Samstag, Juli 04, 2026

ratio.

Manchmal ist Schmerz nicht laut. Manchmal sitzt er einfach mit am Tisch. Er trinkt keinen Kaffee, sagt nichts, macht sich aber breit. In einer Ecke des Körpers. Zwischen den Rippen. Hinter den Augen. In diesem kleinen Moment, in dem man eigentlich funktionieren müsste, aber plötzlich wieder irgendwo steht, wo man nie wieder stehen wollte. Manchmal ist er ein Geruch. Ein Satz. Ein Datum. Ein Lied im Supermarkt. Eine fremde Handbewegung. Ein Foto oder ein Bild, das man weder gesucht noch darum gebeten hat. Eine Erinnerung, die nicht anklopft, sondern einfach die Tür eintritt. Schmerz ist ein seltsames Tier. Man denkt, man hätte ihn irgendwo abgelegt. In alten Jahren. In Krankenhausfluren. In Friedhofserde. In vergangenen Lieben. In Entscheidungen, die richtig waren und trotzdem viel gekostet haben. In Gesprächen, nach denen man anders war als vorher. Und dann steht er plötzlich wieder da. Nicht mit Musik, eher so nebenbei. Mitten im Alltag. Zwischen Espresso, Kalender, Meetings und irgendeinem schwarzen Rechteck, das mal wieder niemand richtig zuordnen kann. Manchmal reicht ein Satz. Eine Bewegung. Ein Detail, das nicht eingeordnet ist. Und schon ist der Kopf nicht mehr im Heute, sondern irgendwo, wo ich überhaupt gar nicht hinwollte. Das Ärgerliche ist, man weiß es. Man weiß, dass alte Bilder keine Gegenwart sind. Dass der Kopf manchmal aus einer Lücke eine ganze Katastrophe baut. Trotzdem greift das Ratio manchmal nicht.

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