Es fällt mir wie Schuppen von den Augen, als sich innerlich plötzlich beginnt etwas zu verschieben und ich anfange zu verstehen. Es ist der Wechsel der Perspektive und die Akzeptanz, die mir letztendlich seelische Erleichterung bringen, ohne etwas zu schmälern oder relativieren. Zwischen damals und heute. Vielleicht habe ich ein bisschen unterschätzt, wie anstrengend und fordernd so ein Perspektivwechsel ist - nach so vielen Jahren. Damals ging es ausschließlich ums Überleben, heute geht es ums Verstehen, Verarbeiten und Integrieren. Mein System hat sehr lange einfach funktioniert. Still, effizient, kompromisslos. Es hat Dinge wegsortiert, abgespalten, mich geschützt. Ich habe getan, was nötig war, um weiterzumachen. Jetzt ist das allmählich anders. Ich kann hinschauen und es aushalten. Ich kann langsam benennen, was war. Ich kann fühlen, was es mit mir gemacht hat. Manchmal macht mich das unfassbar wütend, dann unendlich traurig. Und genau darin liegt eine enorme Kraft, aber auch eine Form von Anstrengung, die unglaublich viel Energie zieht. Es gibt kein Wegdrücken mehr. Ich empfinde das erste Mal in meinem Leben so etwas wie Mitgefühl - für mich selbst. Etwas, dass ich noch nie gefühlt habe. Die Härte bröckelt. Ich merke, wenn etwas in mir kippt. Ich merke, wenn ich sensibel werde oder wütend. Ich merke, wenn alte Muster anspringen, schneller als mein Verstand überhaupt hinterherkommt. Heute bin ich wirklich in Beziehung. Zu mir selbst und zu anderen. Ich spüre, wenn Unsicherheit hochkommt. Ich spüre, wenn ich Nähe suche, nicht nur, weil ich sie will, sondern weil ein Teil in mir Sicherheit braucht. Das ist alles nicht dramatisch, aber es ist anstrengend. Weil ich nicht mehr einfach funktioniere. Weil ich da bleibe. Weil ich mich nicht mehr verlasse. Und genau das ist der Unterschied. Ich kann sagen, was in mir passiert. Ich kann alles fühlen, auch die schlimmen Dinge, ohne daran zu zerbrechen. Ich kann bleiben, bei mir. Heilung ist kein schöner, gerader Weg. Sie ist leise, manchmal widersprüchlich und definitiv sehr oft ziemlich fordernd.
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