Sonntag, September 06, 2026

weggabelung.

Ich glaube, heute wird Geschichte geschrieben. Nicht die große Pathetische. Eher die, bei der wir ein paar Jahre später zurückschauen und denken: „Ach. Da war also dieser Punkt.“

In Sachsen-Anhalt wird heute gewählt. Die letzte Umfrage sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 23. Und die Menschen gehen wählen. Um 14 Uhr lag die Wahlbeteiligung bereits bei 54,4 Prozent. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 27,1 Prozent. Das sagt noch überhaupt nichts darüber, wen diese Menschen wählen. Aber es sagt ziemlich deutlich, diese Wahl mobilisiert.

Nein. Das ist nicht 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP und Sachsen-Anhalt nicht die Weimarer Republik. Ich halte wenig davon, jede politische Entwicklung reflexhaft mit 1933 zu vergleichen. Geschichte ist kein Kopierpapier. Aber sie hat Muster. Und interessanter als Gleichsetzungen sind ohnehin die Mechanismen. Auch der Aufstieg der NSDAP kam nicht aus dem Nichts. Davor lagen Jahre voller Krisen, Vertrauensverlust, Wut, Feindbilder und sehr einfacher Antworten auf ziemlich komplizierte Fragen. Da waren Menschen, die überzeugt waren. Andere, die protestieren wollten. Und wieder andere, die glaubten, das werde sich schon irgendwie einrenken. Deshalb finde ich die 41 Prozent zwar erschreckend. Aber fast noch erschreckender finde ich, was dahinter passiert ist.

Nicht, weil plötzlich 41 Prozent der Menschen Extremisten geworden wären. Sondern weil eine Demokratie über Jahre Vertrauen verloren hat. Und eine Partei rechts außen dieses Vakuum gefüllt hat. Inzwischen offenbar nicht mehr nur mit Protest, sondern mit dem Vertrauen, sie könne es besser. Das(!) muss die demokratischen Parteien eigentlich sehr viel mehr erschrecken als die nächste schlechte Umfrage. Denn irgendwann reicht es nicht mehr zu erklären, warum die anderen gefährlich sind. Man muss auch endlich wieder glaubhaft zeigen können, warum man selbst Probleme lösen kann. Wenn Menschen jahrelang den Eindruck haben, dass ihre Sorgen zwar analysiert, kommentiert und verwaltet werden, aber wenig besser wird, entsteht irgendwann Raum. Und irgendwer besetzt ihn.

Dazu kommt die Frage, welche Geschichte wir uns über dieses Land erzählen. Otto. Luther. Bismarck. Große Männer, große Mythen, große nationale Erzählungen. Geschichte kann man kritisch betrachten, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Oder man macht sie wieder schön einfach. Auch das ist Politik. 

Und wir machen gleich Wahlabend. Mit phänomenalem, selbstgekochtem Hühnerfrikassee - dafür verdiene ich einen Schrein, weil es so gut geworden ist - einer Flasche Wein und der Live-Berichterstattung. Ein bisschen absurd vielleicht, dabei zuzusehen, wie möglicherweise Geschichte geschrieben wird, während man noch Reis nachnimmt. Aber vermutlich ist genau das auch Demokratie - hinschauen, diskutieren, aushalten und weiteressen.

Vielleicht sieht morgen alles weniger dramatisch aus. Vielleicht auch nicht. Aber ich glaube, wir werden uns an diesen 6. September erinnern. Nicht unbedingt wegen einer einzelnen Prozentzahl. Sondern weil sich heute zeigen könnte, was wir inzwischen für normal halten.

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