Ich bin krank. Wobei ich das zunächst großzügig ignoriert habe. Ein bisschen Husten, ein bisschen Schnupfen, ein Kopf, der sich anfühlt, als hätte jemand Bauschaum hineingesprüht. Nichts, womit man nicht arbeiten könnte. Dachte ich. Ich gehöre zu den Menschen, die bei den ersten Krankheitssymptomen zunächst ihre To-do-Liste überprüfen. Vielleicht lässt sich das Ganze ja organisatorisch lösen. Ein paar Termine verschieben. Mehr Tee trinken. Früher ins Bett gehen. Und ansonsten weitermachen. Schließlich wird die Arbeit nicht weniger, nur weil mein Immunsystem beschlossen hat, spontan in den Arbeitskampf zu treten.
Heute saß ich also wieder in einem Call. Mit Menschen, Themen, Entscheidungen und der festen Absicht, einigermaßen kompetent zu wirken. Das funktioniert erstaunlich lange, selbst wenn man sich innerlich bereits wie ein überfahrener Waschlappen fühlt. Man nickt. Stellt Fragen. Sagt Dinge wie „Das müssen wir noch einmal sauber durchdenken“. Und hofft, dass niemand bemerkt, dass das eigene Gehirn längst im Energiesparmodus läuft. Irgendwann habe ich mich allerdings selbst reden hören und festgestellt, dass mein Körper und ich offenbar unterschiedliche Vorstellungen von der weiteren Tagesgestaltung hatten. Ich wollte noch drei Dinge klären.
Mein Körper wollte auf die Couch. Mein Körper gewann. Ich habe also mitten im Call die Reißleine gezogen, mich verabschiedet und mich auf die Couch zurückgezogen. Ein bemerkenswerter Vorgang. Ich habe freiwillig aufgehört zu arbeiten. Ohne dass mich jemand dazu zwingen musste. Es gab keine dramatische Szene. Niemand musste mich aus dem Büro tragen. Die Welt hat auch nicht aufgehört, sich zu drehen. Zumindest habe ich davon bislang nichts mitbekommen. Und trotzdem fällt mir so etwas erstaunlich schwer.
Anderen Menschen erkläre ich regelmäßig, dass sie sich auskurieren sollen. Dass Gesundheit vorgeht. Dass niemand etwas davon hat, wenn man sich krank durch den Arbeitstag schleppt. Bei mir selbst gelten Sonderregelungen. Ich habe schließlich Verantwortung. Termine. Menschen, die etwas von mir brauchen. Und ein ausgesprochen schlechtes Gewissen, sobald ich tagsüber unter einer Decke liege. Dabei ist Kranksein weder eine charakterliche Schwäche noch ein organisatorisches Versagen. Es ist schlicht ziemlich lästig. Vor allem, weil man es nicht mit einer vernünftigen Excel-Tabelle beheben kann.
Ich liege jetzt also auf der Couch. Mit Tee, Taschentüchern und dem festen Vorsatz, heute nichts mehr zu erledigen. Das Handy liegt selbstverständlich neben mir. Ich bin schließlich krank. Nicht tot.
Begegnungen
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Ich wünschte, ich hätte Chris 20 Jahre früher kennengelernt. Selten
jemanden begegnet, dessen Ansichten, Erklärungen und Darstellungen der
Gegebenheiten ei...
vor 1 Stunde

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