Montag, Dezember 29, 2025

alle Jahre wieder.

Familienweihnachten. Wir haben es überlebt. Es war so schön unaufgeregt und normal. Jedes Jahr dasselbe Ritual seit 2017. Das Familien-Foto. Alle versammeln sich, irgendjemand schreit nach „mehr Licht“, manchmal wankt ein betrunkener Weihnachtsmann durchs Bild und am Ende wird das Ganze - natürlich - aus dem falschen Winkel aufgenommen. Von unten. Immer von unten. Wir brauchen ein Stativ oder einen Selfie-Stick! Aber irgendwas ist ja immer. Bruder Eiskalt zeigt dem Mann das Foto vom letzten Jahr und scherzt, dass sie den Typen vom letzten Weihnachten einfach am Rand neben mir weggeschnitten hätten. Daraufhin setzt er sich demonstrativ mit mittig ins Bild zu mir und meint: „Diesmal wird’s richtig schwierig, mich wegzuschneiden.“ Dann werde ich ihn wohl einfach behalten.

Sonntag, Dezember 28, 2025

kunst.

Ich habe beschlossen, dieses Jahr nicht weiter groß zu bilanzieren. Keine Listen, keine großen Erkenntnisse, kein großartiges „Was nehme ich mir für 2026 vor?“. Wir basteln nur unsere Visionboards. Ich glaube, das Jahr war einfach genug. Es war richtig anstrengend und voll, aber gleichzeitig auch oft richtig schön.

Zwischen Weihnachten und Neujahr ist dieser seltsame Raum, in dem man theoretisch alles könnte, aber praktisch nichts muss. Man denkt kurz, man könnte aufräumen, durchatmen, neu anfangen und dann sitzt man einfach mit einem Tee auf dem Sofa und starrt auf einen Punkt, der kein Ziel hat. Ich mag das. Diese Tage sind wie ein Puffer zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Kein Drama, kein Optimierungsdrang. Nur Zeit. Und das ist erstaunlich viel, wenn man sie nicht direkt schon wieder verplant. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst. Mal nichts zu planen. Nichts zu müssen. Sich selbst einfach kurz nicht im Weg zu stehen.

Samstag, Dezember 27, 2025

heimat.

Man fährt „nach Hause“ und merkt, dass das gar kein Ort mehr ist. Eher ein Gefühl, das manchmal kurz aufblitzt, wenn der alte Geruch aus der Kindheit aufsteigt oder jemand denselben Witz macht wie früher. Der Tisch ist noch da, der Ton auch, nur die Rollen haben sich verschoben. Es ist jedes Jahr dasselbe. Man kommt an, packt die Tasche in ein altes Zimmer, das längst jemand anderem gehört, und versucht, sich selbst in einer Version wiederzufinden, die hier mal gewohnt hat. Das klappt nur halb. Die Tapete ist dieselbe, man selbst nicht. Und trotzdem hat es etwas Beruhigendes. Man weiß, wo der Lichtschalter ist und wie sich die Stille anhört. Heimat ist nicht immer das, was warm macht. Manchmal ist es einfach das, was man aushalten kann, ohne zu flüchten. Vielleicht ist das auch okay so. Man muss nicht mehr dazugehören, um angekommen zu sein. Manchmal reicht es, wenn man da ist, den Blick schweifen lässt und weiß, hier komme ich her. Aber hier bleibe ich nicht.

Freitag, Dezember 26, 2025

ein Jahr.

Manchmal holt mich der letzte Winter ein. Ich sehe plötzlich wieder diesen Flur vor mir, das Pflegeheim, in das meine Oma kurz vor Weihnachten gezogen war. Der Geruch nach Desinfektion, die zu warmen und kleinen Räume. Die Stille, in der jeder Ton wie ein Echo klang. Sie saß da, kleiner als ich sie in Erinnerung hatte, aber temporär mit derselben Kraft in den Augen, mit der sie mich mein Leben lang angesehen hat. Ihre kleinen Hände, die meine festgehalten haben, als hätte sie Angst, ich würde gleich wieder verschwinden. Sie hat mich angestrahlt und sich so sehr gefreut, uns zu sehen. Sie war so dankbar über jeden Moment, den wir hatten, und ich war so überfordert von der Endlichkeit, die plötzlich überall hing. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich sie gedrückt habe. Sehr sehr oft.

Als ich mich verabschiedete, hat sie meine Hand festgehalten, als würde sie mich nicht mehr loslassen wollen. Und ich weiß noch, wie mich dieser Griff innerlich völlig zerlegt hat. Wie viel Liebe da drin lag. Wie viel Angst. Wie viel Abschied, den keiner von uns aussprechen wollte. Am Abend habe ich mich hingesetzt und einen Brief geschrieben. Und dabei geweint. Es floss nur so aufs Papier. Und ich weiß noch, ich hatte dieses Gefühl, dieses stille, unlogische Wissen, dass er jemand ist, den ich ihr gern vorgestellt hätte. Von dem ich ihr erzählen wollte. Ich glaube, ich habe geschrieben, dass er sie mögen würde. Sie hätte gesehen, was ich gerade erst begann zu ahnen. Und ich habe geweint, weil mich dieser Tag ausgelaugt hat und gleichzeitig so voll gemacht hat mit allem, was man nicht in Worte bekommt, ohne dass sie wehtun.

Ein paar Tage später war sie tot. Einfach so. Plötzlich. Ohne dass ich ihr erzählen konnte, was in meinem Leben gerade passiert. Ohne dass ich von ihm erzählen konnte. Sie hat immer im Spass gesagt, „wenn der Richtige kommt und Du doch mal heiratest, dann werde ich Dich übergeben.“ Ein Satz, den man sagt, weil man denkt, man hat ewig Zeit. Ich war zu langsam. Und das werde ich für immer bedauern. Wirklich immer. Eine dieser Wunden, die nicht bluten, aber trotzdem brennen. Keine Zeit mehr für Geschichten. Keine Zeit mehr für Zukunft. Ach verdammt, Du fehlst mir jeden Tag. Deine Ruhe. Dein tiefes Vertrauen in mich, dass ich das schon mache.

Und heute sitze ich hier - ein Jahr später - und er sitzt neben mir. Küsst mich, hält meine Hand und lächelt mich an. Kein Brief. Keine Distanz. Ganz im Gegenteil. Und ich denke, dass es vielleicht genau das ist, was ich ihr so gern erzählt hätte, dass da jemand ist, der mich hält. Das hätte sie so richtig doll gefreut und glücklich gemacht. Ach verdammt. Kennt ihr das? Zu spüren, wie voll das eigene Herz ist und gleichzeitig ist da so eine Traurigkeit. Beides im selben Moment. 

Donnerstag, Dezember 25, 2025

zwischenraum.

Es ist diese Zeit im Jahr, in der alles ein bisschen leiser wird. Die Tage verschwimmen, die Nachrichten verlieren an Wichtigkeit und selbst der Kalender ist kurz egal. Wir sitzen im Zug in die Heimat, die Landschaften ziehen am Fenster vorbei. Zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr hängt die Welt in einer Art Zwischenraum - nicht mehr ganz hier, noch nicht dort. Ich mag diese Stille. Auch wenn sie manchmal unbequem ist. Sie legt Dinge frei, die man im Alltag erfolgreich übertönt. Gedanken, die sich vordrängeln, sobald das Außen mal keine Ablenkung bietet. Man könnte sagen, die Stille hat kein Taktgefühl. Sie kommt immer genau dann, wenn man sie nicht eingeplant hat. Und trotzdem ist sie wichtig. Sie sortiert. Sie macht Platz für das, was bleiben darf und zeigt, was gehen kann.

Es ist die Zeit, in der man beim Fahren aus dem Fenster sieht, auf die leeren Straßen, die Gedanken schweifen lässt und plötzlich merkt, dass man innerlich gerade irgendwo ankommt. Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk dieser Tage. Kein großes Besinnen, kein Vorsatz. Nur ein kurzer Moment, in dem man nichts muss. In dem man einfach da ist, still, unaufgeregt, wach. Und tief durchatmet.

Mittwoch, Dezember 24, 2025

Frohe Weihnachten!

Ihr Raketen, Weihnachten kam schneller, als meine Stimmung mithalten konnte, und meine festliche Energie ist irgendwo hängen geblieben. Ich habe irgendwann mal aufgehört, nach diesem Gefühl zu suchen, das angeblich dazugehören soll. Dieses „Besinnliche“, das nie kam, egal wie viele Kerzen gebrannt haben. Vielleicht liegt der Reiz genau darin, dass nichts Außergewöhnliches passieren muss. Naja vergessen wir den Perfektionismus! Es sind die kleinen Dinge, die tragen und im Herzen bleiben. Ich mag dieses unaufgeregte Weihnachten. Ohne Druck, ohne Erwartungen, ohne das ganze Drumherum, das so oft lauter ist als das, worum es eigentlich geht. Am Ende zählt, dass man Zeit miteinander teilt. Und dass da Menschen sind, bei denen man nichts leisten muss, um richtig zu sein.

Ich wünsche euch ein paar richtig gute Tage mit Menschen, die ihr gern um euch habt. Mit tollen Gesprächen, Stille, die aushaltbar ist, und Momenten, die euch kurz vergessen lassen, was alles laut ist. Lasst das große Besinnliche ruhig weg. Genießt stattdessen das Kleine, das Unaufgeregte, das Reale. Seid vor allem gnädig mit euch selbst. Macht’s euch schön, wie’s passt und wenn gar nichts passt, dann wenigstens warm.

Be realistic, expect miracles!

Dienstag, Dezember 23, 2025

tradition.

Weihnachten 2024 in einem Café in Berlin. Eine Frühstücksetagere mit mehr Leckereien, als zwei Menschen essen können. Wir hatten gute Gespräche, haben gelacht und an einer Stelle kurz geweint. Es ist immer wieder schön, wir sind mittlerweile seit fast 20Jahren befreundet. Und dann fragte meine Freundin neugierig nach ihm. Ich tat das, was ich am besten kann. Ausweichen, lächeln, Thema wechseln. Ich sagte nur, ich hätte dieses leise Gefühl, dass das grundsätzlich richtig gut passen könnte, aber eben nur ein Gefühl. Ich habe mir selbst nicht vertraut und weiter Abstand gehalten. Vorsicht schlägt Intuition, man kennt es. So schlau!

Und jetzt. Weihnachten, ein Jahr später. Wir halten an unserer Tradition fest und treffen uns in der Heimat, wenn ich da bin. Nur mit einer winzig kleinen Ergänzung, die ich letztes Jahr nicht mal im Entferntesten eingeplant hätte. Diesmal bringe ich ihn einfach mit. Man kann ja viel planen. Aber manchmal schlägt das Leben die besseren Bögen. Auch wenn ich's erst sehr spät kapiert habe. Verrückt. Wenn ich so darüber nachdenke, hat das eine gewisse Situationskomik.

Sonntag, Dezember 21, 2025

waxing.

Meine Weihnachtswoche startet Montag 09:00 Uhr beim Waxing. Sie waxt morgen ihre Stammkundinnen im Akkord - danach fliegt sie nach Brasilien für die nächsten 8Wochen. Ich sag’s, wie’s ist. Das ist kein Beautytermin. Man liegt da, in einer Haltung, die sonst nur Orthopäden sehen und denkt sich: "Warum tue ich mir das jedes Mal an?" Dann reißt es und man weiß wieder, warum. Weil Kontrolle über’s eigene Schmerzlevel irgendwie auch Selbstachtung ist. Wer das übersteht, braucht kein Meditationstraining. Und ja, Hochleistungssport hat viele Gesichter. Außerdem gibt es kaum etwas Absurderes, als über geopolitische Themen zu diskutieren, während Dir jemand die Po-Falte enthaart. Ich liebs. In diesem Sinne startet gut in die letzten Tage! Ich muss danach zurück an den Schreibtisch. 

grenzen.

Ich habe lange gedacht, Grenzen wären etwas, das man nur braucht, wenn man sich schützen muss. Ein Notfallmechanismus, sozusagen. Heute weiß ich, sie sind der Rahmen, in dem ich überhaupt erst existieren kann. Keine Abwehr, einfach die Struktur, die mich zusammenhält. Grenzen haben sich bei mir nicht theoretisch entwickelt, sondern praktisch. Sie sind das Ergebnis von Momenten, in denen ich mich verloren habe, weil ich zu lange viel zu viel gegeben habe. Ich war offen, zugänglich, aufnehmend bis ich irgendwann gemerkt habe, dass Offenheit ohne Filter keine Stärke ist, sondern Selbstaufgabe.

Ich habe gelernt, dass Grenzen nichts mit Distanz zu tun haben. Sie sind kein Nein zur Welt, sondern ein Ja zu mir. Sie sind nicht das Ende von Verbindung, sondern ihre Voraussetzung. Denn ohne Grenze weiß niemand, wo Nähe endet und Übergriff beginnt. Menschen verwechseln Grenzen oft mit Härte. Besonders dann, wenn man sie ruhig zieht. Wenn man nicht mehr diskutiert, nicht mehr erklärt, nicht mehr rechtfertigt. Aber das ist kein Mangel an Empathie. Es ist Klarheit. Ich habe keine Lust mehr, meine Energie an Stellen zu verschwenden, die mich leer machen.

Grenzen sind kein Luxus für sensible Seelen, sie sind Überlebensstrategie in einer Welt, die Dich permanent dazu einlädt, Dich zu überfordern. Sie helfen mir, zu unterscheiden, was wirklich meins ist und was Projektion, Manipulation oder schlicht die Bedürftigkeit anderer. Ich habe verstanden, dass mein System - Körper, Psyche, Intuition - ziemlich genau weiß, wann etwas zu nah kommt. Früher habe ich das übergangen. Heute nehme ich dieses Signal sehr ernst. Das kleine innere Ziehen, die Müdigkeit nach einem Gespräch, der Moment, in dem ich merke, dass mein Atem flacher wird. All das sind Grenzen in feiner Sprache.

Boundary Empowerment klingt so groß, fast modisch und inflationär, aber im Kern bedeutet es etwas sehr Stilles. Ich bestimme, was ich halten kann und wann ich loslasse. Ich darf Nein sagen, ohne Schuld. Ich darf mir selbst näher sein als anderen, ohne egoistisch zu sein. Manchmal stoßen Menschen an meine Grenzen und verstehen sie als Ablehnung. Das ist okay. Ich bin nicht dafür verantwortlich, ob jemand mein Nein mag. Ich bin nur dafür verantwortlich, dass ich es ausspreche. Und jedes Mal, wenn ich das tue, wird mein System ruhiger, stabiler, vertrauensvoller. Ich habe aufgehört, mich für meine Grenzen zu entschuldigen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Bewusstsein. Ich brauche sie, um zu funktionieren, um zu fühlen, um echt zu bleiben. Ohne sie würde ich mich selbst in anderen verlieren und das ist ein Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu bezahlen.

Grenzen blockieren nicht. Sie sortieren.

128.

