Montag, Dezember 29, 2025

alle Jahre wieder.

Familienweihnachten. Wir haben es überlebt. Es war so schön unaufgeregt und normal. Jedes Jahr dasselbe Ritual seit 2017. Das Familien-Foto. Alle versammeln sich, irgendjemand schreit nach „mehr Licht“, manchmal wankt ein betrunkener Weihnachtsmann durchs Bild und am Ende wird das Ganze - natürlich - aus dem falschen Winkel aufgenommen. Von unten. Immer von unten. Wir brauchen ein Stativ oder einen Selfie-Stick! Aber irgendwas ist ja immer. Bruder Eiskalt zeigt dem Mann das Foto vom letzten Jahr und scherzt, dass sie den Typen vom letzten Weihnachten einfach am Rand neben mir weggeschnitten hätten. Daraufhin setzt er sich demonstrativ mit mittig ins Bild zu mir und meint: „Diesmal wird’s richtig schwierig, mich wegzuschneiden.“ Dann werde ich ihn wohl einfach behalten.

Sonntag, Dezember 28, 2025

kunst.

Ich habe beschlossen, dieses Jahr nicht weiter groß zu bilanzieren. Keine Listen, keine großen Erkenntnisse, kein großartiges „Was nehme ich mir für 2026 vor?“. Wir basteln nur unsere Visionboards. Ich glaube, das Jahr war einfach genug. Es war richtig anstrengend und voll, aber gleichzeitig auch oft richtig schön.

Zwischen Weihnachten und Neujahr ist dieser seltsame Raum, in dem man theoretisch alles könnte, aber praktisch nichts muss. Man denkt kurz, man könnte aufräumen, durchatmen, neu anfangen und dann sitzt man einfach mit einem Tee auf dem Sofa und starrt auf einen Punkt, der kein Ziel hat. Ich mag das. Diese Tage sind wie ein Puffer zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Kein Drama, kein Optimierungsdrang. Nur Zeit. Und das ist erstaunlich viel, wenn man sie nicht direkt schon wieder verplant. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst. Mal nichts zu planen. Nichts zu müssen. Sich selbst einfach kurz nicht im Weg zu stehen.

Samstag, Dezember 27, 2025

heimat.

Man fährt „nach Hause“ und merkt, dass das gar kein Ort mehr ist. Eher ein Gefühl, das manchmal kurz aufblitzt, wenn der alte Geruch aus der Kindheit aufsteigt oder jemand denselben Witz macht wie früher. Der Tisch ist noch da, der Ton auch, nur die Rollen haben sich verschoben. Es ist jedes Jahr dasselbe. Man kommt an, packt die Tasche in ein altes Zimmer, das längst jemand anderem gehört, und versucht, sich selbst in einer Version wiederzufinden, die hier mal gewohnt hat. Das klappt nur halb. Die Tapete ist dieselbe, man selbst nicht. Und trotzdem hat es etwas Beruhigendes. Man weiß, wo der Lichtschalter ist und wie sich die Stille anhört. Heimat ist nicht immer das, was warm macht. Manchmal ist es einfach das, was man aushalten kann, ohne zu flüchten. Vielleicht ist das auch okay so. Man muss nicht mehr dazugehören, um angekommen zu sein. Manchmal reicht es, wenn man da ist, den Blick schweifen lässt und weiß, hier komme ich her. Aber hier bleibe ich nicht.

Freitag, Dezember 26, 2025

ein Jahr.

Manchmal holt mich der letzte Winter ein. Ich sehe plötzlich wieder diesen Flur vor mir, das Pflegeheim, in das meine Oma kurz vor Weihnachten gezogen war. Der Geruch nach Desinfektion, die zu warmen und kleinen Räume. Die Stille, in der jeder Ton wie ein Echo klang. Sie saß da, kleiner als ich sie in Erinnerung hatte, aber temporär mit derselben Kraft in den Augen, mit der sie mich mein Leben lang angesehen hat. Ihre kleinen Hände, die meine festgehalten haben, als hätte sie Angst, ich würde gleich wieder verschwinden. Sie hat mich angestrahlt und sich so sehr gefreut, uns zu sehen. Sie war so dankbar über jeden Moment, den wir hatten, und ich war so überfordert von der Endlichkeit, die plötzlich überall hing. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich sie gedrückt habe. Sehr sehr oft.

