In meiner Küche steht ein Stuhl, der seit Wochen immer mal wieder ein Geräusch macht. Kein richtig dramatisches. Er bricht nicht zusammen. Er wirft niemanden ab. Er wackelt nicht einmal richtig. Er knarzt nur manchmal, wenn ich mich bewege. Nicht immer. Nur oft genug, dass ich angefangen habe, darauf zu warten. Besuch bemerkt es kaum. Andere setzen sich hin, trinken ihren Kaffee und stehen später wieder auf. Für sie ist es ein völlig normaler Stuhl. Vier Beine. Eine Lehne. Man kann sehr gut darauf sitzen. Insgesamt ein recht überzeugendes Konzept.
Ich hingegen kenne inzwischen jede Nuance. Das kurze Knacken beim Hinsetzen. Das längere Knarzen, wenn ich mich zur Seite lehne. Dieses eine Geräusch, das entsteht, wenn ich aufstehe und gedanklich längst woanders bin. Ich höre Unterschiede, die möglicherweise gar keine sind. Eine Zeit lang dachte ich, ich müsste nur herausfinden, was ich falsch mache. Vielleicht setzte ich mich zu schwer. Zu schief. Zu plötzlich. Vielleicht verteilte ich mein Gewicht ungünstig. Das klingt lächerlich, ich weiß. War aber erstaunlich überzeugend.
Ich begann, vorsichtiger Platz zu nehmen. Langsamer. Kontrollierter. Ich achtete darauf, wie ich mich bewegte, wie ich mich anlehnte, wie ich wieder aufstand. Als ließe sich Ruhe herstellen, wenn ich nur genau genug herausfand, welche meiner Bewegungen sie störte. Der Stuhl knarzte trotzdem. Also wurde ich noch aufmerksamer. Menschen sind erstaunlich erfinderisch, wenn sie die Ursache zuerst bei sich suchen. Man findet immer noch eine Bewegung, die man hätte anders machen können. Einen Moment, in dem man zu schnell war. Zu unbedacht. Zu schwer auf einer Seite.
Und irgendwann saß ich nicht mehr einfach auf dem Stuhl. Ich beobachtete mich beim Sitzen. Ich wartete auf das Knarzen. Und wenn es kam, dachte ich nicht: "Mit diesem Stuhl stimmt etwas nicht". Ich dachte: "Natürlich." Schon wieder falsch bewegt. Aus einem Geräusch wurde eine kleine Beweisführung. Nicht gegen den Stuhl. Eher für meine Überzeugung, dass ich nur aufmerksam genug sein müsste, um alles erklären und irgendwann auch verhindern zu können. Das ist das Praktische an kleinen Störungen. Wenn man lange genug über sie nachdenkt, werden sie problemlos zur persönlichen Zuständigkeit. Man braucht dafür nur etwas Müdigkeit, ein wenig Fantasie und die feste Überzeugung, man hätte es besser machen können.
Neulich saß ich mit einer Tasse Espresso darauf. Es war ein langer Tag gewesen, und ich hatte keine Kraft mehr, besonders richtig zu sitzen. Also ließ ich mich etwas schief auf die Sitzfläche sinken. Der Stuhl knarzte. Sofort war dieser bekannte Gedanke da. Nicht einmal als richtiger Satz. Eher als fertige Reaktion. Siehst du. Dann blieb ich sitzen. Der Kaffee war noch zu heiß, und irgendwann legte ich beide Hände auf die Sitzfläche und prüfte, ob etwas wackelte. Nichts. Ich sah mir die Beine an. Fest. Den Boden darunter. Eben. Der Stuhl stand genauso sicher da wie vorher. Er hatte nur ein Geräusch gemacht. Das war alles. Kein Hinweis darauf, dass etwas nicht mehr trug. Kein Beweis dafür, dass ich falsch saß. Nicht einmal eine Aufforderung, mich sofort anders hinzusetzen.
Holz arbeitet. Gewicht verlagert sich. Dinge, die regelmäßig benutzt werden, bleiben nicht vollkommen lautlos. Wochenlang hatte ich versucht, aus jedem Knarzen eine Ursache zu machen. Meistens mich. Dabei hatte ich übersehen, dass ein Geräusch nicht dasselbe ist wie Instabilität. Ich mache das öfter. Ich bemerke eine Spannung und frage zuerst, was ich übersehen habe. Ich werde vorsichtiger. Leiser. Kontrollierter. Als könnte ich verhindern, dass etwas knarzt, wenn ich mich nur geschickt genug bewege. Dabei muss nicht jede Irritation behoben werden. Nicht jeder Moment braucht sofort eine Erklärung. Und nicht alles, was sich kurz unsicher anfühlt, ist tatsächlich unsicher.
Der Stuhl steht noch immer an derselben Stelle. Fest auf vier Beinen. Er trägt. Manchmal macht er ein Geräusch. Und vielleicht besteht Stabilität nicht darin, dass niemals etwas knarzt. Sondern darin, nicht bei jedem Geräusch sofort aufzuspringen.
Von Vögeln und Pferden
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Vielleicht lasse ich die Sommerpause langsam ausklingen. Der Vorhang hebt
sich nicht mit Schwung, er ruckelt eher nach oben, so könnte es sein. Und
das P...
vor 12 Stunden

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