Meine Damen und Herren, 128 Posts. In Worten: Hundertachtundzwanzig! Damit habe ich das Jahr 2012 zahlentechnisch eingeholt. Wer hätte das gedacht? Konfettibombe!

Samstag, Dezember 20, 2025

stimmung.

Es ist diese Zeit im Jahr, in der Besinnlichkeit überall herumliegt. In Schaufenstern, in Gesprächen, in wohlmeinenden Nachrichten, zwischen Glühwein und Jahresrückblick. Alle scheinen sie zu haben oder zumindest so zu tun. Ich habe nach ihr Ausschau gehalten. Wirklich. Zwischen Terminen, Deadlines, Gedanken, Verantwortung und diesem latenten Gefühl, dass man jetzt bitte zur Ruhe kommen sollte. Hat überhaupt nicht funktioniert. Besinnlichkeit ist ein sehr interessantes Konzept. Sie wird erwartet, vorausgesetzt, manchmal sogar eingefordert. Als wäre sie eine Haltung, die man einfach einschaltet, sobald die Lichterketten überall hängen. Einmal Warmweiß, bitte. Dabei ignoriert sie hartnäckig, dass innere Zustände keine Termine kennen und sich wenig dafür interessieren, was gerade stimmig wirken soll.

Ich bin erstaunlich wenig bereit, mir eine Stimmung überstülpen zu lassen, die ich nicht fühle. Was viele als besinnlich bezeichnen, fühlt sich für mich oft eher nach einem emotionalem Dresscode an. Nach einem kollektiven Stillhalten. Weichzeichnen. Nach dem unausgesprochenen Wunsch, alles möge bitte rund, mild und kompatibel sein. Mein inneres System arbeitet nur nicht nach Saison. Es reagiert auf Echtheit und die kommt, wann sie will. Manchmal leise, manchmal unbequem. Und oft völlig unromantisch. Klarheit kann sehr still sein und Wahrheit braucht grundsätzlich erstaunlich wenig Kerzenlicht. In 4Tagen ist Heiligabend und ich gucke da drauf und denk mir nur: "WTF? Wann zur Hölle ist das passiert?" Ich bräuchte noch so ein paar Wochen, um in Stimmung zum kommen.

Freitag, Dezember 19, 2025

nachgedacht.

Ich habe heute Morgen, als ich nach Hause lief, darüber nachgedacht, warum Stille manchmal lauter ist als Worte. Stille ist nicht das Fehlen von Klang. Sie ist die Präsenz von allem, was ungesagt ist und bleibt. Kein Vakuum, sondern ein Resonanzraum. Die Summe dessen, was wir nicht aussprechen, aber fühlen. Wenn jemand schweigt, ist nicht nichts da. Sondern Gewicht. Erwartung. Raum. Spiegel. Und manchmal ist Stille kein Rückzug, sondern ein Ankommen. Weil man begreift, dass nicht jedes Ding gesagt werden muss, um zu sein.

zeit.

Zeit ist kein Fluss, sie ist ein Raum. Wir glauben, sie gehe voran. Linear, wie Sekundenzeiger. Aber häufiger stehen wir still, verankert in Orten, in Menschen, in Erinnerungen. Zeit tickt nicht. Sie webt. Sie sammelt. Unhörbar legt sie Schicht um Schicht über unsere Biografien, ohne Erlaubnis, ohne Vorwarnung. Man merkt es nicht sofort. Erst wenn eine Schraube locker wird, der Atem schwerer geht, der Blick tiefer fällt. Dann zeigt sich, was Zeit wirklich tut. Sie trägt uns nicht. Sie lässt nichts aus. Sie hält fest, was war, und konfrontiert uns mit dem, was bleibt. Zeit ist nicht das, was vergeht. Zeit ist das, was bleibt.

Donnerstag, Dezember 18, 2025

narben.

Wir glauben, wir seien glücklich, jeder für sich, bis etwas neben uns tritt, leise, fast unbemerkt, und alles dunkler wird. Man ist nicht vorbereitet auf solche Momente, weil man an Gerechtigkeit glaubt, an eine innere Ordnung der Dinge, an Liebe als Schutzraum und an das Leben als Versprechen. Ich glaubte an Deine Unverwundbarkeit, daran, dass manche Menschen einfach bleiben. Als der Schatten kam. Es war so still und genau das machte es endgültig. Es ist, als würde jemand den Fokus nachziehen, als würde für einen winzigen Moment alles scharfgestellt und man erkennt einen Teil der Wahrheit, den man nie sehen wollte. Der Tod passt nicht ins Leben, er fügt sich nicht ein, er reißt. Ein Augenblick und plötzlich steht man ohne Haut da, nackt und kaputt.

Heute weiß ich, dass das, was danach kommt, kein Zurück ist. Man lebt weiter, aber anders. Die Narben bleiben, nicht als offene Wunden, sondern als Erinnerung an die Möglichkeit von Verlust. Sie bluten nicht mehr, aber sie sind da. Das Leben kehrt zurück, leise und vorsichtig, mit neuen Farben, neuen Menschen, neuen Momenten, die nichts ersetzen, aber etwas Eigenes schaffen. Nähe fühlt sich anders an, bewusster, nicht aus Misstrauen, sondern aus dem Wissen heraus, dass nichts selbstverständlich ist. Und wenn ich heute am Meer sitze, werfe ich manchmal immer noch Steine in das spiegelglatte Wasser. Nicht aus Sehnsucht, sondern aus einem stillen Ritual heraus. Dann glaube ich nicht aus Naivität, sondern aus Notwendigkeit daran, dass Du sie findest, dort, wo der Himmel blau ist und nichts mehr endet. Vielleicht ist das geblieben. Keine Unverwundbarkeit, keine Kälte, sondern Tiefe. Man wird nicht heil. Man wird wach. Vernarbt.

Ich denke gerade an Weihnachten 2007/ 2008. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was Du mir geschenkt hast, aber ich weiß noch, was wir gekocht haben. 

resonanz.

Es gibt Gespräche, die bestehen nicht aus Worten. Oder besser, nicht nur. Sie entstehen in den Pausen, in den Blicken, die einen Moment zu lange halten, in dem kurzen Innehalten, bevor jemand antwortet oder sich entscheidet, es nicht zu tun. Ich habe gelernt, dass Verbindung selten laut beginnt. Sie wächst nicht aus Erklärungen oder großen Sätzen, sondern aus Aufmerksamkeit, aus dem Ernstnehmen dessen, was nicht ausgesprochen wird. Manchmal sagt jemand etwas ganz furchtbar Banales, und doch verändert sich der Raum. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Haltung dahinter. Weil jemand wirklich da ist, nicht wartet, nicht plant, nicht bewertet. Sprache ist dann nicht Information, sondern Resonanz(!). Ein leises „Ich sehe Dich“, ein „Ich halte das mit Dir aus“, ein gemeinsames Verweilen im Unfertigen. Ich merke, wie wenig Worte es braucht, wenn Vertrauen entsteht, wie entlastend es ist, nicht alles benennen zu müssen, und wie viel Nähe darin liegt, dem anderen und sich selbst zu erlauben, unvollständig zu sein, ohne sofort eine Antwort, eine Lösung oder eine fertige Richtung zu verlangen. Vielleicht ist das die eigentliche Sprache der Verbindung? Nicht das Gesagte, sondern das Gemeinte, nicht das Erklärte, sondern das Geteilte.

Mittwoch, Dezember 17, 2025

notfall.

Es gibt Augenblicke, die klingen in Filmen deutlich besser als im echten Leben. Zum Beispiel nachts vor einer Tür stehen und jemandem seine Liebe gestehen. In der Theorie sehr mutig. In der Praxis vor allem sehr überraschend. Ich stand da, barfuß, leicht übermüdet, irgendwo zwischen Mitgefühl und der Frage, ob ich gerade Teil eines Dramas oder eines sehr missverstandenen Moments bin. Er sagte große Sätze. Von Gefühl, von Bedeutung, von „das musste jetzt raus“. Ich holte zwei Gläser Wein. Nickte höflich, während mein Kopf parallel organisierte, die Situation einzuordnen, Grenzen zu halten, niemanden zu verletzen, aber trotzdem sehr deutlich zu sein und bitte keine Szene. Liebe, so viel weiß ich, ist nicht unbedingt ein Notfall, der nachts an der Tür klingeln muss. Sie hält auch Tageslicht aus. Und Kaffee oder Tee. Und ein Gespräch, bei dem beide richtig wach sind. Als die Tür wieder zu war, blieb vor allem ein Gedanke - Mut ist gut. Timing aber auch.

Dienstag, Dezember 16, 2025

yoga.

Wir sitzen in der Küche. Er erzählt. Ich höre aufmerksam zu. Und fange einfach mal an, mein Hemd langsam aufzuknöpfen, dann die Hose und mich auszuziehen. Er schaut irritiert. „Was genau machst Du da?“ Ich lächle. „Mich fürs Yoga umziehen.“ Die 30 Minuten bis zu meiner Yoga-Class haben wir optimal genutzt.

stille.

Das war ein fulminantes Wochenende. Es gibt diese besondere Stille nach einem richtig guten Wochenende. Nicht die unangenehme Stille. Auch nicht die, die etwas vermisst. Eher eine, die Platz lässt. Alles war da. Großartige Gespräche, Lachen, Liebe, Leichtigkeit, Ernsthaftigkeit, so viel Nähe. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Und dann ist es vorbei. Früher habe ich dieses Danach falsch gelesen. Als Leere. Als etwas, das man schnell wieder füllen müsste, damit es nicht kippt. Heute weiß ich, dieser Stille fehlt nichts. Sie stimmt. Sie ist kein Abbruch, sondern ein Nachhall. Wie ein Raum, in dem noch Wärme hängt, obwohl niemand mehr spricht. Man muss nichts nachschieben. Nichts erklären. Nichts retten. Ein gutes Wochenende hinterlässt keine Unruhe, sondern Ordnung. Und die fühlt sich leise an. Ich habe gelernt, dieser Stille zu trauen. Nicht alles, was ruhig ist, ist leer. Manches ist einfach ziemlich vollständig.

Montag, Dezember 15, 2025

versionen.

Es gibt eine Version von mir, die mag Weihnachten nicht besonders. Nicht aus Trotz, nicht aus Bitterkeit. Eher aus Klarheit. Es ist meistens zu viel Bedeutung auf zu engem Raum. Zu viele Erwartungen, die man plötzlich erfüllen soll, nur weil das Datum es verlangt. Zu viele Gefühle, die gleichzeitig korrekt und unpraktisch sind. Ich mag einfach keine verordnete Besinnlichkeit. Kein Pflichtgefühl in Geschenkpapier. Keine Nähe, die funktioniert haben muss, weil man sie sonst erklären müsste. Weihnachten bringt sehr sehr gern alte Rollen zurück. Dinge, von denen man dachte, man hätte sie längst abgelegt. Man sitzt am Tisch und merkt, dass manche Versionen von einem selbst erstaunlich hartnäckig sind.

Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts gegen schöne gemütliche Lichter. Auch nichts gegen gutes Essen oder ruhige Abende. Ich liebe tolle Tischgespräche. Ich mag nur den Anspruch nicht, dass alles plötzlich heil sein soll. Diese Version von mir sucht kein großes Gefühl. Sie sucht einfach Ruhe. Einen klaren Rahmen. Und Menschen, die nichts von mir wollen, außer da zu sein. Weniger Erwartungen. Mehr Ehrlichkeit. Und genug Abstand, um mich selbst nicht zu verlieren.

Sonntag, Dezember 14, 2025

gewicht.

Ich schreibe Dir nicht, weil ich eine Antwort erwarte. Antworten interessieren mich nur, wenn sie etwas verändern. Du tust das nicht. Ich schreibe Dir, weil Du Dich hartnäckig genug hältst, um eine Fußnote in meiner Identität zu verdienen. Nicht laut. Eher wie ein feiner Riss im Fundament, unsichtbar für alle anderen, aber spürbar, sobald man still genug wird. Du bist kein Problem. Dafür bist Du zu präzise. Du bist ein Hinweis. Ein leises Gewicht, das mich daran erinnert, wo ich war, wo ich stehengeblieben bin und wohin ich ganz sicher nicht zurückgehe. Identität entsteht selten in den lauten Momenten. Sie baut sich aus genau solchen Fragmenten wie Dir. Dingen, die sich festsetzen, ohne zu fragen, und die man irgendwann mitträgt, weil sie ehrlicher über einen sprechen als jede Entscheidung.

Nenn Dich, wie Du willst. Trigger, Erinnerung, Konsequenz. Für mich bist Du ein Marker. Ein stilles „Hier war etwas wichtig“. Und manchmal auch ein „Hier war etwas zu viel“. Identität ist keine saubere Angelegenheit, sie wächst an den Rändern, nicht im Zentrum. Ob Du bleibst? Keine Ahnung. Vielleicht löschst Du Dich irgendwann selbst, weil Du keinen Platz mehr hast. Vielleicht bleibst Du auch, so unscheinbar wie immer, und erinnerst mich daran, welche Version von mir längst ausgedient hat. So oder so, danke für nichts. Und doch für alles. Manche Gewichte verschwinden nicht. Aber sie verändern, wie man steht. Und manchmal reicht genau das.

Samstag, Dezember 13, 2025

feldstudie.

Ich habe etwas herausgefunden. Rein wissenschaftlich natürlich. Man muss ja Daten sammeln, wenn man wissen will, womit man es eigentlich zu tun hat. Sein Geruch bleibt exakt zwei Nächte lang in seinen Shirts, wenn ich sie in seiner Abwesenheit trage. Zwei. Nicht eine mehr. Nicht eine weniger. Danach ist es nur noch Stoff. Neutral. Ohne Aufladeeffekt. Ich habe das gar nicht geplant, das hat sich einfach ergeben. Nennen wir es eine zufällige Feldstudie im Bereich ,unerwartete Biochemie im Schlafzimmer'. Er hat jetzt eine sehr wichtige Aufgabe. Methodisch sauber. Reproduzierbar. Nachladen. Regelmäßig. Sonst bricht die gesamte Datengrundlage zusammen. Und das will ja niemand. Wissenschaft lebt schließlich von Verlässlichkeit. Und ich schlafe so tatsächlich viel besser und ruhiger. 

Freitag, Dezember 12, 2025

leere.

Leere wird oft missverstanden. Die meisten halten sie für ein schwarzes Loch, das man schnell füllen muss, damit man sich selbst nicht hört. Dabei ist sie kein Fehlen, sondern ein Prüfstand. Ein Raum, der nichts kaschiert und niemanden schont. Sie wiegt nicht, weil sie leer ist, sondern weil sie alles abzieht, was man sich sonst einredet. Ein stiller Druck, der nur auftaucht, wenn man aufhört, sich durch Geräusche oder Menschen zu betäuben und abzulenken. Leere ist so brutal ehrlich. Sie sortiert aus, was nie Substanz hatte, und lässt nichts durchgehen. Weder die Ausreden noch die Versionen von einem selbst, die man gepflegt hat, weil sie bequem waren. Sie macht niemanden schwächer, sie zeigt nur, wer ohne Füllmaterial überhaupt noch Haltung hat. Und das ist der eigentliche Grund, warum sie so schwer wirkt. Leere spiegelt nicht das, was man zeigt, sondern das, was übrig bleibt, wenn der ganze Lärm weg ist. Die meisten halten das nicht aus. Für mich ist Leere kein Mangel, sondern ein Maßstab. Und vielleicht erträgt man sie deshalb so schwer. Nicht weil sie fehlt, sondern weil sie zeigt, was nie da war.