Als ich mich verabschiedete, hat sie meine Hand festgehalten, als würde sie mich nicht mehr loslassen wollen. Und ich weiß noch, wie mich dieser Griff innerlich völlig zerlegt hat. Wie viel Liebe da drin lag. Wie viel Angst. Wie viel Abschied, den keiner von uns aussprechen wollte. Am Abend habe ich mich hingesetzt und einen Brief geschrieben. Und dabei geweint. Es floss nur so aufs Papier. Und ich weiß noch, ich hatte dieses Gefühl, dieses stille, unlogische Wissen, dass er jemand ist, den ich ihr gern vorgestellt hätte. Von dem ich ihr erzählen wollte. Ich glaube, ich habe geschrieben, dass er sie mögen würde. Sie hätte gesehen, was ich gerade erst begann zu ahnen. Und ich habe geweint, weil mich dieser Tag ausgelaugt hat und gleichzeitig so voll gemacht hat mit allem, was man nicht in Worte bekommt, ohne dass sie wehtun.

Ein paar Tage später war sie tot. Einfach so. Plötzlich. Ohne dass ich ihr erzählen konnte, was in meinem Leben gerade passiert. Ohne dass ich von ihm erzählen konnte. Sie hat immer im Spass gesagt, „wenn der Richtige kommt und Du doch mal heiratest, dann werde ich Dich übergeben.“ Ein Satz, den man sagt, weil man denkt, man hat ewig Zeit. Ich war zu langsam. Und das werde ich für immer bedauern. Wirklich immer. Eine dieser Wunden, die nicht bluten, aber trotzdem brennen. Keine Zeit mehr für Geschichten. Keine Zeit mehr für Zukunft. Ach verdammt, Du fehlst mir jeden Tag. Deine Ruhe. Dein tiefes Vertrauen in mich, dass ich das schon mache.

Und heute sitze ich hier - ein Jahr später - und er sitzt neben mir. Küsst mich, hält meine Hand und lächelt mich an. Kein Brief. Keine Distanz. Ganz im Gegenteil. Und ich denke, dass es vielleicht genau das ist, was ich ihr so gern erzählt hätte, dass da jemand ist, der mich hält. Das hätte sie so richtig doll gefreut und glücklich gemacht. Ach verdammt. Kennt ihr das? Zu spüren, wie voll das eigene Herz ist und gleichzeitig ist da so eine Traurigkeit. Beides im selben Moment. 

Donnerstag, Dezember 25, 2025

zwischenraum.

Es ist diese Zeit im Jahr, in der alles ein bisschen leiser wird. Die Tage verschwimmen, die Nachrichten verlieren an Wichtigkeit und selbst der Kalender ist kurz egal. Wir sitzen im Zug in die Heimat, die Landschaften ziehen am Fenster vorbei. Zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr hängt die Welt in einer Art Zwischenraum - nicht mehr ganz hier, noch nicht dort. Ich mag diese Stille. Auch wenn sie manchmal unbequem ist. Sie legt Dinge frei, die man im Alltag erfolgreich übertönt. Gedanken, die sich vordrängeln, sobald das Außen mal keine Ablenkung bietet. Man könnte sagen, die Stille hat kein Taktgefühl. Sie kommt immer genau dann, wenn man sie nicht eingeplant hat. Und trotzdem ist sie wichtig. Sie sortiert. Sie macht Platz für das, was bleiben darf und zeigt, was gehen kann.

Es ist die Zeit, in der man beim Fahren aus dem Fenster sieht, auf die leeren Straßen, die Gedanken schweifen lässt und plötzlich merkt, dass man innerlich gerade irgendwo ankommt. Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk dieser Tage. Kein großes Besinnen, kein Vorsatz. Nur ein kurzer Moment, in dem man nichts muss. In dem man einfach da ist, still, unaufgeregt, wach. Und tief durchatmet.

Mittwoch, Dezember 24, 2025

Frohe Weihnachten!

Ihr Raketen, Weihnachten kam schneller, als meine Stimmung mithalten konnte, und meine festliche Energie ist irgendwo hängen geblieben. Ich habe irgendwann mal aufgehört, nach diesem Gefühl zu suchen, das angeblich dazugehören soll. Dieses „Besinnliche“, das nie kam, egal wie viele Kerzen gebrannt haben. Vielleicht liegt der Reiz genau darin, dass nichts Außergewöhnliches passieren muss. Naja vergessen wir den Perfektionismus! Es sind die kleinen Dinge, die tragen und im Herzen bleiben. Ich mag dieses unaufgeregte Weihnachten. Ohne Druck, ohne Erwartungen, ohne das ganze Drumherum, das so oft lauter ist als das, worum es eigentlich geht. Am Ende zählt, dass man Zeit miteinander teilt. Und dass da Menschen sind, bei denen man nichts leisten muss, um richtig zu sein.

