Sonntag, März 15, 2026

a oder b?

Die Untermieterin stellte beim Abendessen eine sehr spannende Frage. "Würdest Du lieber Deine Erinnerungen der Vergangenheit behalten oder die Möglichkeit besitzen, neue Erinnerungen zu schaffen, dafür aber Deine Vergangenheit vergessen?! Man muss sich für eins entscheiden! Wir haben das kurz diskutiert und stellten fest, wie schwierig es ist, sich zu entscheiden. Ich sagte spontan, ich würde nicht immer nur in der Vergangenheit leben wollen, sondern Erinnerungen und Erlebnisse schaffen. Leben wollen.

Und dann habe ich kurz an Punkte und Menschen meiner Vergangenheit gedacht, die mich zutiefst geprägt und geformt haben. Manchmal merkt man erst, wie sehr ein Mensch Teil der eigenen Lebensarchitektur war, wenn plötzlich eine tragende Wand fehlt. Frank gehörte Jahre zu meinem Leben. Nicht perfekt, nicht immer leicht, aber real. Mit all den kleinen Momenten, aus denen sich Beziehungen zusammensetzen. Gespräche, Streit, Versöhnungen, gemeinsame Pläne und Wege, die irgendwann auseinanderliefen. Und dann kam dieser eine Moment, der alles endgültig macht. Ein Satz, den man liest oder hört und der sich erst einmal völlig unwirklich anfühlt. Der Mensch, mit dem man einmal ein Kapitel seines Lebens geteilt hat, ist plötzlich nicht mehr da. Was mich lange begleitet hat, war ein Gefühl von Schuld. Die leise Frage, ob man etwas hätte anders machen können. Ob ein anderes Wort, eine andere Entscheidung, ein anderer Weg etwas verändert hätte. Aber das Leben beantwortet solche Fragen nie.

Eine Zeit lang habe ich geglaubt, dass mich diese Geschichte zerbricht. Dass der Schmerz größer ist als alles, was ich jemals tragen kann. Es gab Tage, an denen ich das Leben gehasst habe. Tage, an denen ich mir gewünscht habe, einfach aufzuhören zu fühlen. Und doch geht das Leben weiter. Nicht weil man es will. Sondern weil es einfach nicht stehen bleibt. Niemals. Es ist seltsam, wie das Leben funktioniert. Manche Beziehungen enden lange bevor ein Leben endet. Und manchmal endet ein Leben, bevor man verstanden hat, was diese Beziehung eigentlich bedeutet hat. Und doch bleibt etwas bestehen. Erinnerungen, Geschichten, vielleicht auch eine leise Dankbarkeit für die Zeit, die man einmal gemeinsam hatte. Er ist Teil meiner Vergangenheit, aber er ist auch Teil meiner Geschichte. Und Geschichten verschwinden nicht einfach. Manche Menschen gehen aus unserem Leben. Manche bleiben auf eine andere Weise. Vielleicht liegt die Antwort auf diese Frage genau darin. Erinnerungen und neue Erlebnisse lassen sich nicht wirklich trennen. Unsere Vergangenheit ist letzlich der Boden, auf dem alles Neue wächst.

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