Mittwoch, Dezember 10, 2025

weihnachten.

Das erste Weihnachten ohne sie. So oft darüber nachgedacht, wie das wohl mal sein wird. Früher. Ich habe den Gedanken immer weggeschoben, weil ich das nicht ausgehalten habe. Krass und jetzt stehen wir da und es wird das erste Weihnachten ohne sie. Es ist einfach soweit, ohne Rückfrage, ohne Vorbereitung, ohne Übergang. Man glaubt ja immer, man hätte noch Zeit, bis man merkt, dass Zeit irgendwann einfach aufhört. Alles in mir weiß, dass sie fehlt. Nicht laut, nicht dramatisch. Eher wie ein Raum, der plötzlich zu groß ist, weil der wichtigste Mensch nicht mehr darin steht. Ich vermisse ihr Lachen und ihre Zuversicht.

weihnachtspost.

Und dann läufst Du morgens zur Firma, denkst währenddessen über die Organisation der Weihnachtspost nach und plötzlich wird Dir bewusst, dass Du die bis dato wichtigste Karte nicht mehr schreiben wirst. Nie wieder. BÄM! In your face. Das kickt nochmal anders. Ich denke an die letzten Karten, die ich ihr geschrieben habe. Wie sehr kann man sich über Karten freuen? Sie war der Master der Freude über diese kleinen Dinge. Jedesmal klingelte mein Telefon, wenn sie Post bekam.

Dienstag, Dezember 09, 2025

pläne.

Dezember 2025 und die halbe Urlaubsplanung 2026 steht bereits. Das gab's auch noch nie. Und ich musste noch in keine Tüte atmen. Fühlt sich richtig gut an.

Sonntag, Dezember 07, 2025

demut.

Dieses Jahr hat mich nicht einfach nur begleitet. Es hat mich gepackt, geschüttelt, geworfen, als wollte es prüfen, wie viel ein Mensch tragen kann und wie viel ein Herz aushält, bevor es sich neu sortiert. Es hat mich gefordert, in Momenten, in denen ich eigentlich nur atmen wollte. Es hat mich geweitet, an Stellen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie Platz machen können. Es hat mir genommen, unvermittelt, endgültig, schmerzhaft klar. Und es hat mir gegeben, in einer Intensität, die mich manchmal selbst erschreckt. Und jetzt, im Endspurt, kurz vor der Ziellinie eines Jahres, das sich wie ein ganzes Jahrzehnt anfühlt, sitze ich da am Rand, zwischen einem Abschied, der nie ganz leise wird, und einem Ankommen, das mich immer noch staunen lässt.

Da ist Liebe, die mich findet. Da ist Demut, die mich weich macht. Da ist dieses seltsam warme Gefühl, dass Chaos manchmal genau die Form hat, die man braucht, um sich selbst wiederzuerkennen. Und ich denke: Fuck, wie verrückt das alles ist. Wie unerwartet. Wie unlogisch. Wie wunderschön. Wie gleichzeitig das alles. Ein Durcheinander aus Schmerz und Zuversicht, aus Erinnerung und Zukunft, aus Verlust und einem „Wir“, das ich niemals so habe kommen sehen. Und wie seltsam richtig es sich anfühlt. So richtig, dass ich lächeln muss. Trotz allem. Wegen allem. Wir sind einfach so verdammte Glückskinder. Ich bin wirklich dankbar. 

Freitag, Dezember 05, 2025

kanten.

Manchmal falle ich kurz zurück in Räume, in denen es zugig war. In Erinnerungen, die alles andere als schön sind. In Momente, die mich geformt haben wie kaltes Eisen unter einem Hammer. Es gibt Bilder, die sich nicht verabschieden, niemals. Sie wechseln nur den Aggregatzustand, von laut zu leise, von scharf zu dumpf. Aber sie bleiben. Immer. Ich fühle den alten Schmerz. Da ist dieses verdammte Friedhofstor in meinem Kopf. Dieses Geräusch, dieses Schlagen. Es trägt bis heute eine Endgültigkeit in sich, die kein Mensch je wieder aufmachen kann. Und manchmal, wenn ich nicht aufpasse, stehe ich wieder davor. Zehn Jahre später. Sechszehn. Scheißegal. Es rüttelt irgendwo in mir. Nicht lange, nur ein Atemzug. Aber es reicht, um mich still werden zu lassen. Eine Erinnerung mit scharfen Rändern. Und dann schaue ich neben mich, in das Jetzt. In jemanden, der mich anschaut, als hätte er begriffen, dass ich manchmal an Orten stehe, die man nicht erklären kann. Und plötzlich ist da nur Präsenz. Boden. Wärme. Ein Gegenpol zu all dem, was jemals kalt war. Ich muss mich manchmal selbst kneifen, weil das Leben jetzt weicher aussieht, als es sich anfühlt. Weil ich in mir drinnen noch auf harte Kanten vorbereitet bin und stattdessen Hände finde, die halten.

Ich verschwinde manchmal für eine Sekunde. Aber ich komme zurück. Immer. Und jedes Mal ein Stück mehr ganz.

Donnerstag, Dezember 04, 2025

besinnlichkeit.

Alle krank. Überall Chaos. Ich jongliere Termine, Befindlichkeiten und Todos - versuche alle Bälle irgendwie in der Luft zu halten und nichts zu vergessen. Aber gut. Atmen, lächeln, weitermachen. Eins nach dem anderen. Manchmal ist das der einzige Plan, der funktioniert. Wer hat eigentlich mal diese famose Behauptung aufgestellt, die Vorweihnachtszeit sei besinnlich? Es ist jedes Jahr die absolute Hölle.

Mittwoch, Dezember 03, 2025

freeze.

Es ist sehr seltsam, im beruflichen Umfeld plötzlich umarmt zu werden. Vor allem, wenn man eigentlich im „professionellen Modus“ ist und der Körper fest damit rechnet, dass maximal Argumente oder Agenda-Punkte auf ihn zukommen. Aber ganz sicher keine Arme. Von jemandem, der eigentlich fremd ist. Und dann passiert es doch. Jemand lehnt sich vor, zieht Dich kurz an sich, schneller als Du reagieren kannst, und mein ganzes System macht exakt das, was es gelernt hat: Salzsäule. Reglos. Ein innerer Freeze wie aus dem Lehrbuch. Während mein Kopf denkt: „Was passiert hier? Was genau ist jetzt das Protokoll? Und wohin mit meinen Armen, ohne dass es komisch wird?“ Vielleicht liegt es daran, dass berufliche Nähe anders codiert ist. Klarer. Distanzierter. Ich mag und schätze diese Distanz. Wenn wir zusammen im Dreck gestanden haben und mindestens einmal richtig miteinander abgestürzt sind, können wir reden.

Sonntag, November 30, 2025

vertrauen .

Manche Menschen vertrauen, weil sie nie gelernt haben, es nicht zu tun. Andere misstrauen, weil sie genau wissen, wie Enttäuschung sich anfühlt. Und manchmal trifft beides aufeinander, genau in dem Moment, in dem man längst verlernt hat, jemanden wirklich hereinzulassen. Sie bleiben, selbst wenn man ihnen nicht glaubt, dass sie es ernst meinen. Und irgendwann versteht man, dass Vertrauen kein Satz ist, sondern Verhalten. Eine Handlung - leise, konstant, unbequem echt. Dazwischen entsteht ein Raum, der Nähe möglich macht. Nicht, weil man sicher ist, sondern weil man bleibt, obwohl man es nicht sein kann. Loyalität ist kein großes Wort. Kein Schwur. Sie zeigt sich in genau den Momenten, in denen man hätte gehen können und trotzdem bleibt. In der Entscheidung, nicht abzuhauen, selbst wenn der andere innerlich ab und zu noch die Fluchtwege prüft.

Donnerstag, November 27, 2025

kamera.

Manchmal kippt die Realität in eine andere Textur. Einfach… daneben. Ein halber Schritt neben der Welt, ein halber Schritt neben sich selbst. Man sieht sich handeln, sprechen, funktionieren und fragt sich, seit wann man eigentlich nur noch die Rolle spielt, die alle von einem erwarten. Die Szene läuft weiter. Die anderen reden. Und irgendwo im Off sitzt man selbst und fragt: Wann genau hat die Geschichte die Richtung gewechselt, ohne dass man es gemerkt hat? Kein Höhepunkt, kein Knall. Nur diese stille Unwirklichkeit, die wie ein Zwischenraum wirkt. Wie im Film. Nur dass die Kamera nicht aufhört zu laufen.

Dienstag, November 25, 2025

re·si·li·enz.

Ich sass da. Ein Taschentuch in der Hand und ich versuchte ums Verrecken nicht die Fassung zu verlieren. Mein Lippen zitterten. Sie fragte: "Wovor haben Sie am meisten Angst? Was kann schlimmstenfalls passieren?" Ich überlegte, erste Tränen liefen mir die Wangen runter. Ich holte tief Luft - am liebsten wäre ich gegangen -  und spürte, dass dieser Moment mich an eine Grenze führt, die ich jahrelang nicht anschauen wollte. "Ich habe Angst, völlig die Kontrolle zu verlieren. In Millionen kleine Teile auseinanderzufallen. So sehr, dass ich in meinem Alltag nicht mehr funktioniere." Dieser Satz war wie ein Schlag. BÄM! Der Damm brach.

Ich habe etwas erlebt, das viel zu groß war, um es allein zu tragen. Etwas, das ich jahrelang weggeschlossen habe, damit ich weiter funktionieren konnte - für  mich und mein Leben. Ich habe so lange durch Leistung, Kontrolle und Stärke kompensiert, dass ich irgendwann vergessen habe, wie es sich anfühlt, wirklich zu atmen. Ich habe funktioniert, gearbeitet, immer gelächelt, gehalten, was ich halten musste. Ich habe mich zusammengesetzt aus Teilen, die nie Zeit hatten zu heilen. Ich dachte immer, solange ich alles im Griff habe, bin ich sicher. Solange ich funktioniere, kann mir nichts passieren. Aber Kontrolle ist kein Halt. Kontrolle ist letztendlich nur ein beschissener Überlebensmechanismus. Und irgendwann sitzt Du dann da mit einem Taschentuch in der Hand und checkst endlich, nicht die Kontrolle hält Dich zusammen. Sondern die Angst davor, sie zu verlieren. Der Schmerz, den Du nie zugelassen hast. Die Erschöpfung, die Du nicht zeigen wolltest. 

Was hält mich eigentlich wirklich zusammen? Mein Wille. Mein Verantwortungsgefühl. Meine Fähigkeit, immer weiterzumachen, egal wie stark mir der Wind ins Gesicht bläst. Der Mut, Hilfe anzunehmen. Und ich stelle immer wieder fest, ich bin so f*cking resilient. Ich falle nicht auseinander - ich setze mich neu zusammen.

Montag, November 24, 2025

temperatursturz.

Es gab eine Zeit, in der ich Räume betreten habe wie ein Temperatursturz. Nicht absichtlich. Nicht aus Bosheit. Sondern weil Wärme gefährlicher war als Frost. Nicht laut, nicht sichtbar, aber plötzlich friert alles ein. Gefühle, Intuition, Wärme. Frostschäden inklusive. Manchmal frage ich mich, ob manche Herzen jemals gelernt haben, was Körperkontakt bedeutet, außer als Drohkulisse. Alles kontrolliert. Alles glattgezogen. Alles funktional. Und genau darin liegt das Absurde. Kälte fühlt sich nur so mächtig an, bis man merkt, dass sie nichts erschaffen kann. Nur konservieren. Nur halten, was längst tot ist. Nur Räume besetzen, in denen andere längst wieder leben könnten. Ich habe mich durchs Leben bewegt wie eine perfekt temperierte Oberfläche. Klar, kontrolliert, unberührbar. Kälte war lange mein Schutzanzug, mein Muster, mein Überlebensmechanismus. Man friert nicht, solange man selbst das Eis macht. Ich habe es versucht zu verstehen. Wirklich.

Und doch…unter der Oberfläche habe ich nie aufgehört zu brennen. Es war nur niemand da, der die Hitze ausgehalten hätte oder dem ich sie zugemutet hätte. Heute weiß ich, dass die Kälte nur eine Strategie war. Kein Zuhause. Nur ein Versteck. Ich lerne gerade, wieder warm zu werden. Mit allem Risiko. Mit allen Folgen. Mit all der schönen Unordnung, die Nähe mit sich bringt. Und manchmal erschreckt mich, wie weich ich geworden bin. Wie sehr ich mich fühle und wie sehr mich jemand fühlt.

Sonntag, November 23, 2025

totensonntag.

Ich habe heute Fotos gesucht und bin stattdessen überraschend über zwei Gesichter gestolpert, die dieses Jahr verschwunden sind. Menschen, die einfach aufgehört haben mitzuspielen, während der Rest der Welt weiterlief, als hätte niemand etwas gemerkt. Heute ist Allerheiligen, und plötzlich fühlt sich alles wieder ein bisschen durchlässig an. Als würde die Zeit für einen Moment stolpern, und man steht da mit Bildern in der Hand, die erinnern, dass alles gleichzeitig nah und unendlich weit weg sein kann. Manchmal wirkt es so verdammt surreal, wie schnell ein ganzes Leben zum Foto wird. Und wie viel Raum Stille einnehmen kann.

Samstag, November 22, 2025

.

I'm not always easy to love, I know this. But thank you for choosing me anyway, every single day.

Freitag, November 21, 2025

herzöffner.

Patchwork beginnt selten mit einem Plan. Eher mit einem Moment, der wirkt, als hätte jemand vergessen, das Universum vorher zu informieren. Da steht plötzlich die Untermieterin ungeplant mittags vor einem Restaurant, schulterzuckend, selbstbewusst, als wäre es vollkommen normal, die letzte Stunde Schule einfach mal spontan ausfallen zu lassen, weil man dringend herausfinden muss, wie dieser neue Mensch ins eigene Leben passt. Kein großes Drama, keine Inszenierung. Nur dieser Blick: Hier bin ich. Und nun mal sehen, ob Du damit umgehen kannst. Ich glaube, ich war angespannter und überraschter als alle zusammen, weil ich so gar keinen Plan & keine Ahnung von Patchwork hatte. Erstaunlich, wie viel Wahrheit in solchen Zufällen steckt. Wie viel Mut. Wie viel ungeschöntes „Das bin ich“. Und dann sitzt man da zu dritt, und es wirkt nicht wie ein Test, sondern eher wie eine Improvisationsprobe, bei der alle intuitiv denselben Rhythmus finden. Keiner versucht, perfekt zu sein. Keiner gibt sich besonders pädagogisch. Da ist einfach nur Platz - am Tisch, im Gespräch, im System. Und das Kind nimmt ihn ein, so natürlich, wie Kinder das eben tun, wenn sie spüren, dass jemand kein Theater daraus macht. Und er hat das so gut gemacht, dass man fast vergessen könnte, dass Patchwork eigentlich eine Disziplin ist, für die die meisten Erwachsenen erst ein Handbuch brauchen. Er hat nicht gezuckt, nicht irritiert geschaut, nicht versucht, pädagogisch klug zu wirken. Er hat einfach Platz gemacht. Nicht nur am Tisch.

