Mein Körper hat inzwischen allerdings eine andere Meinung dazu. Gestern Abend hat der Liebste mich in zwei Decken gewickelt, weil ich einfach nicht warm wurde. Ich saß da wie ein dick verpacktes Paket und habe darauf gewartet, dass meine Betriebstemperatur irgendwann wieder ein halbwegs menschliches Niveau erreicht. Offenbar reicht es inzwischen nicht mehr, einfach nur müde zu sein.
Ich sitze hier, bin völlig erledigt und mache eine kleine Liste. Postkarten. Wem ich von meiner nächsten Reise schreiben möchte. Eine harmlose Beschäftigung. Sollte man meinen. Ein paar Namen, ein paar Adressen. Menschen, denen ich gern eine Freude mache. Und dann denke ich ganz selbstverständlich, Oma muss ich auch noch schreiben. Ein Gedanke, der so vertraut ist, dass er einfach auftaucht, ohne vorher anzuklopfen. Nur ist sie seit Januar 2025 tot.
Ich starre auf meine Liste. Es ist nicht so, dass ich das vergessen hätte. Natürlich weiß ich, dass sie nicht mehr da ist. Ich weiß es jeden einzelnen Tag. Aber offenbar gibt es irgendwo in meinem Kopf noch eine Abteilung, in der sie lebt. In der ich ihr Karten schreibe, sie anrufe und ihr erzähle, wo ich gerade bin. Eine Abteilung, die sich beharrlich weigert, ihre Unterlagen zu aktualisieren. Normalerweise kann ich mit solchen Momenten ganz gut umgehen. Ich lächle manchmal sogar darüber. Heute nicht. Heute sitze ich einfach da und vermisse sie. Und plötzlich merke ich, wie erschöpft ich wirklich bin. Weil es manchmal gar nicht die großen Dinge sind, die einen aus der Bahn werfen. Nicht die anstrengenden Arbeitstage, nicht der Schlafmangel, nicht die hundert Kleinigkeiten, die gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen. Sondern ein Name, den man auf eine Liste schreiben möchte. Und eine Adresse, an die man nie wieder eine Postkarte schicken kann.
Ich glaube, heute mache ich einfach mal nichts mehr, außer packen und atmen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Ein Hinweis. Ein Blog gehört nur dem Schreiber und ist für ihn der Ort, um alles abzuladen - egal ob nichtssagend, reflektiert, unreflektiert, gewichtig, emotional, scheisse oder sonst was. Ein Blog ist auch ein bisschen als Zugang zu den Gedanken eines Menschen zu sehen, d.h. es ist ein Privileg mitlesen zu dürfen.