufig in einem anderen Beruf oder Betrieb. Das Wort Abbruch erzählt also längst nicht immer die ganze Geschichte. Manchmal ist es schlicht eine Kurskorrektur.

Natürlich müssen junge Menschen lernen, Frust auszuhalten. Nicht jede Kritik ist toxisch, nicht jeder schlechte Montag eine existenzielle Krise und Arbeit besteht leider nicht durchgehend aus Selbstverwirklichung, Purpose und Hafermilchkaffee. Aber Durchhalten ist eben auch keine Tugend um jeden Preis. Als Gründe für Ausbildungsabbrüche werden unter anderem Kommunikationsprobleme, Konflikte mit Ausbildern, mangelnde Ausbildungsqualität und belastende Arbeitsbedingungen genannt. Gleichzeitig beklagen Unternehmen fehlende Grundkompetenzen und Schwächen im Arbeits- und Sozialverhalten. Wahrscheinlich stimmt beides. Junge Menschen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und nicht beim ersten Gegenwind das Handtuch zu werfen. Unternehmen müssen vielleicht gleichzeitig wieder stärker verstehen, dass ein Azubi keine erstaunlich günstige Vollzeitkraft mit gelegentlicher Berufsschulunterbrechung ist. Ausbildung hat tatsächlich etwas mit Ausbilden zu tun.

Und ich sitze hier derweil mit einem Teenager in Klasse 9 und bin ziemlich gespannt, welchen Weg sie irgendwann einschlagen wird. Aktuell möchte sie im nahen Ausland studieren. Das kann sich noch ungefähr zwölfmal ändern. Sie hat ja noch ein paar Jahre. Vielleicht ist genau das auch ganz gut so. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wir überschätzen regelmäßig den Wert geradliniger Lebensläufe. Als müsse eine Entscheidung, die man mit erstaunlich wenig Lebenserfahrung trifft, anschließend möglichst widerspruchsfrei bis zur Rente verteidigt werden. Man darf falsch abbiegen. Man darf zurück. Man darf einen anderen Weg nehmen. Und manchmal ist das gar kein Scheitern. Sondern einfach Erwachsenwerden.

Dienstag, September 01, 2026

september.

Ich mag den September. Einer meiner Lieblingsmonate. Noch nicht richtig Herbst, aber der Sommer zieht sich langsam zurück. Morgens ist die Luft plötzlich kühler und klarer. Mittags schafft es die Sonne trotzdem noch, alles warm zu machen. Dieses goldene Licht, das tiefer steht und weicher wirkt als noch ein paar Wochen vorher. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Erst hier ein gelber Rand, dort ein roter Fleck. Als würde der Herbst langsam anfangen, sich einzumischen. Abends wird es früher dunkel. Die Fenster spiegeln wieder mehr. Kerzen stehen auf dem Tisch. Man nimmt automatisch eine Jacke mit und freut sich gleichzeitig noch über jeden warmen Nachmittag. Ich mag dieses Dazwischen sehr. Dieses leise Verschieben. Nichts kippt plötzlich. Es verändert sich einfach. Stück für Stück.

Der September hat für mich aber auch ein paar Daten, die nicht einfach vorbeigehen. Unter anderem Todestage. Mehr als einen. Einer davon trifft mich jedes Jahr besonders. Nicht immer gleich. Manchmal denke ich Tage vorher daran. Manchmal erst morgens. Manchmal kommt die Erinnerung ganz unspektakulär beim Espresso oder unter der Dusche und sitzt dann plötzlich mit am Tisch.

Diese Tage haben sich eingebrannt. Nicht unbedingt in allen Einzelheiten. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich getan habe. Aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat. Wie sehr es mich bis ins Mark erschüttert hat. Ich lag tagelang auf dem Fußboden im Bad und konnte mich kaum bewegen. Ich wollte dieses Gefühl nicht aushalten müssen. Ich wäre gern auch gestorben, als weiter zu spüren, wie es mich innerlich zerreißt. Ich habe es überlebt. Es ist lange her. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Ich glaube, das ist das Merkwürdige an Verlust. Das Leben verändert sich weiter. Man selbst verändert sich. Andere Menschen kommen dazu. Neue Erinnerungen entstehen. Man lacht wieder, liebt wieder, arbeitet, fährt in den Urlaub und steht irgendwann in einem Leben, das damals noch gar nicht existiert hat. Und trotzdem gibt es diese Stellen im Kalender.

Keine offenen Wunden mehr. Eher Narben, die ziemlich genau wissen, welches Datum ist und anfangen zu ziepen. Vielleicht passt auch das zum September. Die Sonne ist noch da. Die Wärme auch. Und trotzdem liegt morgens schon etwas Kühles in der Luft. Die Bäume behalten noch ihre Blätter und fangen gleichzeitig an, sie loszulassen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Und trotzdem ist noch etwas davon da.

Montag, August 31, 2026

alltagsmomente.

Ich kann erstaunlich lange irgendwo sitzen und Menschen beobachten. Gemütlich mit einem Getränk vor mir und ausreichend Abstand wird die Welt ziemlich unterhaltsam. Einer telefoniert zu laut. Zwei diskutieren darüber, wo sie eigentlich hinwollen. Jemand sucht seit zehn Minuten etwas in einer Tasche, in der vermutlich auch ein mittelgroßer Hund Platz hätte.

Ich weiß nichts über diese Menschen. Das hindert mich zuverlässig nicht daran, mir innerhalb kürzester Zeit eine vollständige Geschichte zu bauen. Wer zusammengehört. Wer genervt ist. Wer gleich streitet. Wer immer zu spät kommt. Wer Snacks dabeihat. Wer offensichtlich die Reiseleitung übernommen hat, obwohl er das gar nicht wollte. Ich mag diese Position. Nicht mittendrin. Nicht zuständig. Einfach nur gucken. Zwischendurch noch einen Schluck.