Hier war es einfach. Ein Teenie, ein Mann, ein Mittagessen. Und eine Szene, die gezeigt hat, das hier könnte funktionieren. Vielleicht gerade weil keiner versucht hat, es besonders richtig zu machen. Vielleicht ist genau das der Trick an Patchwork. Nicht diese großen Erklärungen. Nicht die Strategien. Nicht die heroischen Gesten. Sondern dieses leise, unspektakuläre Sich-Fügen. Dieses unprätentiöse:„Komm, wir probieren mal, wie sich das anfühlt.“ Und manchmal fühlt es sich überraschend richtig an. Genau deshalb. Schon irre. Es ist so viel besser, als ich es mir hätte wünschen können und jemals vorgestellt habe. Zwei Monks, dass passt wie Arsch auf Eimer. Ich liebe absolut alles daran. Ich gucke da drauf und denke mir nur, F*ck, was bin ich für ein verdammtes Glückskind? Ich bin dankbar. 

Mittwoch, November 19, 2025

landkarte.

Mein Nervensystem trägt eine Landkarte, die ich weder ausgesucht noch selbst gezeichnet habe. Linien, die nicht aus Entscheidungen bestehen, sondern aus Momenten, die zu schnell, zu laut, zu nah waren. Karten, die nicht nach Norden zeigen, sondern nach damals. Manchmal berühre ich sie nur im Vorbeigehen. Ein Geräusch, ein Schritt, ein Geruch, ein Blick zu viel und plötzlich faltet sich ein unsichtbares Terrain in mir auf. Keine Erinnerung, eher ein Beben unter der Haut. Als würde irgendwo tief drinnen eine alte Sirene anspringen. Diese Landkarte ist seltsam. Sie zeigt Schluchten, in die ich nie wieder steigen will, und Wege, die ich nur im Kopf renne, während mein Körper still bleibt. Und doch begleitet sie mich. Nicht als Geschichte, sondern als feine, vibrierende Linien, die manchmal leuchten, wenn Fremdes zu nah kommt. Ich navigiere sie geübt. Ich erkenne, wann der Boden unter mir dünner wird, wann ein Schatten zu lang ist, wann die Luft plötzlich zu schwer atmet. Ich weiß, wie man stehen bleibt, wie man weitergeht, wie man die eigene Hand im Dunkeln wiederfindet. Es ist meine Karte, auch wenn sich sie nicht gewählt habe. Und ich lerne nach wie vor, darauf Wege zu zeichnen, die nicht aus Angst entstehen, sondern aus mir selbst.

Dienstag, November 18, 2025

100!

Es ist Zeit für eine La-Ola-Welle. Machen Sie sich bereit! Dies ist nämlich der hundertste - in Zahlen 100(!) - Post im Jahr 2025. Konfettibombe!!! Ich war nie sicher, ob ich tatsächlich nochmal zurückkommen werde. Ich mochte die Welt des Micro-Bloggens ganz gern die vergangenen Jahre und habe sonst nur noch für mich geschrieben. Ich muss sagen, es macht wieder Bock und ist mittlerweile wie früher, ein Automatismus. Und selbst die Reichweite kommt wieder. Das ist spannend. 

Vor über 10Jahren hat der Ex mal pro Forma die Domain "Frau Eiskalt" für mich gekauft. Und als wir vorhin beim Essen zufällig nebeneinander gesessen haben, fragte ich ihn, ob die immer noch in seinem Besitz ist. Ist sie. Er richtet sie mir jetzt auf einem der Server ein und dann überlege ich endlich zu Wordpress umzuziehen, da hier bei Blogger viele Funktionen gar nicht mehr existieren. Könnte ein schönes Weihnachtsprojekt zwischen den Tagen werden. Mal schauen, wie weit meine Geduld dann final dafür reicht. Es ist auf jeden Fall schön, wieder hier zu sein. Willkommen zurück! Genießen wir einen Moment die Zahl 100!

Sonntag, November 16, 2025

adventsstimmung.

Freitag haben wir uns köstlich über Pärchen-Adventskalender und Weihnachtsgeschenke amüsiert. Ich sage nur: WMF. Wir haben so gelacht, dass der Bauch weh tat. Ich stand damals daneben, als ein Mixer im Karton übers Auto flog – vor Wut, weil sie noch ein Küchengerät bekam, das sie nicht wollte. Letztes Jahr gab es Retour einen Bräter und fancy Schneebesen im Überformat. Die Begeisterung war auch Freitag noch gut spürbar. Ich lieb die beiden. Ich selbst habe 2004 ein Küchengerät geschenkt bekommen. Jahre später habe ich es originalverpackt beim Auszug wieder zurückgegeben. Ich benutze bis heute das Aldi-Rührgerät für 7,99 € aus dem Jahr 2003. Es rührt verlässlich, will keine Kunststückchen machen und fordert keine Aufmerksamkeit. Reicht.

Das Kind bekommt seit immer einen selbstgefüllten Kalender. Das ist ein Ritual. Ich glaube, seit sie drei ist. Die ersten zwei Jahre hatte sie nachts ehrfürchtig Angst, einem Wichtel auf dem Weg zum Klo zu begegnen, der ihren Kalender kontrolliert. Deshalb hat sie im Dezember oft vorsichtshalber bei mir geschlafen. Es war aber auch der einzige Monat, in dem sie morgens schneller aufstand, als ich gucken konnte. Dieses Jahr findet sie einen gekauften Krimi-Kalender völlig okay. Den selbstgefüllten bekommt sie trotzdem, weiß sie aber nicht. Liegt bereits alles im Schrank, ich freue mich aufs Packen und Hübsch machen. Ich kenne es nicht anders. Bei uns gab es früher auch immer einen Selbstgefüllten. Ich mochte keine Vollmilch-Schokolade und damit waren die käuflichen Kalender damals raus. Erst 24 gebastelte kleine Papierkästchen von meiner Mutter, später einen Jutekalender. Ich fand das immer großartig. Ich glaube, ich habe den bekommen, bis ich ungefähr 25 war. Heute dürfen die Enkelkinder immer die Kalender-Säckchen an der Girlande im Flur öffnen bei meinen Eltern.

Mit dem Ex haben wir uns einen eigenen Kalender geteilt – jeder zwölf Türchen. Er die geraden Tage, ich die ungeraden. Ein klasse Konzept. Hat gut funktioniert, bis er es irgendwann vergessen hat. Danach gab es jetzt acht Jahre lang gar nichts mehr in die Richtung. Nun ist alles neu. Als die Untermieterin letzte Woche fragte, ob wir uns dieses Jahr denn gegenseitig Kalender machen würden, habe ich den kurzen Moment Panik in seinen Augen gesehen. Ich musste trotzdem lachen. Ich hab's gefühlt. Ich hatte bis dahin noch gar nicht darüber nachgedacht, ich war gedanklich noch nicht so weit, dass wir uns auf Weihnachten zubewegen. Der Dezember kommt jedes Jahr trotz allem sehr überraschend und Adventsstimmung ist bei mir bislang nicht aufgetaucht. Wie auch bei dem Stress ringsum.

Trotzdem: Es ist der 16.11.2025 und ich habe tatsächlich die ersten Weihnachtsgeschenke. Inhalte für zwei Kalender. Postkartenkalender für die Besten und meine Eltern. Kleine Überraschungen & Gutscheine fürs Team, weil wir unsere Weihnachtsfeier vorletzten Freitag spontan vier(!) Wochen nach vorne verlegen mussten. Wegen Terminhuddel. Es fehlen noch die persönlichen Briefe, die schreibe ich morgen. Ich bin erstaunlich gut in der Zeit. Da kann man ruhig mal klatschen!

Bleibt nur die Frage: Was schenkt man einem Vater, der alles hat und schon immer echt schwer zu beschenken ist? Ich kann ihm doch nicht jedes Jahr Baumarktgutscheine & fancy Biere aus aller Welt schenken. Geburtstage ab Mitte November und im Dezember gehören grundsätzlich verboten!

Samstag, November 15, 2025

dunkelheit.

Ich lag da, wach bis drei, als würde mein Körper noch immer nachschwingen von dem, was gestern aufgebrochen ist. Alles war so dicht. Zu roh. Zu nah. Zu laut. Ich konnte meinen eigenen Herzschlag hören, als hätte jemand mein Nervensystem auf maximale Lautstärke gedreht. Schlaf funktioniert nicht, wenn innen drin etwas nacharbeitet. Wenn die Bilder, die Worte, die Erinnerungen immer wieder hochspülen, unerbittlich. Wie Wasser, das zurückkommt, obwohl man es längst weggeschoben hat. Vielleicht ist das der Preis dafür, wenn man endlich anfängt, Türen zu öffnen, die man jahrelang zugelassen hat. Man spürt es nicht nur in der Stunde, sondern danach, im Dunkeln, wenn niemand zuhört und nichts leiser werden will. Allein schlafen ist gerade schwer, weil mein Nervensystem neben jemandem, den ich liebe, runterfährt, während es allein weiterläuft, als müsste es etwas bewachen. Als wäre Stille und Dunkelheit gefährlich, obwohl sie es nicht ist. Ich habe gestern verstanden, dass ich nicht dagegen ankämpfen soll. Dass man einen aufgewühlten See nicht mit den bloßen Händen glättet. Dass dieses Nachzittern normal ist. Ich habe versucht, es nicht wegzudrücken. Einfach dazuliegen, zu atmen, abzuwarten, bis der Körper merkt, dass nichts Bedrohliches passiert. Hat gedauert. Die Nacht war lang. Zäh. Hell, obwohl sie dunkel war. Der Schlaf kam irgendwann, aber eher aus Erschöpfung. Und heute fühlt es sich an, als hätte ich gar nicht richtig geschlafen. Wahrscheinlich ist das normal, wenn etwas in Bewegung gekommen ist und braucht noch einige Zeit bis alles wieder leiser wird. Bis dahin: weiteratmen und aushalten. Mehr kann ich nicht tun.

Freitag, November 14, 2025

was bleibt, wenn alles fällt?

Der Tag hat mir die Luft aus der Brust gedrückt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe geweint, lange, ohne mich zusammenzureißen. Sie sagt: Lass es zu. Hör auf, dagegen anzukämpfen. Man kann einen Wasserball nicht unter Wasser halten, ohne das er einem immer wieder ins Gesicht knallt. Und ja, sie hat recht. Wahrscheinlich bin ich deutlich besser im Erkennen als im Zulassen. Sie meint, ich hätte eine hervorragende Therapeutin abgegeben. Vielleicht, weil ich weiß, wie man durch Schutt geht und Dinge wieder neu zusammensetzt, ohne unterwegs liegenzubleiben.

Später habe ich ins Telefon geweint. Nur Atmen und Tränen. Und am anderen Ende jemand, der das ausgehalten hat. Einfach geblieben. Keine großen Worte, nur dieses ruhige „Wir schaffen das gemeinsam“. Nicht als Versprechen. Eher wie eine Feststellung, die schon existiert. Und genau das hat getragen. Mehr muss es manchmal nicht sein.

16:45 Uhr, Freitag, meine Wimperntusche hängt auf Halbacht - irgendwas zwischen Panda und Unfall. Egal. Der Abend wird es richten. Mädelsabend. Wir schließen uns nach Ladenschluss im Möbelhaus ein. Nicht ganz so glamourös wie ein Modegeschäft - man kann Möbel schlecht unbemerkt einstecken, aber ich wollte das schon immer mal machen. Wir werden Essen besorgen. Das Bier steht kalt. Türen zu, Welt aus.

Reicht für heute.

Donnerstag, November 13, 2025

vorbereitung.

Ich war jetzt zwei Stunden auf der Matte, nicht um mich zu verbessern, sondern um mich zu finden und nicht wegzurutschen. Um meine Gedanken zu ordnen, bevor sie mich überholen. Um den Lärm aus meinem Kopf zu atmen und das Zittern unter meiner Haut zu beruhigen. Morgen geht es weiter, tiefer, dahin, wo nichts mehr höflich formuliert ist. Wo man nicht mehr schiebt, nicht mehr verdrängt, wo alte Dinge wieder auftauchen und man stehen bleibt, statt weiter zu rennen. Das Aufbrechen beginnt. Ein vorsichtiges, manchmal brutales Umstellen der inneren Möbel, die man jahrelang nicht angerührt hat. Vorbereitung darauf ist kein Ritual, sondern ein Rückzug. Ein Liegen in der eigenen Wahrheit. Yoga hilft, nicht weil es leicht ist, sondern weil es mich zwingt in meinem eigenen Körper und Kopf zu bleiben, nicht wegzulaufen. Ich bin stiller heute, nicht schwächer. Nur näher an dem Teil in mir, der morgen viel Mut brauchen wird und sprechen muss.

sehnsuchtsort.

Ich habe schlecht geschlafen. So richtig schlecht. Fühlt sich an, als wäre ein Bus über mich drüber gefahren. Mehrfach. Zwischen zwei Wachphasen habe ich angefangen, Ferienhäuser in Dänemark anzuschauen. Einfach so. Weil das Kind am Wochenende erklärt hat, das sei ihr Sehnsuchtsort und sie nächsten Sommer doch wieder am liebsten dorthin möchte. Nachdem sie auf der Rückfahrt dieses Jahr meinte, wir hätten das Land nun erstmal durchgespielt. Und irgendwas daran hat sich richtig angefühlt. Ein kleines gemütliches Haus am Meer. Grau, Wind, Wellen. Ein Tuborg Grøn in der Hand, salzige Luft. Diese fantastischen Farben des Himmels vor Augen. Kein Plan, kein Lärm, wenig Menschen, kein müssen. Nur dieses Rauschen, das alles ein bisschen kleiner macht und gleichzeitig größer. Vielleicht ist das der Punkt, zu merken, dass Ruhe manchmal nicht Schlaf bedeutet, sondern einen Ort. Einen Gedanken, der bleibt. Eine Sehnsucht nach dem Meer.

Mein Sehnsuchtsort ist noch nördlicher. In den Highlands. Ich habs so geliebt. Das hat echt etwas mit mir gemacht und mich tief beeindruckt.

Mittwoch, November 12, 2025

rekapitulation.

