Ich bin sehr erwachsen. Wirklich. Ich kann Dinge regeln, Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen. Ich organisiere, strukturiere, halte Termine ein und verliere dabei selten den Überblick. Im Alltag funktioniere ich ausgesprochen gut. Ich weiß, wie das Leben grundsätzlich läuft. Zumindest in der Theorie. Und dann gibt es diese anderen Momente. Momente, in denen ich kurz denke: Okay, das habe ich verstanden. Alles gut. Integriert. Abgehakt. Erwachsen verarbeitet. Und dann kommt der Alltag. Oder ein Satz, der alles wieder leicht verschiebt. Zwischen „alles gut“ und „viel gelernt“ liegt nämlich selten ein sauberer Übergang. Meistens liegt da eine Woche Chaos. Mindestens. Das ist die Phase, in der man reflektiert ist und sich trotzdem unsicher fühlt. In der man weiß, wie man reagieren sollte, und merkt, dass das Nervensystem davon noch nichts gehört hat. Klug im Kopf, wackelig im Gefühl. Sehr erwachsen und gleichzeitig ein bisschen ratlos. Herzensdinge haben diese Eigenart. Sie interessieren sich nicht für Kompetenz. Sie lassen sich nicht beeindrucken von inneren Ordnungssystemen oder gut sortierten Gedanken. Sie kommen einfach rein, stellen alles um und setzen sich mitten ins System. Und man steht daneben, innerlich geschniegelt und gebügelt und denkt: Aha. Wir improvisieren also wieder.
Ich glaube inzwischen, genau hier passiert Lernen in Echtzeit. Nicht elegant, nicht linear, nicht instagrammable. Man weiß schon, was man gelernt hat, aber noch nicht, wie man damit lebt. Und genau das fühlt sich dann nach Chaos an. Erkenntnis, Verwirrung, Reibung, ein paar Rückfälle, langsame Klarheit. Oder kurz: eine Woche Chaos. Manchmal auch zwei. Lange dachte ich, das sei ein Makel. Ein Zeichen, dass ich es doch noch nicht kann. Heute sehe ich das anders. Heute glaube ich, dass genau diese Brüche dazugehören. Dass Erwachsensein nicht bedeutet, immer souverän zu sein, sondern zu merken, wann man es nicht ist und trotzdem bei sich zu bleiben. Ich kann sehr klar sein und gleichzeitig unsicher. Sehr stark und trotzdem berührbar. Sehr organisiert im Alltag und völlig ahnungslos in Herzensdingen. Vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Vielleicht ist das einfach menschlich. Kopf und Herz sitzen selten im gleichen Meeting. Und wenn doch, gibt es meistens Diskussionsbedarf. Ich habe gelernt, dieser Woche Chaos nicht mehr zu misstrauen. Sie ist kein Rückschritt, sondern der Zwischenraum, in dem sich etwas neu sortiert. „Alles gut“ ist oft der Anfang. „Viel gelernt“ vielleicht irgendwann später. Dazwischen darf es holpern. Man darf auch mal zweifeln. Man darf sich selbst ein bisschen schräg finden. Und man darf darüber lachen. Das hilft enorm.
Ich bin sehr erwachsen. Außer wenn nicht. Und erstaunlicherweise fühlt sich genau das ziemlich stimmig an.