Menschen sind wirklich interessant. 

Sonntag, August 30, 2026

aufrufe.

In den vergangenen 3Monaten hatte der Blog ca. 94.000Aufrufe. Fast wie in alten Zeiten. Ähm schön, dass ihr da seid.

Mittwoch, August 26, 2026

rauschen.

Unglaublich wilden Mist geträumt. Brauchte heute Morgen erstmal zwei Stunden, um das ansatzweise zu verarbeiten und saß ab 07.30 Uhr am Rechner. Der Mann fand es anscheinend ein bisschen witzig und hatte direkt eine absurde Idee dazu. Passend dazu meldete sich heute ausgerechnet jemand, der erstaunlich gut in das Konzept des Mannes gepasst hätte. Als könnten die das riechen. Schräg.

Nächsten Monat jährt sich ein Todestag. Heute ist mir wieder eingefallen, dass ich damals kurz vorher diesen einen Traum hatte, in dem er gestorben ist. Ich hatte das völlig vergessen. Komisch, was der Kopf irgendwo verstaut und Jahre später plötzlich wieder auf den Tisch legt. Ich habe mich danach sehr lange schuldig gefühlt. Rückblickend natürlich völlig irrational. Damals hat es sich trotzdem echt angefühlt. Fast so, als hätte ich etwas wissen müssen. Als hätte ich irgendwo nicht gut genug aufgepasst. Vielleicht sitzt genau da ein Teil von meinem Reflex, die Schuld grundsätzlich erstmal bei mir zu suchen. Zu überlegen, was ich falsch gemacht habe. Und Dinge unbedingt reparieren zu wollen, auch wenn sie längst passiert sind, nicht meine Baustelle sind oder sich schlicht nicht reparieren lassen.

Danach vier Stunden beim Kunden im Meeting gewesen. Falls sich jemand fragt, wie viel ein einzelner Mensch mit sehr viel Hybris und erstaunlich wenig innerem Stoppschild sprechen kann - erstaunlich viel. Alter Schwede, der Kollege meinte hinterher nur, er müsse sich jetzt erstmal eine Flasche Wein aufmachen. Und ehrlich, ich hab’s gefühlt. Irgendwann ist das kein Gespräch mehr. Eher so ein diffuses Rauschen im Ohr, wo einem die Ohren bluten. Ich hatte danach 20 Seiten Transkript. Nur vom Redeanteil des GF. Habe daraus inzwischen ein acht Seiten Briefing gemacht.

Manche Tage sind wirklich erstaunlich voll mit Dingen. Reicht dann auch mit Themen, Menschen und Material für heute.

Montag, August 24, 2026

rückkehr.

Erster richtiger Arbeitstag nach dem Urlaub. Laptop an. Hirn langsam hochfahren. Passwort beim ersten Versuch falsch. Postfach auf. Direkt wieder zu. Zwei Wochen lang Meer, Bücher, Kochen, Essen, langsamer Kopf. Mal kein "müssen". Dann wieder Zuhause und innerhalb von 20 Minuten zwei Maschinen Wäsche, 47 Mails und die Frage, warum Erholung so schlecht lagerfähig ist.

Schön, wie viele Dinge während meiner Abwesenheit offenbar ganz hervorragend ohne mich weitergelaufen sind. Andere Themen dagegen haben die Zeit genutzt, sich zu vermehren. Aus einer offenen Frage sind drei geworden. Aus einem kleinen Abstimmungsbedarf ein Termin mit sechs Personen. Auch schön. Nach ungefähr zwei Stunden bin ich wieder drin. Ich sage Dinge wie „nächste Schritte“, „Entscheidungsbedarf“ und „wir müssen das sauber aufsetzen“. Mein Körper sitzt im Homeoffice. Mein Kopf hängt noch irgendwo zwischen Buch, Weinglas und Meer. Wird schon. Der Kalender ist jedenfalls wieder vollständig einsatzbereit.

Samstag, August 22, 2026

lesefluss.

Das Buch "Never lie" von Freida McFadden. Ich hatte Gänsehaut. Richtige. Das Buch durfte deshalb sofort in die sehr kleine Kategorie „Menschen müssen davon erfahren“. Es ist irre, wie selten es geworden ist, dass man wirklich komplett in einer Geschichte verschwindet und der Plottwist so überrascht. Meine Empfehlung!

Freitag, August 21, 2026

ortswechsel.

Zuhause brauche ich für einen klaren Gedanken Ruhe, Zeit und ideale Bedingungen. Hier reicht offenbar ein gutes Getränk und zehn Minuten aufs Wasser starren. Unverschämt. Plötzlich sortieren sich Dinge, für die ich zuhause manchmal mindestens drei Anläufe, einen Spaziergang und einen vollkommen unnötigen Blick aufs Handy brauche. Vielleicht liegt es am Abstand. Vielleicht am meditativen Wasser. Vielleicht daran, dass gerade nicht alles gleichzeitig etwas von mir will. 

Kann ich das bitte einpacken und mitnehmen? Am besten zusammen mit dem Meer.

Donnerstag, August 20, 2026

fotomaterial.

Siebenundzwanzig Bilder vom Meer. Drölf vom Himmel. Dreiundneunzig von Essen. Eins vom Mann, auf dem er vermutlich sagt, dass ich jetzt wirklich genug Fotos gemacht habe. Ich dokumentiere Erholung sehr sorgfältig.