Als ich das letzte Mal an anderer Stelle schrieb: „Erzählt meine Geschichte!“, brach danach ein Vulkan aus. Nicht sofort. Erst leise. Dann spürbar. Es hat mich ziemlich durchgeschüttelt. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, in mir selbst still zu werden. Nicht aus Stärke, sondern aus Selbstschutz. Ich wusste, dass ich zuhören würde, wie immer. Dass ich gern verstehen wollte. Was ich gelernt habe in diesem Jahr: Vertrauen ist keine Tür, die man öffnet. Es ist eine Mauer, die man gemeinsam Stein für Stein setzt. Und ja, manchmal bricht ein Stein raus. Aber das heißt nicht, dass alles einstürzt. Ich weiß, es ist nicht das Drama, das entscheidet. Sondern wie man miteinander spricht. Wie man bleibt, wenn es unbequem wird. Und irgendwann, wenn die Lava abkühlt, erkennt man, dass sie nicht nur zerstört hat. Sie hat auch etwas Neues geformt. Etwas Standfesteres. Ruhigeres. Klareres. Näheres. Und dafür bin ich tatsächlich sehr dankbar. 

Dienstag, November 11, 2025

langstrecke.

Manche Geschichten schreiben sich leise. Man redet, lacht, schweigt, zieht sich zurück, kommt wieder näher. Zwei Menschen, die sich immer wieder umkreisen, immer einen Schritt zu früh oder zu spät. Zu nah, um gleichgültig zu sein, zu weit, um es zu begreifen. Immer wieder verfehlt. Man will sich schützen und merkt dann doch, dass genau dieser eine Mensch die größte Ruhe bringt. Bis keiner mehr wegläuft. Manchmal braucht es viel Zeit, um zu verstehen, warum man jemanden nicht losgelassen hat.

Montag, November 10, 2025

überdruck.

Es brodelt. Unter der Haut. Zwischen den Rippen. Der Druck steigt leise, konstant, unbarmherzig. Alles schiebt. Alles fordert. Ich funktioniere, während irgendwo in mir etwas wie verrückt an die Wände schlägt. Manchmal denke ich, ich platze. Es zerreißt mich. Vielleicht ist es die nächste Schicht, die sich löst. Vielleicht muss es raus, bevor es heilen kann. Es knackt im System. Nicht laut. Aber hörbar. Es ist ein System, das versucht, sich selbst zu sortieren. Ich weiß, wie das Spiel funktioniert. Ich bin gut darin. Aber irgendwann wird jedes Ventil schwach. Und das wilde Tier im Käfig rüttelt am Gitter.

Samstag, November 08, 2025

glück?

Ein Kollege sagte die Tage zu mir: „Du wirkst seit einer Weile so glücklich. Und entspannt. Egal, wie sehr die Welt in Flammen steht." Ich musste kurz lachen. Nicht, weil es falsch ist. Sondern weil ich weiß, was es gekostet hat. Glück ist kein Filter, der alles weich zeichnet. Kein Zustand, den man morgens im Badezimmer vorm Spiegel aufträgt. Eher das Gegenteil. Glück, echtes Glück, ist meistens das, was nach dem Sturm bleibt. Nach all den Nächten, in denen man gegen die Wand denkt. Nach den Momenten, in denen man sich selbst zurückholt. Stück für Stück. Ohne Make-up. Nur mit dem, was übrig ist, wenn alles andere abgebrannt ist. Nach Entscheidungen, bei denen einem der Magen flau wird.

Und ja, vielleicht wirke ich entspannt. Vielleicht, weil ich mich nicht mehr zerreiße, um irgendwo reinzupassen. Weil ich nicht mehr bleiben will, wo es eng wird. Vielleicht, weil ich aufgehört habe zu kämpfen, wo ich mich nicht mehr verlieren will. Ich tue das, was mir guttut. Ich liebe den, den ich liebe. Und ich lasse weg, was nicht mehr zu mir gehört. Vielleicht sieht man das. Und vielleicht nennt man das Glück. Ich weiß es nicht. Ich nenne es, angekommen in mir. Und das reicht. Zumindest heute. Morgen sehe ich weiter.

Aber was ist Glück überhaupt? Glück fühlt sich für mich immer ein bisschen an wie ein Vorbeben. Ich traue diesem Wort nicht. Zu hell, zu laut, zu flüchtig. Immer wenn ich Glück spüre, warte ich auf das Gewitter. Vielleicht weil ich gelernt habe, dass Glück oft eine Vorstufe vom Verlust war. Ich glaube an Zufriedenheit. An Klarheit. An tiefe Verbundenheit. An das Gefühl, jemanden nicht nur zu wählen, sondern immer wieder zu wählen. Aber nicht an reines Glück. Er war kein Glück, sondern eine bewusste Entscheidung. Gegen Angst. Gegen Flucht. Gegen alte Muster. Für Nähe. Und das ist keine Glückssache. Das ist echte Arbeit. Und ich finde es so großartig, sehr heilsam und wertvoll. Ich liebe alles daran. 

Mittwoch, November 05, 2025

Guten Morgensex.

Guten Morgensex. Bringt de facto mehr Fokus als Matcha. Mehr Erdung als zehn Minuten Headspace. Und ehrlich gesagt, ist es manchmal das Einzige, was mich davon abhält, jemandem den Kopf abreißen zu wollen. Ich spüre plötzlich keinen Menschenhass und keine Meeting-Aggressionen mehr. Ich werde temporär Team Kuscheldecke. Kein Bedürfnis, jemanden zu feuern, nicht mal mich selbst. Stattdessen bin ich der netteste und ausgeglichenste Mensch - weit und breit - mit so einem breiten seligen Lächeln im Gesicht, dass sich nicht wegwischen lässt. Ich bin grundsätzlich für mehr Guten Morgensex. 

Neurotransmitter sind echte Performer. Die Wissenschaft liefert die Daten. Dopamin hoch, Cortisol runter, Immunsystem happy, Gehirn im Flow. Das Nervensystem sagt danke, mein Tag auch. Ich finde, kein KPI bringt mich so sehr zu mir. Kein Resilienztraining so in die Spur. Guten Morgensex ist eine absolut großartige Idee. Für Klarheit. Verbindung. Und den Weltfrieden. Und zur Not auch für den nächsten Pitch. Vielleicht ist das die wahre Leadership-Strategie. Oxytocin statt Outlook.

Dienstag, November 04, 2025

toolbox.

Sieben Jahre Therapie. Fast ein Jahrzehnt. Unzählige Sitzungen, Fragen, Tränen, Schweigen, Wut, Diskussionen, Erkenntnisse, so viele Worte. Ich dachte, ich hätte mich richtig weit bewegt. Dachte, die Spirale, in der ich mich drehte, sei eine Treppe. Aufwärts. Entwicklung, Wachstum, diese schicken Begriffe. Ich hab sie mir in die Haut geschrieben. Ich kann über meine Muster sprechen wie andere über die Wetterlage. Und jetzt? Stehe ich da. Wieder dieselben Trigger. Dieselben Reaktionen. Dasselbe wilde Herz mit angeschlossener Sirene im Bauch. Nur der Ton ist anders. Tiefer. Sarkastischer. Vielleicht ein bisschen abgeklärter. Vielleicht auch einfach nur müder.

Ich kann es besser analysieren. Ich kann Trigger auseinandernehmen wie ein Uhrwerk, jede Reaktion psychologisch sezieren, jede Dynamik benennen. Ich erkenne das Monster sofort. Aber was bringt’s, wenn es trotzdem wieder knallt, wenn der Körper längst schneller ist als der Verstand? Manchmal stehe ich trotzdem da, wieder mit diesem verficktem Messer in der Brust und frage mich, warum es schon wieder brennt, obwohl ich doch wusste, dass es kommt. Die Spirale ist da. Aber sie ist gar keine Treppe. Sie ist eine scheiß Wendeltreppe. Und manchmal fühlt es sich an, als würde ich ständig am selben Fenster vorbeilaufen und mir selbst zuwinken. Manchmal mit einem Lächeln. Manchmal mit einem Schlag ins Gesicht.

Entwicklung? Klar. Ich kann besser beobachten, wie ich innerlich zusammenbreche. Ich kann reflektieren, wie sehr ich mich gerade entwerte. Ich kann bezeugen, wie alt mein Schmerz ist. Nur, er fühlt sich nicht alt an. Er fühlt sich frisch an. Glühend. Wie neu geboren. Vielleicht ist es einfach ein Kreisverkehr. Oder ein schicker Wartesaal mit Plexiglas und ungespielten Karten auf dem Tisch. Vielleicht war das alles nur Trockenübung. Theorie auf Papier. Jetzt ist Praxis. Realität. Ungefiltert. Jetzt steht da jemand, der wirklich etwas auslöst und all die Tools, die ich so sorgfältig gebaut habe, liegen plötzlich wie Spielzeug in der Ecke. Weil da kein Handbuch greift, wenn das System in Panik geht. Wenn Nähe real ist. Wenn Berührung nicht mehr metaphorisch bleibt.

Sieben Jahre. Und ich stehe immer noch da und frage mich, warum ich denke, dass Liebe verdient werden muss. Und ich weiß es. Und ich kann es sagen. Aber fühlen? Wahrscheinlich war das Ziel nie „fertig sein“, sondern einfach zu erkennen und begreifen, dass ich nicht perfekt funktionieren muss. Dass der Kampf gegen mich selbst der eigentliche Fehler ist. Das hier ist nicht das Ende, sondern endlich der Anfang. Next Level sozusagen. Nur ohne Theorie. Ohne Applaus. 
Das Herz offen. Willkommen zurück auf Los.

Montag, November 03, 2025

alles blöd.

Heute morgen in alten Aufzeichnungen geblättert und darüber gestolpert:

03.11.2014.

Wie lange hält die "alles blöd-Phase" bei Dreijährigen an? Kindergarten - blöd, Kinder - blöd, Amsterdam - blöd, Zug fahren - blöd, Papa - blöd, keine Kekse - blöd, kein Trickfilm - blöd, Bootstour - blöd, etc. Und zur Krönung, nur um das Kind zu ärgern, habe ich heute weder Mehl noch Zucker für ihr Grundnahrungsmittel "Eier/-Pfannkuchen;)", dafür aber einen Wintermantel in der (Achtung!!!) falschen Farbe gekauft. Ergo: Mama - superblöd.


Ich habe mich zurück erinnert. Das war schon eine wilde Zeit. Heute wünsche ich mir manchmal, ich hätte das mehr genossen, obwohl ich das wahrscheinlich trotzallem gar nicht so schlecht gemacht habe. Rückblickend ist sie so schnell groß geworden. Die Untermieterin legte sich heute morgen zu mir ins Bett und wir redeten über den Tag. Sie ist jetzt 14 und hat heute ihre Potentential-Analyse. Verrückt. Ich bin gespannt, was sie vom Tag erzählen wird und wie sie das so findet. 

Sonntag, November 02, 2025

gegenwart.

Ich will mich nicht mehr im damals verlieren. Ich bin im heute schon ziemlich verloren. Ich dachte immer, ich könnte Dich irgendwie ein bisschen länger festhalten, wenn ich viel über Dich schreibe. Ich wollte Dir gerne noch ein bisschen länger über den Kopf streichen, noch ein bisschen länger in Deinen Armen einschlafen - aber das konnte ich nicht. Zumindest nicht mehr anders als mit Worten. Und die Worte, die mir noch blieben, wollte ich nicht loslassen. Also hab ich Texte geschrieben. Und Gedichte. Dir Wort für Wort geschenkt. Dich in meinen Sätzen konserviert, Dich Satz für Satz weitergeatmet. Dich immer tiefer in mich geschrieben. Manchmal Satz für Satz geheult. Aber Worte halten keine Menschen. Sie halten nur den Schmerz in Bewegung. Ich habe Dich in jede Zeile geschrieben, als könnte ich Dich so wieder zusammensetzen. Aber irgendwann verliert selbst Erinnerung die Schärfe.

Manchmal streife ich noch durch Erinnerungen wie durch ein altes Haus. Ich klappere Türen ab, von denen ich längst weiß, dass sie nicht mehr aufgehen. Ich streiche über Sätze wie über Wangen, die nicht mehr warm sind. Ich lege Gedanken in die Stille wie Blumen auf ein Grab. Es war nie einfach mit uns. Da war immer schon viel zu viel drum herum und wir haben es nie auf Dauer geschafft, einfach nur der Mittelpunkt zu sein. Mittlerweile verblassen die Worte vor meinen Augen, wenn ich über Dich schreiben will. Ich kann nicht mehr über das schreiben, was Du bist. Über das, was Du tust. Es bleibt mir nur noch das Präteritum. Jeder meiner Sätze verliert sich in der Vergangenheit. Und ich, ich bin nicht da. Ich bin nicht in der Vergangenheit. Ich bin hier. Und nach all den Worten über Dich, nach all den langen Nächten, in denen Du mir fürchterlich gefehlt hast, nach all den Tagen, an denen ich an nichts anderes denken konnte, als an Dich, möchte ich nicht mehr in die Vergangenheit flüchten.

Sie gibt mir nicht mehr so viel Geborgenheit wie Du es immer konntest. Vielleicht ist es auch das. Ich hab in den Texten über Dich das Gefühl gesucht, das Du mir immer gegeben hast. Und je weiter weg Du rutschst, desto schwieriger wird es für mich, genau dieses Gefühl zu finden. Ich will mich nicht mehr im damals verlieren. Ich bin im heute schon ziemlich verloren. Es ist einfach wahr. Ich bin hier. Und Du bist es nicht mehr, weil Du tot bist. Ich bin noch hier, aber nicht ganz. Weil ein Teil von mir in einem „Früher“ wohnt, das nicht mehr antwortet. Und ein anderer Teil nach vorne schaut, blinzelnd, suchend, taub vor Sehnsucht. Das ist vielleicht die Wahrheit. Nicht, dass es heilt. Sondern dass man lernt, mit der Leerstelle zu leben. Dass Liebe nicht stirbt, sie verlagert sich nur. Man trägt sie weiter. Nicht mehr an der Hand, aber im Herzschlag. Ich weiß, dass Liebe nicht wiederholt, was einmal war. Sie wächst neu, anders, trotzdem. Und manchmal wächst sie still. Heimlich. In einer Gegenwart, die einen wieder berührt. Er ist mein Trotzdem, meine Gegenwart - mein Herz. Und manchmal, wenn ich ihn anschaue, spüre ich etwas, das leiser ist als all der Schmerz, aber stärker als die Erinnerung. Eine neue Verlässlichkeit. Er sieht nicht das, was fehlt, sondern das, was bleibt und trägt. Ich lerne, dass Loslassen nicht bedeutet, weniger zu lieben. Sondern tiefer. Freier. Weiter. Ich trage Dich nicht mehr vor mir her. Ich trage Dich in mir. Und während ich das tue, halte ich jemand anderen an der Hand, als bewusste Entscheidung. Für mich. Für das Leben. Für das Jetzt.

Samstag, November 01, 2025

november.