Ich wünsche euch ein paar richtig gute Tage mit Menschen, die ihr gern um euch habt. Mit tollen Gesprächen, Stille, die aushaltbar ist, und Momenten, die euch kurz vergessen lassen, was alles laut ist. Lasst das große Besinnliche ruhig weg. Genießt stattdessen das Kleine, das Unaufgeregte, das Reale. Seid vor allem gnädig mit euch selbst. Macht’s euch schön, wie’s passt und wenn gar nichts passt, dann wenigstens warm.

Be realistic, expect miracles!

Dienstag, Dezember 23, 2025

tradition.

Weihnachten 2024 in einem Café in Berlin. Eine Frühstücksetagere mit mehr Leckereien, als zwei Menschen essen können. Wir hatten gute Gespräche, haben gelacht und an einer Stelle kurz geweint. Es ist immer wieder schön, wir sind mittlerweile seit fast 20Jahren befreundet. Und dann fragte meine Freundin neugierig nach ihm. Ich tat das, was ich am besten kann. Ausweichen, lächeln, Thema wechseln. Ich sagte nur, ich hätte dieses leise Gefühl, dass das grundsätzlich richtig gut passen könnte, aber eben nur ein Gefühl. Ich habe mir selbst nicht vertraut und weiter Abstand gehalten. Vorsicht schlägt Intuition, man kennt es. So schlau!

Und jetzt. Weihnachten, ein Jahr später. Wir halten an unserer Tradition fest und treffen uns in der Heimat, wenn ich da bin. Nur mit einer winzig kleinen Ergänzung, die ich letztes Jahr nicht mal im Entferntesten eingeplant hätte. Diesmal bringe ich ihn einfach mit. Man kann ja viel planen. Aber manchmal schlägt das Leben die besseren Bögen. Auch wenn ich's erst sehr spät kapiert habe. Verrückt. Wenn ich so darüber nachdenke, hat das eine gewisse Situationskomik.

Sonntag, Dezember 21, 2025

waxing.

Meine Weihnachtswoche startet Montag 09:00 Uhr beim Waxing. Sie waxt morgen ihre Stammkundinnen im Akkord - danach fliegt sie nach Brasilien für die nächsten 8Wochen. Ich sag’s, wie’s ist. Das ist kein Beautytermin. Man liegt da, in einer Haltung, die sonst nur Orthopäden sehen und denkt sich: "Warum tue ich mir das jedes Mal an?" Dann reißt es und man weiß wieder, warum. Weil Kontrolle über’s eigene Schmerzlevel irgendwie auch Selbstachtung ist. Wer das übersteht, braucht kein Meditationstraining. Und ja, Hochleistungssport hat viele Gesichter. Außerdem gibt es kaum etwas Absurderes, als über geopolitische Themen zu diskutieren, während Dir jemand die Po-Falte enthaart. Ich liebs. In diesem Sinne startet gut in die letzten Tage! Ich muss danach zurück an den Schreibtisch. 

grenzen.

Ich habe lange gedacht, Grenzen wären etwas, das man nur braucht, wenn man sich schützen muss. Ein Notfallmechanismus, sozusagen. Heute weiß ich, sie sind der Rahmen, in dem ich überhaupt erst existieren kann. Keine Abwehr, einfach die Struktur, die mich zusammenhält. Grenzen haben sich bei mir nicht theoretisch entwickelt, sondern praktisch. Sie sind das Ergebnis von Momenten, in denen ich mich verloren habe, weil ich zu lange viel zu viel gegeben habe. Ich war offen, zugänglich, aufnehmend bis ich irgendwann gemerkt habe, dass Offenheit ohne Filter keine Stärke ist, sondern Selbstaufgabe.

Ich habe gelernt, dass Grenzen nichts mit Distanz zu tun haben. Sie sind kein Nein zur Welt, sondern ein Ja zu mir. Sie sind nicht das Ende von Verbindung, sondern ihre Voraussetzung. Denn ohne Grenze weiß niemand, wo Nähe endet und Übergriff beginnt. Menschen verwechseln Grenzen oft mit Härte. Besonders dann, wenn man sie ruhig zieht. Wenn man nicht mehr diskutiert, nicht mehr erklärt, nicht mehr rechtfertigt. Aber das ist kein Mangel an Empathie. Es ist Klarheit. Ich habe keine Lust mehr, meine Energie an Stellen zu verschwenden, die mich leer machen.