November. Die Luft fühlt sich schwerer an, dichter, als würde sie sich erinnern. Man geht langsamer, denkt leiser, atmet vorsichtiger. Vielleicht, weil zu viele Namen mitschwingen, die man nicht mehr ruft. Die, die fehlen, haben immer noch ihren Platz, irgendwo zwischen Erinnerung und Gegenwart. Sie sind nicht wirklich weg, eher in einer anderen Frequenz, die man manchmal noch spürt, wenn es still genug ist. Besondere Menschen fehlen. Nicht laut, aber tief. Manchmal ist es ein Geruch, der mir begegnet, manchmal ein Satz, den sie gesagt hätten, manchmal nur dieses Gefühl von Verlässlichkeit, das ich nur noch schwer finde. Man sagt, die Zeit heilt, aber vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht macht sie nur Platz für den Schmerz, damit er sich hinsetzen kann, leiser wird, aber bleibt. Heute ist einer dieser Tage, an denen man spürt, dass Liebe nichts löst, sie bleibt einfach. Auch wenn niemand mehr antwortet.

Mittwoch, Oktober 29, 2025

adieu.

Ich bin offiziell Patientin Null des Büro-Seuchen-Clusters 2025. Irgendwelche Viren haben beschlossen, dass mein Immunsystem ein Freizeitpark ist, und ich sitze hier, schniefend, mit glasigen Augen und der Energie eines halb aufgeladenen Handys. Aber natürlich noch in der Firma. Weil Vernunft offensichtlich etwas für Menschen mit Temperatur unter 38 Grad ist. Jeder Atemzug klingt wie ein alter Kühlschrank, die Nase läuft, die Glieder schmerzen und mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand Watte und Weltschmerz darin kombiniert. Ich beantworte Mails in Zeitlupe, trinke literweise Tee und überlege, ob ich mich gleich einfach unter den Schreibtisch legen soll, bis jemand mich nach Hause trägt. Kurz gesagt, es geht zu Ende. Es war schön mit Ihnen. Erzählen Sie meine Geschichte!

Dienstag, Oktober 28, 2025

dazwischen.

Vorher war die Welt noch ganz. Sie hatte Ecken und Kanten, an denen man sich festhalten konnte. Geräusche, die Sinn ergaben. Luft, die nach Alltag roch. Man ging durch die Stunden, ohne zu ahnen, dass man sie eines Tages zählen würde. Alles war beiläufig. Gespräche, Bewegungen, das eigene Atmen. Vielleicht war sogar Leichtigkeit da, dieses unbewusste Vertrauen, dass nichts Schlimmes passieren kann, solange man noch lacht. Man trat hinaus mit offenen Schultern, nicht nur weil man mutig war, sondern weil das Leben sich nicht gefährlich anfühlte. Und irgendwo zwischen Routine und Unachtsamkeit vibrierte etwas. Ein leises Unstimmigsein, kaum hörbar. Man ging darüber hinweg, weil man funktionieren wollte. Weil man glaubte, man habe Kontrolle. Und dann nur ein Klicken. Nur eine feine Verschiebung in der Atmosphäre, wie das Abfallen des Luftdrucks vor einem Gewitter. Das Herz beginnt, anders zu schlagen. Der Körper spürt es zuerst. Der Verstand ist noch höflich, lächelt. Und dann ist es zu spät.

Nachher ist alles still. Aber nicht diese gute Stille, die nach Frieden klingt. Sondern die Stille, in der nichts mehr atmet. Die Welt sieht gleich aus, aber sie berührt anders. Die Luft ist dieselbe, aber sie schneidet. Geräusche sind zu laut, Licht flackert, der Alltag klirrt gegen die Haut. Man sitzt in sich wie in einem brennenden Haus, das von außen unversehrt aussieht. Der Körper? Kein Zuhause mehr. Archiv. Eine Lagerhalle für Erinnerungssplitter. Ein Ort, den man meidet, obwohl man ihn trägt. Vorher war Vertrauen ein Zustand. Nachher ist es Arbeit. Vorher war man jemand. Nachher, jemand, der alles erinnert, ohne es fühlen zu dürfen. Denn Fühlen würde bedeuten, zurückzugehen. Und es gibt keinen Rückweg. Also legt man Schichten über die Haut. Viele Schichten. Zwischen sich und die Welt. Man lacht im Supermarkt, sagt: "Mir geht’s gut", obwohl man längst nicht mehr weiß, was das heißt. Überleben macht keinen Lärm. Es steht nicht auf, es ruft nicht um Hilfe. Es sitzt still in der Ecke und hofft, dass niemand merkt, dass etwas fehlt. Und an guten Tagen? An guten Tagen fühlt es sich fast an wie Leben. Aber nur fast.

Samstag, Oktober 25, 2025

fehlen.

Wenige Menschen hinterlassen keine Lücke, sie hinterlassen einen tiefen Abdruck. Wie eine warme Decke, die immer da war. Wie das weiche Licht, das morgens durchs Küchenfenster fiel, wenn sie schon längst wach war. Meine Oma war so ein Mensch. Sie war nicht laut. Aber wenn sie etwas sagte, dann blieb es. In mir. In der Art, wie ich manchmal meinen Tee halte. In der Stille, die ich heute auszuhalten gelernt habe. In dem Blick, mit dem ich manchmal andere anschaue, bevor ich etwas sage. Weil sie es auch so gemacht hat.

Seit fast zehn Monaten ist sie weg. Und es gibt Tage, da ist das nur ein Gedanke, der still neben mir sitzt. Und dann gibt es Tage, an dem alles ein bisschen grauer klingt. An dem die Welt so wirkt, als hätte sie ihren festen Halt verloren. An dem ich denke, ich könnte sie nochmal anrufen, um kurz ihre Stimme zu hören. Nur kurz. Nur ein bisschen Zuversicht durch die Leitung, wie früher. Sie fühlte sich immer an wie eine Umarmung.

Sie fehlt nicht wie ein Knall. Sie fehlt wie eine leise, zähe Sehnsucht. Wie eine Stelle im Herzen, die einfach nicht heilt, aber ruhig bleibt. Sie war nicht der Mensch, der sich in den Vordergrund drängte, sie war die, die im Hintergrund alles zusammenhielt. Und manchmal wünsche ich mir, sie wäre noch da, einfach um ihr zuzusehen. Wie sie in der Küche steht. Wie sie ihren Satz zu Ende denkt. Wie sie meine Hand nimmt, ohne dass ich erklären muss, warum mir gerade alles zu viel ist. Ich trage sie mit mir. In meinem Blick. In meiner Art, Menschen zu halten, wenn sie fallen. In meinem leisen Wissen, dass Stärke nicht immer laut ist, sondern manchmal einfach nur da.

Scheisse, Du fehlst mir.

Freitag, Oktober 24, 2025

Liebe im 21.Jahrhundert.

Liebe im 21. Jahrhundert. Sieht regelmäßig ein bisschen aus wie ein geteiltes Google-Kalenderblatt. Hier - ein Spagat zwischen Patchwork-Familie und Job, zwischen Deadline und Date-Night. Spannend finde ich, etwa 1 von 10 Familien in Europa lebt in einer Patchwork‑Konstellation. Über 35 % aller Ehen werden aktuell geschieden und rund 16 % der minderjährigen Kinder in Deutschland wachsen heute mit Stiefeltern oder in einer neuen Partnerkonstellation auf. Kindfreie Wochenenden werden gehandelt wie seltene Pokémon-Karten, Termine jongliert wie brennende Fackeln.

Knapp 70 % der Deutschen sagen, dass Zeitmangel die größte Herausforderung für ihre Beziehung ist. Mehr als 60 % verbringen weniger als eine Stunde bewusste Zeit täglich mit ihrem Partner. Es ist ein permanentes Austarieren. Man schickt Küsse als Sprachnachricht im Auto, plant Zärtlichkeit zwischen zwei Calls und freut sich über ein gemeinsames Frühstück, als wäre es ein Miniurlaub. Komplimente kommen per WhatsApp, Streit wird bei zu wenig Zeit auf „nachher“ vertagt. Man verhandelt, schiebt, priorisiert und hat manchmal das Gefühl, gegen die Kalender-App und den Alltagswahnsinn zu verlieren. Studien zeigen, dass moderne Beziehungen zunehmend Arbeit bedeuten. Kommunikation, Planung, Aushandlung und nicht mehr bloß Gefühle.

Trotzdem bleibt etwas. Vielleicht ist es gerade dieses Möglichmachen, das zählt. Die kleinen Pausen. Das Wissen, dass Nähe heute kein Selbstläufer mehr ist, sondern ein Plan, der immer wieder gegen das Leben antritt. Und manchmal reicht ein einziger gemeinsamer Tag, damit sich alles wieder richtig anfühlt. Ich denke, genau das ist das am Ende Liebe. Nicht Perfektion, sondern der Wille, sich immer wieder neu füreinander zu entscheiden. Mitten im Chaos, zwischen Sprachnachrichten, WhatsApp, Alltag, Projekten, Unruhe und Meetings.

Donnerstag, Oktober 23, 2025

morgenrituale.

Dieser Moment morgens in der Küche. Er trinkt seinen Kaffee aus der French Press, schmiert sich sein Brot fürs Office, es laufen Nachrichten. Wir sitzen am Tisch und diskutieren meist immer noch 20Minuten über gesellschaftspolitische Themen, die gerade thematisiert wurden oder reden darüber, was uns gerade beschäftigt. Es gibt noch ein paar Küsse und feste Umarmungen, bevor jeder in seinen Joballtag startet. Ich liebe wirklich alles daran. Unser kleines Morgenritual.

Mittwoch, Oktober 22, 2025

dinge.

Es sind nie die großen Gesten, die etwas besonders machen. Oft sind es die kleinen Dinge, die fast übersehen werden. Ein Satz, der hängen bleibt. Ein Blick, ein Kuss, eine zufällige Berührung zwischendurch. Das Kind, das Geburtstage notiert, die nicht ihre eigenen sind. Das beiläufige Wir. Manchmal merkt man erst später, dass man längst dabei ist ein Team zu werden. Nicht, weil man es geplant hat, sondern weil man aufgehört hat, gegeneinander zu laufen. Und plötzlich fühlt sich alles selbstverständlich an.

Dienstag, Oktober 21, 2025

anker.

Es gibt Erlebnisse, die fühlen sich an, als gehörten sie jemand anderem. Wie eine fremde Geschichte im eigenen Kopf. Man erinnert sich an alles, aber nichts davon sitzt wirklich in der eigenen Haut. Fragebögen werden schnell und rational ausgefüllt, als würde Geschwindigkeit schützen. Das Gefühl bleibt draußen, wie durch eine Scheibe. Es ist ein Schutzmechanismus: Lieber Beobachter sein als Betroffene. Irgendwo weiß ich, dass es meine Geschichte ist. Aber sie fühlt sich an wie ein Film, bei dem ich nur zuschaue. Kein Versagen, kein Fehler, sondern ein ziemlich kluger Trick des Kopfes, damit der Alltag weiterläuft. Dissoziation. Der Kopf zieht einen Schleier, damit man atmen kann. Handlungsfähig bleiben, statt unterzugehen, weil das, was zu groß ist, erstmal ausgelagert wird. Vielleicht holt es einen irgendwann ein, vielleicht auch nicht. Es ist, wie es ist.

Im dritten Bogen steht die Frage nach Suizidgedanken. Ich bleibe an dieser Zeile hängen. Wussten Sie, dass über ein Drittel der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, laut internationaler Studien von Suizidgedanken berichten? Und etwa 13 Prozent einen Suizidversuch unternommen haben? Die Untermieterin ist mein unsichtbarer Anker, der alles hält. Felsenfest. Und dann gibt es Menschen, die nicht nachfragen, sondern einfach bleiben. Die die Schwere, die manchmal spürbar ist, nicht wegreden, aber auch nicht dramatisieren. Die einfach sagen: Ich bin für Dich zuständig, wir gehen den Weg gemeinsam. Mehr braucht es nicht. Am Ende bleibt dieser merkwürdige Trost, dass beides sein darf. Dass ich nicht erklären muss, warum es manchmal schwer ist, und trotzdem aus tiefstem Herzen lachen kann. Distanz und Nähe. Manchmal reicht das. Traumatherapie, here we come. Vielleicht zeigt sie am Ende genau das. Was bleibt, was geht, was irgendwann näher rückt und was nie ganz verschwindet.

ewig.

Man kann ziemlich lange so tun, als hätte man ewig Zeit. Entscheidungen werden auf einen Haufen gelegt, ordentlich geschichtet, nichts eilt, nichts drängt. Zeit genug, denkt man, bis alles von selbst verschwindet. Aber aufgeschobene Schnitte bleiben scharf, auch wenn man sie nicht sieht. Irgendwann muss man sich halt mal kümmern. Funktioniert erstaunlich gut, solange niemand nachfragt und das Leben im Provisorium okay ist, während draußen das Leben wartet. Am Ende ist es nur ein Gefühl, dass alles offen bleibt, weil niemand den letzten Schlüssel dreht. Die eigentliche Arbeit liegt in dem, was man nicht erledigt. Schnitte, die warten. Räume, die halb leer bleiben, weil noch zu viel Altes drinsteht. Irgendwann merkt man, dass man sich eingerichtet hat im Warten, dass kein neuer Anfang kommt, solange der letzte Schritt fehlt. Und dann sitzt man da, zwischen alten Kartons und dem Gedanken, dass das ja irgendwann noch geregelt wird. Nur irgendwann reicht’s nicht mehr und niemand lebt ewig. 

Montag, Oktober 20, 2025

loyalität.

Alte Geschichten, neue Rollen. Plötzlich steht jemand neben Dir und testet, wie stabil Dein Boden ist. Es geht selten um den Mann, fast nie um Liebe. Meistens um Bestätigung, Wert, Aufmerksamkeit. Wer sich selbst nicht genug ist, braucht den Blick von außen. Und manchmal reicht die eigene Bühne nicht mehr, dann wird beim anderen ausprobiert, ob da noch was zu holen ist. Das hat wenig mit Vertrauen zu tun und viel mit Angst, übersehen zu werden. Grenzen werden getestet, Loyalität steht auf dem Prüfstand. Wer bleibt, muss wissen, was es kostet. Und irgendwann entscheidet man: Freundschaft oder Frieden. Aber nie beides gleichzeitig.

alarmmodus.

Mein Körper weiß es vor mir. Nicht das Denken, nur die Sirene. Alles ruhig, sagt der Raum, aber innen läuft ein Protokoll. Herz im Alarmmodus, Haut als Sensor. Schweißgebadet. Die Luft zu scharf, die Stille zu laut. Kein Bild, keine Erinnerung, nur Mechanismus. Der Körper kennt Gefahren, die längst vergangen sind. Ich bleibe still, bis er versteht, dass nichts mehr brennt. Zähle meinen Atem wie Datenpunkte, warte, bis das Rauschen im Ohr nachlässt. Irgendwann wird es leiser. Nicht gut, nicht schlecht. Einfach weniger laut. Dann kann ich wieder schlafen, während irgendwo in mir jemand die Tür schließt und das Licht löscht.

Sonntag, Oktober 19, 2025

Zuhause

Manchmal ist das kein Ort, sondern ein Gefühl. Kein Dach, kein Schlüssel, kein fester Punkt auf der Landkarte. Sondern jemand, bei dem alles still wird. Da, wo kein Druck mehr ist, nichts erklärt werden muss. Wo Nähe nicht erst verhandelt, sondern einfach da ist. Man erkennt es daran, dass man nicht mehr sucht. Dass man ankommt, obwohl man nie wusste, dass man unterwegs war. Und wenn dieser Mensch „zu Hause“ sagt und eigentlich uns meint, dann versteht man leise, dass es zwar gerade erst beginnt. Nicht nur in Worten. Sondern in allem dazwischen. Und sich trotzdem schon nach viel länger anfühlt.

Freitag, Oktober 17, 2025

fragmente.

Zwei Felder, vermessen von Erinnerung und Widerstand. Keine Linie gerade, kein Verlauf berechenbar. und doch fließt alles ineinander, wie Wärme durch Metall. Ich war Länge, er war Takt. Aus meinen Fragmenten baute er keine Ordnung, sondern Atem. In seinen Sätzen war Raum, nicht Versprechen, eher die Möglichkeit, nicht mehr zu müssen. Wir sind kein Paar. Kein Muster, kein Modell. Sondern ein eigenes Gleichgewicht. Ein System aus gegenläufigen Strömungen, das sich selbst stabilisiert, weil wir beide wissen, was kippen heißt. Nähe ist Experiment, kein Fluchtpunkt. Ich lerne, dass Kontrolle nichts anderes ist als die schönste Form von Angst. Und er hat sie mir zurückgespiegelt, dass ich sie nicht mehr brauche. Wenn ich ihn ansehe, verliert der Raum kurz seine Schwerkraft. Nicht weil Liebe leicht wäre, sondern weil sie in diesem Moment keine Beweislast trägt. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man bleiben kann.

Mittwoch, Oktober 15, 2025

bestand.

In letzter Zeit merke ich, wie sich Dinge in mir verschieben, auch wenn nach außen alles gleich aussieht. Manche Routinen fühlen sich plötzlich fremd an, manche alten Sicherheiten tragen nicht mehr. Ich habe angefangen, mehr wegzulassen als dazu zupacken. Es geht nicht darum, alles neu zu machen, sondern leiser zu werden, klarer, vielleicht auch ehrlicher mit mir selbst. Veränderung fühlt sich selten an wie ein großer Schritt. Eher wie eine Reihe kleiner Entscheidungen, die man trifft, ohne sie groß auszusprechen. Was nicht mehr passt, bleibt zurück. Was bleibt, hat Bestand. Gerade reicht das.

Dienstag, Oktober 14, 2025

Buchstabenreserve.

Plan B ist der stille Zweitschlüssel unter der Fußmatte. Man legt ihn dort ab, falls man sich selbst aussperrt, und irgendwann vergisst, wie man eigentlich nach Hause kommt. Plan B riecht nach kaltem Rauch und aufgeschobenen Entscheidungen. Er steht in der Ecke, lehnt an der Wand, wartet auf den Moment, in dem Mut sich in Vorsicht verwandelt. Es ist eine Flucht auf Raten. Ein Rückzugsbunker, eingerichtet mit guten Argumenten und altem Misstrauen. Doch wer einen Plan B hat, bleibt nie bei Plan A. Er hält den Motor im Leerlauf, damit er nie stehenbleibt, und merkt nicht, dass Stillstand auch eine Richtung ist. Aus Plan B wird Plan C, dann D, und so weiter. Buchstabenreserven gegen den Absturz. 

Fluchtarchitektur, perfekt berechnet, statisch stabil, emotional gedämpft. Jede Ebene trägt die nächste, bis man vergisst, in welchem Stock man eigentlich wohnt. Sicherheit wird zum Labyrinth, gebaut aus Rückzugslogik und Restzweifel, mit Türen, die alle nach draußen führen. Pläne riechen nach Metall, nach laufenden Motoren, die nie losfahren. Wer immer Türen offenhält, steht nie wirklich im Raum. Irgendwann muss man den Schlüssel wegwerfen. Nicht aus Vertrauen. Sondern, weil man sonst ewig draußen bleibt. Plan A reicht. Alles andere ist Angst in schöner Verpackung. Loyalität ist kein Bonus.

Montag, Oktober 13, 2025

trotzdem.

Ich habe irgendwann aufgehört zu glauben, dass Menschen berechenbar sind. Das Leben hat mich gelehrt, jeder kann alles. Im Guten wie im Schlechten. Also rechne ich mit allem. Das schützt mich. Und es macht mich unbeeindruckbar. Wer jedem alles zutraut, wird selten überrascht. Man lässt nichts mehr wirklich nah ran, weil man innerlich schon weiß, wie’s ausgehen könnte. Es fühlt sich schlau an. Und sicher. Aber Sicherheit hat ihren Preis. Vertrauen passiert nicht automatisch. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eine, die man trifft, obwohl der Körper noch weiß, wie es war, als alles zusammengefallen ist. Ich übe das. Nicht blind, nicht romantisch, einfach realistisch. Angst gehört dazu. Ich weiß, wie sich Enttäuschung anfühlt. Und trotzdem lasse ich es zu. Denn Kontrolle schafft keine Nähe. Und irgendwann reicht’s, alle im Voraus schuldig zu sprechen. Ich denke, genau das ist der Punkt. Vertrauen, obwohl man es besser wissen müsste. Nicht hoffen, dass jemand bleibt, sondern zulassen, dass es überhaupt möglich ist.

Freitag, Oktober 10, 2025

schweigen.

Manche Menschen gehen nicht weg, sie verschieben sich. Ein Stück zur Seite, ein paar Stunden, einen Tag. Gerade so weit, dass man sie nicht mehr greifen kann. Sie nennen es Raum, Zeit zur Selbstregulation. Distanz als eine Form von Selbstfürsorge. Und während sie das sagen, prüfen sie, ob Du bleibst, ob Du wartest, ob Du das Aushalten kannst. Es ist kein Bruch, nur ein leises Entziehen bis die Wut sich legt, fast unscheinbar, aber Du spürst es im ganzen Körper. Manchmal ist Schweigen lauter als jeder Streit.

Donnerstag, Oktober 09, 2025

häutung.

Es war, als hätte ich etwas in mir jahrzehntelang eingesperrt. Fest verschnürt, tief vergraben, gut bewacht. Abgekapselt. Weggeschnitten. Und dann, neulich Abends, saß ich da mit einer meiner engsten Freundinnen, und plötzlich war da kein Halten mehr. Die Worte kamen einfach. Mit ihnen die Tränen. So viele Jahre Scham, Wut, Schmerz. Alles, was ich geglaubt hatte, längst kontrolliert zu haben, stand auf einmal im Raum. Nackt. Ungefiltert. Und zum ersten Mal war da kein Urteil. Nur Stille. Wärme. Verständnis. Schmerz. Und Tränen. Sie nahm meine Hände und weinte einfach mit. Es war, als würde ich mich häuten. Schicht für Schicht fiel etwas Altes von mir ab, etwas, das nicht mehr zu mir gehört. Ich fühlte mich wund und roh und gleichzeitig freier als je zuvor.

Vielleicht ist Heilung genau das. Nicht ein großes Verzeihen oder Vergessen, sondern dieser stille Moment, in dem man sich selbst wieder spürt und einfach anfängt hinzuschauen, was es mit einem gemacht hat und was geblieben ist. 

Mittwoch, Oktober 08, 2025

anatomie.

Das feine Vermessen von Schmerz, Zentimeter für Zentimeter. Ein Wort zu viel und irgendwo tief im Körper zuckt etwas, das längst weiß, was hier passiert. Ein stilles Wissen darum, was trifft. Nichts davon ist Zufall. Es ist das Prüfen, wie weit sich Nähe dehnen lässt, bevor sie reißt. Ein stilles Experiment mit Herzfasern. Und während der andere noch lächelt, wird im Inneren längst gezählt, wie oft man sich selbst verschlucken kann, bevor man verschwindet.

Montag, Oktober 06, 2025

richtung.

Es gibt Begegnungen, die schleichen sich wie Echo ein. Kaum hörbar, aber sie bleiben. Zwei Menschen kreisen umeinander, wie Planeten mit eigenem Orbit, angezogen und doch vorsichtig, damit nichts kollidiert. Einer wagt Nähe, der andere zieht Linien in den Sand. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vorsicht. Weil das, was entstehen könnte, größer wirkt als das, was man kontrollieren kann. Zwischen ihnen nichts Lautes, nur ein stetiges Knistern, das nie ganz verschwindet. Man nennt es Abstand, dabei ist es ein Tanz. Ein Vor und Zurück, ein unmerkliches Ziehen unter der Haut. Zu früh, zu spät, zu nah, zu weit. Und irgendwann, ganz leise, ohne großes Zeichen kippt die Achse. Die Bewegung hört auf, das Muster bleibt stehen. Zwei Linien, die nie füreinander gedacht schienen, zeichnen plötzlich dieselbe Richtung. Kein Knall. Kein Feuerwerk. Nur ein stilles, unausweichliches "Jetzt“.

Sonntag, Oktober 05, 2025

entscheidung.

Liebe ist kein glattes Feld. Manchmal stolpert man über Kanten, die man selbst gelegt hat. Über Gedanken, die zu laut sind, Gefühle, die zu tief greifen und Mauern, die man längst hätte einreißen können. Es gibt Tage, da bin ich Sturm statt Wind, eine Welle, die zu hoch schlägt, ein Feuer, das zu nah kommt. Und trotzdem bleibst Du. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil Du siehst, was bleibt, wenn der Sturm sich legt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Entscheidung. Jeden Tag. Und irgendwo dazwischen entsteht das, was man Liebe nennt. 

Samstag, Oktober 04, 2025

linien.

Manchmal laufen zwei Linien jahrelang nebeneinander, ohne sich zu berühren. Sie kreuzen Wege, verlieren sich aus dem Blick, ziehen ihre eigenen Kreise. Und irgendwann – viel später – merkt man, dass sie in die gleiche Richtung wollten.

Freitag, Oktober 03, 2025

hip hip hooray!

Die Untermieterin wird heute 14. In Worten: vierzehn! Keine Ahnung, wann das passiert ist. Gestern war ich doch noch schwanger und dieses Kind mit den wilden blonden Locken und der süßen Stimme lag plötzlich in meinen Armen. Ich erinnere mich, wie mir an diesem sonnigen Sonntagmorgen die Fruchtblase sprang und diese kleine Rakete es sich in letzter Sekunde anders überlegte, nochmal falsch herum drehte - und dann seelenruhig weiterschlief, anstatt beim Auszug aktiv mitzuwirken. Nach über 25 Stunden Wehen war ich kurz davor, wirklich alles hinzuschmeißen und lieber in eine Bar zu gehen und mir einfach einen Drink zu genehmigen. Dann war sie endlich da. Und ich einfach nur sehr erleichtert, dass diese Schmerzen vorbei waren.

Und jetzt? Jetzt ist sie ein Teenager. Sie nennt mich regelmäßig „Mutter“, wenn sie mich ärgern will. Benutzt neuerdings Wimperntusche, trägt bauchfreie Tops, stylt wirklich jedes Outfit und rollt die Augen, als wäre es ein Sport. Und trotzdem braucht sie noch so viel Liebe, Nähe und Rückversicherung, auch wenn sie sich manchmal schon ein bisschen zu cool dafür fühlt. Neulich in der Stadt erklärte sie mir mit ernster Miene, dass sie ab sofort meine Hand nicht mehr in der Öffentlichkeit nehmen könne, falls uns Kids aus der Schule begegnen. Meistens vergisst sie es aber schnell wieder und greift doch nach meiner Hand. Mal sehen, wie lange noch. Ich halte sie, solange ich darf.

Es ist verrückt, wenn ich sie anschaue und mich selbst in ihr sehe. Sie sieht aus wie ich in ihrem Alter – nur klüger, witziger, empathischer. Sie reift zu einer wunderbaren Persönlichkeit heran. Mein kleiner Nerd. Ich liebe unsere Gespräche, ihr Lachen, ihre Gedankengänge. Ich sehe, wie sie sich selbst findet, ihre Fähigkeiten begreift, wie sie mutiger wird, wie sie die Welt erobert. Und ich weiß, sie wird ihren Weg gehen.

Es ist schon wild, wenn ich auf den Weg zurückschaue, den wir gegangen sind die letzten Jahre. Ich habe mir so oft Sorgen gemacht, ob ich das alles allein schaffe. Ob sie heil bleibt. Ob wir heil bleiben. 7,5 Jahre nur wir zwei. Nächte voller Fragen, Tage voller Verantwortung. Und heute sehe ich uns und denke nur: „Verdammt, wir haben das richtig richtig gut gerockt.“ Wir sind so ein krasses Team. Und ja, unser Team ist ein Stück gewachsen dieses Jahr und selbst das läuft besser, als ich es mir hätte wünschen können. Es fühlt sich so natürlich an, als hätte es nie anders sein sollen. Wir sind einfach solche Glückskinder. 

Hip hip hooray, Du Rakete! 

Donnerstag, Oktober 02, 2025

momente.

Am Ende sind es nicht die großen Tage, die uns tragen. Es sind diese kleinen Augenblicke, die oft unbeachtet bleiben und doch alles ausmachen. Das gemeinsame Lachen, wenn etwas nicht so klappt, wie es soll. Ein kurzer Blick, der mehr sagt als tausend Worte. Der Moment, in dem eine Hand ganz selbstverständlich die andere findet. Das gemeinsame Abendessen bei gewöhnlichen Gesprächen, auch wenn es nur Pizza aus dem Karton ist. All das wirkt nach. Nicht, weil es besonders spektakulär ist, sondern weil es authentisch ist. Weil es zeigt, dass Nähe nicht in Feuerwerken liegt, sondern im Miteinander, das sich selbstverständlich und so normal anfühlt. Ein Gefühl von Zuhause entsteht nicht in Pracht, sondern in diesen scheinbar unscheinbaren Momenten, in denen man spürt: ich bin gesehen, ich bin gemeint, ich gehöre dazu.

projektionsfläche.

Ungerecht behandelt zu werden, tut weh. Vorwürfe schneiden am tiefsten, wenn man weiß, dass man loyal ist und das immer wieder gezeigt hat.

Es passiert schnell, dass man nicht mehr als Mensch gesehen wird, sondern als Projektionsfläche. Dann zählen nicht mehr die eigenen Worte oder Handlungen, sondern nur noch die Schatten der anderen. Unsicherheiten, Ängste, alte Geschichten. All das landet plötzlich bei einem, obwohl es gar nicht das Eigene ist. 

Samstag, September 27, 2025

protokoll.

Ich lag da. Und alles wurde stumm. Nicht leise, stumm. Kein Schrei, kein Flattern, nur das helle Summen hinter der Stirn. Das Flimmern in den Ohren, wenn Blut zu laut wird. Die Welt lief weiter. Ich nicht. Klebte zwischen zwei Atemzügen fest, die nichts mehr wollten. Hände ohne Auftrag. Haut ohne Grenze. Ich war nicht dabei. Nur noch ein Blick von außen auf etwas, das mal Ich war. 