Grenzen sind kein Luxus für sensible Seelen, sie sind Überlebensstrategie in einer Welt, die Dich permanent dazu einlädt, Dich zu überfordern. Sie helfen mir, zu unterscheiden, was wirklich meins ist und was Projektion, Manipulation oder schlicht die Bedürftigkeit anderer. Ich habe verstanden, dass mein System - Körper, Psyche, Intuition - ziemlich genau weiß, wann etwas zu nah kommt. Früher habe ich das übergangen. Heute nehme ich dieses Signal sehr ernst. Das kleine innere Ziehen, die Müdigkeit nach einem Gespräch, der Moment, in dem ich merke, dass mein Atem flacher wird. All das sind Grenzen in feiner Sprache.

Boundary Empowerment klingt so groß, fast modisch und inflationär, aber im Kern bedeutet es etwas sehr Stilles. Ich bestimme, was ich halten kann und wann ich loslasse. Ich darf Nein sagen, ohne Schuld. Ich darf mir selbst näher sein als anderen, ohne egoistisch zu sein. Manchmal stoßen Menschen an meine Grenzen und verstehen sie als Ablehnung. Das ist okay. Ich bin nicht dafür verantwortlich, ob jemand mein Nein mag. Ich bin nur dafür verantwortlich, dass ich es ausspreche. Und jedes Mal, wenn ich das tue, wird mein System ruhiger, stabiler, vertrauensvoller. Ich habe aufgehört, mich für meine Grenzen zu entschuldigen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Bewusstsein. Ich brauche sie, um zu funktionieren, um zu fühlen, um echt zu bleiben. Ohne sie würde ich mich selbst in anderen verlieren und das ist ein Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu bezahlen.

Grenzen blockieren nicht. Sie sortieren.

128.

Meine Damen und Herren, 128 Posts. In Worten: Hundertachtundzwanzig! Damit habe ich das Jahr 2012 zahlentechnisch eingeholt. Wer hätte das gedacht? Konfettibombe!

Samstag, Dezember 20, 2025

stimmung.

Es ist diese Zeit im Jahr, in der Besinnlichkeit überall herumliegt. In Schaufenstern, in Gesprächen, in wohlmeinenden Nachrichten, zwischen Glühwein und Jahresrückblick. Alle scheinen sie zu haben oder zumindest so zu tun. Ich habe nach ihr Ausschau gehalten. Wirklich. Zwischen Terminen, Deadlines, Gedanken, Verantwortung und diesem latenten Gefühl, dass man jetzt bitte zur Ruhe kommen sollte. Hat überhaupt nicht funktioniert. Besinnlichkeit ist ein sehr interessantes Konzept. Sie wird erwartet, vorausgesetzt, manchmal sogar eingefordert. Als wäre sie eine Haltung, die man einfach einschaltet, sobald die Lichterketten überall hängen. Einmal Warmweiß, bitte. Dabei ignoriert sie hartnäckig, dass innere Zustände keine Termine kennen und sich wenig dafür interessieren, was gerade stimmig wirken soll.

Ich bin erstaunlich wenig bereit, mir eine Stimmung überstülpen zu lassen, die ich nicht fühle. Was viele als besinnlich bezeichnen, fühlt sich für mich oft eher nach einem emotionalem Dresscode an. Nach einem kollektiven Stillhalten. Weichzeichnen. Nach dem unausgesprochenen Wunsch, alles möge bitte rund, mild und kompatibel sein. Mein inneres System arbeitet nur nicht nach Saison. Es reagiert auf Echtheit und die kommt, wann sie will. Manchmal leise, manchmal unbequem. Und oft völlig unromantisch. Klarheit kann sehr still sein und Wahrheit braucht grundsätzlich erstaunlich wenig Kerzenlicht. In 4Tagen ist Heiligabend und ich gucke da drauf und denk mir nur: "WTF? Wann zur Hölle ist das passiert?" Ich bräuchte noch so ein paar Wochen, um in Stimmung zum kommen.

Freitag, Dezember 19, 2025

nachgedacht.

Ich habe heute Morgen, als ich nach Hause lief, darüber nachgedacht, warum Stille manchmal lauter ist als Worte. Stille ist nicht das Fehlen von Klang. Sie ist die Präsenz von allem, was ungesagt ist und bleibt. Kein Vakuum, sondern ein Resonanzraum. Die Summe dessen, was wir nicht aussprechen, aber fühlen. Wenn jemand schweigt, ist nicht nichts da. Sondern Gewicht. Erwartung. Raum. Spiegel. Und manchmal ist Stille kein Rückzug, sondern ein Ankommen. Weil man begreift, dass nicht jedes Ding gesagt werden muss, um zu sein.