Stillstand schmeckt nach Metall. Nach Raum ohne Wände. Kein Ja. Kein Ich. Kein Davor. Nur dieses Ausgeliehen-Sein. Entkoppelt. Entrückt. Der Körper wurde abgelegt, der Wille mit ihm. Die Zeit lief aus. Später dann: Protokoll. Lächeln wie ein Reflex. Schritte auf bekanntem Boden mit unbekannten Knochen. Haut wie Theaterstoff. Bewegungen auswendig gelernt. Der Schlaf meidet mich, wenn es dunkel wird. Weil der Körper mehr erinnert als der Kopf erlaubt. Dann flackert es unter dem Brustbein. Lautlos. Rückwärts. Ich tue dann, was man eben tut, zusammensetzen, richten, weitermachen. Man sieht es nicht. Man soll es nicht.

Manchmal, wenn es still wird, zu still, kriecht sie zurück die Ohnmacht. Ohne Bild, ohne Ton, aber mit Gewicht. Sie hockt im Zwerchfell, zieht die Schultern tief. Und dann weiß ich wieder, wie sich nichts anfühlt. Wie alles kippt, wenn niemand hält. Nur kurz.

Freitag, September 26, 2025

mut.

Mut ist selten laut. Kein Instagram-Motto. Mut ist nicht das große Auftreten, nicht die Show, nicht die große Geste. Mut zeigt sich im Kleinen. Wenn man bleibt, obwohl man weglaufen möchte. Wenn man ausspricht, was man eigentlich am liebsten verschweigen will. Wenn man die eigenen Schatten ansieht, anstatt sie noch eine Schublade tiefer zu drücken.

Mut ist auch, nicht immer stark sein zu müssen. Schwach zu wirken, zu stolpern, weinen, Fragen zu stellen, ohne Antworten zu haben. Das auszuhalten, braucht mehr Kraft als jeder Panzer. Mut heißt, die Kontrolle fallen zu lassen. Einen Schritt zu machen, ohne Netz, ohne Garantie. Nicht zu wissen, ob etwas gut geht, und es trotzdem zu wagen. In der Liebe. Im Job. Im Leben. Am Ende ist Mut kein Kampf gegen die Angst, sondern der Entschluss, trotz der Angst zu handeln.

Donnerstag, September 25, 2025

schritte.

Sie zählt Schritte, nicht Silben. Worte haben ihren Kurs verspielt – zu oft zu viel versprochen, zu selten eingelöst. Sie hört zu, ja, aber was hängen bleibt, sind die Lücken dazwischen. Die Pausen. Die Stille danach. Sie schaut nicht mehr darauf, was jemand sagt. Sondern wohin er sich bewegt, wenn es unbequem wird. Sie hat gelernt, dass man Nähe nicht sagen kann. Man muss sie gehen. Dass echte Absichten keine großen Erklärungen brauchen, sondern kleine Entscheidungen, die man sieht. Denn Sätze wiegen nichts, wenn sie keinen Boden unter den Füßen haben.

Mittwoch, September 24, 2025

brandmelder.

Sie geht durchs Leben, als würde sie die Brandmelder rausdrehen, während es längst brennt. Alles klappt hoch: Vergangenheit, Existenz, Liebe. Sie lacht darüber, weil Lachen leichter ist als schreien. Sarkasmus als Panzer, Witz ihr Messer. „Kein Problem“, sagt sie, wissend, dass genau da das Problem liegt.

Sie will Nähe, und sobald sie spürbar wird, stößt sie dagegen, testet die Festigkeit, so als müsste sie prüfen, ob sie trägt. Sie schickt Mittelfinger als Herz, Herzen als Fragezeichen. Ihre Eifersucht tarnt sie als Pointe, dabei ist sie der Beweis, dass ihr etwas verdammt wichtig ist. Ihre Narben trägt sie wie Glitzer, doch der Schnitt darunter bleibt sichtbar. Sie lacht laut, wenn es wehtut und stellt Fragen wie Scherze, deren Antworten mitten ins Herz treffen. Sie will Sicherheit und zündet genau im Moment, wo sie greifbar scheint, ein Feuerwerk aus Zweifeln.

Souverän, ironisch, unnahbar und heimlich hofft sie, dass jemand bleibt, wenn die Show vorbei ist. Dass jemand den Schnitt sieht, nicht nur den Glitzer. Dass jemand sie aushält, roh, kryptisch, widersprüchlich. Unbequem. Die andere Seite ist weich, liebevoll, verletzlich, verbindlich. Sie will ankommen, nicht ständig kämpfen. Die Härte schützt die Weichheit, die Weichheit macht die Härte erträglich. Sie ist nicht entweder-oder. Sie ist all das auf einmal. 

gleichzeitigkeit.

Es ist, als würde das Leben alle Schubladen gleichzeitig aufreißen. Dinge, die jahrelang sorgfältig verschlossen waren, fliegen hoch. Das, was verdrängt wurde, kracht zurück ins Bewusstsein wie ein Schlag. Und während die Vergangenheit schreit, drückt die Gegenwart von allen Seiten. Schonungslos. 

Sonntag, September 21, 2025

ego.

Wenn nichts bleibt, wird Lärm zum letzten Halt. Man wirft Schatten auf Wände, in der Hoffnung, jemand glaubt, es sei Substanz. Nährt sich vom Widerhall, nicht vom Wort. Und wenn das Echo ausbleibt, schreit das Ich in Bildern, die keiner mehr sieht. Kein Spiegel, kein Halt, nur das Flackern eines Egos, das sich selbst nicht halten kann.

Donnerstag, September 18, 2025

reflexe.

Manche Schnitte bluten nicht mehr. Aber sie schreiben weiter. Unter der Haut. In den Reflexen. Im Zucken vor der Berührung. In der Pause, bevor man antwortet. Es sind nicht die Narben, die schreien. Es ist das Echo der Stelle, an der man damals beschlossen hat, nie wieder weich zu sein. Man hat gelernt, Türen zuzuhalten. Und dann steht da einer, der nicht drückt. Und plötzlich spannt alles dagegen.

Montag, September 15, 2025

bewegung.

Einige Wege beginnen nicht mit einem Schritt, sondern mit dem Innehalten. Mit dem Moment, in dem man nicht mehr wegschaut. Bewegung ist selten laut. Sie raschelt. Schiebt sich durch Gedanken, legt sich unter die Haut, verlagert Gewichte. Und plötzlich rücken Dinge zurecht, die sehr lange schief standen. Man tut nichts und tut alles. Es ist kein Rennen. Kein Sprint. Kein „jetzt oder nie“. Es ist das leise Neigen der Richtung. Das Auflösen von Ausreden. Das Erkennen, dass Stillstand vielleicht temporär bequemer, aber nicht wahr ist. Man verwechselt Stille mit Gleichgültigkeit. Warten mit Bequemlichkeit. Und das Nicht-in-die-Gänge-kommen mit einem „Will nicht“. Dabei brodelt es längst.

Bewegung beginnt oft dort, wo man sie nicht sieht. Wenn der innere Kompass zittert. Wenn jeder Schritt wie ein Verrat an der alten Ordnung wirkt. Wenn das Neue ruft, aber das Alte noch zu laut ist, um es zu ignorieren. Manchmal ist Nicht-Handeln das Ergebnis von zu viel. Nicht zu wenig. Zu viele Stimmen, zu viele Erwartungen, zu viele verknotete Erinnerungen. Und doch: Es bewegt sich. Langsam. Leise. Vorwärts.

Montag, September 08, 2025

frost.

Es gibt Tage, da fühlt sich Verantwortung an wie eine alte, vertraute, viel zu schwere Jacke. Sie zieht sie morgens an, weil sie nicht weiß, wie sie ohne sie das Haus verlassen soll. Man gewöhnt sich an das Gewicht, bis man den Unterschied kaum noch spürt. Nur nachts, wenn alles leise wird und niemand hinsieht. Die Luft ist kühl. Draußen schläft die Stadt, drinnen tobt das Denken. Die Gedanken kreisen im Raum, bodenlos und ohne Namen. Es wäre so leicht, einfach zu verschwinden. Aber da ist jemand, für den man bleibt. Ein Herz, das nicht nur das eigene ist. Das Leben ist ein geputztes Glas, randvoll mit Pflichten, feine Risse, die niemand sieht. Sie übt das Schweigen, lächelt sich durch alle Fragen, hält alles zusammen, hält alles aus. Manchmal glaubt sie, der Frost im Herzen sei das Einzige, was sie schützt. Sie zählt die Atemzüge, einen nach dem anderen, leise, zäh. Man nennt das wohl Stärke. Sie nennt es Überwintern. Vielleicht ist der größte Mut, zu bleiben, zu atmen, zu warten, bis die Tür irgendwann wieder zufällt und die Kälte langsam auszieht.

Sonntag, September 07, 2025

alte muster.

Sie trägt ihre Rüstung aus Selbstbeherrschung und schweigt, macht alles mit sich allein aus, während das Herz leise und wild tobt. Manchmal ist ihre größte Kunst, dass niemand merkt, wie müde sie eigentlich ist. Sie lächelt höflich. Man nennt das wohl Stärke. Da sind sie - die alten Muster. Willkommen zurück!

Dienstag, September 02, 2025

pommes und wein.

Gestern: Pommes & Wein. Ich liebe alles daran.
 
Jetzt, ein paar Monate später, gehst Du mit ihm an dieser einen Stelle vorbei, und plötzlich ist da eine Geschichte, die weitergeht. Dieses - weißt Du noch, wie wir da standen und beide dachten, "Das war’s. Den/ Die sehe ich höchstwahrscheinlich nie wieder.", als jeder in seine Richtung ging? Ich glaube, wir haben damals beide nicht geahnt, dass dieser eine letzte Kuss eigentlich der erste war. Manchmal ist das Leben einfach so viel besser als jede Theorie.

Samstag, August 30, 2025

spiegel.

Wer sagt, er hätte keine Angst vor der eigenen Medizin, hat sie noch nie geschluckt. Wir drehen das Bild um, drehen es weiter, bis beide Seiten gleich scharf sind. Nicht aus Bosheit oder Vergeltung. Nur aus Sehnsucht nach Gleichstand. Ich will nicht gewinnen. Nur, dass keiner verliert.

Freitag, August 29, 2025

handstand.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte all die unsichtbaren Protokolle des Alltags einfach an die Tür hängen, wie eine Quittung. Es gibt diese Tage, an denen ich das Gefühl habe, mein Leben bestünde aus Zwischenräumen. Zwischen Schultür, Firma und Zahnarzt. Zwischen Bergen aus Wäsche oder Pappe, Listen, Gesprächen, Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Pubertätskrisen, dem Lachen, endlosen kleinen To-dos, den Nerven und der Liebe. Die Gedanken, wie man alles zusammenhält.

Niemand sieht, wie viele Kilometer man innerlich läuft, bevor überhaupt jemand klingelt. Manchmal rede ich mit einer Wand, manchmal mit dem Universum, meistens mit mir selbst. Ich kenne alle Abläufe, die Abkürzungen und Umwege, habe einen geheimen Masterplan für jedes Chaos. Zeit vergeht, Kinder werden älter, Gewohnheiten laufen mit - auf Zehenspitzen. Es sieht von außen aus wie Alltag. Es fühlt sich regelmäßig wie ein Handstand auf nassem Grund an. Ich bin zwischen Routinen und Revolutionen. Es gibt keine Pointe, keinen Applaus. Nur diesen kleinen Moment, wenn ich merke, dass ich mich selbst nicht verliere, während ich halte, was gehalten werden muss.

Nicht mehr. Und nicht weniger. Es geht nicht um Heldenmut oder Opferrolle. Sondern um Ehrlichkeit. Die Müdigkeit, die bleibt.

Donnerstag, August 28, 2025

wachstum.

Es gibt Tage, da ist Mut nichts Lautes, nichts, was in den Raum poltert und mit der Faust auf den Tisch haut. Mut ist sehr oft leise, duckt sich in den Zwischenraum zwischen Angst und dem nächsten Schritt. Wächst wie Unkraut durch den Asphalt, ungewollt und trotzdem da. Es ist nicht die große Geste, sondern dieses schmale Zucken in der Magengegend, kurz bevor Du etwas tust, was Du noch nie getan hast.

Wachstum fühlt sich selten an wie Fortschritt. Es brennt, dehnt sich, macht Dich klein, bevor es Dich wachsen lässt. Am Anfang sieht man nichts, außer Zweifel und diesen albernen Reflex, zurück zu wollen in das, was sicher war, selbst wenn es schon längst zu eng geworden ist. Alte Haut, alter Trott, alles bekannt, alles bequem. Mut bedeutet, das alles trotzdem zu sprengen. Wachsen heißt, den eigenen Schatten nicht mehr als Warnung zu nehmen, sondern als Beweis, dass da Licht ist. Mutig sein heißt, immer wieder aufzustehen, auch wenn man keine Garantie auf ein Happy End hat. Es ist die Bereitschaft, mit Schrammen weiterzugehen und aus ihnen Wurzeln zu machen.

Niemand feiert, wie langsam das wirklich ist, dieses innere Nach-vorne-Schieben. Niemand klatscht Applaus, wenn Du Dich einfach nicht unterkriegen lässt. Aber irgendwann drehst Du Dich um und siehst, was Du alles hinter Dir gelassen hast. Dann bist Du plötzlich nicht mehr die, die Angst hatte, sondern die, die losgegangen ist. Und irgendwo zwischen Loslaufen und Ankommen liegt der eigentliche Mut. Nicht alles wissen müssen, aber trotzdem weitergehen. Egal wie wild der Boden schwankt. Egal, wie oft Du stolperst. Weil Wachstum nie bequem ist.

Dienstag, August 26, 2025

orbit.

Manchmal ist es ganz einfach. Ich mag genau das, was ist. Ich spüre ihn, alles an ihm, und jedes Wiedersehen fühlt sich wie Heimkommen an. Dann wird alles innen drinnen ganz ruhig. Dieses Mal war das Vermissen körperlich, hat sich in meine Haut gelegt. Ich will nicht nochmal so lange ohne ihn sein, das weiß ich jetzt. Und dann sitzen wir zu dritt am Tisch. Und die Untermieterin und der Mann reden über Planeten und schwarze Löcher, und ich lehne mich zurück und merke, wie normal es sich anfühlt, wie leicht. Ich liebe alles daran. Dass wir über einen gemeinsamen Urlaub sprechen. Dass meine Tochter ihn mag, weil er sie ernst nimmt und Fragen stellt, weil sie zusammen Quatsch machen und gleichzeitig ernsthaft sinnieren können. Das ist für mich das größte Geschenk. Das Glück ist gar nicht laut, sondern leise, schleicht sich in die Routinen, in die Gespräche, in das gemeinsame Lachen und Pläne machen. Ich will mehr davon. Genau so.